Heiko Mell

Fachliche Träume + BWL-Know-how

Zur Zeit arbeite ich als Assistent an der TH … im dritten Jahr meiner Promotion, die ich in ein paar Monaten abschließen werde. Ich bin dann Dr.-Ing. mit einem Physik-Diplom, 29 Jahre alt und habe Industrie- und Auslandserfahrung.

Nach Abschluß meiner Assistenten-Tätigkeit, die mir bisher ob des überschaubaren Zeitrahmens, der intensiven Auseinandersetzung mit einem Forschungsgebiet und der weltweiten Zusammenarbeit mit vielen Gruppen sehr gut gefallen hat, drängt es mich erst einmal in die Wirtschaft.

Mein derzeitiger Traum ist die Mitwirkung an zukünftigen Energie-Verbundsystemen, die sich den Herausforderungen der kommenden Jahrzehnte stellen. Konkret: zum Beispiel der Aufbau eines Wasserstoff-Netzwerkes, das sich aus Quellen regenerativer Energieumwandlung (Wasserkraft, Solarthermie) speist.

Einen möglichen Einstieg zur Verwirklichung des Traums sehe ich im Arbeitsbeginn bei einem Öl- oder Stromkonzern. Für beide ist die Entwicklung und der Aufbau neuer Netzwerke attraktiv: Damit können – bei fortschreitender Verknappung und somit Verteuerung fossiler Vorräte – profitable Erweiterungen des Geschäftsfeldes geschaffen werden.Ich betrachte diese Überlegungen als Fernziel mit einem Zeithorizont von 20-30 Jahren.

Bei der Gestaltung der kommenden Jahre geht es mir um die folgende Frage:Wie ergeben sich die besten Chancen und Möglichkeiten, nützliches und anerkanntes wirtschaftliches „Know-how“ zu erwerben, das mir in fünf Jahren eine solide Grundlage für etwaige Weiterbildungen liefert, das meinem zukünftigem Chef oder der Firma es erleichtert, mir später mehr Verantwortung zu übertragen und schließlich, das mir in meinem Berufsleben als hilfreiche Zusatzqualifikation dient? (Ich hoffe nicht, daß es sich hierbei um die eierlegende Wollmichsau handelt.)

Daher meine Bitte, die folgende „Ideensammlung“ zu kommentieren:

a) Zweijähriges Wirtschafts-Aufbaustudium
b) 3 – 5 Jahre Tätigkeit in einer Unternehmensberatung
c) Direkter Einstieg in einer Forschungs- oder Entwicklungsabteilung in der Energiewirtschaft.
Parallel dazu:- MBA-Fernstudium mit Wochenendkursen und Blockveranstaltungen. Oder- Traineeprogramm über ein bis zwei Jahre. Oder- Auslandsaufenthalt nach 4 – 5 Jahren. Oder-Lektüre und Eigenstudium.
d) Ein Vorschlag aus Herrn Mells Ideen-Werkstatt.

Antwort:

Wenn ich bloß genau wüßte, warum ich auf der einen Seite fasziniert auf Ihre kurz-, mittel- und langfristige Lebensplanung blicke – und auf der anderen Seite absolut davon überzeugt bin, daß Sie jenes von mir so oft umrissene „System“ überfordern. Vielleicht komme ich ja noch darauf.

Da meine besondere Spezialität darin besteht, Fragen zu beantworten, die niemand gestellt hat, zunächst zu Ihrer Einleitung. Ich habe ein „waches Auge“ für Formulierungen. Da ist Ihre positive Würdigung der „intensiven Auseinandersetzung mit einem Forschungsgebiet“ – und da ist vor allem die Anmerkung, es dränge Sie „erst einmal“ in die Wirtschaft.

„Erst einmal“ klingt nicht sehr endgültig, es bezeichnet eher einen Zwischenschritt, dem ein weiterer folgen soll. Was aber folgt dem Wechsel des Uni-Assistenten in die Wirtschaft? Behalten wir diese ungelöste Frage „erst einmal“ im Gedächtnis.

Das Thema Ihres fachlichen Traums kann ich nicht beurteilen. Aber ich bin knallharter Realist und sage daher:

– Planungsansätze für 20-30 Jahre sind Illusion, das gilt für alle Lebensbereiche.
– Sucht die Energiewirtschaft schon heute händeringend Spezialisten für Wasserstoff-Netzwerke, ist es gut (für Sie). Sucht sie hingegen jetzt nicht, müßte es nach Ihren Prognosen in einigen Jahrzehnten jedoch „eigentlich“ tun, seien Sie gewarnt: Die technische Entwicklung kann ganz andere Richtungen einschlagen, ein Zerbrechen der OPEC oder neuentdeckte Lagerstätten fossiler Energie können den vielleicht richtig vorhergesagten Effekt um jene 20 Jahre verschieben, die Sie dann gnadenlos „zu alt“ machen. Es ist alles schon einmal dagewesen: In der Ölkrise der 70er Jahre (autofreie Sonntage!) suchten wir händeringend nach Alternativen. Dann wurde Öl wieder spottbillig – und die Alternativen wurden kommerziell nicht mehr verfolgt: kein Bedarf, zu teuer.
– Es ist gefährlich, in die Wirtschaft zu gehen und dort bestimmte fachliche Träume verwirklichen zu wollen. Das System ist nicht so aufgebaut, daß es dafür große Chancen gäbe. Und es kommt in diesem Bereich des Berufslebens weniger darauf an, was jemand tut, sondern was er ist.

Also: „F + E-Vorstand eines Energieunternehmens“ werden zu wollen, das hat – als Plan – Zukunft. Und fachlich nehmen Sie auf dem Weg dorthin mit, was sich heute abzeichnet und sind offen für alles, was sich morgen und übermorgen erst auftun wird. Aber sich einer Technologie widmen zu wollen und mit diesem Ziel in die Wirtschaft zu gehen, das hat Tücken – für einen weisungsgebundenen abhängig Beschäftigten.

Sehen Sie, streng betrachtet hat ein Wirtschaftsunternehmen jeder Branche nicht die Aufgabe, die Bevölkerung mit irgendwelchen Produkten oder Leistungen zu versorgen. Es erweckt höchstens den Eindruck, vielleicht aber nicht einmal das. In Wirklichkeit ist es sein Ziel, das eingebrachte Kapital der Gesellschafter so hoch wie möglich zu verzinsen. Entweder sofort oder spätestens morgen (letzteres macht Sinn, wenn man sich vorher schnell noch die Weltmarktführerschaft sichern will, um dann vom Ertrag her richtig „zuzuschlagen“). Und die eingesetzte Technologie ist nur Mittel zum Zweck – findet sich eine diesem Ziel besser entsprechende (nicht etwa unbedingt bessere), fliegt die alte raus.

Verstehen Sie, daß unter diesen Aspekten „Vorstand werden“ (als Beispiel einer Zielsetzung) mehr Zukunft hat als „die XY-Technologie durchsetzen“?

Aber bisher habe ich nur gesagt, was meiner Meinung nach eher nicht geht. Wenn ich nun alle bisher beleuchteten Aspekte zusammennehme, dann scheint mir das auf eine Hochschul-/Instituts-Laufbahn mit Schwerpunkt Forschung hinauszulaufen. Lassen Sie sich das einmal durch den Kopf gehen. Dann bleiben Ihnen Ihre Wasserstoff-Netzwerke als Thema erhalten – und es kann Ihnen relativ gleichgültig sein, wer sie wo wann realisiert. Relativ, wohlgemerkt: Denn wenig Industrie-Interesse = wenig Drittmittel. Aber immerhin: Der Hochschulbereich ist viel besser geeignet für Menschen, die ihre Arbeit unbedingt einem bestimmten Fachthema widmen wollen.

Diese Betrachtung muß zwangsläufig sehr, vielleicht zu pauschal bleiben. Aber ein Denkanstoß für Sie und Gleichgesinnte kann sie sicher sein. Und ich habe auch nicht gesagt, für fachliches Engagement sei in der Wirtschaft kein Platz. Das Gegenteil wäre richtig. Aber eine hochgradige fachliche Spezialisierung auf ein Thema, auf eine bestimmte Technologie hat ihre Tücken. In der Wirtschaft bin ich sehr gut aufgehoben als hochkarätiger Spezialist beispielsweise für Pkw-Motorenentwicklung. Dann besteht meine Fachqualifikation darin, Vorgaben (Lastenhefte) nach dem Stand der Technik termingerecht umzusetzen. Mal finde ich mich dann im Entwicklungsteam des 2,5 Liter-Autos (Verbrauch) wieder, dann bekomme ich Verantwortung bei der Schaffung des neuen hauseigenen 12 Zylinders. Überall leiste ich sehr gute Arbeit – diese Einstellung gefällt dem Unternehmen. Jedenfalls hat sie viel mehr Zukunft als meine alleinige Fixierung auf den Rapsöl-Antrieb, der nach meiner Meinung vielleicht unbedingt kommen müßte (als Beispiel). Der Angestellte arbeitet eben weisungsgebunden (wobei er durch eigene Anregungen auch versuchen kann, ihm genehme Weisungen zu provozieren).

Solche Weisungen aber nehmen auf fachliche Träume einzelner Mitarbeiter nicht die geringste Rücksicht.Nun sollen Sie aber auch Antworten auf Ihre konkreten Fragen bekommen. Aber wenn ich dem eben abgehandelten Thema als „Wert“ etwa 100 Punkte zuordnen würde, dann gebe ich der Frage des optimalen Erwerbs betriebswirtschaftlicher Kenntnisse vielleicht noch fünf bis zehn. Kurz: Dieses Zusatzwissen ist äußerst wichtig, die Art des Erwerbs ist sekundär.

Achtung: Wie viele junge Menschen, die bisher nur dem Universitäts-/Institutsbereich verbunden waren, überschätzen Sie leicht die Bedeutung von „Papieren“, mit denen sich Zusatzwissen dokumentieren läßt. Konkret: Sollte Ihr späterer Chef bei Ihnen stets Mängel in der Verfolgung „kaufmännischer“ Gedankengänge erkennen, dann hätte er diesbezüglich kein Vertrauen zu Ihnen – ob Sie nun Dipl.-Wirtsch.-Ing., MBA oder Industriekaufmann (zusätzlich) wären.

Man könnte die entsprechende Regel etwa so formulieren: Für den Beweis fachlicher Qualifikation im „Kern-Beruf“ werden zwingend „Papiere“ verlangt. Dabei kommt es oft auf Nuancen an: Art der Ausbildungsstätte und Noten sind sehr wohl entscheidend.

Extrembeispiel: Ein „verkrachter“ Ingenieurstudent, der im Studium „alles“ mitbekommen und erfolgreich mitgemacht hat und dem „bloß“ das letzte Examen fehlt, ist nichts. Niemand will hören, daß er „eigentlich“ ebenso viel kann wie jeder Dipl.-Ingenieur.

Aber bei Zusatzqualifikationen zum Kern-Beruf entscheiden vor allem die Kenntnisse und Erfahrungen selbst, nicht die Herkunft. Ob Sie ein PC-Freak sind oder stur sieben VHS-Programmierkurse absolviert haben: die Hauptsache ist, Sie beherrschen Ihr Computer-Handwerkszeug. Ob Sie als Ingenieur eine Dolmetscher-Prüfung mitbringen, in England aufgewachsen sind, in den USA studiert oder eine „Muttersprachlerin“ geehelicht haben: die Hauptsache ist, Sie sprechen und schreiben fließend Englisch. Notfalls und im Zweifel setzt man Sie „zur Probe“ kurz an den PC oder verwickelt Sie in ein Gespräch auf Englisch.

Eigentlich ist das merkwürdig: Ein BWL-Student mit allen Scheinen und „nur“ keinem Examen ist als Controlling-Bewerber „tot“ – ein Ingenieur mit entsprechend ohne Abschluß gebliebenem BWL-Zusatzstudium hat schon eine ganze Menge aufzuweisen. Was nur wieder beweist: Fachergänzende (um nicht fachfremde zu sagen) Zusatzkenntnisse müssen nicht mit der gleichen besonderen Sorgfalt erworben werden wie die Hauptqualifikation. Wichtiger ist, daß man etwas vom fremden Metier versteht.

Auf dieser Basis zu Frage a: Ist von der Sache her immer gut und wird anerkannt. Aber: Als Dipl.-X. + Dr.-Ing. haben Sie überhaupt keine Chance mehr, etwas in dieser Art „hauptberuflich“ zu tun, für Sie kommen nur noch berufsbegleitende Aktionen in Frage. Ob sich das beim Aufbaustudium machen läßt, weiß ich nicht.

Zu b: Nein, das taugt nichts. Ich behaupte nicht, man würde oder könne in einer Unternehmensberatung nichts in dieser Art lernen. Aber: Man geht nicht mit dieser Absicht dorthin! Die Tätigkeit dort liegt Ihnen oder sie liegt nicht, Sie wären gern Berater oder Sie wären es nicht – alles in Ordnung. Aber man setzt sich nicht einen solchen „Felsbrocken“ wie die mehrjährige Tätigkeit in einer Beratung in den Lebenslauf, nur um eine „hilfreiche Zusatzqualifikation“ zu erwerben. Wobei es völlig unwichtig ist, ob man die dort überhaupt erwerben kann.

Zu c: Der direkte Einstieg in Ihre Zielbranche empfiehlt sich ohnehin. Wer später Autos bauen will, fängt am besten sofort nach dem Studium damit an – so ist das überall. Das MBA-Fernstudium bringt Sie weiter und wird anerkannt. Das Traineeprogramm bringt Sie in jenem Unternehmen weiter, hat aber extern keinen Wert und hat so gut wie nichts mit „wirtschaftlichem Know-how“ zu tun. Der Auslandsaufenthalt kann jungen Nachwuchs-Managern nie schaden, hat aber ebenfalls nichts mit Ihrem Thema zu tun. Lektüre und Eigenstudium sind eine brauchbare Notlösung, ersetzen aber das systematische Aneignen von Fachkenntnissen nur bedingt. Übrigens kämen „Kaufleute“ nie auf die Idee, sich „technisches Know-how“ durch Lektüre anzueignen (und jeder Techniker würde den Versuch eher belächeln).

Zu d: Mein Rat lautet: Das grundsätzliche Streben nach diesen Zusatzkenntnissen ist gut, lassen Sie aber das Thema nicht zur fixen Idee werden. Sie haben schon ein Studium und eine Promotion in zwei verschiedenen Fachbereichen. Arbeiten Sie jetzt einfach einmal. Der Rest ergibt sich in der Praxis. Als Trost: Mit der Bildungsbasis, über die Sie derzeit verfügen, sind andere Vorstandsmitglied geworden (nicht ohne stets weiter dazuzulernen, aber ohne neue „Scheine“ vorzulegen). Und prüfen Sie den Vorschlag mit der Hochschullaufbahn noch einmal.

Kurzantwort:

In der Wirtschaft ist derjenige Angestellte gesucht, der eine wertvolle Fachqualifikation einbringt und sich damit dem Unternehmen und seinen – häufig wechselnden(!) – Zielen zur Verfügung stellt. Wer jedoch auf eine einzige, hochspezielle Technologie setzt, der er unbedingt zum Durchbruch verhelfen will, muß in kommerziellen Unternehmen mit dem Scheitern rechnen. Angestellter zu sein, heißt den Zielen der Gesellschafter eines Unternehmens zu dienen, nicht jedoch, die Eigentümer notfalls gegen ihren Willen glücklich zu machen.

Frage-Nr.: 1433
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 42
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 1999-10-22

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