Heiko Mell

Es ist alles noch viel schlimmer

Seit vielen Jahren gehören Ihre Beiträge zu den ersten Rubriken meiner wöchentlichen VDI nachrichten-Lektüre. Während ich als Student in den ersten Jahren einige Ihrer Ratschläge noch als spitz und überzogen belächelte, habe ich mittlerweile fast den Eindruck, sie stehen hinter der Schärfe des „richtigen Lebens“ noch zurück.

Als promovierter Dipl.-… bin ich seit mehreren Jahren bei einem großen internationalen Konzern der …branche tätig. Nach Auslands- und Projektarbeiten übernahm ich vor einiger Zeit eine Leitungsfunktion in unserer deutschen Gesellschaft.
Die Tätigkeit ist sehr abwechslungsreich und macht mir viel Spaß, jedoch habe ich seit einiger Zeit das Gefühl, es gehe beruflich nicht so recht voran und ich sollte, meinem Alter entsprechend, schon ein bisschen weiter gekommen sein.
Zwei Faktoren sind Ursache meines Problems: zum einen die vor kurzem erfolgte Fusion unseres Konzerns und zum anderen der Wechsel meines Vorgesetzten.

Während meine Stelle als solche durch die Fusion nicht direkt bedroht ist, könnte es jedoch sein, dass ich durch die nachfolgenden internen Umstrukturierungen Verantwortungsbereiche abgeben muss.
Unangenehmer ist mein neuer Vorgesetzter, dessen schlechte Führungsqualitäten im Unternehmen von trauriger Berühmtheit sind. Insbesondere leiden meine Mitarbeiter – und damit auch ich – darunter, dass er ein weitgehend autonomes Arbeiten, wie man es von einem Ingenieur auch erwarten sollte, massiv beschneidet und einen reibungslosen Arbeitsbetrieb mit Banalitäten behindert.

Ich empfinde dies als kritisch, weil mir dadurch ein Teil meines Verantwortungsbereiches entzogen wird, der eben auch den Reiz meiner Tätigkeit ausmacht. Im Gegenzug will er mir Tätigkeiten übertragen, für die einer meiner Mitarbeiter zuständig ist, um wiederum diesen für andere Projekte zu entlasten, was für mich einer Degradierung gleichkommt.
Aufgrund dieser Entwicklungen habe ich subjektiv das Gefühl, dass sich meine derzeitige Position eher verschlechtert als dass es voranginge.
Ich sehe drei Möglichkeiten, auf diese Entwicklung zu reagieren:

1. Ich bleibe zunächst noch einige Zeit (6 – 12 Monate) auf meiner derzeitigen Position, um zu sehen, wie sich die Dinge entwickeln und wechsle dann intern, wenn sich die Situation nicht bessert.

2. Ich bemühe mich kurzfristig um einen internen Stellenwechsel. Hier sehe ich jedoch das Problem, dass die fusionsbedingte Umstrukturierung gerade in vollem Gange ist und man dann leicht „unter die Räder“ kommen kann. Außerdem wäre ein solcher Wechsel mit einem erneuten Auslandsaufenthalt verbunden, was ich derzeit nicht priorisiere.

3. Ich suche mir extern eine neue Herausforderung. Vielleicht wäre dies nach meiner längeren Betriebszugehörigkeit sinnvoll. Jedoch hatte ich nach meinen ersten Recherchen den Eindruck, dass meine spezifischen Qualifikationen auf dem Arbeitsmarkt nicht sehr häufig gefragt sind.

Antwort:

Gehen wir die Dinge der Reihe nach an:

a) „In der Praxis ist alles fast noch schlimmer:“ Ich brauche Aussagen wie Ihre, um den Prozess der Akzeptanz meiner Aussagen bei den immer wieder neu hinzukommenden jungen Lesern möglichst zu beschleunigen.Wer weiß, nach welchen Regeln das Spiel läuft, hat auf alle Fälle einen Vorsprung. Wobei ich ja niemanden abschrecken will, ganz im Gegenteil. Denn – ich hoffe, das spürt man aus meinen Aussagen – engagiertes berufliches Tun und insbesondere Erfolg zu haben, macht Spaß! Niederlagen sind dabei unvermeidlich. Aber wer die Regeln kennt, weiß wenigstens vorher, was ihn erwartet und kann analysieren, warum er ggf. verloren hat.

Man stelle sich vor, ein unbefangener Mensch würde ohne weitere Vorbereitung erstmals im Leben in ein Spielcasino geführt. Ihm wird erklärt, was er jeweils tun muss, um seine Gewinnchancen zu nutzen. Es wäre doch höchst fatal, wenn er nicht auch darüber informiert würde, dass letztlich immer die Bank gewinnt und dass schon sehr viele Leute vor ihm sehr große Verluste hinnehmen mussten.

Warum die betroffenen jungen Menschen, also beispielsweise die Studenten, überwiegend so wenig wissen über die Welt, in und von(!) der sie in Kürze leben wollen, ist eines der großen Geheimnisse menschlichen Denkens und Handelns. Ich glaube nicht, dass ein einzelner Läufer irgendwo auf einer Provinzveranstaltung zum Marathonlauf antritt – und erst beim Laufen merkt, dass mehr als 40 Kilometer zu absolvieren sind. Und dass ein bisschen Joggen im Wald dafür als Training nicht ausreicht.

 

b) Fusion des Arbeitgebers mit einem anderen Unternehmen: Ob Fusion oder Verkauf, plötzlich ist alles anders und nichts von dem, auf das man sich gestern noch verlassen konnte, ist weiterhin sicher. Viele Chefs werden ihre Jobs verlieren, mit ihnen gehen ihr Wohlwollen, ihre Absichten und Versprechungen. Und auch auf den ausführenden Ebenen werden viele Tätigkeiten sind ändern oder Jobs entfallen, schließlich müssen ja die angestrebten Synergieeffekte irgendwie realisiert werden.

Ich werde nicht müde, immer wieder darauf hinzuweisen, dass diese und andere Ereignisse und Katastrophen jederzeit über jeden Angestellten hereinbrechen können. Und dass es von daher höchst ratsam ist, stets über einen „verkaufsfähigen“ Werdegang zu verfügen – und die privaten Lebensumstände so zu gestalten, dass der mit einem Wechsel des Arbeitgebers zwangsläufig verbundene Ortswechsel relativ problemarm über die Bühne gehen kann.

Es ist wie mit dem Wetter: Wer in Deutschland einen Biergarten eröffnet und vom ersten Sommerregen an den Rand des Konkurses gedrückt wird, hat falsch kalkuliert – damit hätte man rechnen müssen.

Und so sind Arbeitgeber analog der gesellschaftlichen Entwicklung für den Arbeitnehmer zwar Partner, aber – ganz modern – nur noch solche für den „Lebensabschnitt“, statt wie früher „fürs Leben“. Und wer klug ist, überlegt halt beizeiten: „Wer nimmt mich, wenn diese jederzeit kündbare Beziehung eines Tages ausläuft?“

 

c) Das Aufgabenfeld könnte reduziert werden: Jedes Spiel läuft nach Regeln. Aber wenn sich im Spiel durch äußere und innere Einflüsse maßgebliche Kriterien ändern – dann müssen sich von Zeit zu Zeit auch die Regeln dem anpassen. Vielleicht ist es das, was die Juristen die „normative Kraft des Faktischen“ nennen.“

Vorwärts immer, rückwärts nie“, war ein beliebter Spruch in den Poesiealben unserer Kindheit. Und so denken wir noch immer in allen Lebenslagen: Einkommen, Ränge, Verantwortlichkeiten, unterstellte „Kopfzahlen“ an Mitarbeitern, fachliche Zuständigkeiten – alles hat sich gefälligst nach oben zu entwickeln, jede Art von Rückschritt ist indiskutabel. Noch wird diese Einstellung von den Regeln (z. B. denen der Bewerbungsanalyse) gedeckt – aber sind diese noch zeitgemäß?

Die (struktur-)organisatorischen Gegebenheiten innerhalb der Unternehmen verändern sich nicht nur (das taten sie schon immer: „Organisation ist ein dynamischer Prozess“), die Veränderungen geschehen immer schneller. Und sie werden zwar (hoffentlich) nicht bloßer Selbstzweck, aber doch Prinzip: Unternehmen verkünden neue Strukturen und Zuständigkeiten nicht mehr als „die“ Lösung für immer. Sie wissen und akzeptieren, dass das Neue nur vorübergehend sein und durch die nächste Änderung wieder über den Haufen geworfen werden wird (siehe auch KVP).

In dieses „veränderungsfreundliche“ Umfeld passt die klassische Denkungsart des „Besser, Größer, Schöner, Mehr“ der einzelnen Mitarbeiter nicht mehr. Es ist undenkbar, in einem Unternehmen mit 10.000 oder auch nur 100 Mitarbeitern ständige Veränderungen vorzunehmen und diese so zu gestalten, dass jeder danach „mehr“ hat. Neben jedem, der sich verbessert, muss mindestens einer stehen, dem danach weniger bleibt. Wobei hier davon ausgegangen wird, dass diese Reduzierung nicht als Folge von persönlichen Fehlleistungen oder Schwächen, sondern allein aus sachlichen Gründen erfolgt.

Von daher ist der bisher übliche Widerstand gegen ein „Die nehmen mir etwas weg“ so pauschal auf Dauer nicht zu halten. Solange die Veränderung nicht mit einem bodenlosen Abstieg, sondern nur mit nachvollziehbaren Reduzierungen (z. B. von unterstellten Gruppen und von Teil-Zuständigkeiten) verbunden ist, werden die Betroffenen ein neues Verständnis dafür entwickeln müssen.

Auf jeden Fall sollte der Mitarbeiter vorurteilslos prüfen, wie die neue Lösung aussieht. Nicht: „Weniger und daher prinzipiell abzulehnen“ ist die Devise, sondern: „Ist das Neue absolut für mich interessant und akzeptabel – selbst wenn es gegenüber meinem Status davor eine Reduzierung bedeutet?“Trotz meines Plädoyers für mehr persönliche Toleranz in dieser Frage rate ich bei Bewerbungen (derzeit noch) zur vorsichtig-geschickten Darstellung, aus der eventuelle Rückschritte nicht spontan erkennbar sind. Sicher ist sicher …

 

c) Der Vorgesetzte als „traurige Berühmtheit“. Der Stil dieses Mannes ist zwar nicht gott-, aber doch XY AG-gewollt! Ihr großer Weltkonzern kennt ihn, feuert ihn nicht und setzt ihn da hin. Dummerweise Ihnen vor die Nase. Das ist Pech. Aber wenn Sie vom Gehalt der XY AG leben wollen, sind deren Manager-Ernennungen Teil des dafür zu zahlenden Preises. Der Konzern-Apparat hat ihn ernannt, hat Sie ernannt – entweder neigt er zu Irrtümern oder nicht.

Und, wie ich schon sagte, jede Veränderung bringt für manche Mitarbeiter Vor-, für andere Nachteile. Das gilt auch für Vorgesetztenwechsel. Niemand kann erwarten, dass mit einem neuen Chef alles besser wird. Und „gleich“ kann es nicht bleiben, dafür sind Menschen zu verschieden. Also geben Sie dem Mann eine Chance, gestehen Sie ihm das Recht zu, seinen Bereich nach seinen Vorstellungen zu ordnen – und begreifen Sie ihn als zu lösendes Problem, ja als sportliche Herausforderung. Ich versichere Ihnen: Es geht! Es können drei Mitarbeiter nacheinander an einem Chef scheitern – plötzlich kommt der vierte und packt es. Bilden Sie sich ein, die drei anderen seien schon da gewesen.

Zu 1: Finde ich gut.

Zu 2: Ich würde erst einmal abwarten, bis die Fusion „durch“ ist.

Zu 3: Schreiben Sie einmal Ihre konkrete Positionsbezeichnung auf einen Zettel (Sie haben mir Details anvertraut) und fragen Sie sich dann, welches andere Unternehmen außerhalb Ihrer engen Branche „so etwas“ kaufen soll. Sie können nicht erst – z. B. – „Leiter der Überwachung des Schiffsverkehres auf der östlichen Unterweser“ werden – und sich dann wundern, dass außerhalb des Metiers niemand Ihre Qualifikation kaufen will. Ihre externen Chancen dürften tatsächlich sehr gering sein.

Kurzantwort:

Bergsteiger schimpfen nicht über eine schwierige Route zum Gipfel, sondern begreifen sie als sportliche Herausforderung für Könner – als Aufgabe, die unter allen Umständen gelöst werden muss. Sehen Sie einen schwierigen Chef als Berg und sich als -steiger. Sie werden sehen: das Ziel ist erreichbar (und die Bezwingung macht Spaß).

Frage-Nr.: 1521
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 36
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2000-09-08

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