Heiko Mell

Als „weißer Rabe“ zum neuen Unternehmen

Vor kurzer Zeit habe ich erstmalig nach über fünf Berufsjahren als Projektleiter eines Herstellers von Gebäudetechnik meinen Arbeitgeber gewechselt.

Neben einer nennenswerten finanziellen Verbesserung hat mich bei diesem Wechsel im wesentlichen die Mitarbeit beim Aufbau einer neuen Abteilung eines neuen Geschäftsfeldes im Immobilienmanagement interessiert. Die Abteilung besteht neben dem Abteilungsleiter aus wenigen Spezialisten in unterschiedlichen Fachbereichen und meiner Person. Im gesamten Unternehmen war bislang niemand aus meiner Fachrichtung beschäftigt.

Bei meinem Dienstantritt war natürlich niemand darauf vorbereitet, daß ein neuer Mitarbeiter kommt. Der Abteilungsleiter war auf längerer Dienstreise, auch die anderen Mitarbeiter wußten nichts so recht mit mir anzufangen. Das war für mich nichts Außergewöhnliches, ich kannte so etwas von meinem früheren Arbeitgeber.

Was mich jedoch sehr wunderte war, daß keine Berge von Arbeit auf mich warteten. Normalerweise werden doch erst dann neue Stellen geschaffen, wenn die übrigen Mitarbeiter schon längst überlastet sind bzw. Arbeiten anfallen, die nur durch einen entsprechenden neuen Fachmann bearbeitet werden können. Dies war nicht der Fall.

Da ich einen arbeitsreichen Tag gewohnt bin, habe ich nach ca. zwei Wochen meinen Abteilungsleiter gefragt, was für Projekte im Unternehmen anstünden, bei denen meine Mitarbeit erforderlich wäre. Die Antwort war nicht sehr aufschlußreich und ausweichend. Nach einigen Tagen hatten wir eine Besprechung mit der Geschäftsleitung. Dort wurde klar, daß erst jetzt langsam damit begonnen werden soll, die neue Abteilung in das Gesamtkonzept des Unternehmens einzubinden (obwohl die Abteilung mit den beiden bisherigen Mitarbeitern schon seit sechs Monaten existiert).

Mittlerweile sind über sechs Wochen vergangen. Meine Situation hat sich nur unwesentlich verbessert. Allgemein kann gesagt werden, daß die Arbeit der neuen Abteilung von den übrigen internen Bereichen blockiert oder nicht angenommen wird. Mein Know-how kann ich nicht wie erwartet einbringen, meine Lage empfinde ich als sehr unbefriedigend.

Daraus ergeben sich für mich folgende Fragen …

Antwort:

Ihre sehr informative Schilderung enthält zwei Schlüsselinformationen. Beginnen wir mit der ersten, der neu auszubauenden Abteilung.

Ihr Arbeitgeber ist, wie aus weiteren, hier nicht abgedruckten Ausführungen hervorgeht, mittelständisch strukturiert, gehört aber zu einem extrem kapitalstarken größeren Verbund. Hier wurstelt also keine Klitsche um ihre Existenz und muß täglich darauf achten, daß 10,- DM Kosten auch mindestens 11,- DM Einnahmen gegenüberstehen, hier denkt jemand in strategischen Dimensionen. Es geht nicht darum, ob Ihre Abteilung in zwölf Monaten 50.000,- DM Ertrag erwirtschaftet, es geht vermutlich um geplante hohe mehrstellige Millionenumsätze mit kontinuierlichem Wachstum in den nächsten Jahrzehnten. Ob die „Gründungsverluste“ nun 5 oder 20 Millionen ausmachen, ist – überspitzt gesagt – „nicht von dramatischer Bedeutung“.

Da Ihre Abteilung Neuland betritt, hat man zwei Möglichkeiten:

a) man läßt komplexe Langfristplanungen auf der Struktur- und der Auftragsbeschaffungsseite anlaufen – und gerät fürchterlich in Schwierigkeiten, wenn dann z. B. jener eine entscheidende Fachmann nicht rechtzeitig gefunden werden kann oder

b) man sucht erst diesen Fachmann, läßt den sich intern langsam „warmlaufen“ und hat ihn dann ganz sicher im Team, wenn die ersten echten größeren Aufgaben anstehen.Oder man hatte schlicht innerhalb eines komplexen Ablaufschemas geplant: „Beschaffungszeitraum für den XY-Fachmann 3 – 12 Monate.“ Und Sie kamen nach drei Monaten, wo es hätte auch neun länger dauern können. Nun ist man zwar vom Projektablauf auf der sicheren Seite – nur Sie sitzen herum.

Wobei zumindest in Ihrer Schilderung auch Ihr Abteilungsleiter nicht die allerbeste Figur abgibt. Entweder weiß der auch noch nichts Genaues oder er leitet ein auch für ihn „un-geliebtes Kind“.

Aber wie dem auch sei: Neuaufbau heißt Pionierarbeit. Und das bedeutet Planungslöcher, Abwicklungschaos, strukturelles Durcheinander. Das ist eben charakteristisch für „Neuland unterm Pflug“. Es gibt Leute, die das besonders reizvoll finden.

Ich habe gerade vor wenigen Tagen mit dem völligen Neuanfang einer Abteilung zu tun gehabt und konnte die verzweifelte Drucksituation des Projektleiters beobachten. Er war für die Planung gegenüber der Geschäftsführung verantwortlich und wollte unter allen erdenklichen Umständen Lösungsalternativen vorweisen. Vorgesehen war hier eine Stationierung in betriebseigenen alten Räumen am Standort A. Dort könnte sich aber beim Umbau beispielsweise eine umwelttechnische „Altlast“ ergeben, womit weder der Termin- noch der Kostenrahmen zu halten wäre. Alternativlösung wären betriebseigene Räume am Standort B gewesen. Hier waren keine belasteten Bauten zu befürchten – aber niemand wußte, ob es an diesem Standort die gesuchten zahlreichen Mitarbeiter mit bestimmter Qualifikation geben würde. Aus Verzweiflung erwog der Projektleiter jetzt eine Schein-Stellenanzeige in B, um im Falle eines Falles die Personalfrage beantworten zu können. Wir haben zum Glück noch eine andere Lösung gefunden. Aber Sie sehen daran, was einem „Mann der ersten Stunde“ als Bewerber alles geschehen kann.

Als Rat zu dem Komplex: Wenn Sie dort überleben wollen, passen Sie sich den Verhältnissen an. Zeigen Sie keine Unzufriedenheit. Und wenn Sie sehen, daß Ihr Chef – noch – nichts zu tun hat für Sie, nerven Sie ihn nicht, indem Sie das auch noch aussprechen. Machen Sie im Gegenteil Vorschläge, welche Aufgaben Sie sich vornehmen könnten, bis die „ganz großen Projekte“ kommen.

Aber wenn Sie einem Chef offen ins Gesicht sagen: „Ich habe nichts zu tun“, dann sagen Sie damit: „Du verantwortest, daß derzeit für mich sinnlos Geld ausgegeben wird. Du verschleuderst Mittel, du bist unfähig.“ Und Sie drohen unausgesprochen: „Und wenn ich das nun der Geschäftsführung erzähle, alter Schwede?“ Teufel auch.

Ja und die zweite Schlüsselinformation, die Sie geben, ist noch wesentlich dramatischer: „Im ganzen Unternehmen war bislang niemand aus meiner Fachrichtung beschäftigt.“ Das nun ist immer eine Geschichte, die so oder so ausgehen kann, meist eher so.

Gut, es sind hervorragend geführte Teams denkbar, in denen die Ankunft eines bis dahin nie gehabten Spezialisten wie eine Erlösung wirkt und allseits begrüßt wird. Aber das Gegenteil ist deutlich wahrscheinlicher. Und darum lautet die Grundregel (vor allem unter dem Aspekt der Karriereberatung): Man gehe als Maurer zum Bauunternehmen, als Automobilbauer in die Kfz-Industrie, als Bankkaufmann in eine Bank usw. Und wenn dann das Bauunternehmen zum traditionellen Hochbau jetzt auch noch das Ausmauern von Abwasserkanälen ins Programm nimmt, kann der Maurer gut bei den ersten Mitarbeitern dieser neuen Abteilung sein – er bleibt Maurer unter Maurern.

Aber wenn beispielsweise eine Bank ihren ersten Maurer sucht – welche Aufstiegschancen hat der dort? Die haben vielleicht nicht einmal genug Leute, deren Polier er werden könnte. Aber, auch das muß man sehen: Als einziger Maurer in einer Bank kann man ganz gut überleben, wenn man keine großen Ambitionen hat. Es werden nicht die großen, aufsehenerregenden „Star-Projekte“ sein, an die man kommt, aber die Sache kann immerhin ihren Mann ernähren.

Daß aber der „Maurer“ als Neuling von den „typischen“ Bankangestellten zunächst als eine Mischung aus weißem Raben und merkwürdigem Individuum angesehen wird, ist nach Lebenserfahrung zu erwarten. Typische – also schwarze – Raben werden den einzigen weißen in ihrer Mitte erst so richtig akzeptieren, wenn er seine Nützlichkeit für sie unter Beweis gestellt hat. Aber nie aus Prinzip – und auch nie, nur weil der Oberrabe es angeordnet hat. Also lassen Sie sich diesbezüglich etwas einfallen (wegen Ihrer Nützlichkeit für die anderen).

Wenn es aber intern „klemmte“ und man beispielsweise gleichzeitig die Leistung der neuen Abteilung bereits am Markt „als Dienstleistung der Zukunft“ anböte, dann wäre der Ärger programmiert: Wenn keine Aufträge kommen, ist das schlimm. Kommen diese zwar, werden jedoch wegen diverser interner Probleme in den Sand gesetzt, „knallt“ es sogar irgendwann. Weil ein Geschäftsfeld ohne Aufträge „leise“ Verluste macht, eines mit Aufträgen, aber mit unglücklicher Hand bei deren Realisierung, jedoch „laute“. Und da müssen Schuldige her.Ihre Zukunft besteht im Augenblick darin, guten Willen zu zeigen – und weiter abzuwarten. Ob Sie nun nach drei oder dreizehn Monaten wieder gehen, ist gleichermaßen schlimm, also auch kein Unterschied. Vielleicht aber bessert sich bis dahin etwas. Denn das Metier, in dem sich Ihr Arbeitgeber da zu tummeln wünscht, sollte eigentlich Zukunft haben.

Vergessen Sie aber nicht, was Sie getan haben: Sie waren kein Spezialist für das „Geschäft“, um das es gehen soll, Sie hatten bloß auf einem Teilgebiet technisches Fachwissen. Ihr Arbeitgeber verstand auch noch nichts davon, wollte aber auf der Welle mitschwimmen und etwas Gewinnbringendes aufbauen. Nun dürfen Sie sich denn aber auch nicht wundern, wenn es hakt. Sie hätten einen „Umweg“ gehen und in einem Unternehmen beginnen sollen, das einen Namen auf dem Sektor des neuen Geschäftsfeldes hat, bevor Sie zu einem Arbeitgeber gehen, der auf diesem Gebiet neu beginnt.

Kurzantwort:

Bewerber oder neuer Arbeitgeber (noch besser: beide) sollten ausgefuchste Fachleute eines Geschäfts sein, das neu aufgebaut werden soll. Sonst wird das Risiko zu groß.

Frage-Nr.: 1431
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 40
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 1999-10-15

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