Heiko Mell

Kein Zurück aus der Selbstständigkeit

Nach dem Studium des Maschinenbaus (gut) war ich in einer Stabsabteilung des technischen Geschäftsführers eines namhaften Unternehmens tätig (Investitionsplanung, Joint-Venture-Projekte). Zuletzt hatte ich als Sonderaufgabe die Leitung eines Projektteams, das einen Werksumzug umsetzte. Ich war dort insgesamt vier Jahre tätig.

Nach der letztgenannten Aufgabe stand ich im Unternehmen ein wenig im Regen. Nach langer Überlegung beschloss ich, diesen Arbeitgeber zu verlassen und als Selbstständiger den völlig fachfremden Betrieb meiner Eltern weiterzuführen. Das war ein großer Fehler.Nach nunmehr sieben Jahren (ich bin 41) suche ich den Weg zurück in die Industrie. Als „pessimistischer Realist“ schätze ich meine Lage dabei kritisch ein.

Welche Wege außer den herkömmlichen wie Bewerbung, Initiativbewerbung, Arbeitsamt kann ich noch beschreiten? Bisher führe ich meinen Betrieb noch und lebe von ihm, dadurch ist aber auch die Zeit begrenzt, die ich für Bewerbungen aufwenden kann. Soll ich das Risiko eines weiteren Lebenslaufmakels, nämlich der Arbeitslosigkeit, eingehen, damit ich mich intensiv um eine neue Stelle kümmern kann?

Antwort:

Auch hier werden wieder mehrere Aspekte angesprochen:

1. Die Übernahme der Leitung des Werks-Umzugsprojekts war ein großes, aber erkennbares Risiko! Was wird ein Umzugs-Projektleiter, wenn der Umzug – vorhersehbar – abgeschlossen ist? „Ober-Umzugs-Projektleiter“? Wohl nicht, eher wird er „überflüssig“.

Es gilt die „goldene Regel“: Man bedenke bei Übernahme jeder hauptamtlichen Funktion, was in halbwegs logischer Konsequenz „danach“ kommt. Gibt es darauf keine eindeutige Antwort, sei man äußerst vorsichtig. Nicht immer kann man Chef-Bitten („Müller, Sie machen das“) abschlägig bescheiden. Aber dann muss man sich eben rechtzeitig um eine Nachfolgeposition kümmern – und darf sich nicht dadurch blenden lassen, dass man vorübergehend(!) zu einem der wichtigsten Leute im Hause wird, der für einige Monate im Zentrum des allgemeinen Interesses steht.

Es ist also kein Wunder, dass Sie nach (hoffentlich erfolgreicher, allseits gelobter) Durchführung des Umzugsprojektes „im Regen“ standen. Dort stehen oft auch Mitarbeiter, die „dringend“ ins Ausland geschickt werden, um irgendwo „Feuerwehr“ zu spielen, nach zwei Jahren zurückkommen – und sich dort ziemlich überflüssig fühlen.

Merke: Eine „Feuerwehr“ braucht man nur, wenn es brennt – und danach nur, wenn neue „Brände“ drohen. Wer aber ein Problem gelöst hat, das vermutlich nie wieder in dieser Form auftritt, riskiert, mit allen „Orden und Ehrenzeichen“ nach Hause geschickt zu werden.

Das Prinzip dahinter: Mitarbeiter dürfen nicht erwarten, dass ihre Arbeitgeber ihnen für in der Vergangenheit erbrachte Leistungen dankbar sind. Sie müssen hingegen für zukünftige Pläne ihres Unternehmens wichtige Aktivposten sein!

2. Die Übernahme des elterlichen Betriebs geht noch an, wenn beispielsweise der für seine Studienfinanzierung dankbare Sohn dem Ruf des erkrankten (ist hinterher nicht nachprüfbar und wird geglaubt) Vaters folgt und vorübergehend im elterlichen Betrieb einspringt. Aber dann darf er höchstens etwa zwei Jahre brauchen, um

a) einen externen Nachfolger zu finden oder

b) dem inzwischen gesundeten Vater die Leitung wieder zu übergeben oder

c) zu erkennen, dass ihn dieses Metier nicht glücklich macht.

Sieben Jahre sind dafür diskussionslos zu viel! Jetzt waren Sie nicht nur zuletzt selbstständig, Sie waren dies auch so lange, dass man als Leser Ihrer Bewerbung stets vermuten wird, diese Selbstständigkeit (ohne Chef, ohne ständige Anpassungsvorschriften) hätte Ihrer wahren Natur entsprochen – und jetzt kämen Sie nur wieder zurück, weil das Geschäft schlecht liefe.

3. Die Geschichte mit dem bewussten Hineinsteuern in die Arbeitslosigkeit, um Zeit für Bewerbungen zu haben, ist eine Schnapsidee! Machen Sie das bloß nicht!

4. Eine denkbare Alternative für Sie wäre eine „andere“ Selbstständigkeit, also auf anderem Gebiet. Sie dürfen ab morgen – bei völlig „sachfremdem“ beruflichem Vorleben – Immobilienmakler oder Unternehmensberater werden. Es geht nur darum, ob Sie hinreichend viele Kunden/Aufträge gewinnen/erringen können. Ich rate keinesfalls dazu, diesen Schritt leichtsinnig oder unüberlegt zu gehen, ich will nur auf diese Alternative zur Rückkehr in die Welt des Angestellten hinweisen.

5. Sofern Sie sich aber doch wieder in der Industrie bewerben, gilt:

a) Sie passen zu keinem Anforderungsprofil, also können Sie auch nicht auf die gezielte Einzelbewerbung auf eine konkrete Position setzen. Nur die „Schrotschuss-Aktion“ (viele kleine Kügelchen) kann zum Erfolg führen.

b) Je unbeliebter bei den vielen in diesen Tagen zu erwartenden Mitbewerbern der Standort, die Branche oder die Tätigkeit sein dürften, desto eher findet Ihre Zuschrift Gehör bzw. Beachtung. Einen Preis zahlen Sie für den siebenjährigen „Umweg“ in jedem Fall, eine der begehrten Top-Positionen werden Sie jetzt nicht erringen. Kleinere, z. B. inhabergeführte Unternehmen sind eher offen für ungewöhnliche Qualifikationen; Großbetriebe denken in Rastern, durch die fallen Sie hindurch.

c) Sie waren zuletzt (angestellter) Projektleiter, leider nie fachlich hochqualifizierter Projektmitarbeiter. Dennoch wird Ihnen jetzt niemand eine Projektmanager-Position anbieten, nicht nach so langer Abstinenz vom Metier.

d) Entscheidend wird auch Ihre Argumentation im Anschreiben sein. In der kritischen Frage empfehle ich Versuche etwa mit einem solchen Ansatz:

„… Nach erfolgreichem Abschluss dieses Umzugsprojekts stand für mich – in- oder extern – ohnehin zwangsläufig eine Neuorientierung an. In dieser Phase erreichte mich der Wunsch meiner erkrankten Eltern, zumindest vorübergehend die Leitung ihres für mich völlig artfremden Geschäftes zu übernehmen, um dort langfristig die Nachfolgeregelung einleiten zu können. Ich folgte dieser Bitte, musste aber feststellen, dass ich in diesem für mich ungewohnten Metier nur mit vollem Engagement etwas bewirken konnte. Meine Hoffnung auf einen kurzfristig zu vollziehenden Ausstieg zerschlugen sich immer wieder, teils aus geschäftlichen, teils aus familiären Gründen. Erst jetzt habe ich eine endgültige Lösung gefunden, die meinen Ausstieg ermöglicht. Ich weiß, dass ich nach dieser langen Zeit keinen leichten Wiedereinstieg in meinen Beruf finden kann. Bitte gehen Sie davon aus, dass ich zu überdurchschnittlichem Engagement in jeder Hinsicht ebenso bereit bin wie zu einem Kompromiss z. B. in der Frage des Einstiegsgehalts. Ich bin für eine Chance zum Neubeginn dankbar und sicher, dass ich Sie nicht enttäuschen werde. Selbstverständlich akzeptiere ich zum Einstieg auch einen befristeten Vertrag o. ä.“

Probieren Sie einmal Ihr Glück – und bedenken Sie, dass nicht „das Schicksal“ zugeschlagen, sondern dass Sie selbst vor sieben Jahren bestimmte Entscheidungen getroffen haben – die eigentlich auf einen „Weg ohne Wiederkehr“ führen, wie allgemein bekannt ist.

Kurzantwort:

Wer eine berufsrelevante Fehlentscheidung korrigieren will, darf damit nicht zu lange warten, etwa zwei Jahre sind eine vernünftige Grenze.

Frage-Nr.: 1751
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 17
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2003-04-24

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