Heiko Mell

Ich stecke in der falschen Laufbahn!

Ich war nach dem Maschinenbaustudium zunächst mehrere Jahre als Konstrukteur und Entwicklungsingenieur tätig. Danach wechselte ich – wieder als Entwicklungsingenieur – zu meinem heutigen Arbeitgeber. Dort bot man mir nach kurzer Zeit die Position des Patentingenieurs an. Nach reiflichen Überlegungen habe ich diese neue Aufgabe und Herausforderung wahrgenommen.

Zwischenzeitlich bin ich seit einigen Jahren als Patentingenieur tätig und leite ein ganz kleines Team.Nach sorgfältiger Analyse bin ich jetzt jedoch zu der Erkenntnis gelangt, dass das Patentwesen dauerhaft kein Betätigungsfeld für mich ist. Kurz gesagt: Ich habe damals eine für mich falsche Entscheidung getroffen. Das Aufgabengebiet ist zwar interessant, ich möchte es aber nicht noch viel länger betreuen. Meine zukünftige Aufgabe soll wieder in Konstruktion/Entwicklung oder im Projektmanagement liegen.

Nun arbeite ich zwar heute immer mit den Entwicklungsabteilungen zusammen, doch ist im Patentwesen eine ganz andere, oftmals sehr abstrakte und theoretische Denkweise erforderlich.

Wie komme ich ohne größeren Karriereknick wieder aus dem Patentwesen hinaus und in die Entwicklung hinein? Ist das in- oder extern leichter? Kann ich die Erfahrung zu einem Karrieresprung nutzen, z. B. zum Gruppenleiter?

Antwort:

Der Fall ist klar – und ebenso versteht es sich von selbst, dass „Konstruktion“ und „Patentwesen“ hier nur stellvertretend für zwei recht unterschiedlich angelegte betriebliche Tätigkeitsbereiche stehen, es geht nicht darum, ob das Patentwesen „besser“ oder „schlechter“ ist.

Zunächst für potenzielle Nachahmer: Man kann bei solchen Wechseln nur zur Vorsicht raten, sie wollen gut überlegt sein – denn sie sind nur schwer wieder zu korrigieren. Aber, das muss auch gesagt sein, sie können durchaus große Chancen beinhalten. Ich selbst bin auf diesem Weg von der Organisationsabteilung (wo ich gerade lernte, einen seelenlosen, lochkartengesteuerten Großrechner zu programmieren) ins Personalwesen gekommen, was meiner Begabung offenbar viel mehr entspricht.

Nur die Rückkehr ist schwierig. Denn:

– Sie haben sich – in den Augen von Bewerbungslesern – von Ihrem früheren Gebiet (hier: Entwicklung) bewusst abgewandt. Sie kannten es gut – und mochten es nicht mehr. Irgendetwas anderes gefiel Ihnen besser, die Entwicklung war für Sie nur noch zweit- oder drittklassig. Das kann in den Augen eines über Ihre Bewerbung entscheidenden Entwicklungsleiters eine Art „Verrat“ am – von ihm vorbehaltlos geliebten – Fachgebiet sein, entsprechend zurückhaltend könnte er darauf reagieren.

– Wer einmal Verlockungen abseits des Weges erliegt, kann in zwei Jahren wieder einer neuen Chance nachlaufen („sie tun es immer wieder“). Nur ist es dann nicht mehr das Patentwesen, sondern z. B. die Kalkulation. Vielleicht haben Sie ja tatsächlich Ihre eigentliche Begabung noch gar nicht gefunden, eventuell liegt die ja ganz woanders.

– Generell bleibt natürlich der Vorwurf, nicht zu wissen, was man eigentlich will, wankelmütig zu sein und Entscheidungen in wichtigen Angelegenheiten falsch zu treffen.

– Sie haben, wenn Sie jetzt wieder in der Entwicklung anfangen, Zeit verloren. Mit den im Patentwesen verbrachten Jahren in Ihrem alten Gebiet wären Sie inzwischen weiter, hätten Sie heute mehr verwertbare Erfahrung im konstruktiven Bereich.

Natürlich könnte man diesen Argumenten gegenüberstellen, Sie hätten

– wertvolle neue, zusätzliche Erfahrungen gewonnen, die in irgendeiner Form irgendwann nützlich sein könnten (Konstruktion und Entwicklung tangieren früher oder später auch irgendwelche Patentfragen);

– Flexibilität und Mut zum Betreten von Neuland gezeigt, da Sie bewusst über den Tellerrand hinaus geblickt hätten;

– durch den erfolgreichen Sprung in das neue Gebiet mit ersten kleinen Führungsaufgaben einen persönlichen Reifeschub erfahren, der eigentlich nur nützlich sein könne.

Nun sind alle diese denkbaren positiven Aspekte richtig, die Praxis gewichtet die vorher erwähnten negativen jedoch erfahrungsgemäß stärker. Bei der Gelegenheit: Eine realistische Chance für einen „Karrieresprung zum Gruppenleiter“ sehe ich bei dem anstehenden Fachgebietswechsel zunächst nicht, gerade der Gruppenleiter als Fachvorgesetzter muss „Oberfachmann“ seines Teams sein, dafür wiederum sind einige Jahre fachfremden Tuns keine Basis. Es kann also nur um den Wiedereinstieg als Entwicklungsingenieur gehen – für den Sie hoffentlich inzwischen noch nicht zu teuer geworden sind.

Meine Empfehlung:

1. Wenn Sie die Rückkehr ins frühere Gebiet vollziehen wollen, dann so früh wie irgend möglich. Wenn Sie erst fünf Jahre im „falschen“ Gebiet tätig waren, werden Sie unglaubwürdig (Fehler erkennt man schnell und korrigiert sie zügig).

2. Grundsätzlich sind Fachgebietswechsel intern leichter als mit externen Bewerbungen (weil man die Person, um die es geht, im Hause schon kennt – und hoffentlich schätzt). Nachteil ist nur: Wenn Ihre heutigen Vorgesetzten anlässlich Ihrer internen Wechselbemühungen von Ihrer Absicht erfahren, beginnen die schon einmal mit ihrer Suche nach einem Nachfolger für den Patentingenieur. Haben sie den, dann „stören“ Sie, falls Sie dann immer noch auf dieser Position sitzen. Lösung: Suche extern anlaufen lassen und die internen Bemühungen erst beginnen, wenn sich extern erste Möglichkeiten abzeichnen.

3. Argumentieren Sie ex- und intern so wie bei mir: Es war Ihr Fehler, Sie hätten trotz sorgfältiger Prüfung die Geschichte falsch eingeschätzt – und sich wohl auch von den kurzfristig offerierten Chancen (Führung eines kleinen Teams und weltweite Zuständigkeit) blenden lassen. Aber (wichtig): Dies sei nie eine Entscheidung gegen die Entwicklung gewesen. Im Gegenteil: Sie hätten gehofft, als Patentingenieur der Entwicklung eng verbunden bleiben und so das Angenehme mit dem Nützlichen verbinden zu können. Das sei jedoch ein Irrtum gewesen, Ihr neues Fachgebiet entwickele sich in eine ganz andere, von Ihnen nicht vorhergesehene Richtung: eher weg von als hin zu der (geliebten) Entwicklung.

Bei externen Bewerbungen/Vorstellungsgesprächen wäre auch diese Argumentation denkbar: Sie seien immer Entwicklungsingenieur gewesen. Die angebotene Position im Patentwesen hätten Sie bewusst ergriffen, Sie hätte darin eine Chance gesehen, für einen Konstrukteur wichtige Zusatzkenntnisse zu erwerben – um dann in die Entwicklung zurückkehren zu können. Leider stelle sich jetzt heraus, dass das intern kaum möglich sei, weil Sie immer tiefer in das neue Fachgebiet hineinwüchsen, so dass Ihre Chefs Sie dort gar nicht mehr hinauswechseln ließen.

4. Als Trost: Als – noch – relativ junger Mensch haben Sie das Recht auf Irrtümer und Fehler. Aber diese müssen auf der Basis sorgfältiger Überlegungen entstanden sein. Auf die Frage, was Sie sich dabei gedacht hätten, „nichts“ zu antworten, ist „tödlich“.

Kurzantwort:

Die spätere Korrektur von Fachgebietswechseln, die sich als Fehler herausstellen, ist schwierig. Geht man sie jedoch schnell, taktisch geschickt und mit der richtigen Argumentation an, sind sie möglich: Insbesondere der jüngere Mensch hat auch ein gewisses „Recht auf Irrtum“ (aber kein unbegrenztes!).

Frage-Nr.: 1740
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 10
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2003-03-15

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