Heiko Mell

Haus saniert – Mann arbeitslos

Wegen einer erforderlichen Sanierung meines Elternhauses kündigte ich, 42 Jahre alt, meine Arbeitsstelle als Ingenieur bei einem Großkonzern zum 1.10.96. Nach Abschluß der Restaurierungsarbeiten bewerbe ich mich nunmehr seit gut einem Jahr. Bis jetzt erhielt ich nur Absagen.

1. Liegt es an meinem Alter von 42 Jahren?

2. Ist die Form meiner Bewerbung nicht in Ordnung (s. Anlage)?

3. Sind die Arbeitgeberzeugnisse zu beanstanden?

Offiziell bin ich übrigens nicht arbeitslos, sondern als freiberuflicher Planungsingenieur tätig und gemeldet. Entsprechend gebe ich diese Tätigkeit im Lebenslauf als Planer an. Da es ja unüblich ist, während der Bewerbungsphase den jeweiligen derzeitigen Arbeitgeber zu erwähnen, dürfte dieser Punkt wohl keine Schwierigkeiten bereiten.

Antwort:

Stefan Zweig hat 1927 über „Sternstunden der Menschheit“ geschrieben. Ich hatte ebenfalls eine, wenn auch nur eine höchstpersönliche und ganz ohne Menschheitsanspruch. Das war, als mir einfiel, die Themen zu dieser Serie nicht selbst zu gestalten, sondern Leser ihre Probleme schicken zu lassen. So „kreativ“ wie das Leben hätte ich nie sein können.

Nun also der Haussanierer, der nach vollbrachter Tat wieder zurück möchte. Jedoch, man nimmt ihn nicht. Teures Haus alles in allem, nicht wahr?

Trennen wir erst einmal die „Tat“ als solche von ihrer „Verpackung“ in der Bewerbung und beginnen mit ersterer:

Man tut es nicht. Niemals, überhaupt nicht, keinesfalls, unter gar keinen Umständen. Das Angestelltendasein zwischen Studienexamen und Pensionierung ist gekennzeichnet von zwei wesentlichen Anforderungen:

a) man muß irgend etwas, das gerade dort gefragt ist, können und

b) man muß beim bisherigen berufsrelevanten Tun ein bestimmtes Erscheinungsbild gezeigt haben.

Besonders bei b sind potentielle Arbeitgeber eigen. Und da sie auf dem Arbeitsmarkt die zahlenden Kunden darstellen, können sie ihre Vorstellungen auch durchsetzen. Und die lauten in diesem Punkt:

„Wir mögen Angestellte, die ab Ausbildungsabschluß möglichst lückenlos beschäftigt waren, die niemals ein Arbeitsverhältnis aufgeben, ohne ein neues vertraglich abgesichert zu haben – und die keinesfalls aus dem Arbeitsleben ausscheiden, um längere Zeit irgendwelchen Neigungen privater Art zu frönen. Die anderen hingegen mögen wir eher nicht. Wen wir aber nicht mögen, den stellen wir nicht ein.“

Denn ein Arbeitgeber lebt durchaus mit dem Risiko, daß sein Arbeitnehmer kündigt. Aber er akzeptiert nur, daß dies wegen des Angebots eines anderen Arbeitgebers geschieht. Bei dem dieser Arbeitnehmer sich qualifizieren muß, mit dem er über Position, Perspektiven zu verhandeln hat. Und – das ist enorm wichtig – er will mit dem „neuen“ Arbeitgeber in einen Wettkampf treten können, bei dem er eine Chance hat, letztlich zu gewinnen. Wenn er den Preis dafür zu zahlen bereit ist:

„Müller will gehen, weil er anderswo 20 % mehr Geld bekommt und nach sechs Monaten Gruppenleiter wird? Ich brauche den Mann; geben Sie ihm 21 % mehr und machen Sie ihn sofort zum Gruppenleiter“ – könnte er sagen, wenn er wollte und Müller damit halten.

Aber gegen ein „Müller will privatisieren“ (Hausbau, Weltreise, Meditieren) hat er keine Chance. „Soll der Kerl hierbleiben und bei uns zwei Häuser bauen“ geht nicht. Also scheut er solch ein Risiko. Nun sieht man Ambitionen dieser Art den Mitarbeitern bzw. Bewerbern von außen nicht an. Aber es gibt ein Indiz: „Sie tun es immer wieder“ (Heiko Mell über Bewerber). Also ist es konsequent, aus dieser Gesamthaltung heraus Bewerber abzulehnen, die „es“ früher schon einmal getan haben.

Ach ja, eines muß noch gesagt werden: Der Ausstieg in die Selbständigkeit wird ähnlich behandelt, wenn auch z. T. aus anderen Gründen.

Bleibt eben als Resümee: Ein Angestellter kann im Rahmen seines Vertrages jederzeit kündigen, ob er nun zu einem anderen Unternehmen gehen oder sich privaten Neigungen widmen will. Nur: Wenn er bei einem (anderen) Arbeitgeber wieder unter Vertrag genommen werden will, muß er einen beruflichen Lebenslauf aufweisen, der im Rahmen bestimmter, allseits bekannter Regeln liegt.

Stellen Sie sich das Angestelltendasein wie ein großes Schiff vor, auf dem Sie stetig über die Weltmeere fahren. Sie können jederzeit überall abspringen – aber dann ist es sehr schwierig, später wieder an Bord zu kommen.

Falls es Ihnen ein Trost ist: Selbständige wie ich, z. B., könnten ihr Büro nicht einmal sechs Monate „dichtmachen“ – und gleichzeitig hoffen, hinterher sei noch soviel an Kundenpotential vorhanden, daß ein berufliches Weiterleben möglich wäre. Wir haben es also auch nicht leichter und können auch nicht zwischendurch aussteigen …

Nun zur „Verpackung“ des Hausbaus in der Bewerbung: Witzig ist, daß Sie in Ihrer Bewerbung die konkreten Umstände gar nicht genannt haben – und dennoch regelgerecht reingefallen sind. Auslöser war der Hausbau. Aber um den zu verschleiern, haben Sie ein neues Loch aufgerissen, um damit das alte zu stopfen. Nun sind Sie über das neue gestolpert.

Was haben Sie nun konkret getan? Im Anschreiben steht zum fraglichen Thema – gar nichts. Sie schreiben nur: „Da ich langfristig in diesem Bereich arbeiten möchte, würde ich mich gern beruflich verändern …“

Also schauen wir in den Lebenslauf. Der ist, obwohl „harter Kern“ der ganzen Qualifikationsdarstellung, extrem dünn. Es steht dort nur:

„Planungsingenieur 10/96 – heute“. Punkt, aus, Keinerlei Angaben, was Sie planen. Häuser, Drehmaschinen, Atomkraftwerke, Garagen? Mit großer Wahrscheinlichkeit klappt der Leser an dieser Stelle die Mappe zu. Ebenfalls: Punkt, aus.

Falls er doch weiterblättert, findet er dann auf der nächsten Seite eines der schwer „totzu-kriegenden“ Qualifikationsprofile. Mein dringender Rat: wegwerfen, dafür den Lebenslauf ausführlicher und aussagefähiger gestalten. Ein Muster, wie ich mir das vorstelle, steht im „Kasten“ innerhalb dieses Beitrags.

Übrigens ist Ihre Bemerkung über den Namen des derzeitigen Arbeitgebers in Bewerbungen falsch: Mehr als 90 % aller Bewerber nennen denselben! Wer es nicht tut, fällt auf.

Schade, daß ich hier keine Originale abdrucken kann. Da wäre nämlich Ihr Foto. Ich spreche noch nicht einmal von den Haaren, die sich über den Jackettkragen schmiegen. Aber ich habe vier Personen aus meinem Büro, die täglich mit Bewerbungen umgehen, schätzen lassen, wie alt der Mann auf jenem Bild sein könnte und erhielt folgende Schätzungen: 29, unter 30, etwa 25, ca. 23. Sie schreiben: 42. Es wäre besser, die Informationen paßten irgendwie zusammen.

Die Zeugnisse: Examensnoten fehlen (ha, ha). Die Klammer soll heißen, daß Einser-Noten immer beiliegen. Warum wohl bloß? Das erste Arbeitgeberzeugnis nach fast fünf Jahren Tätigkeit ist etwa „befriedigend plus“.

Das wichtige zweite (und letzte) stammt von einem der ganz großen deutschen Konzerne. Jedes Wort der Beurteilung unter diesen Umständen gilt wie in Stein gemeißelt (we-gen des großen Namens). Aber was für ein Stein ist das bloß schon rein äußerlich: Alles was auf Seite 1 steht, ist mit dünner Schrift geschrieben, wirkt blaß. Alles was auf Seite 2 steht (der letzte Absatz von Seite 1 läuft sogar auf Seite 2 weiter!), ist in sehr deutlich fetterer Schrift gehalten. Das fällt auf, das stimmt mißtrauisch, so etwas „hat man nicht“. Undenkbar, daß ein solches Haus so etwas im Original produziert hat (falls doch, ließe das für seine Autos nicht Gutes erwarten).

Was steht nun drin in diesem zentralen Dokument Ihrer Laufbahn nach 5,5 langen Dienstjahren dort:

– Kein einziger Satz, in dem Eigenschaften und Fähigkeiten individuell gewürdigt, Einzelleistungen anerkannt, konkrete Resultate lobend erwähnt würden!

– Unmittelbar nach der Sachaufzählung von Aufgaben steht einsam der Satz „… zu unserer vollen Zufriedenheit“.

– Sonst nichts mehr. Nur noch einwandfreies Verhalten, Ausscheiden auf eigenen Wunsch und „alles Gute für die Zukunft“. Das „riecht“ und zwar gewaltig.

Gegen dieses von Fachleuten sicher als extrem schlecht eingestufte Zeugnis, das nach großem Ärger dort oder großem Mißfallen der Vorgesetzten aussieht, kommt eine Bewerbungstechnik kaum erfolgreich an. Und Sie haben es selbst provoziert, als Sie den Job dort hinwarfen, um ein Haus zu sanieren. Ein teures Haus, aber das hatten wir schon. Mit Ihrem Alter hat das alles nichts zu tun, gegen 42 spricht nichts.

Es tut mir leid, ich kann Ihnen nicht so helfen, wie Sie sich das vorstellen. Aber ich habe ein sehr gutes Gewissen dabei: Seit mehr als fünfzehn Jahren biete ich Ihnen Woche für Woche in dieser Zeitung Informationen darüber, wie das System funktioniert. Hätten Sie das Angebot angenommen und die Beiträge zumindest gelesen, hätten Sie gewarnt gewesen ein müssen. Um „so etwas“ zu verhindern, arbeite ich. Hier hat es nicht funktioniert.

Da es jedoch einen kleinen, aber „harten“ Kern im Leserkreis gibt, der trotz meiner Ausweichversuche hartnäckig fragen wird: „Was soll er denn jetzt tun?“, hier der Versuch einer Antwort:

– Vermeiden Sie die aufgezeigten Fehler in der Bewerbung, vom Anschreiben über das Foto bis zum „dünnen“ Lebenslauf;

– nennen Sie Ihre heutige Position „freiberufliche Planungstätigkeit“ und geben Sie ein oder zwei Beispiele dafür an;

– probieren Sie es bei weniger anspruchsvollen Positionen und unterschiedlichsten Arbeitgebern unverdrossen mit großen Stückzahlen (von Bewerbungen, also „Schrotschußprinzip“) weiter – je größer und bedeutender das Unternehmen, desto geringer Ihre Chancen und umgekehrt.

Irgendwer auf Empfängerseite, vielleicht einer von hundert, wird die Angaben glauben, irgendwer wird nicht wissen, wie man Zeugnisse liest. Wir sind ein freies Land, alles in allem.

Kurzantwort:

1. Man unterbricht eine nach dem Studium einmal begonnene Angestelltenlaufbahn nicht ungestraft, weder für private Neigungen noch für eine Selbständigkeit. Grundregel: Wer aus dem Angestelltendasein ausscheidet, tut es für immer.

2. Schlechte Zeugnisse sehr namhafter Arbeitgeber sind noch wesentlich gefährlicher als kritische Dokumente von mittleren Firmen.

Frage-Nr.: 1422
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 37
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 1999-09-17

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