Heiko Mell

Rückkehr oder USA für immer?

Ich bin Deutscher, 40 Jahre alt, verheiratet, habe zwei noch nicht schulpflichtige Kinder. Unmittelbar nach der Promotion trat ich bei einem großen internationalen Konzern ein. Zunächst war ich mehrere Jahre F + E-Ingenieur einer kleinen Tochter in Deutschland. Derzeit stehe ich vor dem planmäßigen Ende einer dreijährigen Auslandsdelegierung in die USA. Ich bin dort in der R & D-Abteilung der amerikanischen Mutter tätig.

Aus technischer Sicht werde ich dieses Projekt erfolgreich abschließen. Darüber hinaus hat der Aufenthalt in Amerika eine Reihe von unschätzbaren Erfahrungen und beruflichen wie privaten Kontakten für mich und meine Familie gebracht.
Ich bin dem Ziel, als Entwicklungsleiter der R & D-Abteilung einer deutschen Konzerntochter zurückzukehren, grundsätzlich näher gekommen. Dies wurde mir bis vor ein paar Monaten von amerikanischer und deutscher Seite wiederholt bestätigt.

Dann jedoch wurde kürzlich unser Unternehmen (das amerikanische Stammunternehmen gemeinsam mit deutscher Tochter und anderen europäischen Firmen) verkauft. Damit ändern sich wichtige Vorzeichen. Vom unbedeutenden Kleinunternehmen innerhalb eines Riesenkonzerns werden wir zum Hauptakteur eines neugeformten aufstrebenden Firmenverbundes. Aber: Mitglieder des Management Teams in Amerika und in Deutschland, mit denen ich in gutem Kontakt stand, sind oder werden ausgetauscht.

Mein direkter Vorgesetzter, der wohl auch nach meiner Rückkehr nach Deutschland mein Chef bleiben wird, teilte mir mit, dass die R & D-Aktivitäten in Deutschland aufgrund der Kostensituation zurückgefahren werden. Ich solle daher eine Verlängerung meines Aufenthaltes in den USA bis hin zum permanenten Aufenthalt in Erwägung ziehen (Green Card). Ich kann diese Aussage nicht mehr mit Sicherheit prüfen, da meine anderen Kontakte im Management abgerissen sind.

Möglich wäre, dass mein Vorgesetzter vorrangig die personellen Voraussetzungen in seiner amerikanischen Abteilung absichern will, da es auch hier schwierig ist, gut ausgebildete Mitarbeiter zu finden. Meine Fragen nach den Chancen, mein Karriereziel (Leiter einer R & D-Abteilung) bei einem Verbleiben in den USA zu verwirklichen, beantwortet mein Chef jedoch ausweichend – also negativ.

Ich könnte nun planmäßig zurückkommen nach Deutschland oder meinen Aufenthalt hier in den USA um sechs oder zwölf Monate verlängern oder permanent hier bleiben.

Nach Abwägen aller Aspekte sehe ich in der planmäßigen Rückkehr nach Deutschland die beste Lösung. Ein Hauptgrund liegt in der gewonnenen Erfahrung, dass ich als Deutscher zumindest in diesem amerikanischen Unternehmen selbst bei besseren fachlichen Leistungen im Hinblick auf Führungsfunktionen nur 2. Wahl bleiben werde.

Wie schätzen Sie meine Chancen ein, mich wieder in den deutschen Arbeitsmarkt einzugliedern und eine Führungsposition zu erringen?

Antwort:

Allzu lange Problemschilderungen bzw. Fragestellungen haben stets den Nachteil, dass die Leser das Interesse verlieren oder den Aufwand scheuen, sich intensiv in den Fall einzuarbeiten. Dieser jedoch (die Frage ist schon stark gekürzt) vermittelt allein durch seine Darstellung interessante Informationen über das für viele hochaktuelle Thema „beruflicher Einsatz in den USA“. Und wenn es der Hinweis ist, dass man als Deutscher zumindest dann mit Vorbehalten rechnen muss, wenn es um Führungspositionen geht. Aber es wird – wie stets – auch Gegenbeispiele geben. Beachten Sie, liebe Leser, wie korrekt der Einsender „in diesem amerikanischen Unternehmen“ schreibt und sich vor Verallgemeinerungen hütet.

Zu dem Zentralproblem „USA oder Deutschland“: Sie sind jetzt 40 und haben drei Jahre US-Praxis. Blieben Sie etwa fünf weitere Jahre dort, wären Sie 45 und hätten – nach Ihrer eigenen Einschätzung – immer noch keine US-Führungserfahrung und schon gar keine in Deutschland. Damit wäre Ihr Ziel „tot“ und sogar die simple Rückkehr sehr schwer. Fazit: Wenn Sie jetzt in den Staaten bleiben, dann für immer – mit allen Konsequenzen.

Eine solche Entscheidung wäre möglich, würde aber das Leben Ihrer gesamten Familie radikal umkrempeln. Festlegungen dieser Art trifft man aus allen möglichen Gründen, nicht jedoch wegen irgendwelcher kleinerer beruflicher Probleme. Böte Ihnen aber General Motors einen Job im Top-Management, dann könnten Sie schon darüber nachdenken, nur deswegen auf Dauer dort zu bleiben.

Weitere sechs oder zwölf Monate in den USA als reiner Übergang bringen Ihnen gar nichts, sie würden nur den Zeitpunkt der endgültigen Entscheidung etwas hinausschieben. Aber nach dieser Zeit wären Sie ebenso klug wie jetzt, nur älter. In meinen Augen scheidet diese Variante aus.Einen vernünftigen Grund, weshalb Sie in den USA bleiben sollten, haben Sie nicht geliefert. Ich stimme Ihrer Einschätzung zu: Ihr Vorgesetzter rät nicht etwa Ihnen, in Ihrem Interesse im Lande zu bleiben, er will lediglich die Arbeitsfähigkeit seiner Abteilung dort stärken oder erhalten. Sein Ausweichen bei Ihrer Frage nach eventuellen Perspektiven unterstreicht das.

Also lautet mein Rat erst einmal: Kommen Sie planmäßig zurück nach Deutschland.Was dann hier sein wird, lässt sich vermutlich wegen der geschilderten Situation mit Firmenverkauf und – vielleicht – Reduzierung der Entwicklungsaktivitäten noch gar nicht sagen. In jedem Fall sind Sie dann hier im Lande, haben einen Job innerhalb Ihres Firmenverbundes (welchen, ist offen) und können den entweder behalten und ausbauen oder als Basis für Bewerbungen nutzen. Die schreiben Sie am besten von hier aus. Sie hätten auch eine hervorragende Begründung dafür: Der Konzern hat „Ihre“ Firma verkauft, daher gelten dort „jetzt“ ganz andere Bedingungen als damals bei der Entsendung in die USA.

Im Hinblick auf Ihr Ziel „Führungsverantwortung“ gilt: Hilfreich wäre es, wenn man Sie nach der Rückkehr zumindest erst einmal beförderte. Selbst wenn man kurz danach die R & D-Aktivitäten einschränkte und Sie zum Wechsel zwänge, so hätten Sie doch wenigstens einmal einen Arbeitgeber vorzuweisen, der auf Ihr Führungstalent gesetzt hat. Damit kein Missverständnis aufkommt: Natürlich sollte man sich möglichst erst einige Jahre nach einer Beförderung bewerben. Aber wenn der Wechsel schon sein muss, dann (das gilt insbesondere bei der ersten Führungsposition) ist es besser, Sie können wenigstens auf eine schon erfolgte Beförderung zum Abteilungsleiter (bei noch fehlender Praxis) verweisen als nur auf Ihre Vermutung, Sie seien entsprechend talentiert.

Klar ist auch, dass Sie jetzt in die Führungsverantwortung hinein müssen, wenn überhaupt noch etwas in der Hinsicht geschehen soll. Fragen nach möglichen Branchenwechseln, die Sie an anderer Stelle Ihres Briefes noch stellen, sollten Sie erst prüfen, wenn Sie hier sind und sich bewerben.

Bitte lassen Sie mich noch zwei Anmerkungen machen: Sie sind der typische Einser-Kandidat (Abitur „sehr gut“, Promotion „Magna cum laude“). Das ist eindrucksvoll, birgt aber auch die Gefahr, mitunter zu gründlich, zu überlegt, mit zu hohem Anspruch zu planen. Ohne einen Rest von „Augen zu und durch“ geht es in der Wirtschaft nicht – Karriere ist nicht wissenschaftlich planbar. Gut ausgebildete, zupackende Pragmatiker haben oft Vorteile gegenüber dem eher grüblerischen Typ. Unser System ist – auch – eines mit chaotischen Zügen (Zyniker werden sagen: „Hat es denn überhaupt andere?“). Versuchen Sie, sich dem anzupassen.Von der folgenden Bemerkung haben die anderen Leser nun nichts, ich will aber ausnahmsweise bewusst nicht aus Ihrem Brief zitieren: Kümmern Sie sich einmal darum, was hier bei uns so als Standard für die Anrede und die Grußformel in Briefen gilt. Ihre Lösungen sind – mindestens – „von gestern und davor“.

Kurzantwort:

Die Frage, ob man nach einigen Jahren Auslandsaufenthalt auf Dauer dort bleibt oder zurückkehrt, ist grundsätzlicher Natur und von eminent großer Bedeutung für die Familie inkl. aller Nachkommen. Man entscheidet darüber entsprechend grundsätzlich und nicht im Zusammenhang mit demgegenüber eher unbedeutenden beruflichen Detailproblemen.

Frage-Nr.: 1533
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 41
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2000-10-13

Ein Beitrag von:

  • Heiko Mell

    Heiko Mell ist Karriereberater, Buchautor und freier Mitarbeiter der VDI nachrichten. Er verantwortet die Serie Karriereberatung innerhalb der VDI nachrichten.

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