Heiko Mell

Führen liegt mir nicht

Ich bin Dr.-Ing., Mitte 30 und arbeite in einem großen internationalen Unternehmen.

Bisher habe ich immer versucht, Ihre Ratschläge zu befolgen. Dies führte nach sechs Jahren im Unternehmen zur Beförderung zum Abteilungsleiter.

Jetzt, etwa ein Jahr danach, habe ich gemerkt, daß mir mein Tätigkeitsgebiet nicht liegt und daß ich meine Zukunft mehr in einer anspruchsvollen Fachlaufbahn mit starkem technischen Bezug sehe.

Wie verhalte ich mich gegenüber meinem Arbeitgeber? Bin ich offen und gestehe ich meine Erkenntnis ein? Welches sind mögliche Reaktionen von Seiten meines Arbeitgebers?

Oder liegt die Lösung des Problems in externen Bewerbungen? Wie stelle ich den Sachverhalt in Bewerbungen geschickt dar?

Zum Schluß noch vielen Dank für Ihre kompetente Beratung und die nützlichen Ratschläge.

Antwort:

Diese Karriereberatung (gegr. 1984) ist so gut, die bringt bei Befolgung ihrer Ratschläge sogar noch Leute in Führungspositionen, die das eigentlich gar nicht wollen. (Einem vielleicht auch nur sehr kleinen Kreis sehr eingeweihter Leser müßte ein Buch bekannt sein, in dem bei der Namensnennung eines Unternehmens penetrant „gegr. XXXX“ in Klammern angefügt wird – es hat mit Lkw-Fahrern zu tun.)

Aber das Thema ist dessen ungeachtet sehr ernst und hat etwas mehr Tiefgang verdient (dennoch hätte ich nur äußerst ungern auf den Einleitungssatz verzichtet; wer mich kennt, weiß das). Also kreisen wir ein:

1. Ich habe hier schon oft darauf hingewiesen, muß das aber aus Gründen der Systematik noch einmal tun: Das berufliche „System“ in kommerziell ausgerichteten Unternehmen ist so ausgerichtet, daß das Streben nach Führungsaufgaben praktisch der Normalfall ist. Nahezu „jeder“ mit entsprechender Ausbildung will Beförderung, mehr Verantwortung, Entscheidungsbefugnis, letztlich auch „Macht“. Das ist auch in völlig anders strukturierten Großorganisationen so: Der „normale“ Berufssoldat mit Abitur wäre irgendwann gern Oberst, viele Priester träumen von der Bischofs-Mütze und viele „kleine“ Kreistagsabgeordnete vom Staatssekretärsrang (mit Pensionsberechtigung).

Ebenso „normal“ ist, daß man bei fortschreitendem Aufstieg über die „Niederungen“ rein fachlichen Tuns hinauswächst: Der Ministerialdirigent stempelt keine Formulare mehr ab, der General steht nicht mehr mit dem Gewehr in der Hand im Schützengraben und schießt eigenhändig auf den Feind, der Generalarzt gibt keine Spritzen und der Papst leistet keine direkte Gemeindearbeit mehr.

Und es wäre nicht sehr witzig, das Vorstandsmitglied eines Automobilkonzerns „anzumotzen“, ob denn das neue Modell überhaupt von ihm selbst konstruiert worden sei (wurde es nicht, noch nicht einmal das linke Hinterrad).

Fazit: Aufstieg in Führungspositionen ist der Standardweg in diesem System. Und: Die Bewertung einer Position in DM (Gehalt) ist natürlich auch Ausdruck der Wertschätzung, der Bedeutung und des internen Ranges der Stelle. Ganz einfach: der Sachbearbeiter bekommt ganz entscheidend weniger. Zwar haben einige (große) Unternehmen eigene (begrenzte!) Fachlaufbahnen geschaffen, aber eben nur einige, was den Arbeitgeberwechsel sehr erschwert.

2. Das alles muß Sie nicht beeinflussen, Sie müssen es nur wissen. Jeder ist frei, seinen eigenen Weg zu gehen oder das wenigstens zu versuchen. Wer nicht führen mag, sondern sich lieber den technischen Detailproblemen widmet (dann aber stets seinen Chef fragen muß, ob er das auch machen darf), kann auf Karriere dieser Art verzichten, ohne Kritik herauszufordern. Welche Nachteile das u. a. aber hat, habe ich hier schon des öfteren ausgeführt (frühere Kollegen sind eines Tages „oben“, man selbst aber nicht; die Chefs, die man bekommt, werden relativ immer jünger und „grüner hinter den Ohren“; der 58jährige Dr.-Ing. mit höchster Fachqualifikation und dem Titel eines Entwicklungsingenieurs kann der Schrecken ganzer Chefetagen sein).

3. Wenn jemand sagt, er wolle nicht führen (aus eigener freier Entscheidung), dann bin ich sehr skeptisch. Weil ich mir das ebenso wenig vorstellen kann wie ein: „Ich will die 100 m nicht unter 10 sec laufen.“Respekt hingegen hat uneingeschränkt verdient, wer zu dem Ergebnis kommt: „Ich glaube, daß ich nicht führen kann, weil mir bestimmte Eigenschaften fehlen.“ Oder was dächten Sie, wenn ich hier behauptete: „Ich könnte jederzeit auch den XY-Konzern führen, will aber nicht.“ Sie würden gähnen.

4. Sachbearbeiter und niemals aufgestiegen zu sein, ist die eine Seite. Sie ist verhältnismäßig harmlos. Schließlich bleibt die Ausrede, man hätte schon gewollt, aber das Schicksal hätte es nicht zugelassen (oder so ähnlich).

Aber Führungskraft gewesen zu sein und wieder „zurück ins Glied“ zu gehen, das ist etwas anderes. Das hat eine besondere Aussagekraft, dahinter steckt ein Prinzip – das ist praktisch endgültig und unwiderruflich. Es hat etwas von „Gewogen und zu leicht befunden“ in den Augen späterer Bewerbungsleser.

Für Sie, geehrter Einsender, heißt das: Überlegen Sie sich den Schritt bitte sehr, sehr gut. Er ist grundsätzlich kaum wieder rückgängig zu machen und damit in seinen Auswirkungen ungleich dramatischer als ein unglücklicher Arbeitgeberwechsel.

Auf dieser Basis zu Ihren Fragen:Im Hinblick auf Offenheit gegenüber dem heutigen Arbeitgeber bin ich grundsätzlich skeptisch. Eine solche Handlung des frisch beförderten Abteilungsleiters ist schlicht „nicht vorgesehen“. Das heißt, sie dürfte überall Ratlosigkeit hervorrufen. Und für die Reaktionen der Chefs darauf gibt es kein übliches Schema, die müssen improvisieren – mit allen denkbaren Risiken, die damit verbunden sind.

Beispiel einer möglichen Reaktion eines Chefs, wenn Sie zu Tür hinausgegangen sind (Achtung: Chefs wollten führen, führen jetzt, für sie ist Führen absolut „normal“): „Eigentlich anständig, daß er uns sagt, wenn er sich da überfordert fühlt. Besser als wenn wir es selbst hätten herausfinden müssen. Obwohl – ein schlechtes Gefühl in der Sache hatte ich schon lange. So weit, so gut. Aber was machen wir jetzt mit dem Mann?“ Und dann denken sie nach – Ausgang offen.Dabei kommt dann die Frage hoch, die auch Sie sich stellen müssen, wie es um Ihr „Image“ im Hause bestellt sein wird, wenn Sie Ihre Führungsposition aufgeben. Sicher, in manchen Fällen ließe sich das irgendwie kaschieren, in anderen aber nicht.

Wie ich schon sagte: Sie hätten sich besser nie befördern lassen. So aber wäre es möglich, daß noch in zehn Jahren jemand hinter Ihrem Rücken tuschelt: „Der soll ja früher mal Abteilungsleiter gewesen sein. Aber dann ist irgend etwas geschehen – und nun ist er es nicht mehr.“ Da der Tuschler das nicht verstehen wird, folgt dann ein Gerücht.

Die „sauberere“ Lösung sehe ich in einem Arbeitgeberwechsel. Wie Sie das alles im Bewerbungsprozeß erklären? Nun – gar nicht. sonst haben Sie dort ähnliche Probleme zu erwarten wie oben beschrieben.

Dabei haben Sie zwei Möglichkeiten:

a) Sie waren nie Abteilungsleiter, weder in der schriftlichen Bewerbung, noch im Vorstellungsprozeß. Als Gehalt geben Sie dasjenige vor der Beförderung an. Mit Ihrem heutigen Arbeitgeber reden Sie nach der Kündigung ganz offen über Ihre Abneigung und bitten ihn, die Ernennung aus dem Zeugnis herauszunehmen. Chancen dafür: recht hoch. Arbeitgeber tun gern etwas für ihre Mitarbeiter; auch für ausscheidende. Bedingung: Diese Mitarbeiter haben engagiert ihre Pflicht getan – und das, was an Gutem getan werden soll, kostet nichts.

b) Einleitung wie bei a, inklusive Gehalt. Das mit dem Zeugnis klappt nicht? Lassen Sie es darauf ankommen. Viele neue Arbeitgeber vergessen, es nachzufordern. Andere tun das, lesen aber nur die Beurteilung darin. Wieder andere lesen den Abteilungsleiter, stutzen – und sagen sich, dafür gäbe es sicher eine harmlose Erklärung, sonst hätten Sie sich ja als Abteilungsleiter beworben. Wenn man Sie dann überhaupt darauf anspricht, spielen Sie das herunter: Es sei eine reine „Titel-Ernennung“ gewesen, Sie hätten keinerlei wirkliche zusätzliche Kompetenzen bekommen – und deshalb hätten Sie sich quasi geschämt, in der Bewerbung damit zu renommieren. Wer will gegen so viel „Blauäugigkeit“ etwas sagen?

Achtung: Das Prinzip, das ich hier propagiere, ist etwas gewagt, aber auch erfolgversprechend. Natürlich gilt der Grundsatz, in Bewerbungsangelegenheiten immer nur die Wahrheit zu sagen (sonst drohen unangenehme Konsequenzen). Aber ich bin irgendwann auf folgende „Lücke“ gestoßen: Wir alle verfolgen stets nur „Hochstapler“. Haben Sie jedoch schon einmal von einem verurteilten „Tiefstapler“ gehört? Sehen Sie, ich auch nicht. Wir verachten (und bestrafen) Menschen, die arm sind, aber als „Reiche“ auftreten, die unbedeutend sind, aber mit ihrer Macht prahlen, die nichtführend tätig sind, aber vorgeben, Manager zu sein. Ein Abteilungsleiter jedoch, der seine entsprechende Beförderung im Lebenslauf glatt „vergißt“, wird eher schulterzuckend betrachtet. Ebenso ein Mensch, der 130.000,- DM verdient, aber nur 115.000,- DM davon angibt („der Rest“, so könnte er sagen, konfrontierte man ihn eines Tages mit dem höheren Betrag, „waren Leistungsprämien, die ich mir hier ja erst wieder verdienen müßte“). Bescheidenheit ist nicht strafbar, gilt sie doch grundsätzlich als sympathische Eigenschaft.

Kurzantwort:

In Bewerbungen gilt der Wahrheitsgrundsatz. Aber bei eventuellen „Abweichungen“ ist „Tiefstapeln“ deutlich weniger risikoreich als der Straftatbestand des „Hochstapelns“.

Frage-Nr.: 1434
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 43
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 1999-10-29

Top Stellenangebote

Fraunhofer-Institut für Windenergiesysteme IWES-Firmenlogo
Fraunhofer-Institut für Windenergiesysteme IWES Forschungs- und Entwicklungsingenieurin / Forschungs- und Entwicklungsingenieur als Gruppenleitung Bremerhaven, Bremen, Hamburg, Hannover
Stadtentwässerung Frankfurt am Main-Firmenlogo
Stadtentwässerung Frankfurt am Main Technische/r Angestellte/r Frankfurt am Main
Crawford & Company (Deutschland) GmbH-Firmenlogo
Crawford & Company (Deutschland) GmbH Trainees (w/m/d) als Sachverständige (w/m/d) deutschlandweit
Stadt Leer-Firmenlogo
Stadt Leer Leitung (m/w/d) des Fachdienstes 2.66 Mobilität und Verkehr Leer
Kita Frankfurt-Firmenlogo
Kita Frankfurt Ingenieur/in (m/w/d) Fachrichtung Architektur (Hochbau) / Bauingenieurwesen Frankfurt
Bau- und Liegenschaftsbetrieb NRW-Firmenlogo
Bau- und Liegenschaftsbetrieb NRW Leitung (m/w) für den Bereich Bauaufsichtliche Angelegenheiten Düsseldorf
Enovos Deutschland SE-Firmenlogo
Enovos Deutschland SE Senior Projekt- und Asset Manager Wind (w/m/divers) Saarbrücken
TÜV Technische Überwachung Hessen GmbH-Firmenlogo
TÜV Technische Überwachung Hessen GmbH Sachkundiger (w/m/d) Frankfurt am Main
Covestro-Firmenlogo
Covestro Ingenieur (m/w/d) als Inspektionsmanager Dormagen
Techtronic Industries ELC GmbH-Firmenlogo
Techtronic Industries ELC GmbH Technischer Projektmanager (m/w/d) Elektrowerkzeuge Winnenden

Zur Jobbörse

Top 5 Heiko Mell: B…