Mitten im Weg umplanen?

Sie wiesen mehrfach auf das Problem „Elternhaus“ bei der Studien- und Karriereplanung sowie deren Umsetzung hin. Konkret: Das Elternhaus formt nachhaltig gewisse Charakter- und Ansichtsweisen, die mit Ursache sein können, ob man zum Vorstand oder lebenslangen einfachen Ingenieur „taugt und wird“.Ich kann diese Aussagen teilweise aus persönlicher Erfahrung bestätigen; die Herkunft macht sehr viel aus. Das betrifft nicht nur die aktive Unterstützung des Nachwuchses durch Beziehungen, auch Sichtweisen und Lebenseinstellungen werden oft positiv, teils aber auch negativ geprägt. Wichtige Entscheidungen, z. B. Studien- und Arbeitgeberwahl, werden maßgeblich (bewusst oder unbewusst) beeinflusst.Irgendwann sind diese „durch ein falsches Elternhaus Benachteiligten“ an einer Stelle im Leben angelangt, an der dieser Umstand selbstständig erkannt wird und Handlungsbedarf entsteht.Meine Fragen: Welche Spielräume geben Sie hinsichtlich der Karriereplanung etwaigen Korrekturen in der Berufsweggestaltung? Dabei geht es um persönlich als notwendig erkannte, teilweise radikale Veränderungen.Diese können von einem Promotionsvorhaben mit Anfang 30 über Berufswechsel und neues Studium reichen.Ist man nicht bei der gestiegenen Lebenserwartung und den bekannten demografischen Entwicklungen („Arbeiten bis 70“) und dem Mangel an Fachkräften geradezu verpflichtet, sein Leben radikal ändern zu können, auch unkonventionelle Lösungen und Wege zu suchen – um seine Erwartungen an ein sinnerfülltes Leben mit allen Konsequenzen zu erfüllen?Wiegen nicht 40 Jahre zukünftiger Tätigkeit, in welchen Bereichen und Umständen auch immer, mehr als Abitur und fünf Jahre Studium mit Anfang 20? Sind nicht gerade auch in den Personalabteilungen Korrekturen der gegenwärtigen Beurteilungsmaßstäbe gefragt (oder sie werden kommen), um zukunftsfähige Unternehmensstrukturen und dazu passende Mitarbeiter zu gewährleisten? Hat nicht schon immer derjenige leichter überlebt, der neue Wege gehen und sich ändernden Bedingungen anpassen kann?Ich bin 30 Jahre alt, seit vier Jahren als angestellter Ingenieur tätig, habe einige Höhen und Tiefen der Berufswelt erlebt und beziehe die Frage, vermutlich für Sie offensichtlich, auf meine Person.

Antwort:

Lassen Sie mich mit dem Elternhaus beginnen:1. Prägende Grundeinflüsse aus diesem Bereich sind unbestreitbar. Aber zum Glück gibt es zahlreiche Beispiele dafür, dass trotz eines sozial auf hoher Ebene angesiedelten elterlichen Umfeldes „nichts“ und trotz einer Herkunft aus der entgegengesetzten Ecke „alles“ erreicht wurde. Das heißt: Dem wahren Talent, der ausgeprägten Begabung, dem energischen Kämpfer schadet – fast – nichts, dem Unbegabten hilft ein Start- Anschub kaum etwas.Größere Auswirkungen sehe ich bei Menschen, die eher „mittel“ talentiert, überwiegend im Durchschnittsbereich angesiedelt sind. Wenn jemand labil ist, „auf der Kippe“ steht, bewirkt ein kleiner „Schubs“ in irgendeine Richtung schon viel.2. Erfreulicherweise leben wir in einem doch recht offenen, durchlässigen System. Wer etwas wirklich will und den erforderlichen Preis (Einsatz, Freizeitverlust etc.) zu zahlen bereit ist, kann extrem viel erreichen. Ein Heranwachsender aus einfacherem Hause kann in die Bibliothek gehen und sich ein Buch über Umgangsformen ausleihen, ein junger Mensch mit unzureichender Schulbildung kann in Abendkursen das Abitur nachholen, wer sich ein Tagesstudium nicht leisten kann, absolviert neben dem Beruf ein Fernstudium – es gibt Bildungswege vom Hauptschulabgänger zum promovierten Akademiker.3. Da es ohnehin keine umfassende Gerechtigkeit auf der Welt gibt, muss auch für diese These Raum sein: Wenn die Eltern A in ihrem Leben rastlos, schwer und lange gearbeitet haben, bis sie es beispielsweise zum Vorstandsmitglied und zur niedergelassenen Ärztin gebracht haben – warum sollen sie nicht einen Teil des erworbenen Wissens und Könnens an ihre Kinder weitergeben? Beim Immobilien- und Geldvermögen ist das doch auch geltendes Prinzip.Vielleicht – absolut nicht immer, aber durchaus manchmal – haben die Eltern B es sich sehr viel leichter gemacht in ihrem Leben, sich nie um Bildung bemüht (die auf der Straße liegt), entsetzt jedes Bemühen um eine gehobene, mit Überstunden (unbezahlten, man denke bloß) verbundene Tätigkeit abgelehnt, jede Verantwortung von sich gewiesen und sich kaum je aktiv um die Zukunft ihrer Kinder gekümmert.So lange das System so weitgehend offen ist wie unseres, muss man anerkennen, dass es in der großen Mehrzahl aller Fälle jungen Menschen möglich ist, vorhandenen Talenten zum Durchbruch zu verhelfen. Das Elternhaus bestimmt allerdings mitunter den Aufwand, der dafür dann zu leisten ist. Im übrigen bin ich sicher nicht der erste, der erkannt hat: Man kann in der Wahl seiner Eltern nicht vorsichtig genug sein.Nun zum zweiten Teil Ihres Themas. Der kann allgemeingültig ganz für sich allein stehen und hat mit dem Elternhaus eher nichts zu tun: Menschen möchten das, was sie sind und haben, oft radikal verändern. Ob nun die Eltern am vorhandenen Status eine „Mitschuld“ tragen oder nicht.Daher lautet mein Rat bis dahin: Akzeptieren Sie erst einmal, was Sie heute sind und halten Sie sich nicht mit der Frage auf, ob das Elternhaus damit etwas zu tun hat. Sie waren Ingenieur mit 26 – da gibt es zunächst nichts zu klagen. Damit können Sie Bundespräsident werden, reich heiraten, es zum Geschäftsführer bringen oder mit Finanztransaktionen ein Vermögen scheffeln. Das ist doch alles schon ganz nett.Jetzt aber möchten Sie irgendetwas ganz anderes tun – leider geben Sie keinen konkreten Hinweis, was das sein sollte – und beklagen sich darüber, dass man Ihnen diesen Schritt so schwer macht. Das aber stimmt so überhaupt nicht! Die vielen Menschen so furchtbar streng erscheinenden Regeln und Vorschriften des Berufslebens betreffen doch nur ein ganz spezielles Spektrum: Sie gelten ausschließlich für Angestellte im Bereich größerer Wirtschaftsunternehmen mit Schwerpunkt Industrie!Aber es gibt eine völlig andere Welt mit vollständig anderen Gegebenheiten, in der die hier „bei uns“ kolportierten Regeln völlig unbekannt sind. Da gilt: neue Chancen, neues Glück!Ein paar Beispiele:a) Machen Sie sich selbstständig: Niemand interessiert sich ab sofort mehr für alte Zeugnisse, Dienstzeiten pro Arbeitgeber, „rote Fäden“ in Laufbahnen etc. Es zählt nur noch Ihre Fähigkeit, sich mit Ihrem Angebot im Markt durchzusetzen. Eröffnen Sie eine Dachrinnenreinigung, eine Papierhandlung oder einen Betreuungsservice für Formel I-Fahrer. Sie können auch eine Lohnfertigung für Koffergriffe aufmachen oder Kaminbrennholz in Säcken anbieten.Seit ich Berater bin, hat noch nie ein Kunde wissen wollen, wann ich mein Studium abgeschlossen habe, welche Examensnote ich vorweisen kann, wie lange ich wann arbeitslos war und was ich zwischen dem 31. und 38. Lebensjahr gemacht habe.b) Tauchen Sie ein, ob angestellt oder selbstständig, in ein völlig anderes Umfeld, sprengen Sie den bisherigen Rahmen:Heuern Sie als Aushilfskellner in einem Restaurant an, werden Sie Schriftsteller oder freier Künstler, arbeiten Sie als Verkäufer für irgendetwas und sei es im Versicherungsaußendienst. In vielen dieser Bereiche lässt sich durch erfolgreiches Tun eine neue Karriere aufbauen. Vielleicht übernimmt ein tüchtiger Kellner achtzehn Jahre später die ganze Kneipe oder das 3 Sterne-Restaurant.Als Warnung: Am schwierigsten ist es, in den Zwängen des bisherigen Umfeldes bleiben und dort etwas Neues machen zu wollen. Also vom Ingenieur in der Industrie nach vier Berufsjahren über ein neues Studium zum Kaufmann in der Industrie. Dann sind Sie wieder diesen Regeln ausgeliefert – und einfach „alt“ für einen Kaufmann-Anfänger.Oder wenn Sie ein vorhandenes Ingenieur-Studium durch ein zweites, spät angefangenes und noch später abgeschlossenes ersetzen: Wie wollen Sie mit den anderen Anfängern in dem neuen Fachgebiet mithalten, die etwa 25 Jahre alt sind, während Sie dann mit 35 so langsam anfangen? Wobei absolut nicht sicher ist, dass Sie das neue Ziel auch erreichen – und dass Sie damit Ihr persönliches Glück auch finden.Die Argumente gegen eine spät begonnene Promotion sind ähnlich: Nebenberuflich ginge das grundsätzlich schon (sofern Sie einen geneigten „Doktorvater“ finden). Aber hauptberuflich? Als wissenschaftlicher Assistent in fortgeschrittenem Alter? Und, auch hier wieder: als altgewordener Frischpromovierter den Neuanfang suchen?Also mit Sicherheit ist das alles nicht der Königsweg. Und Argumente wie: „Die Wirtschaft müsste doch eigentlich …“ helfen nicht weiter.Ich will meine Empfehlung an Sie mit zwei Argumenten abschließen:1. Ein „ungeliebter Job“ ist oft auch eine Frage der inneren Einstellung. Es gibt Menschen, die gewinnen jeder Tätigkeit positive Aspekte ab, andere sind fast nie zufrieden und meinen stets, gerade sie habe das Schicksal benachteiligt und ihnen Chancen vorenthalten. Sie haben eine Ausbildung zum Ingenieur. Damit steht Ihnen die Welt offen. Krempeln Sie die Ärmel auf und stellen Sie etwas auf die Beine.2. Wenn jemand im fortgeschrittenen Alter meint, er müsse trotz aller gegenteiligen Ratschläge doch noch einmal den Neuanfang suchen und beispielsweise mit 35 ein Medizinstudium beginnen oder mit 40 an die Uni zum Zwecke der Promotion zurückgehen, wenn er weiß, dass dafür ein hoher Preis gezahlt werden muss und er ihn zahlen will – dann soll er es tun. Denn sonst schlägt er sich den Rest seines Lebens mit Formulierungen herum, die mit „hätte ich doch damals bloß …“ beginnen. Aber eine „Lizenz zum Glücklichwerden“ ist das nicht!

Kurzantwort:

Spätere radikale Richtungswechsel im beruflichen Bereich sind dann besonders schwierig, wenn man im vertrauten Umfeld (Beispiel: Angestellter in der Industrie) bleiben will. Sie gelingen eher, wenn man auch dieses Umfeld dabei durch ein anderes ersetzt (Beispiel: vom Angestellten in die Selbstständigkeit), in dem weniger nach der Vergangenheit gefragt wird.
Frage-Nr.: 1745
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 14
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2003-04-03

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