Heiko Mell

Übersee – und wie zurück?

Ich bin seit längerem in der …-Entwicklung eines großen internationalen Konzerns tätig. Nachdem ich dort die ersten Jahre meines Arbeitslebens als durchaus erfolgreicher Konstrukteur für XYZ-Aggregate verbrachte hatte und mir im Mutterhaus trotzdem niemand eine Veränderung (weder horizontal, noch vertikal) bieten konnte, bewarb ich mich konzernintern für ein Entwicklungsprojekt in USA, wieder auf meinem Spezialgebiet, aber im Zuständigkeitsbereich umfassender.

Obwohl der Vertrag über drei Jahre ausgestellt worden war, war es mit der äußerst interessanten Zeit schon nach einem Jahr vorbei. Man beschloss, das Projekt zu verkleinern und an einen anderen Produktionsstandort in einem anderen, von Deutschland noch ferneren Land in Übersee zu verlagern. Im Mutterhaus war keine interessante Position zu finden, der designierte Projektleiter bot mir eine interessante fachlich weiterführende Aufgabe an – ich stimmte dem Umzug von den USA (inkl. Familie) in dieses neue Land zu. Dort bin ich seit fast drei Jahren tätig.

Ich wechselte inzwischen in ein anderes Projekt und sammelte auch dort wieder interessante fachliche Erfahrungen und lernte interessante Systeme und Werkzeuge kennen. Außerdem wurde ich inzwischen endlich Teamleiter.

Mit dieser umfassenden Erfahrung und inzwischen mehrjährigem beruflichen Aufenthalt an zwei extrem unterschiedlichen Standorten (Kultur und Sprache) sowie mit meinen durchweg hervorragenden Zwischenzeugnissen bzw. Ergebnisberichten müsste ich eigentlich eine begehrte Arbeitskraft auf dem heimischen Arbeitsmarkt in Deutschland sein.

Tatsächlich ist es aber sehr schwierig, einen anderen Arbeitsplatz zu finden:

a) Nach dem einen Jahr USA war trotz intensiver Bemühungen der Personalabteilung (natürlich nicht nachprüfbar!) das beste interne Angebot, wieder an den ursprünglichen Arbeitsplatz in D (obwohl der inzwischen anderweitig besetzt war) zurückzukehren.

b) Vor ca. zwei Jahren richtete ich eine interne Bewerbung an den Entwicklungsbereich einer anderen Konzerndivision. Dort war eine Stelle ausgeschrieben worden, auf die mein Profil zu 95 % passte. Man lud mich nicht einmal zum Vorstellungsgespräch ein. Begründung: Ich würde den Entwicklungsprozess dieses Produkts nicht kennen, sei also unbrauchbar.

c) Bei meiner Beförderung hier im Ausland zum Teamleiter brauchte ich zur Anerkennung dieses Status in Deutschland die unterschriebene Rücknahmeerklärung eines deutschen Bereichsleiters. Plötzlich war in meinem „Heimatbereich“ trotz zuvor vielfältig gehörter Zusicherungen nichts mehr zu wollen. Man fühlte sich bei der Beförderung übergangen, weil man nicht zuvor gefragt worden war. Und außerdem entspreche es nicht den üblichen Gepflogenheiten, Stellen zwei Jahre im voraus zu besetzen.

d) Die Reaktionen, die ich auf vereinzelt verschickte externe Bewerbungen zwecks Testen des Marktwertes erhielt, würde ich als interessiert, gleichwohl aber auch als sehr zurückhaltend bezeichnen. Zu einer Einladung hat es nie gereicht.Momentan denke ich wieder an die baldige und damit vorzeitige Rückkehr nach Deutschland, weil auch das aktuelle Projekt aufgrund veränderter volkswirtschaftlicher Rahmenbedingungen vor dem Aus steht.

Meine Fragen:

1. Sicher ist es irgendwo verständlich, dass man einen Bewerber vom „anderen Ende der Welt“ nicht mal geschwind zum Vorstellungsgespräch einlädt. Ich möchte jedoch nicht mit Frau und Kindern an den Standort des Mutterhauses zurückkehren, dort für ein paar Monate eine Übergangswohnung beziehen, mich dann extern bewerben und wieder umziehen. Das wäre für meine Familie kaum zumutbar. Wie kann ich mich also von hier aus so bewerben, dass ich nicht von vornherein abgewiesen werde und bei meiner Rückkehr schon einen mir genehmen Arbeitsplatz vorfinde?

2. Mit meinem derzeitigen Arbeitgeber bin ich eigentlich nicht unzufrieden, auch wenn ich mich nicht gerade von ihm umsorgt fühle. Ist es in meiner Situation überhaupt empfehlenswert, einen Arbeitgeberwechsel vorzunehmen und dabei eventuell einen weiteren Schritt nach oben zu machen, was im Mutterhaus derzeit ganz sicher nicht möglich wäre?

3. Mein beruflicher Lebenslauf sieht in den letzten Jahren ziemlich abwechslungsreich aus: ein Arbeitgeber, 3 Länder, vier Projekte, vier unterschiedliche Funktionen. Ich habe jedoch m. E. nie den roten Faden verloren und bin nach wie vor in der Hauptsache Konstrukteur für XY-Produkte mit erweitertem Einsatzspektrum. Wird das von Bewerbungsempfängern auch so verstanden?

4. Oder soll ich einfach abwarten, was mein derzeitiger Arbeitgeber mit mir vorhat und dabei auch eine mehrmonatige Wartezeit auf einer Parkposition im Mutterhaus in Kauf nehmen? Die von Ihnen mehrfach erwähnten fünf Jahre, die es normalerweise dauert, bis sich ein Auslandsaufenthalt beruflich bezahlt macht, möchte ich aber nicht als Spinnwebhalter in irgendeiner Büroecke verbringen.

PS: Einen Lebenslauf habe ich leider nicht zur Hand.

Antwort:

Ich bin nicht glücklich über so lange Fragen, da sie vom Leser dieser Rubrik eine sehr große Aufmerksamkeit fordern. Da aber Ihr Problem für viele Akademiker im Ausland typisch ist, da „Auslandserfahrung“ im Zeichen der Globalisierung immer wichtiger wird und da ich Ihre „fern der Heimat“-Situation sehe, mache ich eine Ausnahme. Bei der Gelegenheit: Gegen längere Antworten aus meiner Feder habe ich hingegen nichts, so ist das Leben.

Ich will, geehrter Einsender, Ihnen helfen. Weiter nichts. Obwohl … – nun, lesen Sie selbst:

Wir sind uns einig, ein Lebenslauf wäre hilfreich gewesen. Aber Sie hatten gerade keinen zur Hand. Verstehe ich. Aber muss ich auch verstehen, dass Sie mir mit gleichem Datum einen zweiten Brief schrieben, in dem Sie einen – und dann auch noch nur vermuteten – Schreibfehler in einer von mir zu verantwortenden Personalanzeige kritisierten? Motzt man denn morgens Leute an, von denen man mittags etwas will? Und hätten Sie den Aufwand dafür nicht besser in die kurze Ausarbeitung eines Lebenslaufes gesteckt? Womit ich nichts gegen Bemühungen zum Aufdecken Mell’scher Fehler sagen will. Das mag ja durchaus erquickend sein.

Aber: Wenn Sie so sind, dann waren Sie immer so. Und dann könnte ein Grund für das höfliche Desinteresse Ihres Hauses an Ihrer Rückkehr daran liegen, dass Ihr Chef (oder sein Vorgesetzter) Sie gar nicht so gern wiederhaben und Sie schon gar nicht befördert sehen will. Bitte prüfen Sie das einmal sehr sorgfältig – und schließen Sie erst aus, dass Sie Ihrem Chef auch schon öfter unnötig „auf die Füße getreten“ sind, wenn Sie ganz sicher sein dürfen.

Denn als eine Begründung für alle geschilderten Misshelligkeiten kommt durchaus auch in Betracht: Sie haben zu Hause keine besondere Lobby! Was wiederum die Frage nach den Gründen aufwirft (siehe auch c).

Die andere Ursache liegt darin, dass es in den meisten Unternehmen gar keine mittelfristige (eine langfristige gibt es schon überhaupt nicht) Personalplanung mehr gibt, wegen des – oft nur „hausgemachten“ – Zwanges zu ständigen Veränderungen auch gar nicht mehr geben kann. Alles, was ein Jahr überschreitet, ist bestenfalls Vision, nicht mehr als Absicht.

Wenn jemand für drei Jahre ins Ausland geschickt wird, gilt: Jetzt ist er weg, hier organisieren wir uns personell erst einmal neu. Und wenn er eines fernen Tages wiederkommt (falls er denn kommt), ja dann „schaun wir mal“. Irgendwie wird sich dann schon etwas finden. Auf dem Papier („bei uns steht der Mitarbeiter im Mittelpunkt“) mag es anders sein, in der Praxis läuft es so.

Und selbst wenn es anders wäre: Sie waren für drei Jahre in die USA gegangen. Als Sie – warum auch immer – nach einem Jahr zurückwollten, störten Sie zu Hause. Auf „so etwas“ ist die beste Planung nicht eingerichtet (zu a).

Firmeninterne Wechsel über Bereichsgrenzen hinweg sind meist extrem schwierig. Ich kenne Konzerne, die darüber erst diskutieren, wenn das Einverständnis des zuständigen Bereichsleiters („abgebende Abteilung“) vorliegt. Mitunter gibt es auch interne Abneigungen und Rivalitäten, die einer Einigung im Wege stehen. Vielleicht, Sie waren für Division I im Ausland und hatten sich bei Division II vorzeitig(!) um eine Rückkehr beworben, haben Sie auch gegen irgendeine interne Versetzungsvorschrift verstoßen (zu b).

Bewerbungen aus Übersee an fremde Firmen sind extrem problematisch. Niemand will die Anreise zur Vorstellung bezahlen; häufig finden drei Gespräche vor Vertragsunterschrift statt, da wären das drei Flüge aus Neuseeland, Japan. o. ä. Das riskiert man nicht (zu d).

Noch etwas: Sie sind jetzt seit einigen Jahren im Ausland. Gut. Aber man hat das starke Gefühl, Sie seien letztlich wenig erfolgreich gewesen bei dieser Mission. Nichts scheint so richtig zu klappen. Das fängt bei Ihrem drastisch verkürzten US-Aufenthalt an und hört bei der Einstellung des derzeitigen Projektes auf. Ob Sie die Schuld daran tragen, spielt – wie stets im Leben – praktisch keine Rolle. Dieser Aspekt mindert den Wert Ihrer Bewerbung – achten Sie also darauf, dass er aus Ihren Schilderungen nicht so deutlich wird wie hier.

Eine Bewerbung muss signalisieren: Hier kommt ein Sieger! Ihre Zuschrift jedoch (das ist kein Vorwurf) sagt: Seit Jahren klappt nichts so richtig; wo ich bin, läuft es meist schlecht. Da gilt: mitgefangen, mitgehangen!

Nun zur Rückkehr:

– Externe Bewerbungen an weit entfernte (anderer Kontinent) Empfänger „funktionieren“ nicht. Wer nicht muss, sollte die Finger davon lassen. Sie müssen nicht.

– Auf den Umstand, dass Auslandspraxis für die Karriere eine Art „Langzeitdünger“ darstellt, der seine Wirkung meist erst längere Zeit nach der „Anwendung“ entfaltet, habe ich bereits hingewiesen.

– Kommen Sie erst einmal zurück nach Deutschland. Warten Sie ab, was der Konzern Ihnen offeriert. Und dann bewerben Sie sich ggf. extern, von hier aus und ohne zeitlichen Druck (Sie sind dann für Vorstellungen problemlos erreichbar).

– Die eventuelle „Doppelbelastung“ des mehrfachen Umzugs für Ihre Familie ist als „kleineres Übel“ hinzunehmen.

– Vergraulen Sie sich Ihre Chefs in Deutschland nicht, indem Sie ständig „Schwierigkeiten“ machen, irgendetwas wollen, mit vorzeitiger Rückkehr drohen, Garantieerklärungen einfordern o. ä. „Reibungsloses Funktionieren unter den erschwerten Bedingungen des Auslandseinsatzes“ ist die Devise.

Damit sind Ihre Fragen 1, 2 und 4 erledigt.

Zu 3: Wenn Sie erst wieder hier sind und Ihren Weg ebenso informativ wie geschickt darstellen, werden Sie auch für externe Partner interessant sein. Aber die schauen natürlich auch auf das, was Ihr heutiger Arbeitgeber für Sie vorgesehen hatte hier in der Heimat. Ein Riesenkonzern, der Sie genau kannte und vermutlich auch händeringend Ingenieure brauchte(!). Wenn der Sie lieber gehen ließe, wäre das ein weniger gutes Zeichen (für Ihre Qualifikation). Dass seine Mühlen langsam mahlen, gehört zur Größe dazu.

Kurzantwort:

Auslandserfahrung wird nicht deshalb so hoch gehandelt, weil es etwa besonders einfach wäre, den Einsatz draußen und die Rückkehr in die Heimat erfolgreich zu bewältigen. Diese Erfahrung hat ihren Preis!

Frage-Nr.: 1494
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 22
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2000-06-02

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