Heiko Mell

Wer wird in sechs Jahren gesucht?

Ich bitte Sie um Einschätzung, welche Ingenieure in sechs bis acht Jahren gesucht werden. Vielen Dank für Ihre Antwort

Antwort:

Gerade weil die Zuschrift so knapp gehalten ist und kaum konkrete Anhaltspunkte bietet, ist eine Analyse interessant. Probieren wir es einmal.

Die Frage kam als E-Mail (ich habe inzwischen gelernt, daß so ein Ding weiblich ist – sei es drum; mein Duden sagt das auch und will es mit großem „E“ und großem „M“ geschrieben haben; er sagt auch, man könne Email schreiben, dann aber sei es österreichisch und bedeute etwas ganz anderes). Mehr Text als oben steht nicht drauf auf der Mail.

Wer will schon wissen, welche Fachrichtungen in sechs bis acht Jahren gesucht werden? Jemand, der sich mit Studienwahl beschäftigt. Also geht es um einen jüngeren Abiturienten.

Der Text ist kurz, präzise, spricht für Gestandenheit, Selbstbewußtsein und Berufsroutine. Keine Schnörkel in den Formulierungen, aber doch grundsätzliche Angemessenheit im Vorgehen. Also nicht der Abiturient selbst, sondern sein Vater (männlicher Vorname als Absender). Oder der Vater hat dem Sohn gesagt, wie er das formulieren soll.

Vielleicht aber doch der Vater. Denn der Computer wird nicht perfekt beherrscht. Im meinem Original steht gar nicht „Einschätzung“, sondern „Einschdtzung“ und „für“ statt „für“. Söhne dieses Alters beherrschen das besser.

Also zum Vater. Vermutlich leitend tätig. Manager, keine Zeit für überflüssige Worte. Aber eher mittleres Management; Geschäftsführer u. ä. sind meist verbindlicher.

Dann: Briefanfang mit „ich“ ist nicht erste Wahl, „welche Ingenieure“ auch nicht. Beruf vermutlich Ingenieur (als Leser dieser Zeitung), aber eher Fachhochschulreife als humanistisches Abitur, eher FH- als TH-Ab-schluß (aus meiner Feder ist das ausdrücklich keine Bildungsarroganz!).

Macht das nicht auch einmal Spaß? Mir jedenfalls sehr. Zwei Anmerkungen: Alles kann völlig falsch sein – es ist der klassische Fall von Indizien statt Beweisen, ich riskiere es einfach. Und nichts, überhaupt nichts ist von mir kritisch gemeint.

Warum tue ich das überhaupt? Ich nutze die Gelegenheit, den ja überwiegend technisch ausgerichteten Lesern zu zeigen, wie man nicht nur mit Zahlen, sondern auch mit Formulierungen Informationen unterschiedlich verpacken kann, wie man zu Interpretationen herausfordert, Spekulationen provoziert, sich und sein Anliegen „verkauft“ – letzteres ist in einer Marktwirtschaft für nahezu jeden Menschen extrem wichtig.

Und wenn ich damit erreiche, daß mancher Leser vor der Absendung seiner nächsten Bewerbung doch noch einmal über Formulierungsfragen nachdenkt, dann bin ich zufrieden. Denn seien Sie versichert: Es gibt durchaus mehrere Entscheidungsträger in diesem Lande, in deren Kopf beim Lesen eines Briefes ein „Analyseprogramm“ abläuft wie ich es demonstriert habe.

Warum ich gerade diese Einsendung gewählt habe? Vielleicht, weil die Frage zwar berechtigt ist, ich aber nicht wirksam helfen kann. Ich weiß die Antwort schlicht nicht.Vermutlich weiß sie überhaupt niemand. Dafür sehe ich zwei Ursachen:

– Allgemein gilt, daß Prognosen sehr schwierig sind. Kaum je entwickelt sich ein komplexes Gebiet so, wie Experten das vorhergesagt haben. Die Zahl der Einflußfaktoren ist einfach zu groß. Auch hier wirken z. B. Konjunkturentwicklung, technischer Fortschritt, gesellschaftliche Entwicklung, Finanzkraft der öffentlichen Hände, Zeitgeist/Modetrends mit hinein. Jeder Faktor wäre ein Kapitel für sich. Verläuft aber die Entwicklung nur auf einem der genannten Gebiete anders als geplant, dürfte auch die Nachfrage nach bestimmten Ingenieur-Fachrichtungen anders verlaufen als vorhergesagt.

– Die Frage ist, inwieweit selbst eine richtige Prognose einem einzelnen Menschen helfen würde: Nehmen wir an, man sagt die Fachrichtung X als „in sieben Jahren gesucht“ öffentlich voraus. Die Gefahr: „Alle“ studieren X. Fachrichtung X wird 2006 zwar gesucht, aber „nur“ 20 % mehr als heute. Es haben aber 80 % mehr Studenten X gewählt – darunter vielleicht jener eine Fragesteller von heute, der dann keinen Job bekommt. Oder (in meinen Augen noch schlimmer): Ein junger Mensch läßt sich durch eine Prognose (und väterlichen Druck) zum Studium von X verleiten, obwohl er dafür weniger begabt ist und sein Herz für Y schlägt. Die Katastrophe wäre programmiert!

Mein Rat lautet: Oberstes Kriterium ist die Neigung in Kombination mit dem Talent. Dann schaue man in die Stellenmärkte aktueller Zeitungen. Findet man die Ideal-Fachrichtung dort hinreichend oft vertreten und gibt es auch keine aus dem gesunden Menschenverstand kommenden Argumente, die eine sich aufdrängende Trendwende sehr wahrscheinlich machen, dann folge man dieser Neigung. Oft hat man nach dem Grundstudium (also auf etwa halbem Wege) die Chance, Korrekturen vorzunehmen.

Skepsis ist angesagt, wenn man Modetrends folgt, bei denen mehr „der Wunsch Vater des Gedankens“ ist. Beispiel: „Ich will etwas tun mit Umwelt und Menschen“ war reiner Zeitgeist und trieb zahlreiche junge Leute in Studiengänge, für die es später nur sehr schwer einen Markt gab.

Neuen Studiengängen folge man auch nicht automatisch und nur, weil sie neu sind. Daß staatlich gesteuerte (und sei es über das Geld) Hochschulen Akademiker einer bestimmten Fachrichtung ausbilden, bedeutet absolut nicht, daß die völlig anders strukturierte Wirtschaft diese Leute später auch braucht und einstellt. Die beiden Komplexe Hochschule und Wirtschaft sind nicht verzahnt miteinander. „Man hat mich als Dipl.-X ausgebildet, nun soll man mir auch einen Job als Dipl.-X geben“, das ist eine tatsächlich weitverbreitete Forderung. Aber sie zeugt von Unkenntnis des Systems.

Natürlich bemühen sich auch Hochschulen und Hochschulpolitiker um bedarfsgerechte Studiengänge. Aber erstens unterliegen sie starken Fremdeinflüssen und zweites weiß auch die arbeitgebende Wirtschaft heute noch nicht, was sie in sieben Jahren braucht, vor allem nicht, in welcher Menge. Sie weiß es, was Außenstehende kaum glauben mögen, praktisch nicht für Zeiträume, die über zwei Jahre hinausgehen.

Andere Aspekte sind Internationalisierung und Globalisierung. Als Beispiel: Daß die Nachfrage nach Bergbauspezialisten in Deutschland in den nächsten Jahren explosionsartig wächst, würde ich vorsichtshalber nicht unterstellen. Aber wer wollte das für Asien und Afrika ausschließen? Sagt also ein junger Mensch: „Meine Region ist die Welt“, hat er ganz andere Chancen als jemand, der Wiesweiler-West zum alleinigen Ziel seiner Träume macht.

Also: neigungs- und talentgerechtes Studium auf der Basis echten, seit Jahren andauernden Interesses am Fachgebiet auf der einen und solide Kenntnisse über Studienangebote (Hochschulen) und Wirtschaftsnachfrage (Stellenangebote) auf der anderen Seite sind die wichtigsten Kriterien. Wer auf dieser Basis seine Entscheidung trifft, findet seinen Weg auch bei rückläufiger Nachfrage (was mathematisch gesehen nur funktionieren kann, weil so viele andere ganz anders – und falsch – an die Sache herangehen; man kann nicht gewinnen, wenn nicht andere verlieren).

Kurzantwort:

In Personalfragen denkt und handelt die Wirtschaft in erschreckend kurzen Zeiträumen, über zwei Jahre hinaus geht fast nichts. Der einzelne Arbeitnehmer hat daher kaum eine realistische Chance, Langfristplanungen in eigener Sache ohne ständige Anpassung umzusetzen.

Frage-Nr.: 1423
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 37
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 1999-09-24

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