Heiko Mell

Mit 40 festgefahren?

Nach dem Hauptschulabschluss folgte bei mir die Mittlere Reife (2,1) und die Fachhochschulreife (1,7). Nach dem Grundwehrdienst studierte ich Maschinenbau an der FH (Abschluss mit 22 Jahren und Notendurchschnitt 2,2).

Danach folgte ein Uni-Studium zum Diplom-Ingenieur, das ich mit 30 Jahren und Notendurchschnitt 2,7 abschloss. Anschließend, das ist jetzt mehr als zehn Jahre her, begann ich als wissenschaftlicher Mitarbeiter mit dem Ziel der Promotion bei einem namhaften Institut, bei dem ich immer noch in der gleichen Position tätig bin. Inzwischen leite ich dort kleinere und größere Projekte und bin in internationale Projekte eingebunden. Ich bin etwas über 40 Jahre alt.

Zu den Problemen:In den letzten zehn Jahren hat sich am Institut vieles verändert, wenn auch langsamer als dies in der Industrie der Fall war und ist. Viele frühere Führungskräfte sind nicht mehr da. Junge hochqualifizierte Mitarbeiter (promoviert, USA-Aufenthalt) rücken nach. Mitarbeiter in den „alten“, immer noch wichtigen Bereichen, werden weniger gefördert (ich gehöre dazu).

Auch habe ich den Eindruck, dass in der Forschung promovierte Mitarbeiter die besseren Aufstiegschancen haben.Da ich seit etlichen Jahren nicht mehr vorwärts komme, frage ich mich: Soll’s das schon gewesen sein? Dafür fühle ich mich viel zu jung und agil!

1. Muss ich mich damit abfinden, dass ich jetzt schon meine berufliche „Endstation“ erreicht habe?

2. Halten Sie in meiner Situation eine Dissertation noch für ratsam? Oder sollte ich stattdessen auf dieses vor fünfundzwanzig Jahren gesetzte Lebensziel verzichten und dieses Defizit anderweitig ausgleichen, um meine Aufstiegschancen zu verbessern?

3. In früheren Beiträgen vertraten Sie die Auffassung, dass man bis 45 die Zielposition erreicht haben sollte. Nun wurden bei uns Gruppenleiter von 55 noch Abteilungsleiter bzw. Honorar-Professor. Geht so etwas nur im öffentlichen Dienst?

4. Können Sie mir jetzt noch einen Wechsel in die Industrie trotz aller Vorbehalte (öffentlicher Dienst, Alter) empfehlen?

Antwort:

Der öffentliche Dienst allgemein und speziell die inneren Strukturen solcher Institute sind nicht mein Spezialgebiet. Die Begründung ist einfach: Es gibt kaum Aufträge aus diesem Sektor an Personalberater, bei denen diese etwas über solche Arbeitgeber lernen könnten. Soviel als Vorwarnung. Aber ich sehe in diesem scheinbar so ganz speziellen Fall derart viele Problembereiche von allgemeinem Interesse, dass ich verspreche, auch reine „Industrieleute“ nicht zu langweilen:

Wir alle kommen irgendwoher und gehen irgendwohin. (Das ist so fundamental, das könnte schon jemand vor mir gesagt haben. Sei es drum.) Ich verwende in dem Zusammenhang gern diese Metapher: Entsprechend seiner Herkunft, seiner frühen Kindheit und Jugend bekommt man vom Leben einen „Pflock“ eingeschlagen: Da kommst du her, bedeutet das. An diesem Pflock hängt man, verbunden über ein starkes „Gummiband“, sein ganzes Leben lang. Nun kann man dieses Band dehnen – und unterschiedlich starke Leute können das sicherlich auch unterschiedlich stark. Aber durchschnittlich starke Menschen können das nicht endlos. Und von der statistischen Wahrscheinlichkeit her gesehen ist man eher Durchschnitt als Titan.

Ihr Pflock nun steckt mit hoher Sicherheit in einem einfachen, nichtakademischen Elternhaus. Das ist nur feststellend, nicht wertend gemeint (wie denn auch?). Indizien sind die Hauptschule trotz Begabung und das „Lebensziel Promotion“.

Letzteres ist übrigens schlicht unsinnig. Die Promotion ist eine wissenschaftliche Zusatzqualifikation. Sie ist für einige Laufbahnziele zwingend erforderlich, für andere unbedingt empfehlenswert (z. B. für Ihre heutige Tätigkeit, wie Sie nach zehn Jahren erkennen; gilt allgemein für F+E), für wieder andere ganz nützlich, für weitere erfolgsneutral und für den Rest sogar störend.

Man entschließt sich zur Pomotion, weil sie entweder zur Laufbahn gehört oder man den Titel gern hätte. Dann unterwirft man sich dem Verfahren, beweist seine „Qualifikation zur vertieften wissenschaftlichen Arbeit“, nimmt seinen „Dr.“ entgegen und widmet sich größeren Problemen. Promotion ist Mittel zum Zweck, nicht Ziel.

Jetzt stellen Sie sich vor, jemand entstammt einer der vielen Familien von Akademikern. Onkel Franz ist Professor und ein Ekel, der Vater ist Honorarprofessor und nett, Tante Clara ist promovierte Kunsthistorikerin, die Mutter Lehrerin, eine Schwester Ärztin, ein älterer Bruder Diplom-Kaufmann, der jüngere ist Abiturient und im Selbstfindungsprozess. Ein Onkel ist vermögend, handelt mit Immobilien, hat weder Abitur noch studiert. Glauben Sie, ein Sohn aus dieser Familie wird den „Dr.“ als Lebensziel formulieren? Das ist etwas, das man nüchtern betrachtet und bei dem man abwägt, ob sich der Aufwand lohnt oder nicht. Sonst aber bedeutet es nichts Entscheidendes.

Nun zu den Details Ihres Berufslebens: Sie hatten eine Fachhochschulreife zum passenden Zeitpunkt mit 1,7. Dann einen FH-Abschluss an der unteren Altersgrenze mit 2,2. Dann kommt ein Uni-Studium von (hoch- und rückgerechnet) sechzehn Semestern (viel zu lange im Gesamtzusammenhang) und einem Ergebnis von 2,7. Dann folgt (was Sie gar nicht mehr offen aussprechen, was man erst aus Ihrer Darstellung schließen muss) zwar eine Stelle als wissenschaftlicher Mitarbeiter „mit dem Ziel der Promotion“, aber mit mehr als zehn Dienstjahren dort – und immer noch keiner Promotion.

Es liegt klar auf der Hand: Je „höher“ Sie klettern, desto schlechter werden Ihre Resultate. Als FH-Absolvent waren Sie gut und überzeugend jung, als Uni-Absolvent waren Sie noch Durchschnitt und alt, als Promotions-Interessent waren Sie erfolglos. Merken Sie, wie Sie Ihr „Gummiband“ dehnen und dehnen, das an Ihrem „Pflock“ am anderen Ende festgemacht ist? Es vibriert hörbar!

Ich glaube, in Ihrem Interesse sagen zu müssen: Es ist genug. Sie haben ungeheuer viel erreicht, brauchen aber jetzt eine neue Lebens- und Berufsphilosophie. Von Ihrer Startposition aus gesehen, haben Sie einen sehr weiten Weg geschafft – wer aus Ihrer alten Klasse der Hauptschule ist heute schon wissenschaftlicher Mitarbeiter eines derart angesehenen Instituts?

Sehen Sie die Situation allerdings ausschließlich mit dem Blick des Institutsmitarbeiters, dann werden allein die heutigen Kollegen Ihr Maßstab. Aber bei den meisten von denen steckt der „Pflock“, an dem das „Gummiband“ befestigt ist, an einer anderen, näher am heutigen Standort gelegenen Stelle. Sie aber brauchen eine Philosophie, die Ihren Ausgangspunkt und Ihren Weg bis hierher mit einbezieht, um zufrieden zu werden.

Ich kann das auch anders ausdrücken: Sie hatten eine fantastische Chance, als einer der jüngsten FH-Ingenieure in die Praxis zu gehen, den anderen zu zeigen, was eine Harke ist und die Welt zu erobern. Sie hatten eine zweite Chance, als älterer, eher etwas durchschnittlicher Uni-Ingenieur Ihr Lebensziel wegen Unerreichbarkeit einen Punkt zurückzusetzen, in die Industrie zu gehen und den anderen zu zeigen, dass Sie mithalten können. Aber für eine Institutskarriere waren Sie nicht gut genug (ausgebildet; keine Promotion) und für einen Promotionsversuch waren Sie in jedem Falle zu alt. Ihr Fehler ganz allein. Damals fuhr der „Industriezug“ ab, jetzt sind nicht einmal mehr seine Rücklichter zu sehen.

Warum ich das so deutlich sage? Weil ich weiß, dass Menschen besser mit Problemen fertig werden, wenn sie diese – endlich – auf eigene Fehler und Schwächen zurückführen. Schlechter lebt es sich, solange man entweder hilflos über Ursachen brütet oder diese gar in „dunklen Mächten“ wie Schicksal oder Pech sieht. Ist hier nicht gegeben, „Planungsfehler“ genügen als Erklärung.

Zu Ihren Fragen:

Zu 1: Wenn Sie dort bleiben, ist das wohl eine der Möglichkeiten, mit denen Sie rechnen müssen. Und zum Wechsel rate ich nicht.

Zu 2: Ich rate nicht zur Dissertation. Sie waren schon zu alt, als Sie damit angefangen haben. Das ist mehr als zehn Jahre her. Sehen Sie, Kaufleute (also Betriebswirtschaftler) nennen das „gutes Geld schlechtem hinterherwerfen“ – was man nicht tun soll. Lieber macht man einen Schnitt und akzeptiert die bisherigen Verluste als dass man ständig in ein Loch ohne Boden investiert. Sie wären bei Erhalt des Dr.-Titels mehr als 45 Jahre alt – wem wollen Sie damit noch imponieren?

Mit den Aufstiegschancen sieht es mit oder ohne Titel dort für Sie nicht mehr besonders gut aus, wie ich allein aus Ihrer Schilderung schließe. Ich sehe auch keine anderen Ausbildungsqualifikationen, die zu erwerben Ihre Beförderungschancen verbessern würden. „Früh krümmt sich, was ein Häkchen werden will“: aus anderem Holz geschnitzt, hätten Sie mit 28 in der Industrie schon Abteilungsleiter sein können. Sie haben dem „Lebensziel Dr.-Titel“ hinterhergejagt, jetzt ist es auch für einen Zielwechsel dieser Art zu spät.

Zu 3: Die Geschichte mit der „Zielposition mit 45“ geht so: Der Angestellte hat unternehmensintern praktisch keine Machtpositionen, um irgend etwas für sich durchzusetzen. Aber er kann jederzeit kündigen, um sein Glück extern zu versuchen. Dieses „jederzeit“ ist nicht ganz richtig – es endet so um 45. Ab diesem Alter reagiert der Markt auf externe Bewerbungen zurückhaltend, mit jedem Lebensjahr mehr. Also schwindet ein zentrales strategisches Instrumentarium, das der Mitarbeiter einsetzen könnte, um weitere Ziele noch zu erreichen. Daraus leitet man ab: Mit 45 muss man eine Position erreicht haben, in der man notfalls in Pension zu gehen bereit ist.

Hausintern kann immer noch etwas „kommen“. Aber das kann nur noch dankend akzeptiert, nicht mehr wirklich erkämpft werden. Auch in der Industrie gibt es interne Beförderungen deutlich oberhalb von 45. Aber soeben schickt ein sehr großer deutscher Konzern alle Mitarbeiter ab 51 in Rente. Das ist eben auch ein Signal.

Zu 4: Nein. Ihre künftigen Kollegen dort hätten fünfzehn bis zwanzig Jahre „Systemerfahrungs“-Vorsprung. Das ist unaufholbar. Ein Einstieg in Führungspositionen käme vorläufig ohnehin nicht in Frage – und „später“ wären Sie dafür zu alt. Ich gehe aber auch davon aus, dass schon die Bewerbungen nicht erfolgreich wären.

Definieren Sie „Institutsmitarbeiter“ als Lebensziel – und Sie können glücklich sein.

Kurzantwort:

Wer Ausbildungsqualifikationen aneinanderreiht, sollte die Resultate beachten: werden die von Stufe zu Stufe schlechter, ist sein Potenzial bald „ausgereizt“.

Frage-Nr.: 1512
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 31
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2000-08-04

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