Heiko Mell

Bei Existenzgefährdung wegbewerben?

Ich war nach dem Studium zunächst drei Jahre bei einem Arbeitgeber tätig. Ich verließ ihn, weil der Arbeitsplatz nicht sicher schien (Zeitvertrag) und weil absehbar war, dass es dort kaum Entwicklungsmöglichkeiten geben würde.

Nun bin ich seit knapp zwei Jahren in einem Unternehmen der Elektronik-Branche tätig. Der Firma ebenso wie der Branche geht es sehr schlecht, die Aufträge bleiben aus, es droht Kurzarbeit. Ein Ende der Situation ist nicht abzusehen.

Mit dem Arbeitsplatz, den Aufgaben, den Möglichkeiten sowie dem Verhältnis zu Vorgesetzten und zur Geschäftsleitung bin ich zufrieden. Und ich denke, dass es hier noch viel zu lernen gibt. Daher möchte ich eigentlich nicht nach einer neuen Stelle suchen. Auch sehe ich das sich dann im Lebenslauf bietende Bild als potenzielles Problem.

Andererseits werde ich wohl nur noch wenige Chancen haben, wenn das Unternehmen erst einmal in richtig große Schwierigkeiten gelangt ist und der Arbeitsplatz kurzfristig in Gefahr gerät, sei es durch betriebsbedingte Kündigung oder durch Insolvenz.

Mir stellt sich die Frage, unter welchen Umständen es prinzipiell sinnvoll ist, sich aus einem in die Krise geratenen Unternehmen wegzubewerben und wann.

Antwort:

Nicht speziell für Sie, aber für alle anderen: So etwas kann jederzeit überall geschehen. Wobei es völlig egal ist, ob wegen Geschäftsbereichs-Schließung, Firmenpleite oder Unternehmensverkauf die Kündigung droht. Für solche Fälle muss man gerüstet sein. Das wiederum hat vorher zu geschehen. Man spart ja auch „vorher“, um dann Notfällen gefasst gegenüber treten zu können.

Also empfiehlt es sich, beim ersten und zweiten Arbeitgeber möglichst lange zu bleiben und nicht nur die Minimalfristen durchzuhalten, sondern Polster zu bilden für Unvorhergesehenes. Nach sieben oder acht Jahren bei einem Unternehmen fallen zwei Jahre beim zweiten kaum auf, nach achtzehn Monaten beim ersten jedoch sehr.

Nun also speziell zu Ihrer Frage (die aber durchaus für viele andere von Interesse ist): Es ist immer gut, sich in Zweifelsfällen die Grundregeln vor Augen zu halten. Und die hier zutreffende lautet: Man gestalte nach Möglichkeit jedes Beschäftigungsverhältnis so, dass hinterher diese Phase des Werdeganges keine Auffälligkeiten zeigt, dass niemand daran „riechen“ kann. Diese Forderung ist erfüllt, wenn Sie

– etwa fünf Jahre dort tätig waren,
– ein in der Beurteilung gutes oder sehr gutes Zeugnis bekommen,
– lt. Zeugnis auf eigenen Wunsch ausgeschieden sind,
– lt. Lebenslauf direkt am Tag danach – also „nahtlos“ – ein neues Arbeitsverhältnis begonnen haben.

Alles, was davon abweicht, ist mehr oder weniger kritisch. Und Sie wissen nicht, was in Ihrem Berufsleben noch alles geschieht – und ob Sie nicht durch Ereignisse in der Zukunft zum „Wiederholungstäter“ gestempelt werden.

Für neue Leser wiederhole ich eine hier oft dargestellte Erkenntnis: Es geht nicht vorrangig darum, ob Sie die Schuld an dem auslösenden Ereignis tragen – Erfolg ist gefragt, nicht die optimale Ausrede für Misserfolg. Bleiben noch die „Ratten, die ein sinkendes Schiff verlassen“ – und mit denen man nicht gern in einen Topf gesteckt werden mag. Nun, es ist sehr vernünftig von den „Ratten“, rechtzeitig von Bord zu gehen. Wer denn gäbe ihnen etwas, gingen sie mit dem Schiff unter?

Sie, geehrter Einsender, müssen also versuchen, möglichst nahe an das dargestellte Optimum heranzukommen. Kritischer Punkt ist die Dauer des Beschäftigungsverhältnisses. Sie müssen jetzt das eine tun, ohne das andere zu lassen. Also einerseits entschlossen und engagiert weitermachen im Job – und andererseits an den Markt gehen, Anzeigen lesen, erste Bewerbungen schreiben, Erfahrungen über die Akzeptanz Ihrer Unterlagen sammeln, ständig irgendwo etwas „laufen“ haben, aber noch nichts unterschreiben. Am besten steigen Sie bei diesen vereinzelten Versuchen zunächst nach der Einladung zum Vorstellungsgespräch wieder aus. Dabei vergehen Monate, vielleicht Jahre – die Sie auf dem Dienstzeitenkonto sammeln. Falls inzwischen auf Arbeitgeberseite tatsächlich etwas „passiert“, sind Sie vorbereitet und können schnell auf einen Ihrer fahrenden Züge aufspringen. Und falls Ihnen schon der erste Punkt meiner Aufzählung danebengeht, so retten Sie wenigstens die anderen.

Bei der Gelegenheit noch etwas Grundsätzliches: Wenn man so vorgeht wie von mir angeregt – bietet man dann eigentlich nicht nur Show-Effekte statt Solidität, poliert man nicht nur an der Verpackung herum, statt den Inhalt zu verbessern? Wer will denn so etwas?

Antwort auf die letzte Frage zuerst: Alle, wir, das ganze System der Marktwirtschaft. Sehen Sie, es kommt ja auch derjenige bei uns an die Regierung, den die meisten Leute wählen. Dass man gut sein, gute Arbeit leisten muss, wird eigentlich nicht verlangt. Hauptsache ist, man überzeugt irgendwie Wähler. Und das Prinzip gilt auch beim Thema dieser Serie: Hauptsache ist, man überzeugt Entscheidungsträger (Warnung: Die guten unter denen überzeugt man auch nur, wenn man selbst gut ist, aber „überzeugen“ bleibt die Maxime).

Die Entscheidungsträger wissen übrigens auch, dass nicht alles, was in Lebensläufen glänzt, unter der Oberfläche ähnlich gut ist. Aber: Wenn „Glanz“ schon nichts beweist, was bewiese dann eine stumpfe, rostige Deckschicht? Und: Wer stets alles so „hinbekommt“, dass es tadellos aussieht und niemand dran „riechen“ kann, der ist clever. Und das kann man sehr gut gebrauchen in der Welt des Berufs! Denn wer in eigener Sache geschickt vorgeht, der macht das auch bei Präsentationen beim Vorstand, bei der Leitung von Projekten und der Konzeption von Strategien für Märkte.

Und wenn Sie – spätestens – an der Stelle fragen, ob diese Berufswelt nicht auch viel Oberflächliches, viel auf Showeffekte Getrimmtes und relativ wenig ernsthaft Anspruchsvolles enthält, dann hören Sie von mir ein donnerndes „Aber ja“.

Kurzantwort:

Wer sehr früh innerhalb eines neuen Beschäftigungsverhältnisses vom möglichen Verlust des Arbeitsplatzes bedroht wird, sollte zwar so lange wie möglich bleiben, aber gleichzeitig die Fühler zum Markt aktiv ausstrecken.

Frage-Nr.: 1608
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 36
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2001-09-07

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