Heiko Mell

Wie entscheide ich als Verantwortlicher im Osten?

Frage: Unlängst riefen Sie die altvertrauten Personalauswahlgrundsätze in Erinnerung. Einleuchtend sind die Aspekte „roter Faden“ im Werdegang und „keine wilden Wechsel von Aufgabengebiet und Branche“.
Wissen Sie eine Lösung für folgendes Problem? Mein Unternehmen hat die Verlagerung von Aktivitäten an einen Standort in den neuen Bundesländern beschlossen, über den Ex-Ministerpräsident Stolpe sagte, dort wären alle Probleme des Ostens konzentriert. Nun gilt es für mich, dort Spezialisten neu einzustellen.
Bewerber aus dem Westen mit überzeugendem Werdegang sind rar und kaum ernsthaft interessiert. Die zahlreichen Bewerber aus der Region aber weisen Lebensläufe aus, die so gut wie nie zu der angestrebten Zielposition und den in der Stellenanzeige beschriebenen Kriterien passen. Im Vordergrund stand bei ihnen vielfach, in der Region zu bleiben und weiter den Lebensunterhalt zu verdienen, egal mit welcher Tätigkeit.
Was macht man da als Verantwortlicher?

Antwort:

Viele bis sehr viele Bewerber aus den neuen Bundesländern haben – gemessen an den rein westlich geprägten Regeln des Systems – vier große Problembereiche:

1. Die Fakten bis zur Wiedervereinigung waren einfach „anders“. Schule, Studium (oder die Gründe für keines), Berufswahl, Arbeitgeberauswahl, Laufbahnplanung, Zeugnisse – alles verlief nach speziellen Gegebenheiten. Dadurch sind viele Lebensläufe einfach nicht so, wie West-Manager das gewohnt sind und erwarten. Da das System der früheren DDR vollständig untergegangen ist (faktisch lief es auf eine Art „Staatspleite“ hinaus), haben West-Manager leider nur bedingt besonderes Engagement gezeigt, sich in diese speziellen Gegebenheiten einzuarbeiten. Heute sind es mehr als zwölf Jahre, in denen die neuen Länder (pauschal gesehen) nach westlichem Standard arbeiten – also wertet man in den Lebensläufen überwiegend diese spätere Phase und übergeht mehr oder minder die beruflich relevanten Zeiten vor 1990.

2. In den Jahren nach 1990 war das berufliche Leben in den neuen Ländern geprägt durch die – im Prinzip unvermeidlichen – Wirren des Systemwechsels. Treuhandanstalt, Sanierungen, radikaler Personalabbau, mehrfache Eigentümerwechsel, obskure Neugründungen, falsch eingeschätzter Bedarf an Produktionseinrichtungen etc. führten zu einem Chaos auf Arbeitgeberseite, das eine vernünftige Planung der Werdegänge für den Einzelnen nahezu unmöglich machte – sofern er unbedingt den alten Wohnort beibehalten wollte (s. a. 3).

3. Ganz offensichtlich war bei sehr vielen – nicht nur bei den älteren – Arbeitnehmern im Osten die Bereitschaft sehr gering, dorthin zu gehen, wo „die Musik spielt“, also zunächst zeitlich begrenzt oder auf Dauer in den Westen, um sich dort schnell und effizient an die neuen Maßstäbe anzupassen und wertvolle Erfahrungen zu sammeln. Diejenigen, die das getan und erfolgreich durchgestanden haben (die damals u. a. im richtigen Alter waren und deren Lebensumstände das zuließen), verfügen heute über zehn bis zwölf Berufsjahre im Westen – ihnen steht „die Welt“ offen, in den alten ebenso wie in den neuen Ländern. Die anderen aber blieben und nahmen in Kauf, dass sich die Misere im Lebenslauf niederschlug.

Natürlich durfte damals niemand öffentlich zur „Landflucht“ aufrufen, das hätte ja für die Zurückbleibenden alles noch schwieriger gemacht. Aber für den Einzelnen galt und gilt: Wir leben seit 1990 alle in einem absolut offenen System. Jeder Mensch ist grundsätzlich frei, ja fast aufgerufen, dorthin zu gehen, wo es für ihn und seine Belange am besten ist. Auch im Westen ziehen ehrgeizige, gut ausgebildete Arbeitnehmer von Hamburg nach München, vom Ruhrgebiet in den Bayerischen Wald und umgekehrt. Nicht aus Abenteuerlust, sondern weil in der neuen Region bessere berufliche Chancen bestehen.

Als Warnung: Für junge Akademiker der Examensjahre 2000 und später gilt uneingeschränkt die Verpflichtung, ihren Werdegang so auszurichten, dass er später „verkaufbar“ ist. Lässt sich das in Erfurt nicht machen, geht man eben nach Köln, ist das in Chemnitz nicht möglich, sucht man seinen Weg eben in Regensburg. Konkret: Für alle „Belastungen“, die der Lebenslauf eines Menschen mit Examenstag zehn Jahre nach der Wiedervereinigung zukünftig erkennen lässt, gibt es keine „Ausrede“ mehr, die „in der besonderen Lage im Osten“ liegt. „In Hamburg gab es keine Jobs für mich“, führt auch bei Bewerbern aus den alten Ländern zu der schulterzuckenden Bemerkung: „Dann hätten Sie eben nach Karlsruhe gehen müssen.“

4. Die 45 Jahre in der sowjetischen Besatzungszone und späteren DDR haben die Menschen zwangsläufig geprägt – und andere Ergebnisse gezeigt als die andersartigen Prägungen der Menschen in den westlichen Ländern. Natürlich ist das eine sehr pauschale, keinesfalls jedem Einzelnen gerecht werdende Aussage, aber Unterschiede sind schon feststellbar. Insbesondere die Bereitschaft, sein berufliches Leben selbst in die Hand zu nehmen, Initiative zu entwickeln und nicht auf Behörden, Arbeitsämter, den Staat oder sonstige konkrete Weisungen vermeintlich „zuständiger“ Stellen zu warten, ist um so geringer ausgeprägt, je älter die jeweiligen Personen sind.

Ein typisches Beispiel ist diese Serie. Wer sie liest, erhält – nicht nur durch die Antworten, sondern allein schon durch die in den Fragen steckenden Situationsbeschreibungen – ein recht gutes und umfassendes Bild des westlichen Wirtschaftssystems, soweit es für akademisch vorgebildete (Industrie-)Angestellte relevant ist. Außerdem kann man konkrete Fragen stellen, die vielleicht besonders auf den Nägeln brennen. Eigentlich hätten die Angestellten aus den neuen Ländern diese Darstellungen engagiert lesen und verarbeiten sowie auf Jahre hinaus die Einsenderstruktur dominieren müssen. Das aber war nicht der Fall, ich erkenne das an den Absenderangaben auf den Fragen. Ich habe über einen längeren Zeitraum Ost-Fragen sogar überproportional in die Serie aufgenommen – aber selbst das hat nicht den Eindruck hervorgerufen, dies sei etwa von 1990 bis 1995 ein Forum gewesen, dessen Möglichkeiten von den bis dahin uninformierten Bewohnern der neuen Länder begeistert genutzt worden wären.

Ich sage das nicht etwa anklagend, schließlich ist mir ja nichts entgangen – ich habe einfach nur daran mitgewirkt, eine preiswerte Informationsquelle für Menschen zur Verfügung zu stellen, denen das westliche (aber in Zukunft vorhersehbar dominierende) System unvertraut sein musste. Und sie haben das Angebot nur sehr begrenzt angenommen.

Ausblick: Für ihre sehr einseitige und aus heutiger Sicht unglückliche Prägung konnten die Menschen nichts, das ist keine Frage. Ich habe, wie ich hier schon des öfteren dargelegt habe, auch einmal dazugehört und habe als Heranwachsender den Systemwechsel bei der Übersiedlung in die Bundesrepublik bewältigen müssen. Für mich kam der Einschnitt noch früh genug, wer mit 40 oder gar 50 davon getroffen wurde, hatte es ungleich schwerer.

Und natürlich wird sich dieses Problem „auswachsen“ – wer heute als Bewohner der neuen Länder sein Examen macht, hat praktisch keine nachhaltig prägende DDR-Vergangenheit mehr – er ist in etwa aufgewachsen wie ich damals, diese Umstellung ist deutlich leichter. Und, wie man sieht, machbar.

So, geehrter Einsender, das alles wussten Sie natürlich schon, ich habe das auch nicht gezielt für Sie formuliert. Für Ihr Problem gilt:

a) Mitarbeiter aus den alten Ländern können Sie für die Besetzung von Positionen mit rein ausführendem Charakter („Sachbearbeiter“) nicht mit hinreichender Erfolgsaussicht gewinnen (bei höheren Führungspositionen geht das, aber das ist derzeit nicht Ihr Problem).

b) Sie müssen also mit den Bewerbern auskommen, die Sie in der Region finden.

c) Geforderte Erfahrungen spezieller Art bzw. die gesuchten Spezialkenntnisse werden Sie weitgehend vermitteln müssen. Die vorhandenen Bewerber sind überwiegend lernbereit und weiterbildungswillig, Sie müssen nur entsprechende Angebote unterbreiten (s. u.).

d) Jede Bewerberauswahl ist ein relativer Prozess – kein absoluter. Man nimmt also die besten Kandidaten, die man bekommen kann und jagt nicht (vergeblich) Idealbildern hinterher. Das arbeitgeberseitige Operieren auf dem Arbeitsmarkt ist immer ein Jonglieren im Rahmen der „Kunst des Möglichen“ – vom Arbeitskräfte suchenden Unternehmen wird stets Flexibilität und Kompromissbereitschaft gefordert. Wenn der Markt seinem Ideal-Anforderungsprofil nicht entspricht, muss der suchende Vorgesetzte diesen Forderungskatalog eben ändern, den Toleranzrahmen vergrößern.

Ich vergleiche oft den Bewerber mit einem Menschen, der einen Gebrauchtwagen verkauft: Er muss den potenziellen Käufern zeigen und bieten, was die wollen – und nicht in den Vordergrund stellen, was ihm an diesem „Auto“ lieb und teuer ist.

Das gilt umgekehrt auch für den suchenden Vorgesetzten (Arbeitgeber in der Funktion etwa eines Gebrauchtwagenhändlers): Er muss Gebrauchtwagen nachspüren, die es auf dem Markt mit hinreichender Wahrscheinlichkeit gibt – und auch er muss seine Wünsche den Gegebenheiten anpassen. Er darf nicht etwa ein Prinzip „zu Tode“ reiten – und mit fliegender (Anforderungs-)“Fahne“ untergehen, weil er nichts Wiederverkaufbares findet.

e) Die Auswahl von Kandidaten anhand der schriftlichen Bewerbung wird extrem schwierig – da die Bewerber bei der „Konstruktion“ ihres Lebenslaufes westlichen Maßstäben nicht folgen konnten oder wollten, dürfen Sie dieselben auch nicht engstirnig anlegen. Häufige Wechsel beim Verbleib in der immer gleichen Region können auf immer neue Firmenpleiten zurückzuführen sein – dass auch das Betroffensein davon ein Qualifikationskriterium sein kann, dürfen Sie in den neuen Ländern noch nicht voraussetzen.

Laden Sie schlicht überdurchschnittlich viele Bewerber ein – und gewinnen Sie in (arbeitsaufwändigen und damit teuren) Vorstellungsgesprächen Eindrücke von der Persönlichkeit. Vertrauen Sie diesem Bild mehr als den Unterlagen. Erklären Sie ganz genau, ausführlich und sorgfältig, was Sie erwarten, begleiten Sie die neuen Mitarbeiter engagiert in den ersten Monaten – und nutzen Sie dann die Probezeit sinn- und zweckgemäß. Erwarten Sie keine 100 %-Erfolgsquote, informieren Sie vorher Ihre Vorgesetzten entsprechend, damit die ersten Misserfolge nicht Ihrer Unfähigkeit zugeschrieben werden.

f) Schreiben Sie in Anzeigen nicht (sinngemäß): „Suche erfahrene Konstrukteure mit langjähriger 3D-CAD-Praxis“, sondern etwa: „Suche Ingenieure mit Konstruktionspraxis. Biete systematische Einführung in ein 3D-CAD-System und sorgfältige Einarbeitung.“

Kurzantwort:

Auch in Sachen Mitarbeiter-/Bewerberqualifikation nähern sich die neuen Länder den alten ständig weiter an. Das bedeutet aber auch, dass es generell noch immer Unterschiede gibt.

Frage-Nr.: 1726
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 4
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2003-01-23

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