Den Absprung verpasst?

Seit einigen Jahren bin ich interessierter und wissensdurstiger Leser Ihrer Rubrik. Seit Jahren bedauere ich es, sie nicht schon früher gelesen zu haben, denn zwischenzeitlich habe ich entscheidende Fehler gemacht.Ich bin seit etwa zwanzig Jahren bei einem mittelständischen Unternehmen beschäftigt. Angefangen habe ich als Abteilungsleiter, jetzt bin ich als Bereichsleiter für … verantwortlich mit Personalverantwortung für … Mitarbeiter. Da meine Karriere in unserem Hause aufsteigend verlief, hatte ich mir den Blick nach „draußen“ verschlossen. Inzwischen bin ich Anfang 50.Die Branche ist klein, man kennt sich. Vor einigen Jahren erhielt ich Anfragen von Personalberatern, es kam auch zu Gesprächen, die aber letztlich erfolglos blieben. Mal scheute man die Unruhe, die meine Einstellung beim Wettbewerb auslösen würde, in einem anderen Fall war ich damals schon zu alt. Seit dieser Zeit habe ich mich immer wieder – erfolglos – beworben.Nun kriselt es auch in unserer Branche und auch in unserem Hause, Entlassungen drohen. Vom meinem Chef erhalte ich zwar positive Signale („Ich brauche Sie dringend“), trotzdem wäre ein Wechsel dringend notwendig, scheint aber seit Jahren unmöglich.Sehen Sie noch eine Wechselchance bei dieser langen Unternehmenszugehörigkeit und diesem Alter?Die Gehaltshöhe soll dabei nicht ausschlaggebend sein. Wie verkauft man sich in diesem Bereich am besten, um nicht gleich als „zu teuer“ beiseite gelegt zu werden?

Antwort:

Immer wieder liest man in den Fernsehprogrammzeitschriften, dass die (das TV-Programm allein oder überwiegend finanzierende) werbetreibende Industrie die Programmgestalter drängt, Sendungen nur für die Zielgruppe der 19- bis 49jährigen Zuschauer zu machen. Das ginge ja noch an, wäre die Begründung (die sich mit Sicherheit sogar noch irgendwie beweisen ließe) nicht so fatal:Es hat keinen Sinn, Menschen ab 50 mit Werbung zu behämmern – die sind weitgehend immun gegen die Absicht, ihnen Veränderungen in ihren Einstellungen und Gewohnheiten einzureden, die bleiben bei ihren Lebensphilosophien, gewohnten Vorgehensweisen und eben auch bei ihren vertrauten Produkten. Eigentlich spricht das, schaut man sich die Werbung im Detail an, in diesem Bereich durchaus auch für die Älteren – aber sie springen nun mal nicht mehr auf jeden neuen Zug (nur weil er neuer ist und bunter und marktschreierischer). Sie gelten damit leider auch als weniger „offen“ für die ständigen innerbetrieblichen Veränderungen, die heute auf der Tagesordnung stehen.Diese Unternehmen, die da Druck auf die TV-Programmgestalter ausüben, sich gefälligst an jüngere (beeinflussbare!) Zuschauer zu wenden – sind auf der anderen Seite die Arbeitgeber, die sich weitgehend gegen 50jährige Bewerber sperren. Das ist irgendwie sogar konsequent.Natürlich ist diese Sperrung in vielen Einzelfällen ungerecht, da es Menschen gibt, die mit 55 beweglicher und kreativer sind als andere mit 35. Aber auch so mancher Wähler würde gern den Beweis antreten, er sei klüger als viele andere und man solle ihm drei Stimmen geben. So gut das vielleicht der Nation bekäme – man bleibt bei der heutigen Pauschalregelung. Wie auch beim Einstiegsalter für Führerscheine etc. Und selbst wenn es einen Test gäbe, wie man die geistige Beweglichkeit älterer Bewerber erfassen könnte – würde man hinter vorgehaltener Hand über den Sieger sagen: „Aber wie lange macht er das noch, wann baut auch er ab?“Es gibt schon einmal Ausnahmen: bei Top-Positionen auf höchster Führungsebene und bei Bewerbern, die für das suchende Unternehmen eine ausgesprochene Schlüsselqualifikation mitbringen (also als einer von zwei oder drei Leuten in der Branche das zentrale Entwicklungs- oder Produktions-Know-how haben oder im Vertrieb genau die Kunden und Strukturen kennen, um die es dem suchenden Unternehmen geht).Aber auch dann ist so bei 52 eine nahezu unüberwindliche Obergrenze gezogen. Diese wird kaum so oft überschritten, dass es statistisch ins Gewicht fiele.Und so lauten dann die aus der Praxis abgeleiteten, nicht etwa von mir „erfundenen“ Regeln: Ab 45 beginnen Bedenken der Unternehmen gegen Bewerber, ab 48 werden diese massiv, ab 50 sehr massiv und ab 52 nahezu unüberwindlich. Daraus ergibt sich: Mit 45 sollte man bei dem Unternehmen sein und auf dem Stuhl sitzen, bei bzw. auf dem man notfalls pensioniert werden möchte – weitere Karriereschritte oder auch nur Arbeitgeberwechsel extern durchzusetzen, wird zunehmend schwierig.Ich plädiere hier bewusst selten für Regel- und Systemveränderungen, mache aber bei diesem Thema eine Ausnahme: Es ist volkswirtschaftlich unverantwortlich, die angesammelten Wissens- und Erfahrungswerte der über 50jährigen Mitarbeiter und insbesondere Führungskräfte zum alten Eisen zu werfen. Aus der Politik kommen – vernünftige – Strömungen, die Lebensarbeitszeit moderat zu erhöhen. Dennoch wird die Wirtschaft weiter auch in großem Stil entlassen wollen. Also müssen wir den Arbeitsmarkt für über 50Jährige „ans Funktionieren“ bringen. Am besten geht das über den Preis: Akzeptieren wir, dass ein Bewerber von 53 ebenso wieder „runter“ geht mit seinen Gehaltsansprüchen, wie er vorher raufgeklettert ist. „Das Leben“ kennt ohnehin keine Besitzstandswahrung. Und den Arbeitgebern würde manche Abwägung zwischen einem Anfangs-Vierziger und einem Anfangs-Fünfziger leichter fallen, wenn letzterer preiswerter zu haben wäre, ohne dass dies mit dem Stigma des Abstiegs verbunden sein müsste. Heute bezahlen wir dem Älteren jedoch bis zum letzten Augenblick ein Top-Gehalt und setzen ihn dann arbeitslos auf die Straße. Das kann keine überzeugende Lösung sein. Damit einher könnte auch durchaus eine Reduzierung des Hierarchie- und Führungsanspruchs der Betroffenen gehen, die heute ebenfalls als unzulässig gilt.So viel zum Alter, nun zur Betriebszugehörigkeit:Die meisten Bewerber sind zu kurz bei ihrem Arbeitgeber, von dem sie jetzt wieder wegwollen. Ab einer Dienstzeit von etwa zehn Jahren pro Arbeitgeber jedoch kippt die Geschichte um – die Suppe, die eben noch durch immer mehr Salz gewann, wird jetzt versalzen. Fünfzehn Jahre sind äußerst bedenklich, hier gilt der Vorwurf des „Tunnelblicks“, der „Scheuklappen“, mangelnde Flexibilität wird als wahrscheinlich unterstellt. Und mehr als zwanzig Dienstjahre ergeben das – zu vermutende – Bild eines Menschen, der so eingefahren ist auf ein Unternehmen und seine Besonderheiten (die er längst als Norm empfindet!), dass eine Umstellung auf neue Gegebenheiten ihm nicht mehr gelingt.Sie, geehrter Einsender, kombinieren jetzt zwei schon jeweils für sich sehr massive Ablehnungsgründe. Beantworten Sie sich selbst die Frage nach den verbleibenden Marktchancen.Schlimmer noch: Gelänge der Wechsel dennoch, wäre das ein Drahtseilakt ohne Netz! Denn in einem Scheitern würden spätere Bewerbungsempfänger nur die Bestätigung ihrer Vorurteile sehen („Kein Wunder, dass der in seinem Alter und mit zwanzig Dienstjahren die Integration nicht mehr geschafft hat“).Die Konsequenz für Sie: Solange es geht, müssen Sie auf das Pferd „heutiger Arbeitgeber“ setzen. Vielleicht können Sie ja dort überleben. Geht es schief, müssten Sie auch unkonventionelle Lösungen wie Selbstständigkeit, freie Mitarbeit, Interimsmanagement in Betracht ziehen.Schwierige Gehaltsfragen (weniger zu fordern als man bisher hatte) löst man am besten über die Angabe eines Wunschgehaltes („meine Einkommensvorstellung liegt bei etwa …“). Wünschen dürfen Sie zunächst einmal alles, auch die Hälfte oder das Doppelte Ihres Gehalts. Oder: Sie beziehen heute beispielsweise 100.000,- EUR, was Ihnen für den angestrebten Job viel zu sein scheint. Dann rechnen Sie noch einmal nach und stellen fest, dass Sie „eigentlich“ nur 85.000,- EUR verdienen (z. B. ohne variable Anteile, ohne die letzte Gehaltserhöhung etc.). Und diese 85.000,- EUR nennen Sie als Ist-Gehalt. Dann sind Sie nicht gleich „zu teuer“ – und müssen nicht sagen: „Ich arbeite auch für weniger als heute“ (was derzeit einen schlechten Eindruck macht). Wäre dieses Vorgehen nicht ganz korrekt, wären Sie des Deliktes „Tiefstapelei“ schuldig. Es gibt aber keine Tiefstapler in Gefängnissen.

Kurzantwort:

Nach Marktkriterien „zu alt“ geworden zu sein, ist für einen Bewerber eine extrem schwere Belastung; das gilt auch für eine „zu lange Dienstzeit beim derzeitigen Arbeitgeber“. Beides zusammen reduziert die Chancen bei klassischen Bewerbungen dramatisch. Spätestens mit 45 muss man sehr genau überlegen, ob man „für immer“ dort bleibt, wo man gerade ist.
Frage-Nr.: 1729
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 6
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2003-02-06

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