Heiko Mell

Ausland – ich will, keiner will mich

Ich bin 40 Jahre alt, Dipl.-Informatiker und seit einigen Jahren in einem Unternehmen (Telekommunikation) im Bereich Software-Test/Qualitätsmanagement tätig. Im Rahmen meiner beruflichen und persönlichen Weiterbildung strebe ich einen befristeten Auslandsaufenthalt an.

Da dies bei meinem derzeitigen Arbeitgeber nur sehr eingeschränkt möglich ist, habe ich eine Reihe von Firmen angeschrieben, die multinational tätig sind (z. B. Elektrokonzerne, Automobilunternehmen, Telekommunikationskonzerne). Ich habe jeweils mein berufliches Profil zugesandt und um eine Prüfung gebeten, ob eine Einstellung unter der Voraussetzung eines Auslandsaufenthaltes in Betracht käme.

Eigentlich hatte ich erwartet, mit meiner Bereitschaft, ins Ausland zu gehen, überall sehr willkommen und hoch gesucht zu sein. Ich verfüge zudem über einige Sprachkenntnisse und glaubte, bereits ohne den Aspekt des Auslandsaufenthaltes mit meiner beruflichen Qualifikation interessant für andere Unternehmen zu sein. Tatsächlich habe ich jedoch keine einzige Zusage oder auch nur eine Einladung zu einem Vorstellungsgespräch erhalten, was mich natürlich nachdenklich macht und die Frage aufwirft, woran das liegen könnte.Ich bin sehr daran interessiert, Ihre Meinung zu diesem „Phänomen“ zu erfahren.

Antwort:

1. Diese großen Unternehmen denken global. Das Werk, das sie in Portugal haben, steht gleichberechtigt neben dem in Oberhessen. Würden Sie die Siemens-Zentrale anschreiben mit den Ansinnen, eine Beschäftigung im Werk in Oberhessen zu erhalten?

2. Firmen sind höchst egoistisch (Bewerber auch, man passt hervorragend zusammen). Sie nehmen Bewerber, um Besetzungslöcher zu stopfen, aus keinem anderen Grund. Sie sind weder daran interessiert, die Auslandsbeschäftigung deutscher Arbeitnehmer zu fördern, noch ihnen zu einer höheren beruflichen Qualifikation zu verhelfen. Die Kernfrage ist also: Liegt der angeschriebenen Konzernstelle zu jenem Zeitpunkt die konkrete Personalanforderung für einen Mitarbeiter dieser Qualifikation für eine bestimmte Einsatzregion vor? Vermutlich nicht.

3. Es gilt das Prinzip, den einzelnen Organisationseinheiten weitgehend Personalhoheit zu gewähren. Das heißt, man entscheidet „vor Ort“, wen man einstellt und wo man ihn sucht. Diese Mitarbeiter ohne Führungsfunktion, zu denen Sie gehören, werden – bei Bedarf(!) – vom spanischen Tochterwerk in Spanien gesucht. Ob sich die deutsche Zentrale überhaupt die Mühe macht, Ihre Bewerbung an alle diese ausländischen Werke weiterzuleiten, ist völlig offen.

4. Sie machen einen generellen Denkfehler: Man bewirbt sich, um eine bestimmte Aufgabe im Interesse des Unternehmens zu lösen. Nicht jedoch, um an einen bestimmten Ort zu kommen. Das geht fast immer irgendwie schief.

5. Sie haben an die Firmen geschrieben: „Ich strebe eine Stelle im Bereich … an, die eine einjährige Auslandsentsendung (bevorzugt in der Region Italien, Spanien, Portugal) beinhaltet.“ Das ist viel zu eng gefasst. Letztlich haben Sie geschrieben: „Ich suche eine Stelle in Ihrer Zentrale in München, die mit einer einjährigen Entsendung ins Werk Oberhessen verbunden ist.“ Wahrscheinlichkeit für die Existenz einer jetzt gerade freien Stelle dieser Art: etwa null.

Fazit: Man kann an Firmen schreiben, man suche eine Anstellung bei ihnen. Aber es muss um die Sache gehen. Vom Ort her zeigt man sich mobil – und geht dahin, wo man gebraucht wird.

Wenn man unbedingt in eine Region will, begeht man einen Systemfehler (Ortsdominanz) – und bewirbt sich besser gleich bei Firmen „vor Ort“. Allerdings geht dann die Rückkehr auf eigenes Risiko.

Kurzantwort:

Wer an einen bestimmten Ort will, hat schlechte Karten. Das gilt für Spanien wie für Oberhessen.

Frage-Nr.: 1609
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 36
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2001-09-07

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