Heiko Mell

Kirchturm-Werdegang

Nach dem Bezug meines Eigenheims im Geburtsort … vor etwa zwanzig Jahren suche ich meine Arbeitgeber im Umkreis von 80 Kilometern.

Vor gut einem Jahr habe ich ein berufsbegleitendes Aufbaustudium zum Wirtschaftsingenieur abgeschlossen, um meine berufliche Basis abzusichern und zu vergrößern.

Ich bin jetzt 48 und habe nach der Position eines technischen Leiters mit Schwerpunkt Materialwirtschaft in einem kleineren Unternehmen jetzt eine Stelle in einem Großunternehmen als Verantwortlicher für eine Warengruppe im Einkauf übernommen. Die geringere Personalverantwortung wird – bei gutem Einkommen – von mir akzeptiert.

Ist ein 48-jähriger „Spezialist“ im Bereich Materialwirtschaft (58.000 EUR) für den Arbeitsmarkt überqualifiziert oder zu teuer?

Antwort:

Man trifft im Leben Entscheidungen – und muss dann mit deren Konsequenzen leben. Man sollte nur jeweils vorher wissen, welche Folgen bestimmte Festlegungen haben werden. Um anderen Menschen, die sich noch nicht festgelegt haben, so weit wie möglich zu helfen, stelle ich gern Beispiele vor, wie es anderen ergangen ist. Dieser Fall eignet sich sehr gut dazu.Ich habe, geehrter Einsender, den Mittelteil Ihres Briefes schlicht weggelassen. Dort ging es um Erlebnisse, die Sie bei Ihrem letzten Arbeitgeber hatten, um Details zum Ende Ihres Arbeitsverhältnisses – alles unwichtig, da nur logische Folgen einer einzigen, alles prägenden Entscheidung.

Und ich sollte vorab noch ein Prinzip verdeutlichen, das hier eine zentrale Rolle spielt: Man muss Prioritäten setzen. Dabei darf man nicht versuchen, „alles“ bekommen zu wollen. Im Gegenteil: Jede Festlegung auf einen zentralen Aspekt schließt mehr oder minder „automatisch“ andere Ziele aus. Ich kann nicht einen Super-Luxus-Sportwagen haben wollen – und gleichzeitig niedrige Unterhaltskosten anstreben.

Nun muss ich dies alles nur noch auf einen Punkt zusammenführen: Das haben Sie bereits für mich getan – mit dem ersten hier abgedruckten Satz Ihres Briefes.

Mit der Festlegung auf das Eigenheim an diesem Ort wurde „automatisch“ alles andere auf die Plätze verwiesen, insbesondere der berufliche Bereich. Damit nahmen Sie in Kauf, dass sich dort nur noch eher zweitklassige Lösungen ergeben konnten. Natürlich gibt es auch Beispiele von Leuten, die Glück hatten und damit das Prioritäten-Prinzip anscheinend „überlisten“ konnten – aber darauf darf man nicht bauen.

Entweder also stellt der komplex und teuer ausgebildete Akademiker den Beruf in den Mittelpunkt, hat dort Ziele, die er gern erreichen möchte – und ordnet diesen den Wohnort unter. Das gilt auch, wenn die Ziele nicht „Vorstandsvorsitzer“ oder „Bereichsdirektor eines Konzerns“ lauten.

Oder er will unbedingt in Wiesweiler-West wohnen. Und sucht sich dann unter den zufällig dort ansässigen Firmen die relativ bestgeeignete aus. Da deren Zahl begrenzt ist, da die paar Unternehmen dann auch noch zufällig den passenden Job besetzen wollen müssen (und dieser Bewerber dabei auch noch das Rennen machen muss), ist klar, was auf der beruflichen Seite dabei wahrscheinlich herauskommt: Statistisch gibt es keine Chance, dass dies zu einem besonders tollen Werdegang führt, ständige Probleme mit den solcherart mühsam zusammengekratzten Jobs sind die nahezu unausweichliche Folge.

Zur eigentlichen Frage: Kein Mensch sucht 48-jährige Spezialisten. Allenfalls akzeptiert man sie unter Ausweitung üblicher Toleranzgrenzen. Außerdem wären Sie keiner: Sie sind bloß 48 Jahre alt und erst vor knapp zwei Jahren mehr zufällig in das Gebiet hineingekommen, in dem Sie jetzt arbeiten (davor gab es erste Berührungspunkte). Das führt zu folgendem Ergebnis: Hoffen wir, dass keine weiteren Bewerbungen erforderlich werden. Ihr genanntes Gehalt stellt so langsam die Obergrenze für Positionen unterhalb direkter Führungsfunktionen dar, liegt aber noch im Rahmen. Nur Ihre Werdegangentwicklung zeigt bereits „abwärts“, was spätestens bei der nächsten Bewerbungsaktion Probleme machen würde.

Für statistisch Interessierte ergibt sich – grob gerechnet, aber mit einprägsamen Resultaten – etwa folgende Situation:

1. Wer nicht umzugsbereit ist und nur um den heimischen Kirchturm herum sucht, reduziert seine Chancen im Hinblick auf eine sehr interessante berufliche Position gegenüber dem Mitbewerber, der zwischen Flensburg und Bodensee uneingeschränkt flexibel ist, auf etwa ein Fünfzigstel!

2. Wer in Deutschland uneingeschränkt flexibel ist, schafft es in einem vernünftigen Zeitraum niemals, etwa fünfzig unterschriftsreife Vertragsangebote zu erhalten.

. Damit liegen die Erfolgschancen des „Kirchturmfixierten“ bei sehr deutlich unter 1, die Misserfolgswahrscheinlichkeit überwiegt bei jedem Wechsel deutlich (das Prinzip gilt auch dann, wenn Sie sich darüber ärgern sollten).

Kurzantwort:

Je größere Bedeutung man im Leben einem Primärziel zuweist („ich will in A-Dorf wohnen“), desto geringer wird die Hoffnung, anspruchsvolle Sekundärziele „nebenbei“ durchsetzen zu können („ich will einen vernünftigen, ausbildungsadäquaten beruflichen Werdegang gestalten“). Und zwei Primärziele nebeneinander sind unrealistisch.

Frage-Nr.: 1652
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 11
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2002-03-15

Top Stellenangebote

Technische Universität Kaiserslautern-Firmenlogo
Technische Universität Kaiserslautern Professur (W3) (m/w/d) Maschinenelemente, Getriebe und Tribologie Kaiserslautern
Technische Hochschule Ulm-Firmenlogo
Technische Hochschule Ulm Professur - Softwareentwicklung und Embedded Systems Ulm
HBC Hochschule Biberach-Firmenlogo
HBC Hochschule Biberach Stiftungsprofessur (W2) WOLFF & MÜLLER "Baulogistik" Biberach
Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hof-Firmenlogo
Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hof Professur (W2) Elektrotechnik mit Schwerpunkt Leistungselektronik Hof
Hochschule Bremerhaven-Firmenlogo
Hochschule Bremerhaven Professur (W2) für das Fachgebiet Werkstofftechnik Bremerhaven
Ostbayerische Technische Hochschule Regensburg-Firmenlogo
Ostbayerische Technische Hochschule Regensburg Professur (W2) für Digitale Produktentwicklung im Maschinenbau Regensburg
Montanuniversität Leoben-Firmenlogo
Montanuniversität Leoben Universitätsprofessors/Universitätsprofessorin für das Fachgebiet Cyber-Physical Systems Leoben (Österreich)
Technische Universität Dresden-Firmenlogo
Technische Universität Dresden Professur (W3) für Beschichtungstechnologien für die Elektronik Dresden
Fachhochschule Südwestfalen-Firmenlogo
Fachhochschule Südwestfalen Professur (W2) für Mechatronische Systementwicklung Iserlohn
HSR Hochschule für Technik Rapperswil-Firmenlogo
HSR Hochschule für Technik Rapperswil Professorin/Professor für Additive Fertigung / 3D Druck im Bereich Kunststoff Rapperswil (Schweiz)
Zur Jobbörse

Top 5 Heiko Mell…

Zu unseren Newslettern anmelden

Das Wichtigste immer im Blick: Mit unseren beiden Newslettern verpassen Sie keine News mehr aus der schönen neuen Technikwelt und erhalten Karrieretipps rund um Jobsuche & Bewerbung. Sie begeistert ein Thema mehr als das andere? Dann wählen Sie einfach Ihren kostenfreien Favoriten.