Heiko Mell

In der Sackgasse

Ich bin seit mehr als drei Jahren bei meinem ersten Arbeitgeber tätig. Ich habe nun den Verdacht, dass ich ein nicht allzu sehr gesuchtes Tätigkeits- und Fähigkeitsprofil habe und dass meine derzeitige Tätigkeit (verantwortliches Betreuen der Kontakte zu den Genehmigungs- und Aufsichtsbehörden) zwar für mein arbeitgebendes Industrieunternehmen von großer Bedeutung ist, es jedoch auf dem Markt keinen entsprechenden Bedarf zu geben scheint. In diese Schiene bin ich durch Probleme bei der damaligen Jobsuche hineingeraten.

Die Funktion meiner Stabsstelle bringt es mit sich, dass das Aufgabengebiet recht umfassend ist und man mit allen Bereichen des betrieblichen Alltags (Anlagenbetrieb, Wartung, Behörden, Sachverständige, Kunden, Vorschlagswesen) in Berührung kommt. Der Nachteil ist jedoch, dass man so gut wie keine Entscheidungskompetenz hat. Aus meiner Sicht ist die Gefahr gegeben, dass diese Position meine Endstation wird.

Für mich stellt sich somit die Frage, wie ich aus der Stabsfunktion herauskomme. Gerne würde ich mich tiefer mit betrieblichen Belangen beschäftigen und in die Position eines Betriebsingenieurs hineinwachsen. Ich bin für in- und externe Wechsel aufgeschlossen.

Antwort:

Ihre heutige Tätigkeit ist ein hochinteressantes, mit vielen positiven Besonderheiten behaftetes Feld:

Sie sind Fachmann, erwerben immer mehr Spezialkenntnisse. Damit werden Sie dort mehr und mehr unentbehrlich. Ihr Arbeitgeber hätte sicher große Schwierigkeiten, diese Position von außen zu besetzen, wenn Sie gingen. Intern dürfte es ohnehin niemanden geben, der in die Lücke springen kann und will. Das verstärkt Ihre Unentbehrlichkeit. Niemand im Hause will Ihren Job, sägt an Ihrem Stuhl. Es gibt keine Aufstiegschancen, Sie brauchen also keinerlei Angst vor Führung zu haben und vor damit verbundenen Managementtätigkeiten, die Sie nur vom „ingenieurmäßigen Arbeiten“ abhalten würden.

Alle diese Vorteile sind von mir völlig ernst gemeint, sie fußen auf Aussagen von solchen Lesern, die sich oft über die mit üblichen Karrierepositionen verbundenen Probleme beschweren. Man bloß, zu Ihnen passt der Job nicht. Seine Nachteile überwiegen in Ihren Augen:Es ist eine Sackgasse ohne Entwicklungschancen. „Draußen“ gibt es keinen Markt für diese Qualifikation. Das ist äußerst fatal für Angestellte! Die Chance, im Ernstfall (wer immer den auslöst) relativ problemlos zu einem anderen Unternehmen gehen zu können, ist die zentrale „Lebensversicherung“ für abhängig Beschäftigte. Sie sind außerhalb der originären Interessen Ihres Unternehmens tätig. Dieses will Anlagen vertreiben, projektieren und produzieren. In diesem Rahmen haben Sie nur eine winzige Hilfsfunktion.

Solche Funktionen sind wichtig, vor allem wenn es klemmt. Aber Ihr Unternehmen ist nicht auf der Welt, um Behördenkontakte wahrzunehmen. Die sind nur ein notwendiges Übel und können manches „Unheil“ verhindern. Aber Anlagen verkauft man nicht direkt auf diesem Weg. Daher hat diese Position auch kaum Karrierepotenzial.

Zu den Nachteilen, für die Sie absolut nichts können (außer vielleicht fehlender Fortüne bei der Auswahl) gehört auch, dass ich die Betrauung eines Berufsanfängers mit diesem Fachgebiet nicht für besonders glücklich halte. So etwas gehört in die Hände eines rüstigen Endvierzigers, der weiß, was er tut und was er (noch) will und sich bewusst für so etwas entscheidet (lernen kann man das offensichtlich, Sie haben es ja auch gemeistert).

Als klare Empfehlung für Sie: Sie sollten sich um einen Fachgebietswechsel bemühen, in- oder extern, je früher desto besser. Intern wird es sicher schwierig – mit wem wollen Sie darüber reden, ohne dass Ihr Chef davon erfährt. Und der wird Sie nicht gehen lassen wollen (hätte er einen Endvierziger genommen, wäre der jetzt Anfang 50 und bliebe ihm für insgesamt fünfzehn Jahre auf dem Job erhalten).

Bleibt der externe Weg. Auch der ist nicht einfach – das ist der Versuch eines radikalen Tätigkeits- / Fachrichtungswechsels nie. Beginnen wir mit dem, was nicht geht:

– Sie dürfen keinesfalls in Anschreiben und Lebenslauf einfach nur schildern, was ist. Beispiel: „…bin ich heute für Behördenkontakte zuständig und bewerbe mich nunmehr um die Position als Betriebsingenieur.“ Das wird sofort aussortiert.

Sie müssen Ihre Geschichte schon geschickter und verkaufstaktisch klüger aufbauen. Beispielsweise so:

– „Beim seinerzeitigen Berufseinstieg war ich mir über die unternehmensintern einzuschlagende Tätigkeitsrichtung nicht im Klaren. Bewusst wählte ich daher die mir als außerordentlich vielseitig vorgestellte Position im Bereich der Kontakte zu den in unserem Hause sehr wichtigen Genehmigungs- und Aufsichtsbehörden. Diese ungewöhnlich klingende Funktion bringt mich in ständigen Dialog mit dem Betrieb (Fertigung, Wartung), den Kunden und anderen externen Institutionen. Dadurch lerne ich alle unsere Produkte sehr intensiv und in allen wesentlichen Details kennen und bin mit allen bedeutenden Bereichen des Hauses in intensivem Kontakt. Die Funktion eines Betriebsingenieurs, also die Zuständigkeit für … und …, ist für mich dabei zur zentralen Herausforderung geworden. Leider ist ein interner Wechsel, auf den ich gehofft hatte, derzeit kaum möglich.

Ich habe mich intensiv mit einer solchen Aufgabe und mit den daraus resultierenden Anforderungen auf der einen sowie mit meinen Fähigkeiten und Kenntnissen auf der anderen Seite beschäftigt und die Details durch Kontakte zu unserer Betriebsabteilung vertieft. Dabei bin ich zu dem Schluss gekommen, hier nach relativ kurzer Einarbeitung wesentliche Beiträge leisten und einen mich erfüllenden Rahmen finden zu können. Ich weiß, dass ich insbesondere am Anfang intensiv lernen muss, bin aber dazu ebenso wie zu überdurchschnittlichem Einsatz gern bereit. In der Gehaltsfrage werden wir uns sicher einigen, selbstverständlich steht diese bei dem anstehenden Wechsel für mich nicht im Mittelpunkt.“

Oder so ähnlich.

– Parallel dazu muss es dann auch im Lebenslauf (der vielleicht zuerst gelesen wird!) heißen: „… bewusst gewählter Berufseinstieg als breit gestreuter Einführungsprozess in die Praxis (die Hoffnung, einen internen Wechsel auf die Position eines Betriebsingenieurs vollziehen zu können, erfüllte sich aus betrieblichen Gründen leider nicht).“

Und dann müssen Sie viele Steine ins Wasser werfen, also die Bewerbungen breit streuen. Viel Glück.

Kurzantwort:

Der Berufseinsteiger, der nicht ganz sicher ist, dass er später keine weiteren Ambitionen entwickelt, sollte darauf achten, dass sein Tätigkeitsgebiet eines mit durchgängiger Aufstiegslinie ist. Spätere Fachgebietswechsel sind schwierig.

Frage-Nr.: 1510
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 29
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2000-07-21

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