Heiko Mell

Promotion geplatzt, Intrigen etc.

Nach meinem Abitur habe ich eine gewerbliche Ausbildung zum Industriemechaniker abgeschlossen und danach Physik studiert. Nach einer neunmonatigen Zwischenphase begann ich, in einer Doktorandenstelle an meiner wissenschaftlichen Karriere zu arbeiten.

Leider konnte ich diese Arbeit nicht mit einem Abschluss beenden, wofür die Gründe zu ca. 70 % nicht bei mir lagen (nicht nur aus meiner Sicht!). Offensichtlich gab es Intrigen gegen mich, der Betreuer war mein Feind, kein Ansprechpartner (wie ich sogar jetzt noch – Monate nach Beendigung – merke). Leider habe ich dies viel zu spät gemerkt.

Nun hat es wohl keinen Sinn mehr, die wissenschaftliche Schiene weiterfahren zu wollen (ich bin 32). Daher strebe ich eine Anstellung in der Industrie – äquivalent einem Ingenieur – an. Problematisch ist ein wenig, dass das Dissertationsthema doch ein wenig „esoterisch“ war. Nun ist die Frage, ob ich die abgebrochene Promotion in der Bewerbung ansprechen oder zunächst nicht erwähnen sollte (so machte ich es bisher).

Ein weiterer Punkt ist, dass ich aufgrund meiner Lage inzwischen fast jeden Job annehmen würde. Wäre es für den weiteren Berufsweg schädlich, auch Stellen anzunehmen, die für Techniker oder Facharbeiter ausgeschrieben wurden?

Falls jetzt die berühmte Mobilität ins Feld geworfen wird, so „darf“ ich mich zwischen Familie und Beruf entscheiden – zwischen Pest (keine Familie mehr) und Cholera (keine/nur eine schlechte Arbeit) also.

Antwort:

Es gibt Menschen, die schaffen es irgendwie, Katastrophen nur so anzuziehen. Von Ausnahmen abgesehen liegen die Ursache oft bis meist in der Persönlichkeit des Betroffenen. Dies zu erkennen, ist der erste Weg zur Lösung. Also fangen wir an:

1. Physiker mit dem Ziel, die „wissenschaftliche Schiene“ zu fahren, sind Standard, solche mit dieser Absicht und einer gewerblichen Lehre hingegen nicht.

Es ist eine im gesamten Volk verbreitete Erkenntnis, dass Lehre + Promotion bei Akademikern ja eine ganz reizvolle sachliche Kombination darstellen, aber aus Zeitgründen nicht zu realisieren sind – man wird zu alt. Dies also war ein Planungsfehler von Anfang an. Sagen Sie auch bitte nicht, der Wunsch nach einem Physikstudium sei während der Lehre entstanden; Ingenieurwissenschaften würden da schon wahrscheinlicher klingen. Die Anzahl solcher Lehrlinge, die gern promovierte, „esoterische“ Themen ausgestaltende Physiker werden möchten, wird als eher gering eingeschätzt.

Fazit: Sie haben also vermutlich zum Zeitpunkt der Ablegung des Abiturs nicht gewusst, was Sie werden wollten. Das ist ein Fehler – auch dann, wenn ihn viele begehen.

2. Niemand(!) in Ihrem ganzen weiteren Berufsleben will etwas über „Intrigen“ und „Feinde“ hören, weder an der Uni, noch später in der Praxis. Das ist einmal eine beliebte Ausrede für geplatzte Träume, für das eigene Scheitern, das fällt zusätzlich unter die Rubrik „man sagt nichts Schlechtes über frühere Arbeitgeber“ – und es stempelt Sie zu einem Angehörigen der Gruppe „Wir sind die Getretenen und Geschlagenen“. Siegertypen haben Gegner (wer hat die nicht?), reden aber bei Fehlschlägen nicht über Intrigen und übermächtige Feinde.

Als Tipp: Sie haben Ihre Promotion nicht geschafft, haben das Thema nicht zu einem vorzeigbaren Abschluss gebracht – aus. Stehen Sie dazu. Mit allen anderen Erklärungen machen Sie die ohnehin vorhandene Misere immer schlimmer. Also sagen Sie etwa: „Ich habe vorher nicht erkannt, auf welche komplexen Probleme ich mich bei diesem Thema eingelassen habe. Eine Realisierung hätte endlos gedauert, der erfolgreiche Abschluss wäre dennoch fraglich gewesen. Also habe ich abgebrochen. Dazu hat auch die Erkenntnis beigetragen, dass ich eher praxisorientiert bin.“

3. Ob Vorschlag des Professors/Betreuers oder eigene Idee: Wenn Sie ein Thema annehmen, ist es Ihr Projekt, ist ein Scheitern letztlich Ihr Problem.

4. Da Sie gescheitert sind, interessiert im Bereich der schriftlichen Bewerbung das Dissertationsthema nicht – damit fällt auch sein „esoterischer“ Charakter nicht auf.

5. Viele Physiker haben letztlich Positionen besetzt, die eigentlich für Ingenieure konzipiert wurden. Allerdings ist der Einstieg nicht leicht. Geht doch Physikern das Vorurteil voraus, sie seien „theoretisch überhöht“, praxisfremd und könnten keinen Nagel in die Wand schlagen. In Ihrem Fall reicht der Hinweis auf die Lehre (auch im Anschreiben), um diese Bedenken zu entkräften. So verkehrt sich dieser „Planungsfehler“ jetzt in ein vorteilbringendes Argument.

Machen Sie deutlich (es ist nicht wichtig, ob es exakt so war), dass Sie nach der Lehre auch das Ingenieurstudium erwogen hatten und dann mehr zufällig bei der Physik hängen blieben (Physiker aller Länder, verzeiht mir diese Aufforderung zum Hochverrat).

6. Geben Sie im obigen Sinne das Scheitern der Promotion schon in der Bewerbung zu. Ein „Physiker mit Lehre“ passt besser auf eine Ingenieurstelle als ein (vermuteter) „Physiker mit Promotion über ein esoterisches Thema“ gepasst hätte. Es kann(!) sogar gelten (passt auch gut ins Vorstellungsgespräch): Je deutlicher Sie an der Esoterik gescheitert sind, desto besser passen Sie auf eine praxisnahe Position.

7. Brücken verbinden feste Punkte über Abgründe hinweg. Das geht über recht große Entfernungen, aber nicht endlos. Über den Ärmelkanal wäre es wohl noch gegangen, über den Atlantik hinweg geht es nicht mehr.

Einer Ihrer festen Punkte ist „Physiker mit der ursprünglichen Absicht, über ein esoterisches Thema zu promovieren und die wissenschaftliche Schiene zu fahren“. Eine Stelle für Techniker und/oder Facharbeiter wäre der andere feste Punkt. Dazwischen gibt es keine Brücke.

Also der Dipl.-Ing. TH/TU/Univ. sollte schon gesucht sein, der gewollte Dipl.-Ing. FH wäre schon recht weit weg, der Techniker ist uferlos entfernt.

8. In Ihrer Situation können Sie sich ein Kleben an einem zufällig gegebenen Punkt (Wohnort) nicht leisten. Ihr Wohnort hat zwar seine hübschen Seiten, ist aber nicht industrielle Kernlandschaft Deutschlands.

Wer ein Studium aufnimmt, sollte da schon wissen: Ich muss später mobil sein, sonst zahlt sich die Investition in meine Ausbildung nicht aus. Das ist, wenn schon kein Naturgesetz, so doch goldene Regel. Ich wünsche Ihnen eine einfühlsame Familie.

Kurzantwort:

Die Opfer von Intrigen mögen bedauernswert sein – aber sie sind auch: nicht die Erfolgreichen, die Siegertypen, die Aufsteiger. Und da nicht sein kann, was nicht sein darf, ist man nie Opfer von Intrigen, wird man nie gemobbt etc.

Frage-Nr.: 1754
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 18
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2003-05-01

Top Stellenangebote

Corscience GmbH & Co. KG-Firmenlogo
Corscience GmbH & Co. KG Leiter (m/w/d) Qualitätsmanagement und Regulatory Affairs Erlangen
ZVEI-Services GmbH (ZSG)-Firmenlogo
ZVEI-Services GmbH (ZSG) Konferenz-Manager/in (w/m/d) Frankfurt am Main
Berliner Verkehrsbetriebe (BVG)-Firmenlogo
Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) Ingenieurin / Ingenieur (w/m/d) für Verkehrswegebau Berlin
Stadtverwaltung Altenburg-Firmenlogo
Stadtverwaltung Altenburg Referatsleiter/in Stadtentwicklung und Bau Altenburg
Sopro Bauchemie GmbH-Firmenlogo
Sopro Bauchemie GmbH Junior-Produktmanager (m/w/d) Wiesbaden
Applied Materials GmbH & Co. KG-Firmenlogo
Applied Materials GmbH & Co. KG Ingenieur / Techniker (w/m/d) Maschinenbau / Mechatronics für Prototypenentwicklung / Elektronenmikroskope Alzenau
Promicon Elektronik GmbH+Co.KG-Firmenlogo
Promicon Elektronik GmbH+Co.KG Entwicklungsingenieur (m/w/d) Elektrotechnik Pliezhausen
Stadt Leer (Ostfriesland)-Firmenlogo
Stadt Leer (Ostfriesland) Stadtbaurätin/Stadtbaurat (m/w/d) Leer
HENSOLDT-Firmenlogo
HENSOLDT Systemingenieur Missile Approach Warning System (m/w/d) Oberkochen
Diehl Defence GmbH & Co. KG-Firmenlogo
Diehl Defence GmbH & Co. KG Verfahrensingenieur (m/w/d) für flexible robotergestützte Automatisierung Nonnweiler

Zur Jobbörse

Top 5 Heiko Mell: B…