Heiko Mell

Alles anders im Schwabenland?

Kann z. B. in Niedersachsen etwas die Karriere fördern, was sich z. B. in Baden Würtenberg (Schwabenland) eher hinderlich für die berufliche Entwicklung auswirkt? Ist dies vielleicht auch der Grund, warum sehr viele Menschen sich beruflich nicht in anderen Bundesländern orientieren und engagieren wollen, weil dort andere ungewohnte Mentalitäten herrschen?

Antwort:

Ich habe diesen Teilaspekt, der ein eigenständiges Thema darstellt, aus Ihrem längeren Brief herausgezogen, dies zur Erklärung.

Zunächst: Das bedeutende, schöne Bundesland heißt „Baden-Württemberg“. Ziehen Sie nicht dorthin, bevor Sie es richtig schreiben können, ist meine erste Empfehlung. Nun die zweite: Ihre Klammer hinter dem Bundesland sieht so aus, als würden Sie unterstellen, Baden-Württemberg sei Schwabenland. Das ist nicht nur auch falsch, das ist sogar gefährlich! Ich bin absolut kein Anhänger provinzieller Detailbetrachtung und finde beispielsweise Ortsschilder furchtbar kleinkariert, auf denen man etwa liest „Größte Kreisstadt im südlichen Oberfranken“ oder so ähnlich.

Aber in Baden-Württemberg, soviel weiß ich, gibt es – mindestens – Schwaben und Badener. Letztere leiden unter irgendetwas, das man ihnen bei einer Länderneuordnung angetan hat, man darf nicht „Badenser“ und schon gar nicht „Gelbfüßler“ zu ihnen sagen – und keinesfalls „Schwab“. Sonst aber sind sie alle furchtbar nett, ich habe – das wird sie erfahrungsgemäß besänftigen – schon viel Geld in diesem meinem bevorzugten Urlaubsland gelassen.

Aber nun im Ernst: Ich halte es durchaus für möglich, dass nicht jeder deutsche Arbeitnehmer in jeder denkbaren landsmannschaftlichen Umgebung absolut gleichermaßen glücklich wird. Aber, das weiß ich aus meinen außerordentlich zahlreichen Kontakten mit Bewerbern und sonstigen Gesprächspartnern: Ein Problem, über das man reden müsste, ist es nicht.

Für den großstädtischen Raum gilt ohnehin eine etwas größere landsmannschaftliche „Durchmischung“ und/oder eine entsprechend größere Toleranz im beruflichen Kontakt. Und selbst ein Unternehmen im dörflichen Umfeld hat heute so viele tägliche Beziehungen zu Kunden, Lieferanten, Bewerbern etc. aus „fremden“ Regionen, dass es sich intern eine übermäßige Engstirnigkeit gar nicht mehr leisten kann. Und wenn der Zugereiste dann noch seinerseits eine gewisse Toleranz und Anpassungsbereitschaft mitbringt, klappt das im Regelfall (wir reden bisher nur vom Arbeitnehmer im beruflichen Umfeld).

Auch die Grundeigenschaften, die vom qualifizierten und/oder leitenden Angestellten gefordert werden, sind praktisch deckungsgleich, schaut man auf die einzelnen deutschen Regionen.

Lässt man einmal die allerkleinsten Einheiten in Extremlagen beiseite und konzentriert sich auf Industriebetriebe von einigen hundert Mitarbeitern aufwärts, dann beantworte ich Ihre erste Frage mit Nein. Das kann, soll und darf im Zeitalter der Globalisierung letztlich auch nicht anders sein. Ausnahmen ergeben sich vor allem, wenn der „Neue“ selbst extrem landsmannschaftlich geprägt ist, seine Eigenarten (Dialekt!) auslebt und den „permanenten Fremdkörper“ spielt. Das aber wäre ein Sonderfall, sonst „klappt es mit den Nachbarn“ durchaus sehr gut.

Und doch gibt es ein Aber. Es sind nicht die Arbeitnehmer selbst, die fremde Bundesländer fürchten – es sind ihre Ehepartner und anderen Familienmitglieder. Die von Ihnen zitierten „sehr vielen Menschen“, die nicht in andere Bundesländer ziehen wollen, haben dafür generell keine beruflichen, sondern sie haben im Privatbereich liegende Gründe.

Da gibt es natürlich einmal die verständliche Neigung, überhaupt nicht wegzuwollen aus dem heimischen Umfeld. Dann folgt die Abneigung gegen bestimmte Regionen, in die man schon grundsätzlich keinesfalls will: „Nein, meine Frau geht nicht nach Norddeutschland“, sagt der typische Stuttgarter, wenn er am Telefon erfährt, dass der Dienstsitz der ihn durchaus interessierenden Position Köln wäre. Es lohnt dann keine Diskussion über „Norden“ und andere geographische Begriffe. Sie will halt nicht, was wollen Sie machen.

Schließlich haben manche(!) Familien angeblich Schauderhaftes bis Unerträgliches in der „Fremde“ erlebt, das ihre Rückkehr vermeintlich erforderlich machte. Führungskräfte geben gelegentlich ihre Positionen auf, weil die Familie einfach nicht zurecht kommen konnte im fremden Umfeld. Man hört das so gut wie nie von Leuten, die ins Ausland gehen, eher von Familien, die von Nordrhein-Westfalen in das kleinstädtisch-schwäbische Umfeld ziehen (willkürliches Beispiel). Dabei wohnt dort in der Gegend auch die eine oder andere Million Menschen und kommt mit ihrem Umfeld zurecht, irgendwie.

Wir schicken heute unsere Kinder zum Schüleraustausch für längere Zeit ins Ausland. Vielleicht hätten wir mit einem Bundesland-Austausch beginnen müssen. Damit später einige junge Erwachsene nicht den Umzug fürchten wie der Teufel das Weihwasser.

Dabei gilt ganz klar: Ein Akademiker, der die durch sein Studium vorgegebenen beruflichen Möglichkeiten ausschöpfen will und vielleicht sogar noch Karriereehrgeiz hat, muss in gewissen Abständen zum Ortswechsel bereit sein. Das schließt mehr und mehr das Ausland mit ein („Globalisierung“), bezieht sich aber in jedem Fall auf Deutschland. Es kann nicht schaden, so etwas schon bei der Partnerwahl oder einer endgültigen Bindung mit in die Überlegungen einzubeziehen.

Wichtig ist, dass man sich als „Fremder“ auch wirklich integrieren will, an seiner Anpassung arbeitet und einige „Marotten“ der neuen Umgebung – notfalls schulterzuckend – mitmacht oder doch akzeptiert. Im Laufe der Zeit lernt man dann, gelassener damit umzugehen.

Als Schlussbemerkung dazu: Wir sind ein freies Land, jeder kann umziehen oder es bleiben lassen. Ist letzterer Fall gegeben, will niemand die Gründe wissen. Schildern Sie also auch bitte mir nicht die besonderen Umstände, die gerade Ihnen jetzt einen Ortswechsel unmöglich machen. Aber wenn Sie ein anspruchsvolles Studium aufnehmen, sollten Sie in dem Augenblick schon wissen: Eine pauschale Umzugsverweigerung wäre etwa so als kauften Sie einen Sportwagen und legten gleichzeitig den Schwur ab: niemals über 80 km/h.

Kurzantwort:

Signifikante Unterschiede in den Anforderungsprofilen an Akademiker gibt es zwischen den deutschen Regionen praktisch nicht. Karriereschädliche Vorbehalte gegen die so wichtige räumliche Flexibilität kommen weniger von den Bewerbern als von deren Familienangehörigen.

Frage-Nr.: 1633
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 50
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2001-12-13

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