Heiko Mell

Promotion nach erster Praxis?

Ich bin Diplom-Ingenieur (TU, Examen 97) und seit mehr als fünf Jahren auf verschiedene Weise für die XY AG tätig. Dort habe ich Praktika absolviert und meine Diplomarbeit angefertigt, in den letzten 1,5 Jahren nach dem Examen war ich für eine Konzern-Auslandstochter in USA tätig.

Diese US-Tätigkeit habe ich kürzlich vorzeitig aus persönlich-familiären Gründen, die meine sofortige Rückkehr nach Deutschland notwendig machten, gekündigt. Ich hatte aber sowieso nicht vor, auf Dauer in den USA zu bleiben; das Ganze war von vornherein als eine Art „nützliche Ergänzung der Ingenieurausbildung“ gedacht.

Jetzt bin ich also wieder da und auf der Suche nach einer neuen Betätigung. Eine mögliche Alternative ist die Anfertigung einer Doktorarbeit in meiner ehemaligen Abteilung bei der XY AG. Das Thema interessiert mich sehr, und ich bin auch davon überzeugt, daß meine Zukunft in der Industrieforschung liegt, in der man ohne den „Dr.“ nicht viel erreicht.

Nun hat mir aber ein erfahrener Ingenieur, der schon seit langem an der Rekrutierung von Nachwuchskräften in einem großen Pharmaunternehmen beteiligt ist, gesagt, daß eine Promotion nach vorausgegangener Industrietätigkeit später als „Flucht vor der Realität des Arbeitsalltages“ fehlinterpretiert werden könnte.

Antwort:

Ich habe eine Schwäche für ausgefallene, ansprechende oder treffsichere Formulierungen. Ihr: „Jetzt bin ich also wieder da“ hat etwas.

Nicht vorübergehen lassen darf und will ich die Gelegenheit, zur vorzeitigen Kündigung Ihrer letzten (bisher einzigen) Anstellung aus „persönlich-familiären“ Gründen Stellung zu nehmen. Jeder von uns muß Prioritäten setzen und sich oft zwischen „privatem“ und „beruflichem“ Anspruch entscheiden. Ich will Ihnen da auch nicht einfach hineinreden. Vor allem nicht, ohne Details zu kennen. Aber so viel sei mir doch erlaubt: Ich rate zu sehr, sehr strengen Maßstäben, bevor man dem Privatbereich erlaubt, im Berufsweg lebenslang sichtbar bleibende Spuren zu hinterlassen.

Zur gestellten Frage: Ihr Bekannter hat grundsätzlich recht. Aber das gilt nur, wenn man aus einer Industrietätigkeit klassischer Art völlig ausscheidet, um eine reine Assistententätigkeit an der Hochschule bzw. am Institut anzunehmen – mit dem Ziel, den Doktorgrad zu erwerben.

Das ist bei der von Ihnen jetzt angestrebten, praktisch „nebenberuflichen“ Promotion nicht der Fall. Sie wären ja bei einem Industriekonzern tätig, erwürben so weitere Industriepraxis und würden eben nur das Angenehme mit dem Nützlichen verbinden. Unter diesen Aspekten gibt es keine massiven Vorbehalte gegen Ihr Projekt.

PS: Sie machen sich zusätzlich noch Sorgen um vermeintlich nicht ganz perfekte Details in den früheren Zeugnissen der XY AG. Vergessen Sie diese Bedenken: Sie waren damals Praktikant oder Diplomand. Niemand gibt sich bei Dokumenten für diesen Personenkreis extreme Mühe, niemand liest Dokumente dieser Art mit der mißtrauischen Aufmerksamkeit, die man „richtigen“ Arbeitszeugnissen entgegenbringt.

Kurzantwort:

Die nach erster Berufspraxis angegangene berufsbegleitende Promotion neben einer Angestellten-Tätigkeit in einem Unternehmen ist grundsätzlich nicht karriereschädlich.

Frage-Nr.: 1455
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 2
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2000-01-14

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