Heiko Mell

Wie kommt man vom Geschäftsführerstatus wieder „runter“?

Nach dem Abitur mit 3,6 erreichte ich einen Notendurchschnitt im Hauptdiplom von 1,9. Bei meinem ersten Arbeitgeber wurde ich befördert, ohne dass ich es gesucht hätte: Betriebsingenieur, Betriebsleiter, Niederlassungsleiter und Gebietsleiter, alles in nur fünf Jahren. Eigentlich wollte ich keine Karriere machen, aber nein sagen, wenn mehr Geld winkt, wollte ich auch nicht. Ich hatte immer Bauchschmerzen und war getrieben von der Angst, etwas falsch zu machen. Wohl dadurch war ich etwas besser als andere.

Dann bot man mir eine Geschäftsführerposition (über 300 Mitarbeiter) in einem aufgekauften ehemaligen Familienunternehmen an. Die Philosophie des Hauses hat mich begeistert und mir neuen Mut gegeben, in diesem Umfeld eigene Vorstellungen zu realisieren.

Auf der kaufmännischen Seite hatte ich einen Kollegen, der die 50 überschritten, 30 Jahre in dem Familienunternehmen gearbeitet und den Berufsausstieg vor Augen hatte. Alle Warnungen von Freunden und wohlwollenden Kollegen habe ich in den Wind geschlagen. Für mich galt: Auch mit dem komme ich zurecht. Ich bin es nicht!

Ich habe Fehler gemacht: kein Netzwerk aufgebaut, die falschen Leute (Vorgesetzte im Konzern) vor den Kopf gestoßen. Einziger Halt waren der Vorstandsvorsitzende, der mich in diese Gesellschaft beordert hatte und ein Berater. Als die beiden weg waren, wurde mein befristeter Vertrag nicht mehr verlängert.

Richtig böse, traurig oder enttäuscht war ich nicht. Eher befreit von einer Last. Ich hatte mich den Aufgaben nicht gewachsen gefühlt, war am Punkt der höchsten Inkompetenz angelangt. Diese Einschätzung war und ist niederschmetternd.

Andererseits: Warum hatte man mir immer größere Aufgaben übertragen? Waren die Entscheider alle blöd? Es gab doch auch Erfolge! Bei einem Einzel-Assessment für eine neue Stelle – wieder als GF eines entsprechend großen Unternehmens – habe ich nach Aussage des Personalberaters am besten von allen Kandidaten abgeschlossen (zu einer Einstellung kam es nicht). War ich etwa der einzige Kandidat?

Arbeit habe ich inzwischen wieder gefunden. Für einen großen internationalen Konzern baue ich ein neues Dienstleistungsgeschäft auf – als Einzelkämpfer. Auch hier glaube ich eher, dass ich der einzige Kandidat war, der bereit war, sich auf diese heikle Angelegenheit einzulassen.

Ich bin jetzt 40. Die Frage ist, wie gestalte ich die kommenden Jahre, ohne dabei zugrunde zu gehen? Beworben habe ich mich bereits auf Stellen mit Sachbearbeiter-Charakter oder als Abteilungs-/Niederlassungsleiter kleinerer Einheiten. Der Erfolg war mehr als bescheiden. Entweder hat man Angst, dass da einer kommt, der kurze Zeit später den ganzen Laden umkrempelt oder unzufrieden wird. Oder man befürchtet die gescheiterte Existenz, die ausgebrannt und nicht mal zum Hofkehren zu gebrauchen ist.

Wie kommt man aus einer Geschäftsführerposition wieder in ein „normales“ Angestelltenverhältnis? Wie kann in der aus eigener Kraft nicht zu beurteilenden Situation eine tragfähige Entscheidung herbeigeführt werden? Bei mir funktioniert der Mechanismus der Selbsteinschätzung und -kritik nicht.

Antwort:

Teilen wir den Komplex einmal in Kapitel auf. Soviel vorab: Hier geht es um mehr als das „Herunterkommen“ von GF-Höhen:

1. Schlechtes Abitur + gutes Examen = potenzielle KonfliktbasisMir gefällt die Ausgangssituation mit dem Abitur 3,6 und dem Hauptdiplom 1,9 nicht.

Sie schreiben im – oben ausgelassenen – Detail zum Abitur: „Leistungsfächer: Mathematik, Kunst, Erdkunde und Sport. Danach wollte ich der Welt(?) zeigen, dass es auch ohne Sport gegangen wäre. Von zwölf Vordiplomklausuren habe ich fünf erst im zweiten Anlauf geschafft. Nachdem ich die Erwartungen an mich deutlich heruntergeschraubt hatte, stieg der Notendurchschnitt vom Vordiplom 3,4 im Hauptdiplom auf 1,9.“

Bis hin zum Alter von 19 Jahren (Abitur) findet eine wesentliche Prägung der Persönlichkeit des jungen Menschen statt. Danach ist vieles sehr weitgehend festgelegt – oder es erfordert einen unverhältnismäßig großen Aufwand, um (bei kleinen Erfolgsaussichten) noch etwas zu verändern. Und 3,6 im Abitur ist so unendlich tief „unten“! Der entsprechende Schüler ist mit Sicherheit die ganzen Jahre auf diesem hundsmiserablen Niveau gewesen, so dass dies für ihn persönlichkeitsprägend wird. Er hat keine Erfolgserlebnisse, er lernt keine vernünftige Relation zwischen Leistung und Erfolg kennen, sein diesbezügliches Selbstbewusstsein entwickelt sich nicht richtig. Es fehlt die Einstimmung auf „Ich bin ein Erfolgstyp“.

Ich rate dringend davon ab. Vor allem rate ich Menschen davon ab, die irgendwie das Talent haben, später ein Examen mit 1,9 abzulegen.

So waren Sie zum Examenszeitpunkt etwa in folgender Situation: Vorgeprägt in Kindheit und Jugend durch einen Leistungsstandard an der untersten überhaupt möglichen Grenze, dazu passendes niedriges Selbstbewusstsein in diesem geistig dominierten Leistungsbereich (Gegenbeispiel: Sport); gleichzeitig war ein offenbar in Ihnen „schlummerndes“ Leistungsvermögen in der kurzen Zeit des Hauptstudiums plötzlich brutal hochgepuscht worden, das hatte dann zum überraschenden Examen von „Eins-Komma“ geführt. In den Augen der Umwelt hatten Sie ein tolles, superstabiles Haus gebaut (was es ab Oberkante Keller auch war), nur gab es kein dazu passendes Fundament! Das aber wusste niemand außer Ihnen.

 

2. Fehlstart wegen unzureichender VoraussetzungenUnd so traten Sie dann auf den Markt hinaus. Ihr Arbeitgeber kannte nur das tolle Examen; vermutlich hatte er nicht nach der Abiturnote gefragt (ich frage immer!). Sie hatten sicher – wie alle „Drei-Komma-Leute“ – dieses „inzwischen völlig veraltete Dokument“ nicht der Bewerbung beigefügt.

Da standen Sie nun. Intelligent, toller Ausbildungsabschluss – nur Ihr Ehrgeiz und Ihr Selbstbewusstsein, die ein Top-Abiturient ohne nachzudenken meist entwickelt, „hinkten“ hinterher. Diese gewaltige, für Sie völlig ungewohnte Anstrengung hin zum guten Examen war Ihnen eigentlich Ziel gewesen. Jetzt aber, für Ihre Chefs, war das nur ein erster kleiner Wegabschnitt. Ihre Vorgesetzten beförderten den, der offensichtlich konnte – Sie waren der, der gar nicht mehr so weitermachen wollte. Aber Sie galten als Leistungsträger, den man forderte und vorwärts trieb, auch weil zufällig das Umfeld danach war. Sie konnten das immer auch für eine kurze Zeit bringen, aber es war nicht Ihr selbstverständlicher Standard.

 

3. Der Aufsteiger muss seine Grenzen kennen!Jetzt wurden Sie befördert. Schüchtern meldete sich aus Ihrem Inneren eine Stimme: „Ich will das alles gar nicht.“ Die war ein ernstzunehmendes Signal! Karrierepositionen zu übernehmen, denen man eigentlich nicht gewachsen ist, obwohl man sie will, mag schlimm sein – funktioniert aber, siehe Praxis, oft ganz gut. Aber Verantwortung zu tragen, die man nicht will, ist extrem gefährlich! Und dann knallt es irgendwann. Nahezu zwangsläufig.

 

4. Ursachenanalyse hilftDie Katastrophe war also allein auf Ihre Fehler zurückzuführen! Mehr Anstrengungen in der Schule oder weniger temporärer Extremehrgeiz beim Examen (was in eine „harmlosere“ Laufbahn geführt hätte) und/oder ein kritischerer Blick für Ihre eigenen Grenzen hätten das Scheitern verhindern können. Man muss Beförderungen, die man nicht durchstehen würde, notfalls auch ablehnen.

Ich lege stets großen Wert auf eine klare „Schuldzuweisung“ im Sinne des Betroffenen. Wenn er anerkennt – und akzeptiert -, dass er selbst Hauptverursacher ist, wird er erfahrungsgemäß besser mit den Problemen fertig. Sonst hadert er nur mit den Mächten des Schicksals oder mit den ihn ernannt habenden Entscheidungsträgern („waren die alle blöd?“). Letztere waren nicht blöd, geehrter Einsender, die hatten eben nur von Ihrem „Haus“ gesehen, was man von außen oder als normaler Besucher von innen sieht. Sie hätten diese durchaus kundigen „Gutachter“ eben mal in Ihren „Keller“ führen sollen, dann wären die zu ganz anderen Resultaten gekommen.

 

5. Chancen auf dem MarktEinem gescheiterten Geschäftsführer (was man spätestens aus dem Abstieg in die heutige Position erkennt) gibt man so leicht keine zweite Chance auf GF-Ebene. Andererseits lautet eine „goldene Regel“: „einmal Geschäftsführer, immer Geschäftsführer“.Für Sie wäre nach meinem Empfinden eine mittlere Führungsposition (Abteilungs-/Niederlassungsleiter) ideal. Auch, um dort in Ruhe zu sich selbst zu finden, ein solides Selbstbewusstsein aufzubauen, Ihre Grenzen und Möglichkeiten ohne allzu großen Druck zu testen.Nun geht das „eigentlich“ gar nicht, siehe die erwähnte „goldene Regel“. Der Ausweg: Sie müssen in der Bewerbung „tiefstapeln“, Ihre früheren Erfolge und Positionen „tiefer hängen“, einen Lebenslauf präsentieren, der möglichst gut zur jeweiligen Zielposition passt. Es gibt zwar Hochstapler in unseren Gefängnissen, Tiefstapler jedoch eher nicht (dennoch, das muss hier gesagt sein, sollen Bewerbungen stets nur die Wahrheit …).

Wie man das macht? Etwa so:“01.04.98 – 31.10.01: delegiert in die technische Leitung des gerade von unserer Gruppe aufgekauften kleineren ehemaligen Familienunternehmens ‚Müller & Sohn‘, Hauptaufgaben dort …, …, … (aus formaljuristischen Gründen war die Position mit einer Eintragung als Geschäftsführer verbunden, das war jedoch gruppenintern ohne Bedeutung, ich galt intern als ““technische Führungskraft““).

„Das ist nicht ganz sauber, es ist auch Ihr Risiko – aber einen anderen Weg sehe ich nicht. Natürlich steht dann im Zeugnis nur „Geschäftsführer“. Aber wenn der Bewerber selbst schon sagt, das hätte nichts zu bedeuten (wo die Kandidaten sonst doch eher hochstapeln) …

Kurzantwort:

1. Es ist für die gesamte Persönlichkeitsentwicklung besser, wenn Abitur- und Examensnote auf ähnlichem Niveau stehen und zumindest nicht extrem differieren („Früh krümmt sich, was ein Häkchen werden will“).

2. Abstiege gegenüber früheren „Höhen“ sind in Bewerbungen stets kritisch. Oft hilft es, z. B. die letzte Position im Lebenslauf bewusst „tiefer zu hängen“.

Frage-Nr.: 1627
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 46
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2001-11-15

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