Heiko Mell

Zukunft, die Zukunft hat

Nach nunmehr zwölf Jahren Industrietätigkeit bin ich knapp auf einem Qualitätsleiter-Posten angekommen (allerdings fast ohne Personalführung). Bedingt durch eine Standortschließung muss ich mich ohnehin neu orientieren.

Suche ich mir nun besser eine neue Stellung innerhalb des Qualitätswesens der Elektroindustrie oder fange ich in der Informationstechnik neu an? Dieser Bereich würde zwar nicht zu meiner bisherigen Tätigkeit (Elektromechanik) passen, aber durchaus zum Studienfach (FH-Ing. Nachrichtentechnik).

Man kann, wie man so hört, im IT-Bereich viel gewinnen. Mein derzeitiges Jahreseinkommen von 100.000 DM p. a. ist – nach aktuellen Veröffentlichungen – in diesem Bereich schon nach sehr kurzer Zeit wieder zu erreichen. Und sicherlich ist eine Leitungsfunktion in einem florierenden Bereich eher erreichbar als in einem zumindest stagnierenden Bereich (allgemeine Elektrotechnik).

Ich würde sehr gern einmal in einem zukunftssicheren Sektor arbeiten, da ich nun zum dritten Mal eine Firmenschließung begleiten muss (dabei das zweite und dritte Mal mit dem Betriebsteil eines sehr großen deutschen Top-Konzerns).

Antwort:

„Junge, geh““ zur Post!“, war stete Mahnung meiner Großmutter, die Kaiser Wilhelm, Inflation, zwei Weltkriege und die Vorstufe des Kommunismus in der DDR erlebt hatte. Die Post war „sicher“, die Leute dort waren Beamte (Pension!), geschrieben wurde immer (Briefe).

Meine Großmutter war eine lebenserfahrene Frau, aber: Was hat aus heutiger Sicht ihre damalige dringende Empfehlung getaugt?

Wenig, sagen wir einmal vorsichtig. Die ganze Telefon-/Telekommunikation-/Internet-Geschichte gehört längst nicht mehr zur Post, geschrieben wird in Zukunft auch immer weniger, mit dem staatlichen Briefmonopol ist es längst Essig, der Beamtenstatus hat in privatisierten Betrieben auch ausgedient – und das Postamt in meiner Wahl-Heimatgemein-de ist ein „Mac Paper“-Laden (oder wie das jetzt heißt), in dem viel Papier und wenige Briefmarken verkauft werden. Und ich hätte doch Amtsvorsteher am Wohnort werden und mit dem Arzt und dem Apotheker am Stammtisch „Honoratioren“ spielen sollen.

Also nichts gegen die Post (die neue Aufgabenfelder gefunden hat), aber in den Augen meiner Großmutter wäre der Lack ab, keine Frage. Wobei mir einfällt, dass die Apotheker schon lange, aber leise, und die Ärzte seit kürzerer Zeit, aber heftiger, klagen. Meinen ganzen – fiktiven – Stammtisch hat der Wandel um seine aus damaliger Sicht extrem solide Zukunft gebracht! So kann das allen gehen, auch den IT-Leuten. Man weiß nur nicht, ob in fünf oder in fünfundzwanzig Jahren …

Was sagt uns das nun im Zusammenhang mit dieser Frage? Es zeigt, dass Prognosen schwierig sind. Eigentlich sind sie unmöglich, jedenfalls wenn sie über ein paar Jahre hinaus gehen. Praktisch gibt es überhaupt keine Planungssicherheit mehr. Denken Sie nur an die Internet-Entwicklung. Gestern langweilten sich viele DV-Spezialisten wegen mangelnder Nachfrage, heute beherrschen Inder die Diskussion (damit Sie an dieser Stelle nun doch einmal eine Prognose lesen: Ich halte das für eine populistische Schnapsidee, die das Problem nicht lösen wird; die Industrie und andere hätten ab 1993 ein bisschen mehr langfristig über den Tellerrand hinaus denken und nicht ganze Absolventen-Jahrgänge im Regen stehen lassen sollen, dann hätten wir jetzt nicht diesen Engpass; er ist hausgemacht und muss intern gelöst werden).

Zur Frage: Die ist aus zwei Gründen schwer zu beantworten.

1. sind, das hatten wir gerade, Prognosen über ganze Berufstätigkeitszeiträume hinweg fast unmöglich. Schön, im Augenblick haben wir alle (fast) je ein Handy an jedem Ohr und machen in Internet. Wenn jetzt aber beispielsweise morgen die Gentechnologie wirklich etwas gegen Krebs und Herzinfarkt findet und auf den Markt wirft, dann kaufen die Leute lieber das – und steigen vielleicht von Internet-Aktien (Pleiten über Pleiten) auf Gentech-Papiere um. Oder – wahrscheinlicher – etwas ganz Neues beherrscht unsere Welt in absehbarer Zeit. Vielleicht wird die Bahn pünktlich oder niemand schaut mehr Big Brother oder bei meinem gar nicht so furchtbar billigen Auto aus edler süddeutscher Produktion tropft es nicht mehr auf die Sitze, wenn ich bei Regen die Tür öffne. Vielleicht kommt das alles aber auch nicht … Niemand weiß, was morgen sein wird.

2. Selbst wenn man sichere Prognosen stellen könnte, ist damit noch nichts über die Zukunft des einzelnen Mitarbeiters in diesem bestimmten Metier gesagt. Nehmen wir einfach einmal an, die IT-Branche wüchse jedes Jahr um x %. Wenn jedoch jährlich x + y % neuer Mitarbeiter in diese Branche hineindrängen (über entsprechende Studienwahl), kann man die Probleme vorhersagen, vor die sich Angestellte in wenigen Jahren gestellt sehen werden. Dann gilt auch noch: Der Arbeitsmarkt hat praktisch keine „Rückwärts-Flexibilität“. Wenn die Nachfrage plötzlich zurückgeht, können die dort Tätigen nicht ebenso plötzlich etwas anderes machen – und die jährlichen Absolventen mit ihrer Studien-Spezialisierung drücken „gnadenlos“ zusätzlich auf einen ohnehin schon übersättigten Markt.

Und so kann es dazu kommen, dass trotz (oder wegen) des IT-Booms gar nicht jeder, der jetzt hineinmöchte in die Branche, dort auch eine „Zukunft“ findet.Auch das muss man sehen: Die heutigen IT-Spezialisten haben als Schulkinder mit PC-Spielen angefangen. Internet gab es damals noch nicht. Morgen werden neue Generationen auf den Markt drängen, die haben im Kindergarten im Netz gesurft. Wissen Sie, wie „alt“ die Profis der 1. Generation gegenüber denen dann aussehen werden?

Was ich damit sagen will: IT überstrahlt im Augenblick alles. Das ist gut für den, der jetzt „drin“ ist oder in den Startlöchern steht. Das ist unbedingt noch gut für jemanden, der jetzt eine Ausbildung beginnt, die in drei oder fünf Jahren zum Berufseintritt führt. Aber: Wer doch schon – aus der Sicht der IT-Branche(!) – ein „älterer Herr“ ist und zwölf Jahre(!) anderweitiger Berufspraxis hat, die er doch weitgehend „wegwerfen“ würde beim Wechsel und wer die Super-Spezial-IT-Kenntnisse ja mit fast 40 wohl teilweise erst erlernen müsste, der darf keinesfalls unüberlegt an einen Neubeginn herangehen.

Bitte bedenken Sie, dass gleichaltrige künftige IT-Kollegen zwölf Jahre Praxis in diesem Metier hätten, neben denen sähen Sie „alt“ aus, im wahrsten Sinne des Wortes.

Sie sind, was ich ja gut verstehe, etwas frustriert wegen Ihrer dritten Firmenschließung in Folge. Das aber hat nichts mit Ihrer Fachrichtung zu tun, sondern mit dem (mir gegenüber namhaft gemachten) XY-Konzern. Hatte übrigens nicht dessen Vorstandsvorsitzender etwa vor Jahresfrist öffentlich erklärt, er wünsche Einheiten mit mehreren 10.000 Mitarbeitern „abzustoßen“? Worüber wundern Sie sich dann überhaupt?

Ich darf bei der Gelegenheit einmal eine Lanze für die mittelständische Industrie brechen. Dort gibt es Einheiten in der Größe von Konzernwerken als selbständige Unternehmen – die nicht so schnell schließen. Und bei denen Sie als Leiter Qualitätswesen selbst die Richtlinien gestalten und wirklich etwas bewegen können.

Übrigens ist „Qualität“ nicht so eng an eine Branche gebunden, wie Sie das darstellen. Niemand zwingt Sie, überhaupt in der Elektroindustrie zu bleiben. Sie sind „Ingenieur mit Qualitätswesen-Erfahrungen“, der sich durchaus auch in anderen industriellen Gefilden tummeln darf.

Kurzantwort:

Der totale Umstieg in eine neue Branche/Tätigkeit mit 40 Jahren ist gefährlich – die neuen Kollegen dort haben in diesem Alter ca. zwölf Jahre einschlägige Praxis, während man selbst Neuling ist. Das ist kaum aufzuholen.

Frage-Nr.: 1488
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 19
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2000-05-12

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