Heiko Mell

Wer liebt schon Wasserklosetts?

Ich bin Mitte 30, habe Luft- und Raumfahrttechnik studiert und anschließend promoviert. Seit zwei Jahren bin ich bei einem mittelständischen Automobilzulieferer beschäftigt. Zunächst habe ich dort auf meinem Spezialgebiet, der Strömungssimulation, gearbeitet.

Nach kurzer Zeit wurde ich zum Leiter eines Entwicklungsprojektes ernannt. Dabei führe ich ein größeres Team von Mitarbeitern auf fachlicher Ebene. Dieses Projekt wird in Kürze abgeschlossen. Meine Chefs sind mit mir zufrieden und haben mir die Leitung eines weiteren Entwicklungsprojektes angeboten. Dessen Laufzeit beträgt ca. zwei Jahre.

Mit meiner Tätigkeit bin ich im Wesentlichen zufrieden, mein Interesse an der Automobilbranche und deren Produkten ist allerdings begrenzt. Daher erwäge ich seit einiger Zeit, in die Luftfahrtbranche zu wechseln. Sie hat mich schon immer wesentlich stärker fasziniert, ein Einstieg direkt nach meiner Promotion kam aus verschiedenen Gründen nicht zustande.

Nach Aussage einer für mich interessanten Firma der neuen Branche ist dort ein Einstieg allerdings nur über eine Fachfunktion und nicht als Projektleiter möglich. Im Moment bieten sich mir zwei Möglichkeiten:

1. Wechsel schon nach Abschluss des jetzt noch laufenden Projekts. Der Nachteil wäre eine kurze Dienstzeit von zwei Jahren. Vorteil: Der – offensichtlich notwendige – Schritt zurück in die Fachfunktion sollte meiner Meinung nach so früh wie möglich getätigt werden.

2. Wechsel nach Abschluss des nächsten Projektes. Der Nachteil hier wäre eine noch stärkere Festlegung auf die Automobilbranche und die Frage, ob danach ein Branchenwechsel überhaupt noch möglich ist.

Antwort:

Sie glauben also, darauf beruht ja Ihr ganzes Problem, nur in einer bestimmten Branche glücklich werden zu können. Ich rate Ihnen sehr, diese „Säule“ Ihres Denkmodells in Frage zu stellen – dann wäre alles in bester Ordnung.

Wenn das Streben nach der allein seligmachenden Branche einen Sinn machte, dann müssten wir es allen zugestehen. Und wer leitete dann die Entwicklung von Wasserklosetts oder Staubsaugern oder Müllfahrzeugen oder Verkehrsampeln oder Fensterprofilen? Alles Produkte, die wir dringend brauchen, deren Optimierung sicher des Schweißes der Edlen wert ist – aber welcher junge Ingenieur geht schon aus früher Jugendleidenschaft gezielt in diese Branchen?

Ich will damit ganz ernsthaft warnen vor dem Grundgedanken Ihrer Frage. „Mich interessieren die Produkte in dieser Branche nicht“ – das ist, darum geht es mir, eine Selbstverständlichkeit und völlig normal. Irgendjemand entwickelt und produziert Fensterkurbeln für Autos. Können Sie sich vorstellen, dass dieser Jemand sagt, er habe schon immer geträumt von der Welt der Fensterkurbeln? Er wird aber heute eine interessante Aufgabe vor sich sehen: Konstruktive Optimierung unter Einbeziehung vorgegebener Designelemente, Gewichtsminimierung, Anforderungen des Unfallschutzes, Materialauswahl, Festlegung von kostengünstigen Fertigungsverfahren, Großserienproduktion bei hoher Modellvielfalt und höchsten Qualitäts- und Terminanforderungen – das ergibt seine derzeitige anspruchsvolle Berufswelt. In der er höchst zufrieden arbeitet. An Fensterkurbeln.

Wer konstruiert heute schon ganze Autos oder Raketen oder Raumstationen? Erst in extrem ranghohen Positionen verantwortet man solche komplexen Produkte komplett – allen anderen, auch Führungskräften, bleiben nur Teilbereiche, etwa Einzelbauteile oder Module.Halten wir also bis hierher fest: Würden Ingenieure ausschließlich in Branchen arbeiten, die sie faszinieren, und Branchen meiden, deren Produkten „als solche“ sie kein besonderes Interesse entgegenbringen, bräche die Wirtschaft zusammen. Das darf nicht sein – also taugt das Prinzip nichts, auf dem Ihre Frage beruht.

Auch diejenigen Ingenieure (was auch für die anderen Akademiker aus anderen Fachrichtungen gilt), die nicht in ihrer „Traumbranche“ arbeiten, haben ein Recht auf berufliche Erfüllung. Aber sie suchen sich diese eben in den Details ihrer Aufgabe, in dem Verantwortungsrahmen, in der Karriere, in den Gestaltungsmöglichkeiten, in der Anerkennung, die sie genießen.

Hautnah damit verknüpft ist eine Empfehlung, die ich hier schon öfter gegeben habe: Seien Sie vorsichtig damit, eine besondere produkt- oder branchenbezogene Leidenschaft zur Basis Ihrer kompletten beruflichen Ausrichtung zu machen. Leidenschaft ist ein schlechter Ratgeber, im beruflichen Bereich sind aber kühle, auch unter wirtschaftlichen und anderen sachlichen Aspekten zu treffende Entscheidungen gefragt.

„Ich konstruiere Fensterkurbeln für Pkw, meine Leidenschaft gilt dem bemannten Raumflug“, ist gar keine schlechte Einstellung zu den Dingen, sie hat sich vielfach bewährt.Nun ahne ich natürlich, was ich damit – auch – anrichte: Einige berufserfahrene Führungskräfte werden mir zustimmen, zahlreiche jüngere, engagierte Ingenieure werden kritisch reagieren: Man werde sich doch noch nach seinen Neigungen richten dürfen und ob denn nicht allein aus der Leidenschaft einzelner Entwickler für ein Produkt oder eine Branche weltberühmte Produkte entstanden seien. Antwort: Beispiele gibt es für alles, wir aber sprechen hier von weisungsgebunden arbeitenden abhängig Beschäftigten. Denen bleibt ohnehin wenig Raum für leidenschaftsgerechtes Tun. Und mitunter setzt man Lasten- und Pflichtenhefte leichter um, wenn das Herz etwas weniger an der Branche hängt.

Damit wir uns nicht missverstehen: Im Einzelfall kann man natürlich dennoch eine rein neigungsorientierte Branchenauslese treffen – aber darauf versteifen darf man sich nicht. Und – siehe oben – für alle ließe sich das ohnehin nicht durchführen. Es wäre das Ende der Wasserklosetts in diesem Land. Will das jemand?

Nun konkret zu Ihnen, geehrter Einsender: Natürlich haben Sie noch ein zusätzliches Argument, da Ihr Studium so offensichtlich auf eine einzige Branche hinzielt. So wie ein Ingenieur der Kfz-Technik eben „automatisch“ in die Kfz-Industrie streben würde.

Aber diesem aus Ihrer Sicht positiven Zusatzargument steht ein mindestens ebenso gewichtiges negatives gegenüber: Ihre Lieblingsbranche hat Sie beim Berufseintritt nicht gewollt – und nun sind Sie bereits „anderweitig“ engagiert. Sogar erfolgreich.

Jetzt sind Sie „Mitte 30“ und merken: Umwege kosten Energie und gefährden Erfolge. Auf dem Umweg über die Kfz-Technik zur Luft- und Raumfahrt, das ist aufwändiger als das direkte Hineinspringen in die Zielbranche. Dort müssten Sie jetzt wieder ganz unten anfangen. Nicht nur gäbe es keinen Fortschritt, wie er beim Wechsel normal wäre, es ginge sogar deutlich nach unten! Vielleicht sogar gehaltlich.

Und wenn nun etwa ein Jahr nach Ihrem jetzt angedachten Wechsel ein neuer durchgezogen werden müsste? Und Ihre Lieblingsbranche dann mal wieder kein Geld hätte und niemand dort Sie nähme? Dann müssten Sie wieder „fremd“ gehen und hätten Ihren Werdegang („vom Projektleiter zum Sachbearbeiter“) endgültig ruiniert.

Ich rate Ihnen vom Realisieren des Branchentraums ab. Bleiben Sie beim Metier, das sich eher zufällig ergeben hat. Falls Ihnen Ihre heutige Aufgabe nicht anspruchsvoll genug ist, wechseln Sie die Firma. In der ersten „richtigen“ Praxisbewährung nach Studium oder Promotion darf man schon nach nur zwei Jahren wechseln. Sollten Sie den Schritt in die Luft- und Raumfahrt aber dennoch vollziehen wollen, dann so früh wie jetzt möglich.

Kurzantwort:

Nachdem man schon den Beruf nach Neigung gewählt hatte, sollte man bei der Auswahl der Zielbranche vorsichtig damit sein, wieder nur nach Neigung vorzugehen. Kühle Professionalität ist meist der bessere Ratgeber.

Frage-Nr.: 1602
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 32
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2001-08-10

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