Heiko Mell

Bevorzugen die Schweizer ihre eigenen Leute?

Mit permanenter Begeisterung lese ich Ihre Beiträge.

Seit einigen Jahren bin ich als deutscher Staatsbürger bei einem …hersteller in der Schweiz als …ingenieur tätig.

Ich bin eine Art Hauptsachbearbeiter in meinem Fachgebiet und stellvertretender technischer Projektleiter. Mein Vorgesetzter hat mich zwar für Weiterbildungsmaßnahmen empfohlen (die ich erfolgreich absolviert habe), ich konnte jedoch bis heute nicht in der Linie aufsteigen. Ich habe das Gefühl, dass Schweizer hier bevorzugt werden und die sogenannten Schlüsselpositionen übertragen bekommen; die „Auswärtigen“ dürfen sich gern als „Wasserträger“ betätigen.

Nachdem ich mich intern vergebens bemüht habe weiterzukommen, habe ich mich mehrfach extern beworben. Die Konkurrenz in Deutschland machte mir ein Angebot als technischer Projektleiter, jedoch für 1.000,- DM weniger Nettogehalt!

Das finanzielle Angebot war sodann in sich nicht stimmig bei der Umrechnung des Gehalts von einer 35 h- auf eine 40 h-Woche (es ist unklar, ob von Euro oder von DM die Rede ist). Auch konnte man mir nicht sagen, ob sich das Gehalt auf die Stelle des technischen Projektleiters bezieht oder auf eine andere Stelle.

Würden Sie mir trotz Gehaltseinbuße und unklarer Tätigkeitsbeschreibung empfehlen zu wechseln, in der Hoffnung, beim neuen Arbeitgeber weiterzukommen?

Antwort:

Trennen wir bitte hier unbedingt zwischen 1. „deutscher Arbeitnehmer im Ausland, speziell in der Schweiz“ und 2. „Angebot eines neuen Jobs im unklaren Zusammenhang“.

Zu 1: Ich höre sehr viel – von Bewerbern und privaten Kunden in der Karriereberatung. Daraus ergibt sich folgendes Bild:1.1 Karrierechancen genereller Art im Ausland:

Es gibt den Fall, dass der – aus dortiger Sicht „ausländische“ (z. B. deutsche) – Arbeitnehmer von seiner fachlichen, vielleicht auch von seiner persönlichen Qualifikation her den durchschnittlichen Arbeitnehmern des Gastlandes überlegen ist und gerade deshalb sehr hochrangig eingestellt wird und/oder schnell weitere Karrierestufen erklimmen kann. Das ist bei einem Deutschen in der Schweiz jedoch absolut nicht so.

Wenn nicht besondere Gründe vorliegen (Tochtergesellschaft eines deutschen Konzerns, spezielle Ausrichtung der Position auf den deutschen Markt o. ä.), dann dürfte in der Schweiz vorrangig oder ausschließlich der Mangel an geeigneten Arbeitskräften zur Beschäftigung von „Auswärtigen“ (ich entnehme Ihrem Brief, dass man Sie dort so bezeichnet) führen.

Es besteht die Gefahr, dass ein ausländischer (es geht dabei nicht um die Staatsangehörigkeit, sondern um die Prägung durch eine andere Umgebung) Mitarbeiter bei gleicher Fachqualifikation wie ein einheimischer zusätzliche Risiken und mögliche Probleme mitbringt: Er könnte

– sich nicht auf Dauer in diesem Land einrichten und früher oder später aus grundsätzlichen Erwägungen in die Heimat zurückgehen; der Arbeitgeber würde ihn aus Gründen verlieren, die er nicht beeinflussen kann!

– in der kollegialen Zusammenarbeit kritische Auffälligkeiten zeigen. Hier geht es um Sitten und Gebräuche, Gepflogenheiten und Denkschemata des Gastlandes, mit denen der Ausländer vielleicht nicht so zurecht kommt; er lacht an anderen Stellen als die Vorgesetzten und Kollegen, verstößt unabsichtlich gegen ihm unbekannte Tabus oder tritt „heiligen Kühen“ (symbolisch gesehen) auf die Füße. Kurz: Er könnte als „anders“ empfunden werden, dies wäre dann die Ausgangssituation für Missverständnisse und Abneigungen. Zunächst ist das in der Tagesarbeit eines Entwicklungsingenieurs (beispielsweise) kein Problem, zumindest keines, das beide Seiten nicht durch Toleranzbereitschaft und ein bisschen guten Willen lösen könnten. Aber später, wenn Beförderungen anstehen, wenn der „Ausländer“ nennenswerte Sach- und Personalverantwortung übernehmen sollte, spielt so etwas schnell eine Rolle. Je höher man kommt, desto mehr kommt es auf Einfühlungsvermögen, Verständnis der Mentalität von Partnern und Mitarbeitern (sowie Vorgesetzten!) an. „Er ist einer von uns, denkt wie wir“ gilt häufig als unverzichtbare Basis einer gedeihlichen Zusammenarbeit.

– eine Familie haben, die sich nicht integrieren und damit schnell als „Störfaktor“ für das Arbeitsverhältnis wirken kann.

– sich schlicht nicht integrieren (anpassen) wollen. Es gibt solche Leute.

Fazit: Ich könnte es einem Land nicht übel nehmen, wenn es bei Beförderungen von Arbeitnehmern Menschen mit der landeseigenen Prägung generell etwas bevorzugte. Auch wenn die „Ausländer“ meine Landsleute sind. Dabei unterstelle ich eine vergleichbare fachliche Qualifikation.

Nach meiner Definition wäre das noch nicht einmal eine Benachteiligung dieser Ausländer, denn die kann es erst bei gleichen Ausgangsgegebenheiten aller Bewerber geben. Im Hinblick auf Karrierepositionen ist es jedoch nicht ganz einfach, den fachlich ähnlich befähigten Ausländer als „insgesamt vergleichbar“ einzustufen. Er hat oft schlicht statusbedingte Nachteile – die sich erst bei viel gutem Willen und energischem Bemühen seinerseits und mehreren Jahren des Aufenthaltes im Lande „auswachsen“.

1.2 Deutsche in der Schweiz:Nach meinen Informationen sprechen deutsche Arbeitnehmer grundsätzlich sehr positiv über ihre Akzeptanz am Arbeitsplatz und über die Möglichkeiten, in diesem Land als Angestellte ihren Beruf auszuüben. Nicht immer auf diesem hohen Niveau akzeptiert fühlen sie und vor allem ihre Familien sich als Ausländer allgemein im Lande, insbesondere im Kontakt mit den Ausländerbehörden. Ich habe das überhaupt nicht zu kritisieren. Es ist eine Angelegenheit dieses souveränen Landes, ich gebe nur Erfahrungen weiter – denen ich nicht gegenüberstellen kann, wie sich etwa beruflich in Deutschland tätige Schweizer fühlen.

1.3 Gehaltsansprüche nach Deutschland transferieren:Wenn Sie Teile der beruflichen Welt besser verstehen wollen, nutzen Sie Beispiele, die hinreichend passen und Zusammenhänge schön verdeutlichen. Ich vergleiche gern die Bemühungen um den optimalen „Verkauf“ der Arbeitskraft auf dem Arbeitsmarkt mit dem Versuch, einen Gebrauchtwagen entsprechend „zu Geld zu machen“. Sie nun haben Ihren „Wagen“ auf einem ausländischen Markt erstanden, auf dem höhere Preise üblich sind. Nun wollen Sie nach Deutschland und Ihr „Auto“ hier absetzen. Dabei haben Sie die hohen Summen im Kopf, die auf Ihrem ausländischen Markt üblich waren. Interessiert das hier jemanden? Nein.

Maßgebend für Preise auf einem Markt sind nur die Gegebenheiten auf diesem. Wer nach Deutschland will und sich hier bewirbt, muss letztlich akzeptieren, was hier üblicherweise geboten wird. Die alte Taktik, beim Arbeitgeberwechsel z. B. 20 % mehr zu erwarten als man zuvor hatte, funktioniert nur innerhalb eines Marktes. Im Beschäftigungsbereich gilt das pro Land.

Und Beschwerden über die hohe deutsche Einkommensteuer sind zu richten an die Bundesregierung, Berlin. Nettogehälter interessieren potenzielle Arbeitgeber nicht, man rechnet in der freien Wirtschaft ausschließlich in Bruttobeträgen, ob Auslandsbewerber oder nicht. Natürlich kann das alles beim Wechsel einen Kaufkraftverlust bedeuten. In vielen Ländern (Asiens, z. B.) gibt es vor Ort sogar noch sehr billiges Hauspersonal – stellen Sie sich nur einmal vor, jemand wollte beim Wechsel diese Hilfskräfte auch noch nach deutschem Geldwert bezahlt haben.

2. Ihr Angebot: Es tut mir Leid, ich komme da nicht mit. Die Umrechnung mit den Wochenstunden finde ich kleinlich (in einer Karriereberatung) und die Eurofrage überfordert mich: Die Eurobeträge sind etwa halb so hoch wie die in DM – Sie müssen doch an den Zahlen sehen, was gemeint ist. Und wenn man Ihnen nicht sagen kann, auf welche Position sich ein angebotenes Gehalt unklarer Währung bezieht, dann lassen Sie die Finger davon und suchen Sie weiter. Das alles klingt nach einer Offerte beim Bier in der Kneipe und nicht nach dem seriösen Vorgehen eines namhaften deutschen Unternehmens gegenüber Bewerbern.

Kurzantwort:

1. Es gibt nachvollziehbare, durchaus auch sachliche Gründe dafür, dass z. B. Arbeitgeber im Ausland einen dort tätigen deutschen, also „ausländischen“, Mitarbeiter zögerlicher befördern als einen Einheimischen (grundsätzlich vergleichbare fachliche Qualifikation vorausgesetzt).

2. Will ein Unternehmen einen Arbeitnehmer/Bewerber zum Wechsel in ein anderes Land bewegen (Entsendung), muss es ihm diesen Schritt auf Basis seines Ist-Einkommens finanziell schmackhaft machen. Wünscht hingegen ein Bewerber, in einem bestimmten Land zu arbeiten, muss er sich dessen finanziellen Gegebenheiten anpassen – ob das für ihn ein Netto-Gewinn oder -Verlust ist, interessiert niemanden (außer ihm).
Frage-Nr.: 1578
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 17
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2001-04-27

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