Heiko Mell

Der erste Arbeitgeber: Alles Glücksache?

(Wegen der Komplexität des Themas spalte ich diesen Fall in Einzelfragen mit jeweils direkt gegebenen Antworten auf, d. Autor):

Antwort:

Frage/1: Ich habe im letzten Jahr mein Universitätsstudium nach relativ kurzer Studiendauer (elf statt durchschnittlich dreizehn Semester) beendet und kann mit überdurchschnittlichen Studienergebnissen (Note 2,0 gegenüber dem Durchschnitt 2,5) aufwarten.

Nach meinem Studium sollte auch die Bewerbungsphase relativ reibungslos verlaufen. Meine Bewerbungen erfolgten stets initiativ, nachdem ich mich intensiv über die in Frage kommenden Unternehmen informiert hatte. Ich bekam wegen meiner fachlichen Qualifikation (bei gleichzeitig guter Arbeitsmarktlage) einerseits und wegen einer meiner Meinung nach guten Selbstdarstellung andererseits nicht weniger als acht(!) konkrete Anstellungsangebote von teils renommierten Unternehmen.

Zu jedem Vorstellungsgespräch bin ich mit einer selbstverfassten Liste angetreten, um wichtige Punkte (Einarbeitung, Entwicklungsmöglichkeiten etc.) abzuklären. Nach jedem Gespräch war hinter fast jedem Punkt ein Häkchen, jeder potenzielle Arbeitgeber sagte mir teamorientiertes Arbeiten, gute anfängliche Betreuung etc. zu.

Die Entscheidung, bei Unternehmen A anzufangen, fiel mir nicht leicht, da ich gleichzeitig den anderen Unternehmen mit einem tränenden Auge absagen musste.

Antwort/1: Da ist eine Menge arg zur Schau gestellten Bewusstseins eigener Fähigkeiten und Größe im Spiel. Sie müssen doch weder mir noch den anderen Lesern, die dieses Thema interessiert, so überdeutlich klar machen, wie gut Sie sind. „Kurzes Studium“ und „2,0“ reichen doch völlig, die Bezugsgrößen (wie träge oder weniger leistungsstark die anderen Studenten sind), haben wir doch alle im Kopf. Schön, Sie waren besser als der Durchschnitt – wenn Sie aber diesen Status und Ihren daraus abgeleiteten Anspruch in der Praxis auch so vor sich hertragen, sind Konflikte vorprogrammiert.

Konkret: Durchschnittliche Menschen lieben diese Art der Darstellung nicht und selbst ich nehme daran Anstoß (sehen Sie, das ist eine geschliffene arrogante Formulierung).Auch der Rest Ihrer Darstellung atmet Ihre Einschätzung aus, wie toll Sie das alles vorbereitet und durchgeführt haben. Da Sie jetzt (siehe unten) erhebliche Probleme haben, muss(!) Ihr Weg falsch gewesen sein. Erfolg hat Gründe – Misserfolg auch. Also hätte eine etwas bescheidenere Darstellung Ihrer Sache gut getan. Mir geht es nicht um die Formulierung in dem Brief an mich – ich kann das ertragen. Aber Sie sollten wegen Ihrer Wirkung auf andere an sich arbeiten, denn Sie werden „es“ öfter tun („Sie tun es immer wieder“ – Mell über Menschen).

Zum Vorgehen und zu den Resultaten: Derzeit werden junge Ingenieure händeringend gesucht. Wenn ein Bewerber halbwegs gute Daten vorzeigen kann (können Sie), bekommt er allein aus dieser Konstellation heraus zahlreiche Angebote. Sie also könnten trotz – nicht wegen – Ihres Vorgehens so erfolgreich gewesen sein!

Womit nicht gesagt sein soll, dass nicht ein bisschen Vorsicht und Systematik bei der Auswahl ratsam wären. Aber sagen wir es einmal so: Auf die Fragen, die man stellen müsste, kommen Sie als Anfänger ohnehin nicht – und ein Erfahrener würde seine Fragen nicht stellen, weil er keinerlei Hoffnung auf eine ehrliche Antwort hätte.Außerdem sind die meisten dieser Abfragebegriffe Definitionssache!

Nehmen wir den Punkt Entwicklungsmöglichkeiten: Sie meinen damit vermutlich: Wann und wie kann ich befördert werden, aufsteigen etc.? Da überall schon einmal jemand befördert wurde, wird man das grundsätzlich engagiert positiv beantworten. In Wirklichkeit gilt: Die Unternehmen arbeiten Sie irgendwie ein. Eher nicht gern und mehr zähneknirschend, da sie eigentlich erwarten, dass ein „Tischler“, der langwierig zum „Tischler“ ausgebildet wurde und ein Papier darüber hat (mit Stempel) nun auch als „Tischler“ arbeiten kann. Kann er als „Tischler“ auch, als Dipl.-Ingenieur aber nicht. Warum auch immer. Also (zähneknirschend) einarbeiten.

Danach (6 – 12 Monate) „schaffen“ Sie dann eigenständig. Sagen wir, so drei bis vier Jahre lang erfolgreich vor sich hin. Das will die Wirtschaft, dafür werden Sie eingestellt, dann hat sich die Investition in Sie gelohnt. Spätere Veränderungen dieses Status (Beförderungen) sind von Ihrer fachlichen Leistung, von Ihrem persönlichen Potenzial und vom Bedarf an Beförderten in drei oder vier Jahren(!) abhängig. Es gibt aber gar keine funktionierende Personalplanung über einen Zeitraum von mehr als zwei Jahren (bis dahin ist das Unternehmen mehrfach umorganisiert worden). Also ist fast alles, was der Berufsempfänger auf seine konkreten Fragen nach „Perspektiven“ hört, nur gut gemeint.

Natürlich soll man sich Gedanken über den künftigen Arbeitgeber machen. Aber es hilft am meisten, wenn man sich vor allem fragt, wie dieses Unternehmen ist: Was hat es erreicht, welche Entwicklung hat es genommen, wie sprechen mich die Branche, die Produkte, die Marketingstrategie, der Ruf in Branche und Öffentlichkeit an? Es hilft ungemein, sich auf Recruiting-Workshops, Stellenbörsen, speziellen Messen ein persönliches Bild vom Unternehmen und den Menschen darin zu machen. Ganz wichtig ist auch die Person des Vorgesetzten. Liegt man mit dem auf einer Linie („Wellenlänge“), ist sehr viel gewonnen.

Ich halte diese Frage nach der allgemeinen Qualität des Unternehmens inklusive seiner Perspektiven, Entwicklungspläne, Wachstumschancen etc. für zielorientierter als die scheinbar sich anbietende nach dem „Was kann/will das Unternehmen für mich tun?“ Letzteres wäre zwar interessant, man sagt Ihnen aber doch nie die „Wahrheit“, weil es die so gar nicht geben kann.

Fazit: Ein „tolles“ Unternehmen hat auch tolle Leute, muss in der Vergangenheit und Gegenwart interessant für tolle Bewerber gewesen sein – Sie brauchen deren Fußstapfen nur zu folgen. Und: Unternehmen sind nicht dazu da, um etwas für Berufsanfänger zu tun. Sie machen das nur als „Mittel zum Zweck“, eher zähneknirschend (siehe weiter oben).

Frage/2: Meine Entscheidung sollte ich schnell bereuen. Bei diesem mittelständischen Unternehmen bekam ich nur Arbeit für einen Tag, danach passierte nicht mehr viel. Nachdem ich ein klärendes Gespräch verlangte, gestand mir mein Vorgesetzter, dass dort aufgrund der angespannten Personalsituation keine Einarbeitung gewährleistet sei. Er empfahl mir im Vertrauen, aufgrund meiner Ziele ein anderes Unternehmen zu wählen.

Antwort/2: Er sagte Ihnen praktisch (was auch ich glaube): „Sie, wie Sie sind und was Sie wollen, haben sich das falsche Unternehmen ausgesucht.“ Es gibt Menschen ohne Talent für diese Auswahl – wie sich manche ja auch immer wieder den falschen Lebenspartner aussuchen. Aber: Hätte der Vorgesetzte das wirklich gemeint, wäre er als Einstellender ja ein Versager gewesen. Vielleicht wollte er Sie bloß loswerden?

Frage/3: Ich fragte bei zwei zuvor von mir „verschmähten“ Unternehmen aus der ursprünglichen Aktion an. Wieder schweren Herzens entschied ich mich für B, obwohl C alle Anstrengungen unternahm, mich an sich zu binden. Die Pleite bei A wurde mir übrigens nicht zu meinem Nachteil ausgelegt.

Jetzt bin ich bei B und muss leider auch hier erkennen, dass man nicht auf Neulinge eingestellt ist und die vollmundigen Versprechen nicht eingehalten werden können. Viele Kollegen meiner Abteilung (mit denen ich ansonsten gut zurecht komme) sind der Meinung, dass ich hier mein Talent und meine berufliche Zukunft verschleudere. Ihnen fehlt die Zeit, mir sinnvolle Aufgaben zu geben (was sie ja entlasten könnte). Meine Vorgesetzten reagieren auf meine Bitten nach Aufgaben mit Hilflosigkeit. Ich will nicht zu forsch agieren, da meine „Arbeitgeber“ zu dem Ergebnis kommen könnten, dass meine Position auch eingespart werden könnte.

Antwort/3: Langsam bewegen Sie sich außerhalb statistischer Wahrscheinlichkeiten. So oft kann so etwas eigentlich nicht passieren. Schließlich denken sich Unternehmen und Vorgesetzte etwas bei der Einstellung.Vermutlich sind Ihre Maßstäbe unrealistisch, Sie erwarten zu viel. Berufliche Alltagspraxis ist nun einmal mit Leerlauf und Warten verbunden. Und Kollegen, die da sagen: „Bei uns verschleuderst du dein Talent“ – erstaunen mich. Ob die das ironisch meinen? Oder aber Sie berichten absolut objektiv. Dann kann ich mir einfach nicht vorstellen, dass dieses Doppelerlebnis in wohlgeordneten Großunternehmen denkbar ist. Welche Art von Firmen also wählen Sie sich als Arbeitgeber aus?

Der Fall B hätte nicht mehr passieren dürfen, Sie waren von A vorgewarnt! Offenbar haben Sie wieder denselben, nicht zu Ihnen passenden Firmentyp bevorzugt, wieder dieselben – falschen – Fragen gestellt und wieder die – nicht ernstzunehmenden – Antworten falsch bewertet. Es ist schon sehr unwahrscheinlich, dass die Leute bei B, die ja Ihre „verzweifelte Suche nach Arbeit“ bei A von Ihnen gehört hatten(!), Sie einstellten, obwohl sie selbst nichts für Sie zu tun hatten. Warum sollten die ihr Geld derart verschwenden?

Nein, es muss an Ihnen liegen. Oder: Ihre Erwartungen und Ihre Fähigkeiten passen nicht zum immer wieder gewählten Unternehmenstyp. Im Mittelstand beispielsweise wird erwartet, dass man sich Arbeit sucht, sich selbst Projekte vornimmt, Kollegen aktiv befragt, Vorgesetzten eigene Vorschläge für anzugehende Aufgaben macht!

Sie fragen mich weiter, was Sie jetzt tun sollen: einen dritten Arbeitgeber suchen, bei diesem zweiten ausharren oder offensiv der Unternehmensleitung(!) Ihre Situation schildern. Ich rate von der ersten ebenso wie von der dritten Lösung ab und empfehle: Beißen Sie sich durch! Machen Sie aktive Vorschläge, was Sie tun könnten, bitten Sie Ihren Chef um „Zuteilung“ zu einem Kollegen, dem Sie erst über die Schulter sehen, den Sie dann unterstützen und entlasten. Sie haben noch fast vierzig Berufsjahre vor sich, in denen werden Sie schon noch ans Arbeiten kommen!

Kurzantwort:

1. Die Auswahl des ersten Arbeitgebers ist ebenso wichtig wie schwierig. Aber mit ausgefuchsten Fragebögen im Vorstellungsgespräch ist für Anfänger wenig zu gewinnen. Wer z. B. – wie bei Eheschließungen – mit „penetranter Bosheit“ immer wieder denselben nicht zu ihm passenden Partnertyp wählt, erzielt auch immer wieder dieselben Reinfälle.

2. Von einem frisch eingestellten Berufsanfänger, dem die Aufgaben ausgehen, wird erwartet, dass er sich aktiv Arbeit sucht und selbst entsprechende Projekte vorschlägt!

Frage-Nr.: 1580
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 18
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2001-05-04

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