Heiko Mell

Manager auf dem Abstellgleis?

Ich bin 57 Jahre alt und habe viele Jahre lang diverse Abteilungen im Entwicklungsbereich meiner – welt-marktführenden – Firma geleitet.
In den letzten Jahren wechselten mehrmals die Besitzverhältnisse, dabei blieben wir immer in der Hand deutscher Großkonzerne. Mit den Wechseln einher gingen in der Regel organisatorische Änderungen, Qualitätsverbesserungsprozesse und Business-Reengineering-Programme.

Heute bin ich Leidtragender einer solchen organisatorischen Änderung, verlor meine Aufgaben, meine Abteilungen und die entsprechende Personalverantwortung; all das, was mir in den vergangenen Jahren Motivation und Arbeitsinhalt war. Mein Gehalt beziehe ich allerdings weiterhin, ohne daß mir neue Aufgaben übertragen oder ein neues Ziel genannt wurden; ich bin weitgehend frei in der Gestaltung meiner Arbeitszeit.

Diese Situation ist nun keinesfalls bequem, sondern total unbefriedigend. Sie ist sogar fatal, weil ich vom Informationsfluß, vom Tagesgeschäft und den Entscheidungsprozessen ausgeschlossen bin. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis man auch fachlich nicht mehr top ist. Ein Wechsel zu einer anderen Firma scheidet wohl aus Altersgründen aus, zudem habe ich finanzielle Ansprüche an meine Firma, z. B. betriebliche Altersversorgung, die ich nicht ohne weiteres aufgeben kann.

Alle Bemühungen meinerseits, diese Situation zu ändern, waren leider negativ. Es ist, als ob um mich herum Gummiwände aufgebaut wären. Vielleicht ist es aber auch nur Zermürbungstaktik, denn dieses plötzliche „für alle anderen Luft sein“ geht an Nerven und Substanz.

Haben Sie einen Rat?

Antwort:

Am 10. September 20XX beschließen Kabinett und Parlament aufgrund einer Vorlage des Bundeskanzlers, Bayern an Österreich zu verkaufen, um mit dem Erlös die Staatsfinanzen nachhaltig zu sanieren.

Lassen Sie, liebe Leser, diese fiktive Nachricht einmal nachhaltig auf sich wirken. Und dann beschäftigen Sie sich damit, ob das wohl denkbar ist (nein,) ob das überhaupt erlaubt wäre (nein) und was wohl auf eine solche Nachricht hin geschähe im Lande, insbesondere in Bayern (ha!). Das „Projekt“ klingt so abwegig, daß es sich nicht einmal als Horrorvision eignet.

In seiner Rolle als Staatsbürger also ist der Mensch vor solchen fundamentalen Eingriffen, die letztlich alles zerschlagen würden, was ihm lieb und teuer geworden ist, nachhaltig geschützt.

In seiner Funktion als Angestellter hat er diesen Schutz nicht, nicht einmal andeutungsweise. Da arbeitet er bis heute abend hochmotiviert, engagiert und aufopferungsvoll für die Unternehmenseigner A – und findet sich morgen samt Umfeld im Besitz einer Gruppe B wieder. Die ihn jederzeit und uneingeschränkt an jeden denkbaren Interessenten weiter-„verkaufen“ kann. Mag das juristisch auch kein „Verkaufen“ der Person sein, so doch uneingeschränkt eines im Hinblick auf die Existenzgrundlage des Betroffenen, er darf sich zumindest „verkauft“ fühlen.

Und der neue Eigentümer des Unternehmens und Herr über dessen Mitarbeiter, kann nun natürlich alles auf den Kopf stellen – frei von der (ohnehin nur moralischen) Verpflichtung, frühere Leistungen der neuerworbenen Mitarbeiter bei seinen Entscheidungen würdigen zu müssen. Befreit von solchen Sentimentalitäten kann er rein nach Zweckmäßigkeit vorgehen und sich der Zukunft widmen (die darin liegen kann, den „Laden“ durch Personalentlassungen oberflächlich zu sanieren und dann seinerseits mit Gewinn wieder zu verkaufen).

Das ist so. Und das ist ja wohl gut so (wobei wir es glücklicherweise mit dem Umstand zu tun haben, daß ich kein Schweizer bin. Weil ich sonst an wichtige Aussagen jenes unnachahmliche „oder?“ anhängen würde, das manchem Satz durchaus erst die Würze gibt. Oder?).

Aber selbst wenn es nicht so gut wäre, ist es dennoch so. Dies alles ergibt sich aus unserer klaren marktwirtschaftlichen Struktur.Warum ich das so pointiert darstelle? Um zunächst einmal den anderen, noch nicht betroffenen, insbesondere auch den jüngeren Lesern am praktischen Beispiel zu demonstrieren, was alles dazugehört zum Gesamtkomplex „Beruf“. Und um die Warnung loszuwerden: Damit müssen Sie rechnen. Heute mehr als gestern, morgen noch eher als heute.

Daraus wiederum folgt: Mit „blindem“ beruflichen Engagement allein ist es absolut nicht getan. Wer als Angestellter nur seine Aufgabe sieht und im täglichen Ringen um das Wohl des Unternehmens aufgeht, ohne nach rechts und links zu schauen, müßte sich naiv nennen lassen! Ich sehe den modernen, zukunftsorientierten jungen Akademiker von heute, morgen und übermorgen eher als kühl planenden und handelnden Profi denn als rein auf seine Aufgaben fixierten, der Firma treu ergebenen Mitarbeiter alten Schlages.

Damit kein Zweifel aufkommt: „Profi“ zu sein, beinhaltet einen hohen Anspruch! Dazu gehört eben auch die Bereitschaft zum totalen Engagement (wenn es hier und jetzt gerade sinnvoll ist), zur Höchstleistung, zur Priorität des Beruflichen vor Privatem. Aber das alles sollte eher aus dem Kopf als aus dem Herzen kommen, kühle Überlegung ist gefragt. Ganz deutlich: Die konsequente Wahrung eigener Interessen ist geboten, sie darf bei allem beruflichen Engagement absolut nicht vernachlässigt werden. Der Arbeitgeber jedoch soll das nicht merken. Er fordert ja erst Loyalität – und später verkauft er.

Das bedeutet: Höchster Einsatz, dort wo Sie gerade stehen. Ziel muß dabei sein, einen vorzeigbaren Werdegang aufzubauen, beste Beurteilungen zu erzielen und eines Tages mit einem Top-Zeugnis auszuscheiden. Die Generalrichtung lautet: Marktwert-Optimierung zu jedem Zeitpunkt. Dazu kann ein Wechsel gehören, für den es im Moment gar keinen internen Anlaß gibt. Aber wenn die Dienstzeit bei diesem Arbeitgeber ohnehin schon sehr lang ist, dann erhält man sich besser seine Beweglichkeit durch einen rechtzeitigen Wechsel, als eines Tages gehen zu müssen und mit 22 „treuen“ Dienstjahren beim alten Arbeitgeber als Muster an Unbeweglichkeit dazustehen.

Nun klingt das alles für die Ohren vieler logisch denkender Karrieremenschen selbstverständlich, für die mancher anderen aber vielleicht auch schockierend. Daher darf ich hier noch folgende Argumente anhängen:

1. Keiner dieser Gedanken ist hier an dieser Stelle wirklich neu. Wer meine Beiträge sorgfältig liest, findet viel Vertrautes in dieser Antwort wieder.

2. Es muß dem Arbeitnehmer nicht nur erlaubt sein, sondern sogar geraten werden, eine eigene Strategie als Reaktion auf und als vorbeugende Absicherung gegen die dramatisch zunehmenden Firmenverkäufe und -umwandlungen zu entwickeln. Wenn nicht diese von mir empfohlene – welche könnte es sonst sein?

3. Arbeitgeber könnten mir vorwerfen, ich brächte bestimmte Mitarbeiter erst auf Ideen, die sie allein nicht gehabt hätten und die nun zu Nachteilen für solche Unternehmen führten, die nie verkauft worden wären und das auch gar nicht vorhätten. Nun, erstens machen keinesfalls alle deutschen Arbeitnehmer spontan, was ich anrate. Es ist also nicht zu erwarten, daß ich hier eine Massenbewegung oder pauschalen Bewußtseinswandel auslöse. Zweitens kann heute kein Unternehmenseigner mehr garantieren, daß er nicht morgen doch verkaufen will oder muß – durch welche Umstände auch immer ausgelöst. Und drittens glaube ich zutiefst, daß auch die Unternehmen viele Vorteile hätten, würden sich ihre Mitarbeiter stärker als bisher zu Profis im obigen Sinne wandeln. Die natürlich – wie könnte man anders Profi sein oder werden – die für Arbeitgeber so wichtigen „Spielregeln“ einhalten: Ein Profi zieht um, wenn der Job es erfordert, hält einige Jahre auch dann durch, wenn die Umstände „schwierig“ sind (wirft also nicht vorschnell „die Klamotten hin“), macht – „die Gedanken sind frei“ – seine Vorgesetzten glücklich und verdient sich Top-Beurteilungen. Ein Nirwana bräche an, hätte ich Erfolg.

Nun aber zum ganz speziellen Fall unseres Einsenders: Ich hätte Ihnen als etwa Gleichaltrigem so gern einen Rat geboten, der Ihr von mir sehr gut verstandenes Problem vollständig löst. Ich muß aber wohl auch offen sein und die Umstände so darstellen, wie ich sie sehe.

Und daher muß ich mit einer wenig tröstlichen Bewertung anfangen: Ich weiß nicht nur nicht, wie Sie Ihre Situation objektiv verbessern können – ich gehe fest davon aus, daß sie noch viel schlimmer wird. Was Sie derzeit erleben, kann niemals (End-)Ziel Ihres Arbeitgebers sein! Einzig denkbar ist, daß man Sie endgültig loswerden möchte. Und entweder sitzen Sie derzeit in einer relativ kurzen „Warteschleife“, bis Sie in Kürze „dran“ sein werden oder man will Sie auf diesem Weg so zermürben, daß Sie freiwillig gehen. Aber seien Sie versichert: Auf Dauer verträgt die Kostenstruktur keines deutschen Unternehmens „Elefantenfriedhöfe“, auf denen teure Ex-Manager vollbezahlt ohne Aufgabe abgestellt werden – für Jahre.

Sie sollten also damit rechnen, daß man Ihnen in Kürze entweder kündigt oder einen Aufhebungsvertrag anbietet. Vielleicht aber auch eine wesentlich kleinere, wesentlich schlechter bezahlte Position (die Ihnen nach einigen Wochen in der heutigen Situation viel attraktiver vorkäme als dies vor Monaten der Fall gewesen wäre).

Mehr für andere Leser als für Sie, aber letztlich vielleicht eben auch für Sie – weil man eventuell die Auswirkungen eingesehener eigener Fehler und Schwächen besser verkraftet als vermutete Bösartigkeiten „anderer Leute“ – hier einige mögliche „Fehlerquellen“ auf Ihrer Seite:

a) Sie sind 57 und jeder aus dieser Altersgruppe muß sich fragen (lassen), ob hier und jetzt unter den gegebenen – neuen – Umständen noch die optimale Leistungsfähigkeit in allen Bereichen gegeben ist. Wobei die Anforderungen der Maßstab sind, nichts sonst. Erfahrung allein beweist nichts: Nie steht in einem Anforderungsprofil „30 Jahre Praxis“, immer gibt man sich mit 8 bis 10 Jahren zufrieden, der Rest bringt in vielen Bereichen nicht mehr so viel, daß andere Nachteile dadurch ausgeglichen würden.

b) Viele dieser „alten Haudegen“ blicken auf ihre Verdienste, auf ihre unendlich große Erfahrung zurück, halten sich für unersetzlich und glauben, ihnen könne nichts passieren. Auf dieser Basis leisten sie oft gegenüber ihren neuen Chefs und deren „ständigen Neuerungen um ihrer selbst willen“ hinhaltenden Widerstand, bis ihre Vorgesetzten „die Nase voll“ haben („der ist immer dagegen, weiß alles besser, folgt nie meinen Konzepten“).

c) Ihr Unternehmen ist „in den letzten Jahren mehrmals“ verkauft worden. Haben Sie zu lange und zu „blauäugig“ immer nur denselben Arbeitsplatz, dieselben Kollegen und dieselbe Technik gesehen, aber nicht gemerkt, daß es jedesmal ein ganz anderes Unternehmen geworden war – und es keinen Grund gab, stets „automatisch“ dabeizubleiben? Vielleicht hätten Sie viel früher die Notwendigkeit zum freiwilligen Wechsel sehen müssen. Als Regel: Mit dem Eigentümerwechsel bekommt die Führungskraft einen ganz neuen Arbeitgeber – den sie sich nicht selbst ausgesucht hat. Es wäre reiner Zufall, ginge das gut … Schließlich ist es schwer genug, mit selbst ausgesuchten Arbeitgebern glücklich zu werden.

Auch gesagt werden muß: Risiken der hier dargestellten Art kann man reduzieren, aber niemals ausschließen. Sie sind „systemimmanent“. Man kann auch mit 53 gefeuert und arbeitslos werden, ohne daß das Unternehmen verkauft wurde.

 

Für Sie, geehrter Einsender: Eine Lösung im Sinne „Rückkehr in frühere Strukturen und Positionen“ sehe ich leider in- wie extern nicht. Vielleicht erkennen Sie nach dem Lesen dieses Beitrags noch Anhaltspunkte für ein denkbares Einlenken Ihrerseits auf unternehmensseitige Vorstellungen, die Sie bisher strikt abgelehnt haben. Ohne einen deutlichen Schritt nach unten aber wird es nicht abgehen.

Ansonsten: Durchkreuzen Sie die Strategie Ihres Unternehmens, indem Sie sich einfach nicht ärgern lassen. Greifen Sie selbst Projekte und Aufgaben auf, machen Sie Vorschläge, legen Sie Konzepte vor. Das kann das Unternehmen für sein Geld übrigens auch verlangen. Eine Führungskraft muß sich ggf. „Arbeit suchen“. Und dann warten Sie ab, was passiert. Irgendwann wird man auf Sie zukommen und Ihnen etwas anbieten (Abfindung). Damit ist dann, so muß man es leider sehen, ein Ende Ihrer klassischen Laufbahn als leitender Angestellter erreicht. Aber das Leben ist damit nicht zu Ende! Sie können versuchen, als Berater, als Interims-manager, als Angestellter auf Zeit zu arbeiten. Sie können sich ehrenamtlich engagieren oder für den Gemeinderat kandidieren. Sie könnten als freier Mitarbeiter bei Firmen vergleichbarer technischer Ausrichtung arbeiten.

Im Augenblick trifft Sie das hart, aber Sie müssen damit fertig werden, es gibt keinen anderen Weg. Wenn Sie eine Bilanz Ihres Berufslebens ziehen, dann werten Sie auch die anderen, besseren Jahre mit. Aber leider gilt eben zunehmend, daß Verdienste aus der Vergangenheit nicht in die Zukunft mitgenommen werden können.

Kurzantwort:

1. Alle Verdienste eines Mitarbeiters in der Vergangenheit sind mit dem damals gezahlten Gehalt abgegolten. Wer heute im Unternehmen etwas gelten will, muß heute (besser noch: morgen) für das Haus wertvoll sein.

2. Mit dem Wechsel des Eigentümers des Unternehmens bekommt die Führungskraft praktisch einen neuen Arbeitgeber – den sie sich nicht selbst ausgesucht hat. Eine kritische Analyse ist angesagt, gedankenloses Weitermachen hingegen leichtsinnig.

Frage-Nr.: 1417
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 34
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 1999-08-27

Top Stellenangebote

Stadt Schwäbisch Hall-Firmenlogo
Stadt Schwäbisch Hall Tiefbau-Ingenieure (m/w/d) Schwäbisch Hall
WACKER-Firmenlogo
WACKER Techniker / Ingenieur (w/m/d) für die Qualitätskontrolle (Equipment and Qualification) Jena
GELSENWASSER AG-Firmenlogo
GELSENWASSER AG Ingenieur (m/w/d) Stromnetze Gelsenkirchen
Harting Deutschland GmbH & Co. KG-Firmenlogo
Harting Deutschland GmbH & Co. KG Bachelor-/Masterstudent (m/w/d) für eine Abschlussarbeit im Bereich Marketing/Vertrieb Minden
HARTING Automotive GmbH-Firmenlogo
HARTING Automotive GmbH Entwicklungsingenieur (m/w/d) Automotive Espelkamp
HARTING Stiftung & Co. KG-Firmenlogo
HARTING Stiftung & Co. KG Bachelor- / Masterstudent (m/w/d) für ein Praktikum im Bereich Market Intelligence Management Espelkamp
Windmöller & Hölscher-Firmenlogo
Windmöller & Hölscher Qualitätsingenieur (m/w/d) Lengerich
HARTING Stiftung & Co. KG-Firmenlogo
HARTING Stiftung & Co. KG Bachelor-/Masterstudent (m/w/d) für ein Praktikum im Bereich Global Process Management Espelkamp
ALTEN GmbH-Firmenlogo
ALTEN GmbH Werkstudent (m/w/d) 3D Entwicklung Köln
ALTEN GmbH-Firmenlogo
ALTEN GmbH Werkstudent (m/w/d) Business Management Köln

Zur Jobbörse

Top 5 Heiko Mell: B…