Heiko Mell

Zurück in die Zukunft?

Meine Anerkennung zu Ihren Beiträgen in den VDI nachrichten. Mittlerweile lese ich Ihre Kolumne seit zwölf Jahren und sehe viele Ihrer Aussagen bestätigt. Allerdings muß ich gestehen, daß es drei Jahre dauerte, bis ich Ihre Ratschläge als realistisch einzustufen lernte.

Ich führe seit knapp drei Jahren eine größere Abteilung bei einem namhaften Konzernunternehmen (B). Zuvor war ich bei einem direkten Wettbewerber (A) für mehr als fünf Jahre tätig. Dort wurde ich von meinem derzeitigen Arbeitgeber angesprochen, ich habe daraufhin meine jetzige Position übernommen.

Der damalige Wechsel wurde bei A nicht verstanden, da man mir auch dort interessante Weiterentwicklungsmöglichkeiten anbot. Ich hielt aber den Zeitpunkt für einen Wechsel gekommen (fünf bis sieben Jahre bei einer Firma) und habe alles versucht, um keine „verbrannte Erde“ zu hinterlassen.

Nun hat sich mein ehemaliger Arbeitgeber A gemeldet und mir eine Position als Geschäftsführer eines kleineren, aber sehr innovativen Bereichs angeboten.

Wenn ich Ihre bisherigen Ratschläge berücksichtige, dann sollte ich nicht auf dieses Angebot eingehen, weil 1. man nicht zu einem früheren Arbeitgeber zurückgeht (er ist wie die Frau, welche man wegen einer Liebe zu einer anderen verlassen hat …) und 2. meine Firmenzugehörigkeit zu kurz ist. Ich müßte dann ja viele Jahre erneut bei A bleiben, um das auszugleichen.

Auf der anderen Seite sehe ich den Reiz und die Möglichkeit, mit „gut Mitte 30“ eine Aufgabe mit Geschäftsverantwortung in einem innovativen Bereich zu übernehmen. Wenn es mir gelingt, dort in drei bis fünf Jahren den Umsatz und vor allem das Ergebnis zu steigern, dann könnte ich mit Anfang 40 ….

Antwort:

Wenn alles wie geplant verläuft, erscheint dieser Beitrag in der Sylvester-Ausgabe 1999, also zum so überaus strapazierten Großereignis. Und während ich sonst vorwiegend um zurückhaltende Seriosität, um kürzeste, präzise Sachinformation und möglichst trockenen Stil bemüht bin, darf ich mich heute ausnahmsweise einmal auf ein Terrain wagen, das ich natürlich sonst – und auch danach wieder – meide. Und wer diesen meinen heutigen Abstecher nicht mag, verzeihe mir schon jetzt (die Geschichte habe ich irgendwo aufgeschnappt):

Auf einer Anhöhe, die sanft von der Abendsonne beschienen wird, stehen drei Bullen. Da tritt unten im Tal eine Herde junger Kühe ins Blickfeld. „Ha“, sagt der erste (jüngere) Bulle und scharrt mit den Hufen, „laßt uns die Chance nutzen und ins Tal hinunterstürmen“. „Nun“, meint der zweite (mittlere), „wir könnten hier warten, vielleicht kommen sie ja herauf“. „Wir sollten“, meint der dritte (ältere), „uns ducken, dann sehen sie uns vielleicht nicht“.

Worauf dies im Original zielt, ist klar – und hier natürlich nicht gemeint, so weit gehe ja nicht einmal ich. Nein, ich meine einen anderen, mit der mir gestellten Frage zusammenhängenden Aspekt:

Der erste Bulle hat ein Ziel, er will etwas. Und wenn er eine Chance sieht, geht er aktiv die Realisierung an. Er imponiert uns.

Der dritte Bulle hat seinen Frieden mit sich und der Welt gemacht. Er will bleiben, wo er ist und wünscht keine Änderung seines Status. Ihm reicht die milde Abendsonne völlig aus. Sein klarer Standpunkt verdient Respekt.

Der zweite jedoch wirkt seltsam indifferent, das Bild von ihm ist irgendwie „flau“, sein Profil wirkt „unscharf“. Er unternimmt selbst nichts, hat keine eigene Konzeption – er wartet auf „Angebote“.

„Angebote“, und darauf will ich hinaus, spielen im Bereich der Karrieregestaltung eine irgendwie merkwürdige Rolle. Mit einem achselzuckenden „… da hatte ich ein Angebot“ versuchen sehr viele Bewerber, Katastrophen im Lebenslauf zu erklären. So als wäre das eine Entschuldigung.

Auch im hier eingesandten Fall ist bei jedem Wechsel stets nur davon die Rede, daß auf Angebote reagiert wurde. „Andere wollten, daß ich …“, heißt das. Muß ein Manager nicht auch in eigener Sache selbst Ziele haben – und aktiv nach Wegen suchen, sie umzusetzen? Er muß.

Selbstverständlich: Wenn mir im Rahmen meiner Zielsetzungen und Planungen ein Angebot begegnet, das zufällig zum richtigen Zeitpunkt die richtige, ins Konzept passende Position liefert (unwahrscheinlich), dann wird die Offerte gern mit aufgenommen in die Auswahl. Aber einmal „raus aus die Kartoffeln“ und dann wieder „rin in die Kartoffeln“ – und immer nur als Reaktion auf „Angebote“, das ist nicht unbedenklich.

Kurz: Angebote sind immer gut – für den, der sie unterbreitet (deshalb tut er es ja). Ob sie aber auch für den Angesprochenen gut sind, ist eine völlig offene Frage.

Zur Rückkehrproblematik selbst habe ich schon viel an dieser Stelle geschrieben. Die Grundregel lautet: Man soll es eher nicht tun – aus vielerlei Gründen.

Aber man soll auch kein Prinzip zu Tode reiten. In Grenzsituationen kann das bewußte Übertreten einer Regel (die man also kennen muß) durchaus die zentrale Lösung bringen. Die große Masse der an einem Prozeß (hier: Arbeitsleben) Beteiligten fährt mit regelgerechtem Verhalten besser. Aber wenn es denn die eine, große Chance ist, muß man sie auch beherzt ergreifen.

Im vorliegenden Fall würde ich – wenn sonst alles stimmt – die Chance höher setzen als das Prinzip. Aber danach würde ich meinen Berufsweg nicht mehr vorrangig von anderen planen lassen (und auf eigene Initiative hinabstürmen ins Tal, wie es die Art der jungen Bullen ist …).

Kurzantwort:

Wer bewährten Regeln folgt, vermeidet mit hoher Sicherheit Fehler und Reinfälle, er erarbeitet sich eine solide Erfolgsbasis. Aber im begründeten Ausnahme-/Einzelfall kann der bewußte Regelverstoß den besonderen Erfolg (wie auch die besondere Katastrophe) erst möglich machen.

Frage-Nr.: 1453
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 52
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 1999-12-31

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