Heiko Mell

23 Semester zu milde beurteilt?

Leser A: Mein Kommentar zur Frage 1.646: Ihr Urteil über den Berufsanfänger mit 23 Semestern ist zu milde. Viel zu milde. Ich kenne aus dem Bekanntenkreis einige dieser Kandidaten. Ich bin selbst 34 (wie der Bewerber aus jener Frage) und ziehe nach neun Berufsjahren Parallelen zum eigenen Leben. Meine Erfahrung ist, dass diese Personen im Grunde kein ernsthaftes Interesse am Arbeitsleben haben.

Leser B: Sie schreiben als letztes richtigerweise, Sie empfehlen, „ganz kleine Brötchen zu backen“.Vielleicht wäre es angebracht, die Frage ein bisschen realistischer bzw. drastischer zu beantworten: Ein Student mit 23 Semestern hat keinerlei Chancen, auf direktem Bewerbungswege eine Stelle als Ingenieur zu erhalten. Die einzige Möglichkeit besteht darin, sich um eine „Beschäftigung“ in der Branche zu bemühen. Das heißt z. B. eine Tätigkeit als freiberufliche Aushilfskraft. Vielleicht besteht damit dann die Möglichkeit, nach einigen Jahren mit dem dann erworbenen Know-how vielleicht als Ingenieur tätig werden zu können.

Antwort:

Hoppla! Nachdem ich mühsam über viele Jahre hinweg ein Image als „scharfer Hund“ aufgebaut habe, komme ich hier noch wegen übergroßer Toleranz ins Gerede.

Aber nun ganz im Ernst: Ich schrieb in meiner Antwort damals von einer „Katastrophe“, die der Einsender verniedlicht hätte und sagte auch „Das sprengt jede Dimension“, schließlich kamen dann noch die „ganz kleinen Brötchen“, zu deren Backen ich riet.Aussagen wie die von Leser B, es gäbe „keinerlei Chancen“, vermeide ich möglichst. Sehen Sie, ich kenne ja die seelische Robustheit des Einsenders und vieler anderer Leser in ähnlicher Situation(!) nicht. Und wenn auch nur einer davon eine so klar negative, endgültige Aussage von mir zum Anlass einer Kurzschlusshandlung nähme, wäre das doch sehr bedauerlich.

Hinzu kommt: Die Bewerbungsempfänger bzw. die dahinter stehenden Entscheider bilden eine außerordentlich heterogene Gruppe. Sie sind höchst verschiedene Menschen, unterschiedlich ausgebildet, nach jeweils anderen Maßstäben denkend und handelnd. Und sie vertreten Unternehmen verschiedener Branchen an höchst unterschiedlich attraktiven Standorten, nicht zuletzt sind auch die zu besetzenden Jobs keineswegs untereinander ähnlich. Kurz: Man kann niemals sicher sein, dass nicht die dritte abgesandte Bewerbung eines „Chaoten“ auf eine Situation trifft, in der es kaum Mitbewerber gibt – und in der ein Entscheidungsträger wehmütig oder zerknirscht an seine eigenen neunzehn Semester denkt, wonach er den Bewerber dann einstellt.

In solchen Situationen wäre eine Aussage von mir „keinerlei Chance“ schlicht falsch gewesen. Und es wäre doch schade, hätte der Betroffene es gar nicht erst versucht und gleich die Gilde der Taxifahrer verstärkt.

Zum Thema selbst noch einmal in aller Klarheit: Wer länger als üblich studiert, muss mit deutlichen Vorbehalten von Bewerbungsempfängern rechnen, für viele aussichtsreiche Laufbahnen bleiben ihm schon die Startpositionen verschlossen. Das Studium wird als Arbeitsprobe gesehen: Der Student hatte einen genau definierten „Auftrag“, man schaut anschließend, wie schnell er damit fertig geworden ist und wie „gut“ das Ergebnis war. Und man geht davon aus, genau so schnell und genau so gut werde er dann auch in der Praxis arbeiten. Das ist reine Bosheit von den Unternehmen, keine Frage. Aber so sind sie nun einmal. Das Gute daran: Als Student weiß man das (spätestens nach der Lektüre dieser Serie) und kann sich darauf einstellen.

Frage-Nr.: 1661
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 16
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2002-04-27

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