Heiko Mell

Generalisten-Glanz und -Elend

Als junger promovierter Hochschulabsolvent mit solider … Ausbildung konnte ich in einem Großkonzern der … Industrie mit einem Quäntchen Glück rasch meine Sporen in Forschung und Entwicklung erwerben und positive Aufmerksamkeit erregen.

Dann verließ ich den klassischen Karriereweg des Ingenieurs: Ich war voller Erwartung und hoch motiviert, als man mir im Konzern die Leitung eines überwiegend kaufmännischen Bereiches eines Tochterunternehmens übertrug. Verbunden mit wesentlicher Personalverantwortung und in einem Arbeitsumfeld, das mich in die unmittelbare Nähe der Konzernführung brachte, glaubte ich nach dem Erlernen kaufmännischer Kenntnisse die nächste Karrierestufe in greifbarer Nähe.

Mein Ziel war die Führung eines Geschäftsbereiches oder die Position eines Technischen Geschäftsführers. Eine nicht voraussehbare Umstrukturierung im Konzern, bei der für mich wichtige Personen ausgetauscht wurden, versetzte meiner Erwartungshaltung einen ersten Dämpfer.

Nach der Veräußerung des Tochterunternehmens, bei dem ich tätig war und bin, finde ich mich nun endgültig in einer Situation wieder, die gründliches Nachdenken erfordert. Falls der von mir angestrebte nächste Karriereschritt in diesem Unternehmen nicht erreicht werden kann (hierfür mehren sich die Anzeichen), muss ich mich für eine der folgenden Optionen entscheiden:

1. Verbleib in der jetzigen Position. Hier besteht allerdings die Gefahr, dass in dieser kaufmännischen Laufbahn mir als Generalist irgendwann der kaufmännische Experte vorgezogen wird.

2. Wechsel in die Leitung einer Geschäftseinheit unserer Firma mit den Verantwortungsbereichen Produktion und Marketing. Dadurch würde der rote Faden am ehesten wieder hergestellt. Diese interne Versetzung sehe ich wegen meiner hohen eigenen Ansprüche allerdings nur als Konsolidierungsschritt.

3. Externe Bewerbung als Geschäftsführer. Einerseits bestehen hier als Generalist gute Erfolgschancen. Andererseits bemerke ich bei den wenigen bisher durchgeführten Bewerbungen, dass für diesen Schritt mein Profil möglicherweise noch nicht ausreichend ist oder mir nur kleine mittelständische Unternehmen offen stehen.

Antwort:

Also Sie sind Dr.-Ing., Ende 30. Nach etwa fünfjähriger Tätigkeit im F+E-Bereich waren Sie dort zuletzt Projektleiter für ein neues Verfahren. Dann ist lt. Lebenslauf ein schwer nachzuvollziehender Bruch mit der bisherigen Tätigkeit erfolgt. Es sieht so aus, als hätte ein Vorstandsmitglied Sie „entdeckt“, Sie zunächst aus Ihrem alten Bereich herausgelöst und Ihnen eine mehrmonatige Koordinierungsaufgabe mit „halbtechnischem“ Inhalt übertragen. Na schön.

Dann aber wurden Sie kaufmännischer Leiter der Tochtergesellschaft, richtig mit Verantwortung für Rechnungswesen, Controlling, DV etc.

Danach verlieren Ihre Förderer ihren Job, Ihre arbeitgebende Firma wird verkauft und Sie finden sich als kaufmännischer Leiter des nun selbständigen, völlig vom Konzern gelösten Unternehmens wieder.

Da haben Sie eine Menge Pech gehabt, das muss man schon sagen. Ob Sie die Schuld an dieser Entwicklung tragen oder nicht, spielt – wie immer im Leben – keine Rolle. Aber zum Lebenskampf gehört, dass man stets einen Preis zahlen muss, um aus solchen Situationen wieder herauszukommen. So nun leider auch Sie.

Sie haben hoch gespielt, als Sie sich von Ihrem Förderer aus der technischen Laufbahn herauslösen und in eine kaufmännische werfen ließen. Nehmen wir an, er wollte Sie in seiner Weitsicht zum „Generalisten für die weitere Verwendung im Konzern“ ausbilden, zu einer Art Einsatzreserve.

Damit kommen wir zum „Generalisten“. Das ist ein hochkomplexes Thema. Keineswegs ist es so, dass dies etwa die erstrebenswerte Stufe menschlichen Werdens schlechthin wäre. So gibt mein Fremdwörterduden die alleinige Definition: „Generalist ist jemand, der in seinen Interessen nicht auf ein bestimmtes Gebiet festgelegt ist.“ Das ist nicht zwingend positiv, meinen Sie nicht auch? Nach dieser(!) Definition gilt: Generalist zu sein, ist gar nicht so toll – aber Sie dürfen sich als ein solcher sehen. Da haben Sie Ihr Problem in einem Satz zusammengefasst.

Aber selbst wenn wir die üblicherweise gebrauchte umgangssprachliche Definition unterstellen, ist Vorsicht angesagt: Was wäre über einen Sportler zu sagen, der 1990 bis 1996 Handball gespielt hat und seitdem Fußballer ist? „Ein Fußballer, der früher einmal Handball gespielt hat“ – mehr nicht. Ballsportler-Gene-ralist wäre er erst, spielte er samstags Hand- und sonntags Fußball, also etwa in beiden Mannschaften des Vereins.

Was, geehrter Einsender, sind demnach nun Sie: ein promovierter Ingenieur mit früherer F+E-Praxis, der jetzt und ohne erkennbare Zusatzausbildung „nur“ die kaufmännischen Belange eines Unternehmens verantwortet. Das ist ein Generalist im Sinne der Duden-Definition, mehr nicht – und das ist weder positiv noch hat es so, wie es ist, eine Zukunft.

Zu Ihren Fragen:

Zu 1: Absolut richtig, da müssen Sie raus, das bringt Sie keinesfalls weiter. Bei externen Bewerbungen, die stets der Prüfstein jeder Angestellten-Laufbahn sind, hätten Sie keine Chance, auch nur eine Position wie Ihre heutige zu erringen. Und so etwas ist stets ein Warnsignal erster Güte!

Zu 3 (bewusst vorgezogen): Das mit den guten Erfolgschancen als Geschäftsführer bezweifle ich entschieden. Und die bisherigen Empfänger Ihrer Bewerbungen haben das auch bezweifelt. Dass Ihnen in diesem Bereich mittelständische Unternehmen offen stehen, ist ebenfalls unbewiesen (und unwahrscheinlich).

Im Sinne der Duden-Definition für „Generalist“ wäre nämlich ein Geschäftsführer eher ein „leitender Fachmann für die unternehmerische Führung eines Ressorts oder einer ganzen Gesellschaft“ als ein „nicht festgelegter“ Mensch. Und Sie sind derzeit überhaupt kein Fachmann für unternehmerische Führung, absolut nicht. Sie wollen, schlicht gesagt, erst einer werden – und suchen jemanden, der Sie entsprechend „üben“ lässt.

Geschäftsführer aber verwalten das Kapital anderer Leute, der Anteilseigner. Und letztere wollen niemandem ihr Geld anvertrauen, der in diesem Job erst noch übt! Die Dinge sind so banal, andere stellen sie nur immer so kompliziert dar.

Zu 2: Da nun sehe ich die Lösung für Sie, genau da. Dort endlich könnten Sie „üben“ in obigem Sinne. Sie könnten alles, was Sie bisher gemacht haben, einbringen, alle Kenntnisse anwenden und viele Erfahrungen dazuerwerben. Und wenn Sie das mindestens drei Jahre bei Ihrem bisherigen Arbeitgeber erfolgreich (Umsatz und Ertrag Ihrer Einheit entwickeln sich positiv) gemacht haben, dann steigen Ihre Chancen, eine GF-Position in- oder extern zu erringen. Dann sind Sie – endlich – Generalist im Sinne von Stellenanzeigen.

Ich sehe hingegen sogar den Vorstandsvorsitzenden einer großen AG eher als „ausgewiesenen Profi für Konzernführung“ denn als Generalisten. Er sieht sich vermutlich auch so (mancher mag sich heimlich für ein „Universalgenie“ halten – soll er).

Kurzantwort:

Man muss dem nicht folgen, sollte es aber einmal zur Kenntnis genommen haben: Lt. Fremdwörterduden ist der vermeintlich so begehrte Generalist (bloß) jemand, der „in seinen Interessen nicht auf ein bestimmtes Gebiet festgelegt ist“. Für die Führung eines Unternehmens ist das zu wenig, da ist man besser „Fachmann/-frau für Konzernlenkung“.

Frage-Nr.: 1467
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 9
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2000-03-03

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