Heiko Mell

Abfindung: „teuer“ verdient

Ich arbeite seit vier Jahren bei einem namhaften Großunternehmen. Als sich die schwierige Situation des …-Marktes bzw. unseres Unternehmens abzuzeichnen begann, fing ich an, mich nach einem möglichen neuen Arbeitgeber umzusehen. Ein erstes adäquates Vertragsangebot liegt mir bereits vor.

In der Zwischenzeit wurden wir von unserer Betriebsleitung darüber informiert, dass an unserem Standort 20 % der Mitarbeiter betriebsbedingt gekündigt werden sollen. Um einen Sozialplan zu vermeiden, wird jedem Mitarbeiter, der freiwillig gehen möchte, ein Aufhebungsvertrag mit Abfindung angeboten. Ich könnte nach meinen Informationen mit ca. 20.000 EUR (abzüglich Steuern) rechnen.

Ich hatte vor, nach endgültiger Annahme des oben erwähnten Vertragsangebots gegenüber der Personalabteilung mein Interesse an einem Aufhebungsvertrag plus Abfindung zu erklären. Dabei war ich der Meinung, dass z. B. beim nächsten Arbeitgeberwechsel in fünf Jahren dieser Makel im Arbeitszeugnis (Ausscheiden „im gegenseitigen Einvernehmen“) keine besondere Bedeutung mehr hätte, insbesondere, da ich dann den „damaligen“ Personalabbau aus wirtschaftlichen Gründen erwähnen könnte. Auch wäre ich nahtlos in ein neues Angestelltenverhältnis eingetreten.Ihre Ausführungen („Abfindungen sind generell das „am teuersten verdiente“ Geld des Berufslebens“ in Frage 1.637) lassen mich mein geplantes Vorgehen nun aber überdenken.

Wäre es vielleicht doch besser, wenn ich von mir aus kündige und somit auf eine mögliche Abfindung verzichte?

Bei allen bereits durchgeführten Bewerbungen sprach ich stets von einer Kündigung meinerseits. Wie reagiert der neue Arbeitgeber, wenn er plötzlich von dem Aufhebungsvertrag erfährt?Auf die Idee mit dem Aufhebungsvertrag kam ich nur durch das Angebot der Firma. Mich interessiert nur die Abfindung.

Antwort:

Zum Hintergrund: Ein Unternehmen will oder muss in großem Stil Kosten sparen. Das geht am besten über Kopfzahlsenken, also Personalreduzierungen. Das wiederum ist auf kollektivem Wege (Sozialplan) langwierig, schwierig und in seinen Auswirkungen vorher schwer abzuschätzen. Da dafür der Betriebsrat als Partner unterschreiben muss und vorher dessen Gewerkschaft Einfluss nehmen wird, kommt Machtpolitik ins Spiel. Außerdem bringen Sozialpläne ein schlechtes Image in der Öffentlichkeit.

Einzeln kündigen kann man so vielen Mitarbeitern nicht, da gibt es gesetzliche Vorschriften, die dem entgegenstehen (und die in einem solchen Fall den Sozialplan vorschreiben). Außerdem hat eine arbeitgeberseitige Kündigung stets den besonderen Charme einer Zeitbombe. Der Arbeitnehmer kann noch einige Zeit später widersprechen, also Kündigungsschutzklage erheben. Deren Ausgang ist ungewiss – Arbeitsgerichte gelten generell als arbeitnehmerfreundlich. Außerdem vermeiden Unternehmen prinzipiell Arbeitsgerichtsprozesse bzw. die Gefahr solcher Auseinandersetzungen – sie sind besonders schlecht für das Image.

Mit Gewalt ist es also schwierig – aber freiwillig geht es völlig problemlos. Wenn der Arbeitnehmer gemeinsam mit dem Arbeitgeber ein Papier unterschreibt, dass der bestehende Arbeitsvertrag zum … aufgelöst ist, dann ist alles in Ordnung. Dagegen kann auch nicht mehr geklagt werden, mit der Unterschrift beider Partner ist das angestrebte Ziel erreicht.

Jetzt muss man den Arbeitnehmer nur noch dazu bringen, freiwillig (richtig zwingen kann man ihn nicht, nur mit alternativer Entlassung drohen) diesen Vertrag zur Aufhebung des bestehenden Arbeitsvertrages zu unterschreiben. Wobei die Initiative stets vom Arbeitgeber ausgeht – juristisch hat man sich „geeinigt“, in der Praxis wollte der Arbeitgeber den Mitarbeiter loswerden (wie jeder spätere Bewerbungsempfänger weiß!). Denn wenn der Arbeitnehmer selbst hätte gehen wollen, hätte er ja nur zu kündigen brauchen, dazu wiederum ist eine zustimmende Unterschrift des Arbeitgebers nicht erforderlich, schon gar kein Aufhebungsvertrag.

Das entscheidende Argument, mit dem man den Arbeitnehmer zur Unterschrift unter den Aufhebungsvertrag bringen kann, ist Geld, die „Abfindung“. Dafür gibt es Erfahrungswerte, die üblicherweise gebotene Summe hängt von der Dienstzeit dort und vom Gehalt ab (die von Ihnen genannte Summe scheint mir recht hoch zu sein, aber lassen wir das).

Eine Zwischenbemerkung: Wenn das ein mit dem Thema vertrauter Volljurist liest, könnte er ob der vielen Vereinfachungen graue Haare bekommen. Aber für den hier angestrebten Zweck mag es angehen – die perfekte Ausarbeitung „Die Abfindung in der Rechtsprechung und in der betrieblichen Praxis“ würde sicher ein Buch füllen (wobei ich verspreche, das nicht zu schreiben).

Und jetzt kommt das Problem: Winkt man dem Durchschnittsarbeitnehmer mit so viel Geld, verliert er leicht die kühle Überlegung. Und lässt sich zu Schritten hinreißen, die sich später (wenn das Geld ausgegeben ist) als „böse Falle“ entpuppen könnten.

In Ihrem Fall kommt hinzu, dass Ihr Arbeitgeber Sie persönlich ja gar nicht loswerden wollte. Also ist es ungeheuer riskant, sich berufslebenslang das Stigma (ein wenig davon hat es immer) des Gefeuerten anhängen zu lassen, nur um etwas Geld „mitzunehmen“.

Das Problem ist, dass wir nicht wissen, was die Zukunft Ihnen bringt. Aber Sie müssen damit rechnen, in achtzehn Monaten schon wieder zum Wechsel gezwungen zu sein (auch Ihr jetziger Arbeitgeber schien doch wie ein „Felsen im Meer der Wirtschaft“ zu stehen, als Sie dort anfingen). Dann wären Sie vom ersten Arbeitgeber gefeuert worden und würden auch vom zweiten entlassen. Was übrigens durchaus ein drittes Mal passieren kann. Nun begründen Sie einmal im Bewerbungsprozess, dass Sie in allen zwei oder gar drei Fällen Top-Leistungsträger der Unternehmen gewesen seien und dass diese Firmen nur aus unerfindlichen Gründen ihre besten Leute zuerst entlassen hätten.

Darüber hinaus besteht immer noch die Gefahr, dass Sie sich jetzt zu schnell für das erstbeste Angebot eines neuen Arbeitgebers entscheiden, nur um diese Abfindung mitzunehmen (das Angebot Ihrer Firma wird nicht zeitlich unbegrenzt gelten).

Ich gebe zu, die Versuchung ist schier übermächtig, aber ich rate Ihnen entschieden ab.

Damit kein Missverständnis aufkommt: Wenn ein bestimmter Mitarbeiter ohnehin entlassen werden soll, dann ist der Aufhebungsvertrag mit Abfindung eine absolut seriöse, grundsätzlich akzeptable Problemlösung (wobei es auf die Details der Vereinbarung ankommt).

Weiter geht es: Wer einen Aufhebungsvertrag unterschrieben hat, dem ist zwar nicht formal gekündigt worden – aber er darf sich keinesfalls als „in ungekündigtem Arbeitsverhältnis stehend“ bezeichnen. Das wäre eine Irreführung des neuen Chefs.

Ganz wichtig ist ein Aspekt, nach dem Sie auch gefragt haben: Wer bei einem neuen Arbeitgeber eintritt, will und muss mit diesem ein Vertrauensverhältnis aufbauen. Dazu gehört, dass er den neuen Partner vor Vertragsunterschrift über seine Situation informiert, soweit diese für seine Anstellung relevant ist. Die Tatsache, dass Sie einen Aufhebungsvertrag unterschreiben, ist eine solche relevante Information!

Sie sollten das unbedingt auch dann angeben, wenn man Sie nicht danach fragt. Denn generell gilt eben (siehe oben): Aufhebungsverträge bekommen Mitarbeiter, die der Arbeitgeber loswerden wollte, das Papier ist nur eine andere Form der arbeitgeberseitigen Kündigung. Und dass Ihr alter Arbeitgeber viel Geld gezahlt hat, damit Sie bloß gehen – ist eine Information, die der neue Arbeitgeber gern gehabt hätte, bevor der Arbeitsvertrag mit Ihnen geschlossen wurde.

Es ist gut möglich, aber nicht sicher, dass er eine betriebliche Kündigung als Entlastungsargument problemlos akzeptiert hätte. Aber es muss unbedingt damit gerechnet werden, dass er „stocksauer“ wird, wenn er nach Dienstantritt erfährt (aus Ihrem Zeugnis, z. B.), Sie seien damals gar nicht aus ungekündigtem Arbeitsverhältnis gekommen, sondern hätten dort einen Aufhebungsvertrag unterschrieben (egal, wann das war).

Natürlich könnten Sie dann zwei „Ausreden“ versuchen:

1. Man habe Ihnen gar nicht kündigen wollen, es sei ein pauschales Angebot an die Belegschaft gewesen, Sie hätten es halt angenommen.

2. Als Sie den Vertrag bei ihm unterschrieben, seien Sie sehr wohl in ungekündigtem Arbeitsverhältnis gewesen, den Aufhebungsvertrag hätten Sie erst später unterschrieben, quasi als Ersatz einer Kündigung.Aber beides hätte den Nachteil aller „Ausreden“. Glauben muss der neue Chef das nicht, und in der Probezeit könnte er Ihnen problemlos kündigen. In solch eine Situation bringt man sich besser nicht, auch nicht für größere Summen.

Kurzantwort:

1. Wenn dem Mitarbeiter ohnehin gekündigt werden soll, ist ein Aufhebungsvertrag mit vereinbarter Abfindung ein grundsätzlich akzeptables, ja empfehlenswertes Instrument. Aber Stolz auf die ausgehandelte Abfindungssumme ist nicht angebracht, das Geld ist „teuer erkauft“, nämlich mit dem Stigma einer arbeitgeberseitigen Entlassung.

2. Anzustreben ist stets ein Zeugnis mit „scheidet aus auf eigenen Wunsch“ (aber nur, wenn nahtlos ein neues Arbeitsverhältnis folgt). Dieses Prinzip ist sogar den Verzicht auf eine mittelhohe Abfindung wert.

3. Vor Unterschrift unter einen neuen Arbeitsvertrag ist der potenzielle neue Arbeitgeber freiwillig und ungefragt über alles zu informieren, was ihn in seiner Entscheidung beeinflussen könnte (Vertrauensverhältnis). Dazu gehört die Unterschrift unter einen Aufhebungsvertrag oder die Absicht dazu.

Frage-Nr.: 1648
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 9
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2002-02-28

Top Stellenangebote

Windmöller & Hölscher-Firmenlogo
Windmöller & Hölscher Abschlussarbeit – Erhöhung der Markttransparenz in für W&H wichtigen Verpackungsdruckmärkten Lengerich
Open Grid Europe GmbH-Firmenlogo
Open Grid Europe GmbH Projektleiter Technische Umsetzung Rollout 5G-Initiative (m/w/d) Essen
Flottweg SE-Firmenlogo
Flottweg SE Vertriebsingenieur Anwendungsbereich "Klärschlamm" (m/w/d) Vilsbiburg Raum Landshut
Arcadis Germany GmbH-Firmenlogo
Arcadis Germany GmbH Project- / Program Manager (w/m/d) Automotive Verschiedene Standorte
Georg-Firmenlogo
Georg Software/Informatik Nachwuchskräfte (m/w/d) Keine Angabe
Georg-Firmenlogo
Georg Technische Spezialisten Maschinenbau (m/w/d) Keine Angabe
Sika Deutschland GmbH-Firmenlogo
Sika Deutschland GmbH Sicherheitsingenieur (m/w/d) Stuttgart
Haimer GmbH-Firmenlogo
Haimer GmbH Anwendungstechniker Gerätetechnik (m/w/d) für verschiedene Gebiete in Deutschland Igenhausen bei Augsburg
HAIMER-Firmenlogo
HAIMER Servicetechniker (m/w/d) für verschiedene Gebiete in Deutschland Bielefeld
HENN-Firmenlogo
HENN Bauleiter (w/m/d) Hannover

Zur Jobbörse

Top 5 Heiko Mell: B…