Heiko Mell

Zurück nach Deutschland

Vor ca. vier Jahren bin ich mit meiner Frau nach Norwegen übergesiedelt. Ich arbeite dort in der Konstruktion eines Industrieunternehmens, das zu einer großen Firmengruppe gehört.

Häufige Reisen sowie direkte Kommunikation mit Kollegen, Lieferanten und Kunden in zahlreichen europäischen Ländern gehören zum Tagesgeschäft. Seit etwa einem Jahr bin ich Leiter der Konstruktion.

Irgendwann aber soll es zurück nach Deutschland gehen.

Mir graust es jetzt schon vor der deutschen Arbeitswelt. Manchmal fühle ich mich fast verdorben für den dortigen Arbeitsmarkt. Hier ist der Umgangston so völlig anders. Selbstverständlich duzt man seinen Chef. Sehr angenehm. Es ist völlig normal. Man stellt sich mit dem ganzen Namen vor und geht im nächsten Satz zum Vornamen über. Ein Gespräch mit dem Boss, dem Personalchef? Kein Problem. Jederzeit.

Ein Chef, dem man ständig Rechenschaft ablegen muss. Unbekannt. Das Projekt allein bestimmt den Tagesablauf.

Es kann durchaus sein, dass ich das Arbeitsleben hier im Norden idealisiere …

Wie sieht „man“ den Wechsel vom Ausland heim „ins Reich“ (da wir keine Niederlassung in Deutschland haben, kann der Wechsel nicht intern geschehen)? Wird man als Fremdkörper angesehen, der andere Arbeits-/Umgangsformen gewohnt ist? Oder eher als Bereicherung? Gibt es dafür eine Altersgrenze (bzw. da es sie sicher gibt: wo liegt sie?). Welche Fußangeln erwarten mich sonst noch?

Meine wichtigsten Daten: Ende 30, Abitur, gewerbliche Lehre, 3 Jahre „Wanderjahre“ im Fach, dann Studium mit Examen zum Dipl.-Ing. FH, 3 Jahre bei einer Engineering-Gesellschaft in D, seit 4 Jahren in Norwegen.

Antwort:

„Was zu beweisen war“, sagt der Lateiner (im Original auf Latein):

Das Ausland kann einen Arbeitnehmer für eine Tätigkeit im Heimatland verderben. Oder anspruchsvoller ausgedrückt: Längere Auslandspraxis kann die anschließende Reintegration in den deutschen Arbeitsmarkt außerordentlich erschweren – oder macht sie irgendwann unmöglich.

Und Sie wandeln schon auf der „Grenze“, wie Sie selbst erkannt haben. Also Vorsicht: Sie stellen jetzt Weichen, die daraus resultierende Fahrtrichtung Ihres „Laufbahnzuges“ ist dann nur schwer wieder zu ändern. Nicht ohne Grund taucht dieses Grundthema „Auslandseinsatz + Reintegration in D“ in dieser Rubrik so oft auf.

1. Zeitangaben: Zwei Jahre Ausland gelten in diesem Sinne als ungefährlich. Bei einem derart befristeten Einsatz überwiegt der positive Aspekt der Auslandspraxis deutlich. Der Mitarbeiter hatte genügend Gelegenheit, sich auf ein (welches, spielt nur eine geringe Rolle) fremdes Land einzustellen und seine Fähigkeiten zu beweisen, dort zu überleben. Er hat gelernt, dass dort vieles „anders“ ist und dass man sich anpassen muss, will man nicht untergehen. Er hat den Umgang mit Menschen trainiert, die einem (etwas) anderen Kulturkreis angehören und andere Traditionen haben. Und er bringt das Wissen mit nach Deutschland, dass man Dinge auch anders regeln kann als hier. Eines Tages mag ihm das nützen. Und seine Fähigkeit zur Zusammenarbeit mit internationalen Partnern (auch mit solchen aus völlig anderen Ländern) wurde deutlich verbessert. Prinzip: Wer zwei Jahre in Brasilien war, kann auch mit Eskimos umgehen, beliebige andere Beispiele inbegriffen.

Ein wirklich intimes Kennenlernen eines Landes wird im Normalfall gar nicht angestrebt! Daher sind zwei Jahre genug, drei Jahre ziemlich problemlos.Was darüber hinausgeht, wird langsam kritisch. Eben weil man sich gewöhnt an Dinge im fremden Land und weil die Reintegration im Heimatland schwierig wird. Fünf Jahre Ausland gelten als äußerste Obergrenze für die Einstufung „problemlos“. Dies wird verschärft, wenn die Auslandspraxis beginnt, die Inlandspraxis zu dominieren (wie bei Ihnen). Irgendwann gilt ein solcher Bewerber als „auslandsverdorben“.

2. Da ein anderes Land zwangsläufig in vielem „anders“ ist (von den Umgangsformen über die Bierpreise bis zum Wetter/Klima), sind selbstverständlich viele Details dort schlechter als zu Hause – ebenso selbstverständlich aber nach individuellem Empfinden viele auch „besser“. Da man meist nur eine begrenzte Zeit in einer ganz bestimmten Phase seines Lebens im Ausland ist, kann es durchaus sein, dass man dabei Umstände antrifft, die man insgesamt als „toll“ empfindet – ohne eventuell auch vorhandene Nachteile überhaupt erlebt zu haben.

So mag, wer keine Kinder hat, sich auch nicht daran stoßen, dass dieselben dort eine deutlich schwächere Allgemeinbildung vermittelt bekommen als hier. Wer nur zur Miete wohnt, muss keinen Anstoß an extrem schwierigen Wegen zum Hauskauf nehmen, wer in der kurzen Zeit nicht ernsthaft krank wird, erspart sich die Konfrontation mit dem maroden Gesundheitssystem (das sind allgemeine Beispiele!).

Bekannte waren für längere Zeit in Asien. Sie hatten dort völlig problemlos und selbstverständlich einen eigenen „Boy“ nur für das Ausführen des Hundes. Wer dafür anfällig ist, lässt sich faszinieren (davon oder von anderen Details).

Nach meinen Erfahrungen, die auf Schilderungen ehemals im Ausland tätiger Bewerber und Beratungsklienten beruhen, gibt es kein rundum „besseres“ Land. Es gibt nur Länder, die manche Menschen – vorübergehend – so empfinden.

Nehmen wir Ihre kurzen Beispiele aus Norwegen: Ich mag nicht geduzt werden, jedenfalls nicht von fremden Leuten. Und ich weiß, dass ich damit nicht ganz allein stehe. Es soll ja ein skandinavisches Möbelhaus geben, in dessen deutscher Niederlassung sich auch alle Angestellten duzen. Dort würde ich allein aus diesem Grund niemals arbeiten (sturer Deutscher, der ich nun einmal bin). Ihnen mag es ja gefallen, dass man jederzeit zum Boss gehen kann. Ob das aber jedem deutschen Boss gefallen würde, ist eine offene Frage. Der „unbekannte“ Chef, dem gegenüber man „ständig“ Rechenschaft ablegen muss: Er muss Ihre Arbeitsergebnisse dennoch verantworten – vielleicht empfände er es als erstrebenswerter, er erführe des öfteren etwas über Ihre Arbeitsfortschritte etc.

Schließlich könnte es sich in dem wirtschaftlich kleineren Land als schwieriger erweisen, eine neue, angemessene Position in Ihrem Fachgebiet zu finden. Ihre vermutete „Idealisierung“ könnte(!) also durchaus zutreffen.

3. Fazit: Sie kommen also jetzt schnell zurück oder Sie bleiben. Die Alternative: Sie bleiben noch ein bisschen und gehen dann in andere ferne Länder. Das geht auch (Regel: „Einmal Ausland, immer Ausland“).

Und bitte gehen Sie vorsichtig bis zurückhaltend mit dem Begriff „Reich“ um. Letzteres ist lange vor Ihrer Geburt untergegangen, gerade auch Norwegen hat teilweise ausgesprochen schlechte Erfahrungen damit machen müssen.

Kurzantwort:

Nach etwa drei Jahren Auslandstätigkeit beginnen besondere Reintegrationsprobleme, wenn man sich in Deutschland bei fremden Arbeitgebern bewerben muss. Spätestens ab fünf Jahren gilt man leicht als „auslandsverdorben“.

Frage-Nr.: 1700
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 39
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2002-09-29

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