Heiko Mell

Mit Mitte 40 ins Ausland?

Frage: Ich bin Mitte 40 und als Projektleiter für wichtige Entwicklungsprojekte verantwortlich. Die Sache macht mir Spaß, mein Chef, denke ich, ist mit mir zufrieden.
Wir haben ein technisches Konzept entwickelt und umgesetzt, das in Europa sehr erfolgreich ist und auf weiteres internationales Interesse stößt. Wir wollen die Chance beim Schopf packen und im Ausland weiter expandieren. Mein Chef bot mir nun an, zur Realisierung des ersten diesbezüglichen Projektes drei Jahre nach Nordamerika zu gehen (Aufbau + Inbetriebnahme + Betriebsleitung).
Ich betrachte dieses Angebot als große Chance, sowohl in fachlicher als auch in finanzieller Hinsicht einen Entwicklungssprung zu machen. Andererseits bin ich etwas hin- und hergerissen:
Einerseits bedeutet das für mich, einen bedeutsamen Karriereschritt zu machen und stärker in Personalverantwortung eingebunden zu werden, andererseits verlasse ich damit meinen bisherigen Weg (Projektleiter + Produktentwicklung). Damit ergeben sich einige Risiken gleichzeitig: Wechsel des Kulturkreises, neue Verantwortungsebene, Rückkehr mit ca. 50 (dann wäre ein Wechsel zu einem anderen Arbeitgeber schon problematisch?). Auch im persönlichen Bereich ergeben sich einige Probleme.
Von Ihnen habe ich gelernt, dass man in so einer Situation Prioritäten setzen und persönliche Dinge unter Umständen in die zweite Reihe verschieben muss. Mein „Bauch“ sagt mir zudem, dass ich mit meinen persönlichen Problemen wohl eher die Geschäftsführung nerven würde, was eine Suche nach personellen Alternativen ins Leben rufen könnte.
Sehe ich das richtig? Oder ist es durchaus üblich, in so einer Situation seine persönlichen Probleme offen anzusprechen und auf dieser Basis vielleicht sogar bessere Konditionen auszuhandeln?

Antwort:

Einige der von Ihnen zusätzlich aufgezählten Problemdetails habe ich hier weggelassen – jeder lebenserfahrene Mensch weiß, dass bei einem Mann Ihres Alters Themen wie „Haus“, „Beruf der Ehefrau“, „zurückbleibendes, fast erwachsenes Kind“ zusätzlich ins Gewicht fallen können.

Damit sind wir dann auch schon mitten im Thema: Ich glaube zunächst einmal, dass Sie das optimale Alter für einen solchen Schritt bereits überschritten haben. Wohlgemerkt: für den ersten längeren Auslandseinsatz, nicht etwa generell. Und damit meine ich noch nicht einmal die Schwierigkeiten im privaten Umfeld.

Mein wichtigstes Argument betrifft auch nicht direkt Ihren Einsatz in Nordamerika. Natürlich kann auch das noch zum Fiasko werden, ob mit oder ohne Ihr Verschulden. Aber wir alle dürfen nicht ständig in Angst leben vor „neuen Ufern“, die wir betreten. Wer nichts wagt, gewinnt auch nichts – das ist immer noch so (leider gewinnt auf der anderen Seite auch längst nicht jeder, der gewagt hat). Nein, ich unterstelle einfach einmal, Sie gingen nach Amerika und alles dort liefe gut. Beschäftigen wir uns mit Ihrer Situation, in der Sie anschließend – vermutlich – sind:

1. Ihr Arbeitgeber hat in Deutschland mit hoher Wahrscheinlichkeit gerade zu diesem Zeitpunkt keine attraktive Position für Sie. Das heißt, Sie würden hier irgendwo „untergebracht“ (Branchenjargon: „Druckposten“).

2. Ihr Arbeitgeber hat inzwischen die internationale Vermarktung weiter vorangetrieben – und sucht händeringend nach Leuten, die in einem weiteren Land die Inbetriebnahme sowie die Betriebsleitung einer neuen Anlage übernehmen. Z. B. in Russland oder China. Sie haben Auslandserfahrung, es passt also alles. Man drängt Sie, wieder ins Ausland zu gehen.

3. Mit dann fast 50 Jahren haben Sie auf dem deutschen Arbeitsmarkt tatsächlich ein großes Problem – so einfach das Unternehmen wechseln können Sie schon deshalb nicht.

4. Fachlich sind Sie inzwischen ein Betriebsleiter mit etwa zwei Jahren Praxis in diesem Job – und ein langjähriger Entwickler/Projektleiter, der dort aber „ausgestiegen“ ist. Diese wenig griffige Laufbahn kommt zum Altersproblem hinzu.

5. Ihre Führungspraxis umfasst ausschließlich die disziplinarische Führung von Mitarbeitern, die Amerikaner sind und nach amerikanischem System leben und arbeiten. Sie haben keine Erfahrungen mit deutschen unterstellten Mitarbeitern, keine Routine im Umgang mit Betriebsräten deutscher Prägung etc. Das alles passt prima zu China („Ausland ist Ausland“, der Markt denkt so), aber macht Sie weniger interessant für eine klassische Position in Deutschland.

Damit konzentriert sich alles auf einen Punkt: Kann Ihr Arbeitgeber Ihnen eine vernünftige verbindliche Zusage geben, was nach Rückkehr hier mit Ihnen geschieht? Kann er, ist alles in Ordnung, alle Bedenken entfielen. Ich fürchte jedoch, er kann nicht (Personalplanungen über drei Jahre gibt es kaum).

Damit bin ich sehr skeptisch, was das Projekt angeht – aus rein berufsplanerischer Sicht. Wenn aber Sie und Ihre Familie(!) den anderen Aspekt stärker gewichten, dann gilt: Es könnte das zentrale Erlebnis für Sie werden – das Sie vielleicht noch Ihren Enkelkindern erzählen. Aber das ist eher nicht mein Thema.

Was Ihre „persönlichen Belange“ im Zusammenhang mit einer Entsendung angeht: Im Normalfall will ein Arbeitgeber nichts mit „bedarfsorientierten“ Forderungen von Mitarbeitern zu tun haben: „Meine Frau hat ihren Job verloren, ich brauche also zum Ausgleich mehr Gehalt“, das bringt Chefs sofort in Opposition. Gehalt gibt es für die Leistung des Arbeitnehmers, das allein ist das Kriterium.Sofern aber der Arbeitgeber selbst an einer größeren Veränderung innerhalb des Beschäftigungsverhältnisses interessiert ist, die der Arbeitnehmer weder voraussehen konnte und die auch nicht zum üblichen Spektrum seiner Tätigkeit gehört (hier: Verlagerung des Dienstsitzes für mehrere Jahre ins Ausland), sieht die Sache anders aus. Hier hat der Arbeitnehmer ein zumindest „moralisch“ begründetes, aus der Fürsorgepflicht des Arbeitgebers abzuleitendes „Recht“, seine Probleme offen darzulegen und irgendeine Art von Hilfe zu erbitten. Natürlich hat dann auch wieder der Arbeitgeber das Recht, die Bitte um Ausgleich abzulehnen. In sehr großen Konzernen fast immer und in größeren Firmen oft ist so etwas durch Richtlinien geregelt, in kleineren bedarf es der Übereinkunft im Einzelfall.

Also: Über Ihre Probleme mit dem Haus und vielleicht noch mit dem Wegfall der Berufstätigkeit der Ehefrau dürften Sie problemlos reden. Und Sie dürften sagen, Sie setzten eine vertragliche Vereinbarung voraus, nach der Sie nach Rückkehr hier zum angemessenen Gehalt weiterbeschäftigt werden. Aber eine mit der amerikanischen vergleichbare oder pauschal „angemessene“ Position wäre kaum möglich, eine konkret genannte gar nicht (das hat nichts mit dem guten Willen des Arbeitgebers zu tun – es weiß einfach niemand, was in drei Jahren sein wird).

Fazit: Je jünger man ist, desto problemärmer gestaltet sich eine mehrjährige Entsendung ins Ausland.

Ausblick: Globalisierung und Internationalisierung schreiten voran, das frühzeitige Lernen der englischen Sprache ebenfalls. In zwanzig Jahren wird man innerhalb Europas ebenso problemlos umziehen wie heute von Stuttgart ins Sauerland (was konkret bedeutet, dass sich gar nichts ändern wird, weil niemand von Stuttgart ins Sauerland will – und vice versa).

Kurzantwort:

Wer ins Ausland gehen will, sollte das Rückkehrproblem sehen. Dazu gehört, nach vollzogener Reintegration in Deutschland mit der Notwendigkeit eines Arbeitgeberwechsels zu rechnen. Wer dann 50 Jahre alt wäre, hätte ein ernsthaftes Argument gegen das ganze Projekt.

Frage-Nr.: 1590
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 24
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2001-06-15

Ein Beitrag von:

  • Heiko Mell

    Heiko Mell ist Karriereberater, Buchautor und freier Mitarbeiter der VDI nachrichten. Er verantwortet die Serie Karriereberatung innerhalb der VDI nachrichten.

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