Heiko Mell

„… den bestraft das Leben.“

Eine Ausbildung zum Kraftfahrzeugmechaniker habe ich mit Auszeichnung bestanden. Anschließend habe ich die Abendschule für Technik mit Erfolg abgeschlossen. Im weiteren Verlauf meines Berufslebens habe ich an umfangreichen inner- und außerbetrieblichen Weiterbildungen teilgenommen.

Seit einiger Zeit bemerke ich jedoch, daß ich beruflich an die Grenze gestoßen bin. Ich suche daher nach einem neuen Wirkungskreis, in dem ich neue Herausforderungen und weitere persönliche Entwicklungsmöglichkeiten finde. Meine Ausbildung zum Techniker ist für dieses Ziel jedoch nicht ausreichend.

Ich habe mich daher entschlossen, an einer Fachhochschule ein Ingenieurstudium zu beginnen. Aller Voraussicht nach würde ich das Studium im Alter von 43 – 44 Jahren beenden. Welche realistischen Chancen bestehen für mich als FH-Absolvent dieses Alters, in der freien Wirtschaft eine Ingenieurstelle zu erhalten? Welche Empfehlungen können Sie mir geben?

Antwort:

Ich kann Sie gut verstehen. Sie kommen beruflich nicht weiter, haben „nur“ die Techniker-Ausbildung und stehen unter dem Eindruck, die nächsthöhere Qualifikationsstufe würde Ihnen neue Möglichkeiten erschließen. Und Sie führen jede Enttäuschung auf das fehlende Ingenieurstudium zurück („nur weil ich kein Ingenieur bin“). Wenn man Gedanken dieser Art wieder und wieder verfolgt, kann das zur „fixen Idee“ werden, die Sie völlig blockiert.

Für extreme Problembereiche wie diesen gibt es keine pauschale Lösung. Ich liste Ihnen einmal auf, was mir contra und pro Studium (in diesem Alter) einfällt. Natürlich habe ich gesehen, daß Sie diesen Rat gar nicht mehr wollen, Sie haben sich ja schon „entschlossen“. Dennoch hilft Ihnen die Beschäftigung mit den einzelnen Aspekten des Themas auch, Ihre gestellten Fragen selbst zu beantworten – so weit es überhaupt Antworten gibt.

Contra Studium:
Studienabsolventen mit 30 sind schon zu alt. Mit 45 soll man bereits eine Position einnehmen, in der man „notfalls“ pensioniert werden kann. Ab 45 beginnen Vorbehalte gegen das Alter von Bewerbern, ab 50 werden sie (fast) unüberwindlich. Das Studium ist schwerer in Ihrem Alter. Ein derart alter Student wird an der Hochschule vielleicht zum Außenseiter – die Kommilitonen haben alle ganz andere Interessen. Daß Ihnen derzeit weitere berufliche Möglichkeiten verschlossen bleiben, kann auch an Ihrer Persönlichkeit liegen – und also durch ein Studium unverändert bleiben. Jetzt haben Sie einen – nicht beschriebenen – Job als Techniker. Je nach Situation könnten Sie in einigen Jahren als „Jungingenieur“ arbeitslos sein. Das Studium wird sich vermutlich nicht „rechnen“, der Aufwand (Einkommensausfall für mehrere Jahre) dürfte sich keinesfalls lohnen. Die Bewerbungsempfänger können nichts mit Ihnen anfangen, Sie passen in kein Raster, niemand wird wissen, wie man Sie einstufen und einsetzen soll. Die anderen 44jährigen Ingenieure, die von der Ausbildung her dann also Ihre Vergleichsgruppe bilden, sind viel weiter als Sie gekommen, Sie holen die nie mehr ein: Sie sind jetzt ein trauriger Techniker, Sie könnten dann ein trauriger Ingenieur werden (bitte beschäftigen Sie sich besonders mit diesem Argument, das Betroffenen immer erst später einleuchtet). Wenn Sie mit dem Studium nicht zum Erfolg kommen, haben Sie hoch gespielt und – fast – alles verloren (diesem hohen Risiko stehen nur kleine Chancen gegenüber). „Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben“ (Gorbatschow 1989). „Früh krümmt sich, was ein Häkchen werden will“ (Volksmund). Sie haben sehr lange gebraucht, um das Problem zu erkennen und zu handeln.

So, das alles weiß und denkt der Empfänger der späteren Bewerbung eines „alternden Jungingenieurs“ in etwa auch.

Und dann gibt es noch den Spruch: „Die Konvertierten sind die schlimmsten“ – wer mit 45 katholisch wird, ist imstande, den Papst als Abweichler von der reinen Lehre einzustufen. Sie könnten also ein Ingenieur werden, der allein darin etwas derart Besonderes sieht, daß er seine Umwelt zur Verzweiflung bringt („ich als Ingenieur sehe das so und glaube nicht …“).

Pro Studium:
Sie wollen es, Sie brauchen es – tun Sie es. Wenn Sie scheitern, dann begraben Sie eben Ihren Traum, aber Sie haben es versucht! Außerdem haben Sie dann Ihre Grenzen erkannt. Aber wenn es Ihnen wirklich etwas bedeutet, einfach um seiner selbst willen für Sie wichtig ist und Sie es nicht – vermeintlicher – beruflicher Vorteile wegen machen würden, dann tun Sie es. Ich glaube nicht, daß Sie letztlich wirklich glücklicher werden, aber Sie verlieren damit eine nagende Unzufriedenheit, die Sie vielleicht eines Tages auffrißt.

Ausklang:
Es ist so eine Sache mit Träumen, die man hat und mit Ursachen für das Ausbleiben von deren Erfüllung. Möchten Sie ein Beispiel? Mit 21 Jahren, direkt nach Erwerb meiner Ingenieururkunde, habe ich einmal gesagt: „Vorstandsvorsitzer von VW? Warum nicht!“ Ich bin es nicht geworden, wie Sie sehen. Der Grund liegt nicht darin, daß ich eben nur die „niederen Weihen“ dieser Ausbildung besaß. Der Grund ist hingegen, daß meine persönlichen Fähigkeiten zur Ausübung einer solchen absoluten Top-Position nicht ausreichen. Talent bricht sich Bahn – für diesen hohen Anspruch hat meines nicht gereicht. Was das nun bedeutet für diesen Fall? Nur, daß die Welt nicht untergeht, wenn man so etwas ausspricht (vielleicht schreibt ja der derzeitige Inhaber meiner früheren Traumposition einen Leserbrief und sagt, er seinerseits würde nicht 15 Jahre das Schreiben dieser Serie durchstehen. Es würde mich ein wenig trösten).

Kurzantwort:

Rationale Argumente sprechen absolut gegen die Aufnahme eines Studiums, das zwar eine höhere Ausbildungsstufe bringen, aber erst mit 44 Jahren zu einem Abschluß führen würde. Auch ist mit Ablehnung durch spätere Bewerbungsempfänger zu rechnen. Aber für den Betroffenen selbst könnte es im Einzelfall dennoch heilsam sein, es versucht zu haben.

Frage-Nr.: 1450
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 50
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 1999-12-17

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