Heiko Mell

Im Stolz verletzt

Ich bin Sachbearbeiter Maschinentechnik (Ende 30) in einem größeren Industrieunternehmen. Mein Arbeitgeber ist genötigt, Personal abzubauen (wie überall). Nun gehöre ich zu diesem Kreis. Eine Betriebsvereinbarung regelt mein Ausscheiden (ich darf noch ein Jahr bleiben und werde dann, wenn ich extern nichts anderes gefunden habe, in die Produktion versetzt, müsste dort manuelle Tätigkeiten ausüben bei Lohnausgleich bis zum 60. Lebensjahr, allerdings würde mein Gehalt um einige 1.000 EUR/Jahr reduziert).

Ich habe mich nun extern beworben, war dabei auch recht erfolgreich. Eine der angebotenen Stellen bei einer Behörde werde ich wohl auch annehmen.

Jetzt kommt plötzlich von Seiten meines Arbeitgebers ein Angebot, ich soll die Abteilungsleiterstelle … mit einer Handvoll Mitarbeitern übernehmen. Für mich stellt sich nun die Frage, ob ein Verbleib im Unternehmen eine ernsthafte Alternative darstellt. Ich gestehe, ich bin ein wenig enttäuscht und im Stolz verletzt durch die Vorgehensweise des Hauses vor diesem Angebot. Jetzt, wo die Abteilungsleiterin … unvorhersehbar in Mutterschutz bzw. Erziehungsurlaub geht, ist meine Person wieder willkommen!

Ist mein Entschluss, den Arbeitgeber zu wechseln, „richtiger“ als zu bleiben? Wäre von der Behörde aus ein späteres Wechseln auf eine Führungsposition in der freien Wirtschaft möglich? Wie beurteilen Sie mein Zwischenzeugnis? Was halten Sie von meinem Studium in Abendform?

Antwort:

Neben einigen kleineren sind auch zwei große Problemfelder betroffen, die nichts miteinander zu tun haben:

1. Ich bin beleidigt – erst werfen die mich raus, dann wollen sie wieder etwas von mir.

Es ist nicht so, dass ich Ihre Haltung nicht verstehen könnte. Aber ich rate Ihnen dennoch von Gedanken dieser Art ab. Das gesamte Leben und insbesondere das Berufsleben ist von so vielen Zufällen, plötzlich eintretenden Begebenheiten, von Glück und Pech (auch dem anderer Leute) bestimmt – dass man dies alles als unabwendbaren Bestandteil der menschlichen Existenz akzeptieren muss. Viele große Talente sind wegen unglücklicher Konstellationen nicht zu Ruhm und Ehre gekommen, andererseits sind viele Menschen nur nach oben gespült worden, weil sie zufällig zum rechten Zeitpunkt irgendwie günstig herumstanden – obwohl ihr Talent niemals ausgereicht hätte, einen nationalen Wettbewerb in ihrem Metier zu gewinnen.

Da Sie die negativen Auswirkungen solcher Konstellationen hinnehmen müssen – sollten Sie das im positiven Fall auch tun. Also zucken Sie die Schultern und prüfen Sie das interne Angebot völlig unvoreingenommen. Und dann richten Sie Ihre Entscheidung allein nach Ihren Interessen!

Ich versuche, diese Tatsache immer fester in den Köpfen meiner Leser zu verankern: Es gibt in der freien Wirtschaft keine Arbeitgeber mehr, die berufslebenslange Partnerschaft versprechen können, dafür ändern sich Märkte und Gesellschaftsstrukturen viel zu schnell. Schauen Sie öfter einmal in Ihren Arbeitsvertrag: Solange Ihr Arbeitgeber nur macht, was er danach machen dürfte, verdient er nicht einmal Kritik. Und dort steht nichts von lebenslang, aber etwas von „Kündigung“.

Versuchen Sie, Emotionen aus diesem „Geschäft“ herauszulassen und entscheiden Sie nach jeweils geltender Sachlage. Die Stammtischformulierung „… bloß, weil …“ gibt es im Wirtschaftsleben nicht; weder ist sie erlaubt, um Erfolge schlecht-, noch um Misserfolge gutzureden.

Ihrer Frau, die Ihnen lebenslange Treue geschworen hat („bis dass der Tod euch scheidet“) dürfen Sie zürnen, wenn sie „bloß“ deshalb bei Ihnen bleibt, weil ihr neuer Hausfreund ins Gefängnis musste. Aber Ihren Arbeitgeber sollten Sie kühl und emotionsarm beurteilen. Und sehen Sie es doch einmal so: Irgendjemand, der nichts „dafür kann“, profitiert auf alle Fälle von der Mutterschaft und wird Abteilungsleiter. Warum nicht Sie? Der andere hätte diese Stelle auch nicht bekommen, wäre die bisherige Inhaberin nicht zufällig jetzt schwanger geworden …Im Extremfall lehnt noch jemand einen Lottogewinn ab, „bloß weil“ die Gesellschaft ihn vorher fünf Jahre lang immer nur verlieren ließ.

Fazit: Die Zeit der emotionalen Verbindungen zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer geht oder ist schon zu Ende. Verdienste in der Vergangenheit sind mit dem Gehalt von gestern abgegolten – und Konstellationen können sich ändern. Zum Glück des Tüchtigen gehört es auch, plötzlich am Wegesrand auftauchende Chancen als solche zu erkennen und beherzt zuzugreifen. Zum eigenen Vorteil.

2. Ich will jetzt zu einer Behörde – und später Führungskraft in der freien Wirtschaft werden.

Das geht nicht! Ich schließe nicht aus, dass es auch ein paar Beispiele in diesem Land gibt, in denen es dennoch geklappt hat, aber eine statistisch relevante Chance hat das Projekt nicht.Die Begründung liegt in einer Mischung aus Vorurteilen, Abneigungen und klaren Fakten. Es gibt zwischen freien und öffentlichen Arbeitgebern einfach zu viele Unterschiede in der Zielsetzung, in den Arbeitsabläufen, den Entgeltsystemen (Leistungsprinzip, Unkündbarkeit) und überhaupt. Also gilt: Sie entschließen sich entweder zu einer Laufbahn mit stark verwaltendem, Hoheitsrechte ausübenden, Vorschriften überwachenden Charakter – oder Sie entscheiden sich für einen Arbeitgeber, der vor allem Profit machen und Marktanteile gewinnen will (und dem im Grunde seines Herzens Vorschriften ein Gräuel und Behörden eher lästig sind).

Wobei Behörden gegenüber Bewerbern aus der freien Wirtschaft aufgeschlossener sind als umgekehrt.

Und für eher ängstliche Gemüter: Nein, ich schüre hier keine neuen Vorurteile – die Gräben sind bereits so tief, dass ich sie auch nicht unüberwindbarer machen kann.

Also überlegen Sie sich das gut. Es wäre vermutlich ein Schritt ohne Wiederkehr (warum erinnert mich das bloß so intensiv an Marilyn Monroe? Hat die nicht einmal in einem Film gespielt, in dem es „ohne Wiederkehr“ hieß und hat sie nicht herzerweichend gesungen dabei?).

3. Zwischenzeugnis

Es heißt dort u. a.: „umfassende und fundierte Fachkenntnisse“, „arbeitet stets äußerst engagiert, sehr sorgfältig und sehr zuverlässig“, „völlig selbstständig und auch unter schwierigen Umständen stets schnell und zügig“, „immer verantwortungsbewusst und umsichtig“, „sehr belastbar und ausdauernd“, „häufig gute, praktikable Ideen“, „gibt hilfreiche Anregungen“, „ständig zu unserer vollen Zufriedenheit“, „entspricht in jeder Hinsicht unseren Anforderungen und Erwartungen“, „persönliches Verhalten jederzeit vorbildlich“.

Also das ist „gut +“, uneingeschränkt. Und man spürt Wohlwollen und eine gewisse Wärme. Alles bestens.

4. Studium in Abendform

Sie waren Techniker, haben gearbeitet und nebenberuflich an der FH Ihren Dipl.-Ing. erworben. Mit einem Examen von 2,0 und – außer der obligatorisch sehr guten Diplomarbeit – fünf 1,x-Noten. Das ist toll! Aber das Nebenberufliche des Studiums erkennt kaum jemand! Sie müssen in Ihrem Lebenslauf in der Rubrik „Studium“ vermerken: „berufsbegleitend/Abendform“. Sonst registriert man nur „10 Semester FH, Examen 2,0 – na ja“. Nur wer sich sehr intensiv mit Ihrer Berufspraxis beschäftigt, erkennt aus gewissen zeitlichen Überschneidungen, dass da ein nebenberufliches Studium – oder aber ein Fehler bei der Darstellung der Berufspraxis(!) vorliegen könnte. Denken Sie an den alten Beratergrundsatz: Tue ein wenig Gutes und dann sprich ausführlich darüber.

Fazit: Sie sind jetzt Ende 30, Dipl.-Ing. auf dem zweiten Bildungsweg, langjährig bei einem renommierten Arbeitgeber beschäftigt und kurz vor der Ernennung zum Abteilungsleiter. Nun schlucken Sie noch Ihren Stolz herunter und werden Sie für die drei Jahre des Erziehungsurlaubs der Abteilungsleiterin deren Nachfolger. Und dann schauen Sie mal, drinnen oder draußen. Wer ein Kind hat, bekommt ja vielleicht sogar ein zweites – nichts ist unmöglich.

Und noch einmal: Was Ihnen dort widerfahren ist – muss leider als der ganz normale tägliche Wahnsinn akzeptiert werden. Oder vornehmer: Es ist „systemimmanent“.

Kurzantwort:

1. Wenn sich beruflich eine Chance auftut, gilt es, entschlossen zuzugreifen. Betrachtungen, wie es dazu kam, schenkt man sich besser.

2. Wer Führungskraft in der freien Wirtschaft werden will, sollte unbedingt diesem Ziel-Arbeitgebertyp von Anfang an treu bleiben und nicht zwischendurch in eine Behörde wechseln. Es gibt stets Vorbehalte gegen Bewerber aus bestimmten Firmen, Unternehmenstypen, Branchen – besonders aber gegen Bewerber von Arbeitgebern, die gar keine „Firmen“ sind.

Frage-Nr.: 1722
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 1
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2003-01-09

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