Heiko Mell

Weg ohne Wiederkehr?

In Ihrer Antwort zu Frage 1.502 schreiben Sie, dass Sie Bewerber, die schon einmal in dem Unternehmen gearbeitet haben und dann ausgeschieden sind, bei einer erneuten Bewerbung absolut nicht bevorzugen würden. Ich teile Ihre Meinung, dass es zerstörerische und damit destruktive Trennungen (= Brüche) gibt.

Warum aber kann ein Personalleiter einen Bewerber, der seinerzeit das Unternehmen in bestem Einvernehmen verlassen hat, nicht jetzt wieder nutzen?

Antwort:

Gefragt hatte damals ein Verantwortlicher aus der Personalabteilung. Er wollte wissen, ob man solche ehemaligen Mitarbeiter als Bewerber bevorzugen solle. Ich antwortete, diese Frage hätte ich „so herum“ (bevorzugen) noch nie gehört, üblich seien eigentlich Bedenken beider Partner, eine Rückkehr ins Auge zu fassen.

Da diese Serie letztlich doch mehr Bewerber als Personalleiter lesen, will ich Ihre einseitig ausgerichtete Frage zum Anlass nehmen, allgemein und dann aus der Sicht beider Seiten meine Bedenken aufzulisten (die möglichen Vorteile sind klar, die brauchen wir nicht gegenüberzustellen):

a) allgemein: Ich habe in 35 Berufsjahren sehr viele Bewerbungen gelesen, es mögen einige hunderttausend gewesen sein. Dabei ist mir aufgefallen, dass Rückkehrer (zu früheren Arbeitgebern) überdurchschnittlich oft diese Firmen später erneut verlassen hatten oder im Begriff waren, es zu tun. Dabei war die zweite Dienstzeit regelmäßig kürzer als die erste. Fazit: Von Dauer ist die Rückkehr oft nicht.

b) aus der Sicht des Bewerbers (der, um hier hinzupassen, mindestens den dritten Arbeitgeber seines Lebens suchen muss):

– Es gibt eine Art „Urvertrauen“, das zunächst einmal zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer herrscht. Wechselt letzterer zu einem neuen Unternehmen, geht er zumeist von der Erwartung aus, dies werde sein endgültiger, allerletzter, alle Hoffnungen erfüllender Arbeitgeber sein. Das erwartet auch die Familie von ihm, die kaum an weitere Umzüge denken mag. Man bedenke, dass dieser Beispielbewerber ca. sieben bis zehn Berufsjahre hinter sich hat, bevor er diesen speziellen Wechsel vollzieht.Für den langfristig wirksamen Aufbau dieses Urvertrauens ist es erforderlich, dass es aus Sicht des Mitarbeiters keinen begründeten Anlass zum Zweifel daran geben darf, dass dies nun „die Firma überhaupt“ ist.

War er aber dort schon einmal beschäftigt, dann hat er sich auch schon einmal von diesem Unternehmen gelöst, hat er schon einmal dort gekündigt, das Band zwischen sich und diesem Haus zerschnitten. Dieses Band wird beim zweiten Versuch geflickt, es ist nicht „original“. Kommen dann die ersten Probleme (und sie kommen immer), fehlt das Originalband des Urvertrauens. Sofort erinnert der Mitarbeiter sich daran, dass er ja schon einmal …, er fragt sich, ob die Rückkehr klug war. Das Resultat: Das geflickte Band ist schwächer, die Entscheidung zum Wechsel fällt diesmal schneller.

– Zu der völlig fremden „Müller & Sohn GmbH“ zu gehen und nach zwei Jahren im Kollegenkreis mit Schimpfen über die unmöglichen Zustände anzufangen, das ist normal. Aber bei „Meier & Tochter“, bei dem man schon einmal beschäftigt gewesen war und jeden und alles kennt, da blamiert man sich mit dieser Kritik. „Warum bist du denn da auch wieder hingegangen?“, würden Kollegen und Familienmitglieder fragen. Also geht Meckern in diesem Kreis nicht – ein wichtiges psychologisches Ventil entfällt, das viel Frust abzubauen hilft.

– Ein Angestellter sollte bestrebt sein, den eigenen Werdegang so aufzubauen, dass er auf jede Art von Bedrohung / außergewöhnlicher Belastung mit Bewerbungen reagieren – und notfalls auch einen Wechsel zum falschen Arbeitgeber schnell wieder korrigieren kann. Bewirbt er sich aber nach wenigen Monaten zweiter(!) Dienstzeit, macht er sich lächerlich („der weiß nicht, was er will, der kannte doch das Unternehmen“). Er verschenkt also ein wichtiges Instrument!c) aus der Sicht des Unternehmens:

– a + b zeigen das erhöhte Risiko einer baldigen (erneuten) Kündigung, die nicht im Unternehmensinteresse sein kann.

– Der Mitarbeiter trifft fünf Jahre (im Durchschnitt) nach seinem Ausscheiden viele alte Kollegen wieder. Nicht zuletzt wegen zweier Firmenwechsel liegt er im Gehalt inzwischen deutlich höher als sie. Das macht leicht „böses Blut“ unter den Alt-Mitarbeitern (die das natürlich erfahren).

– Der Mitarbeiter ist durch mindestens zwei Wechsel seit seiner früheren Zugehörigkeit mit Sicherheit im Rang deutlich gegenüber früher gestiegen. Auch deutlich gegenüber früheren Kollegen. Die schimpfen: „Man muss also hier erst abhauen, um Karriere zu machen. Uns reden sie ein, wir würden gebraucht und sollten treu zur Fahne stehen, aber denen, die das nicht getan haben, werden die Pöstchen nur so nachgeworfen. Man ist ja dumm, wenn man hier bleibt.“

Resümee: Ich bin gegenüber einer Rückkehr grundsätzlich skeptisch. Selbstverständlich leugne ich nicht, dass es einzelne Beispiele gibt, in denen der neue / alte Mitarbeiter blieb und erfolgreich war. Aber – das war die Ursprungsfrage gewesen – ehemalige Mitarbeiter bevorzugen würde ich unter normalen Umständen nicht. Und für die Mitarbeiter gilt: Man soll im Leben nach vorn schauen und nicht zurückgehen.

Frage-Nr.: 1518
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 34
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2000-08-25

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