Heiko Mell

Die späte Promotion

Nach etwa fünf Jahren Tätigkeit als Bauleiter bei einem der großen deutschen Baukonzerne erwäge ich, eine Stelle als wissenschaftlicher Mitarbeiter in einem Hochschulinstitut mit dem Ziel der Promotion zu suchen. Dabei will ich mich eher mit bauwirtschaftlichen Fragestellungen beschäftigen – weniger mit Problemstellungen aus dem unmittelbaren Bereich der Bauleitung. Anschließend strebe ich keine wissenschaftliche Hochschulkarriere an, sondern stelle mir eine Tätigkeit in der – allerdings weiter gefassten – Bau-/Immobilienbranche vor. Ich bin Anfang 30.

a) Wie beurteilen Sie einen Wechsel von der Wirtschaft zurück an die Universität? Wird es vom späteren potenziellen Arbeitgeber negativ bewertet, dass ich nicht gleich nach dem Diplom promoviert, sondern mich erst später dazu entschlossen habe?

b) Wird die etwa vierjährige Promotions- und Arbeitszeit im Institut später als Berufserfahrung gewertet oder gelte ich dann als jemand, der für sein Alter zu wenig davon aufweisen kann (oder gar als Berufsanfänger, da die praktische Arbeit dann schon vier Jahre zurückliegen würde)?

c) Gibt es einen spätestmöglichen Zeitpunkt zur Promotion?

Antwort:

Sagen wir es einmal so: Der Student darf fast alles: nebenbei als Taxifahrer arbeiten oder kellnern oder mit elterlicher Unterstützung einfach nur studieren. Der fertig examinierte Dipl.-XX jedoch unterliegt in seinem beruflich relevanten Tun strengen Regeln, muss ab jetzt seine „Zeiten“ lückenlos und sauber nachweisen. Und: Alles, was er ab Datum der Diplom-Urkunde macht, muss im Rahmen der Spielregeln einen Sinn haben.

Womit wir beim Kern der Sache sind: Welchen Sinn hätte diese Promotion zu diesem Zeitpunkt? Darüber erfahren wir nichts, jedenfalls nichts Konkretes. Bleibt die Vermutung, es könnte Ihnen Spaß machen. Das nun wieder löste sich von allein: So wie es bei jeder Diät oder Kur heißt, alles was gut schmeckt, ist grundsätzlich verboten, gilt das auch für Spaßiges im Berufsleben. Dort ist es nicht verboten, sondern verdächtig (nur das Arbeiten an sich darf, ja soll Spaß machen!).

Ein Gegenbeispiel wäre folgender Brief von Ihnen gewesen: „Ich habe in den fünf Jahren seit Studienabschluss als … gearbeitet. Nun interessiere ich mich sehr für eine Tätigkeit als … im erweiterten Branchenbereich. Wie ich Stellenanzeigen entnehme und wie mir Personalleiter aus dieser Branche in Telefonaten bestätigten, werden hier bevorzugt promovierte …-Ingenieure eingestellt. Jetzt habe ich die Chance, eine Stelle als wissenschaftlicher Mitarbeiter an einer Universität anzutreten und zu promovieren. Dabei könnte ich mich während der Erstellung der Dissertation zum Thema … bereits zielgruppenorientiert spezialisieren und qualifizieren. Wie bewerten Sie das Risiko eines solchen Schrittes?“ So aber lautet Ihr Schreiben nicht!

Bei Ihnen hat man das Gefühl, Sie litten unter dem fehlenden Doktor-Grad (der vermutlich für Sie eher ein Titel ist), hätten damals die Möglichkeit nicht gehabt oder nicht haben wollen, sähen jetzt plötzlich eine Chance, dem alten Traumziel näher zu kommen – und suchten eher beiläufig und nachträglich nach einer Begründung dafür.

Grundsätzlich ist in Deutschland der optimale, der „richtige“ Zeitraum für eine Promotion die Phase im direkten Anschluss an das Studium. Alles andere ist sehr problematisch. Verpasst man dieses Zeitfenster, ist es grundsätzlich empfehlenswert, sein Leben als Nichtpromovierter zu fristen.

Noch einigermaßen durchführbar ist eine spätere nebenberufliche Promotion. Aber die Chancen dazu sind gering, eine Massenbewegung wird daraus nicht werden. Und viele attraktive Führungspositionen sind so anspruchsvoll, dass „nebenbei“ keine Zeit bleibt für aufwendiges Forschen und Schreiben.

In Ihrem Falle gilt: Sie wären hinterher (bei erfolgreichem Abschluss des Vorhabens) zu alt für einen Neueinstieg, zu „theoretisch ausgerichtet“ für die folgerichtige nächste Stufe Ihrer ehemaligen Laufbahn (die auch Dr.-Ingenieur verkraftet, aber kaum Manager, die es aus der Praxis zurückzieht in die „heile warme Welt“ der Universität).

Generell ist jeder Bereich, in dem operativ gearbeitet wird, in dem Geschäfte gemacht werden, in dem Geld verdient wird, in dem es Menschen zu führen gilt, sehr skeptisch gegenüber Bewerbern, die nach einigen Jahren praktischer Tätigkeit zurückgehen auf die Universität, um „hauptberuflich“ über Jahre hinweg dort eine Zusatzqualifikation zu erwerben. Das wirkt wie eine Abneigung gegenüber der beruflichen Praxis – in die man dann aber hinterher wieder hinein will! Ich rate Ihnen also ab.

Kurzantwort:

Zu studieren und anschließend zu promovieren ist Standard und bedarf keiner Rechtfertigung. Nach einigen Jahren Praxis an die Uni zurückzugehen, nur um zu promovieren, wirft Fragen auf, die kaum überzeugend zu beantworten sind.

Frage-Nr.: 1654
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 12
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2002-03-22

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