Heiko Mell

Zurück zur alten Firma?

Ich bin bei einem mittelständigen Betrieb in der Ebene unterhalb der Geschäftsleitung angestellt. Vorher war ich fast zehn Jahre beim XY-Konzern tätig.

Im Laufe meiner derzeitigen Tätigkeit tauchen immer wieder die gleichen Probleme auf: Die „Chemie“ zwischen dem Geschäftsführer und mir stimmt nicht und bedingt durch die sehr große Traditionsverbundenheit des Unternehmens stoße ich immer wieder auf Grenzen, ich kann nichts bewegen.

Ich habe jetzt meinen früheren Chef von der Konzerngesellschaft getroffen. Er hat mich gefragt, ob ich wieder bei seinem Unternehmen anfangen wolle.

Schadet so etwas der Karriere? Ist das ein Zeichen, dass man den damaligen Wechsel nicht geschafft hat?

Antwort:

Ich „schreibe“ seit 1975. Und, das muss gesagt werden, man schreibt letztlich viel, um wenig zu verändern. Gelegentlich fragt man sich, was wohl bleibt, wenn man eines Tages auf sein Lebenswerk zurückschaut. Und bisher hatte ich die Hoffnung, da gäbe es etwas, das mir niemand nehmen könne: Ich war der Mann, der dem deutschen Ingenieur vermittelt hat: ES GIBT KEINE MITTELSTÄNDIGEN FIRMEN!

Das galt bis eben, dann las ich diesen Brief.Also muss ich noch einmal ran:- „mittelständig“ ist ein Begriff, der aus der Botanik kommt und irgendetwas mit der Anordnung von Stempeln und Staubgefäßen in Blüten zu tun hat. Diese Erklärung ist nicht erschöpfend, reicht aber für unsere Zwecke;- „mittelständisch“ meint „den Mittelstand betreffend“ – und solche Firmen gibt es;- was der deutsche Akademiker ist oder tut, muss er richtig schreiben können (wie auch „Akquisition“), u. a. in Bewerbungen.

Hier, liebe Ingenieure, meine Drohung: Auf jedes „mittelständig“, das in Briefen an mich falsch gebraucht wird (und da wir hier nie über Botanik reden, ist es immer falsch!), antworte ich mit „Schraubenziehern“ und „Löchern“, die man in ein Werkstück „hineinmacht“. Und wenn das alles nichts nützt, gehe ich „ein Kilo Kartoffeln“ kaufen – dann versinkt die Welt im Chaos (langjährige Leser erinnern sich vielleicht an frühere diesbezügliche „Aufstände“). Bitte, ruinieren Sie mir nicht das bisschen Lebenswerk, das man so hat.

Sie, geehrter Einsender, können eigentlich nichts dafür, dass ich mich so echauffiere – den Fehler haben einfach zu viele vor Ihnen schon gemacht. Aber er ist doch seltener geworden in den letzten Jahren. Vielleicht liest dies alles ja doch so mancher in stiller Stunde.

Zur Frage: Wir haben nun das Internet und gehen nicht mehr ohne Not zu Brieftaube und handgestöpseltem Telefon zurück. Das letzte Wort dieser Aussage ist es, auf das es ankommt: Wir streben vorwärts, blicken nach vorn, suchen den Fortschritt. Das hat die Menschheit so an sich. Unabhängig davon, wie man dazu steht: Man kann ohnehin nichts dagegen tun. Alles, was mit dem Wort „zurück“ zu tun hat, gilt demgegenüber als grundsätzlich negativ. Wir gehen nicht zurück auf die Schule, kehren nicht zu unserem Einkommen aus vergangenen Zeiten zurück und träumen nicht von der Vergangenheit und ihren „besseren Tagen“.

Ganz banal: Das Leben ist wie eine endlos lange Rolltreppe (ich weiß, dass Fachleute einen anderen Begriff verwenden, den sonst aber „kein Mensch“ benutzt). Sie können auf Ihrer Stufe stehen bleiben, dann trägt die Treppe Sie ohne Ihr Zutun langsam weiter. Oder Sie gehen darauf aktiv vorwärts, dann verändert sich Ihr Umfeld schneller. Aber wenn Sie zurückgehen wollten, bekämen Sie Probleme – die anderen murrten, Ihr Tun wäre gegen die Spielregeln.

Nun ist diese Erklärung für lebenserfahrene Praktiker bereits ausreichend (ein Zurück widerspricht unserer Lebensphilosophie), mag aber jüngeren Lesern noch nicht als Beweis reichen. Daher also noch Zusatzargumente:- Wir sind eine Erfolgsgesellschaft, nur positive Resultate zählen. Die im Lebenslauf spontan ins Auge fallende Rückkehr zum alten Arbeitgeber ist das unübersehbare Eingeständnis, dass der damalige Wechsel ein Misserfolg war.

– Statistisch gesehen hat der Rückkehrer keine guten Karten: Man sieht in Lebensläufen sehr deutlich, dass die zweite Beschäftigung beim früheren Arbeitgeber meist nur sehr kurz ist (das droht auch Ihnen!).

– Eine Verbindung, die man schon einmal gelöst hatte, löst man nach dem erneuten Knüpfen schneller: Das Band des „Urvertrauens“, das Arbeitgeber und Arbeitnehmer verbinden sollte, ist dann nur geflickt, es zerreißt eher als ein neues!

– Eine Rückkehr sogar in die frühere Position verschärft die Bedenken drastisch, der erneute Einstieg in eine deutlich ranghöhere Hierarchieposition (als damals) mildert sie etwas. Extrembeispiel: Als Sachbearbeiter zu gehen und zwanzig Jahre später als Geschäftsführer wiederzukommen, wäre völlig problemlos.

– Man verliert für einige Jahre das Recht auf Kündigung beim neuen alten Arbeitgeber. Juristisch dürfte man schon, aber in der Praxis machte man sich ja lächerlich – auch bei Bewerbungsempfängern. Ein Angestellter sollte aber die Kündigungsmöglichkeit, seine einzige „Waffe“ im Existenzkampf, nie aus der Hand geben.

Ein solcher Schritt will also gut überlegt sein, seine Nachteile überwiegen generell deutlich.Ihre Probleme im heutigen Unternehmen rühren übrigens von einem Verstoß gegen eine der „goldenen Regeln“ der Berufswegplanung her: Man wechselt den Unternehmenstyp, wenn man bei dem „alten“ Arbeitgeber Probleme hatte – in der Hoffnung, in dem völlig anders gelagerten Unternehmen besser zurechtzukommen. Man behält jedoch den Unternehmenstyp beim Arbeitgeberwechsel bei, wenn man beim „alten“ Arbeitgeber gut zurechtkam (und z. B. nur wegen fehlender konkreter Aufstiegschancen ging).

Da der einzelne Mensch eher ein „Schlüssel“ ist, der zu einem bestimmten „Schlosstyp“ passt als etwa ein Dietrich, mit dem man fast alle Schlösser aufbekommt, sollte man sich schon Gedanken über seinen Arbeitgeber-„Idealtyp“ machen. Als besonders ausgeprägte, den Unternehmenstyp kennzeichnende Kriterien gelten:

– die Rechtsform (Kapitalgesellschaft oder inhabergeführtes Privatunternehmen),- die Größe (Konzern oder Mittelstand),

– die nationale Prägung (deutsches oder ausländisch geprägtes Unternehmen, wenn diese Prägung stark ist),

– das Leistungsspektrum (Ingenieurbüro/Engineeringunternehmen im Unterschied zum produzierenden Industriebetrieb),

– die Branche (Großserie oder Anlagen-/Sondermaschinenbau; Kfz-Zulieferer oder Medizintechnik etc.).

Allein Ihr Wechsel vom Konzern zum mittelständischen Privatunternehmen war so dramatisch, dass Ihre heutigen Probleme den Fachmann nicht überraschen. Dies vor allem, weil Sie vor dem Wechsel ganz offensichtlich keine Probleme mit dem Unternehmenstyp hatten. Also war der Wechsel in dieser Hinsicht unüberlegt und risikoreich. Was zu beweisen war, wie die Lateiner sagen.

Gingen Sie jetzt zum früheren Arbeitgeber zurück, würden Sie schon wieder etwas tun, bei dem ein späteres Scheitern den Fachmann nicht überrascht. Wechseln Sie doch zu einem dritten Unternehmen (des ersten Typs).

Kurzantwort:

Wer sich bewirbt, darf nicht nur die neue Position/Aufgabe sehen. Er muss auch beachten, ob er zum neuen Unternehmenstyp passt. Diesen sollte man nur wechseln, wenn man dafür gute Gründe hat (es z. B. beim „alten“ Probleme gab).

Frage-Nr.: 1581
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 19
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2001-05-04

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