Heiko Mell

Ehrgeizig oder nicht ehrgeizig, das ist …

Ich bin im Anschluß an mein Studium vor ca. zehn Jahren bei der XY AG als Sachbearbeiter in die Qualitätssicherung eingestiegen. Nach verschiedenen Projektleiterfunktionen wurde ich dann vor ca. drei Jahren zum Gruppenleiter befördert, immer noch in der Qualitätssicherung. Mein Arbeitgeber deutet mir derzeit an, daß das – ein Wechsel der Tätigkeit vorausgesetzt – noch nicht alles war und man in mir Potential für den nächsten Karriereschritt in vielleicht ein bis zwei Jahren sieht.

Meine Arbeit macht mir Spaß, mit der Entwicklung der arbeitsvertraglichen Angelegenheiten bin ich recht zufrieden. Mit dem Begriff Ehrgeiz kann ich wenig anfangen. Ich bin jedoch mobil und interessiert an fast allen positiven Veränderungen, insbesondere auch an mehr Verantwortung.

Nun wurde ich von meinem Arbeitgeber unverbindlich gefragt, ob ich an einem Auslandsaufenthalt von ca. vier Jahren interessiert sei, wo ich eine meiner heutigen Position und Aufgabe vergleichbare Stelle übernehmen würde. Ich habe sofort Interesse geäußert.Im Anschluß daran wäre ich immer noch Gruppenleiter und hätte (neben der Auslandspraxis) ca. 14 Jahre Berufserfahrung, ausschließlich in der Qualitätssicherung.

Wenn ich jedoch zunächst hierbleibe, habe ich vielleicht Chancen auf den in Aussicht gestellten Karriereschritt bei gleichzeitigem Wechsel der Tätigkeit. Schließlich bietet auch der zur Zeit für Bewerber sehr gute Arbeitsmarkt Chancen, um bei einem Arbeitgeberwechsel den nächsten Karriereschritt schon in Kürze zu machen. Was ist der richtige Weg?

Antwort:

Haben Sie Lust auf ein kleines Experiment? Dann stellen Sie sich einmal vor den Spiegel und sagen Sie zu sich: „Ich bin ehrgeizig.“ Sie werden sehen: Die Welt stürzt nicht ein. Und Sie können ganz beruhigt sein: Sie hätten ohnehin nur die Wahrheit verkündet – Sie sind ehrgeizig. Ob Sie nun mit dem Begriff etwas „anfangen“ können oder nicht.

Ehrgeiz ist in dieser Gesellschaft ein etwas schillernder Begriff geworden – ganz zu Unrecht. Nahezu alle Menschen, die sich durch Können und Leistung aus der Masse herausheben, dürften auch ehrgeizig sein. Ohne Ehrgeiz einzelner Menschen gäbe es vermutlich nur eine Art kollektiven Dahindämmerns auf mittlerem Niveau. Im täglichen Sprachgebrauch unterscheiden wir gesunden von krankhaftem Ehrgeiz. Ersterer läßt sich definieren als „auf Anerkennung der eigenen Leistung durch andere und damit auf Förderung des eigenen Selbstwertgefühls zielend“ (nach „Der große Brockhaus“). Letzterer beginnt dort, wo eigene Erfolge klar zu Lasten anderer oder auch der eigenen Person gehen.

Also: nichts gegen gesunden Ehrgeiz. Ein Arbeitgeberzeugnis mit der Formulierung „… fehlte ihm leider jeglicher Ehrgeiz“ wäre als „vernichtend schlecht“ einzustufen. Falls es dessen bedarf: Selbstverständlich bin beispielsweise ich ehrgeizig – einige tausend andere Leistungsträger sind es auch.

Und Sie. Sie machen sich Gedanken über berufliche Fortschritte, hoffen auf Chancen hinsichtlich in Aussicht gestellter Karriereschritte und überlegen, welcher Weg am schnellsten ins Ziel führt.

Was auch deutlich wird: Sie mögen Ihr Fachgebiet Qualitätssicherung nicht mehr. Lesen Sie einmal Ihren zweiten hier abgedruckten Satz: „… zum Gruppenleiter befördert, immer noch in der Qualitätssicherung.“ „Immer noch“ gerät zum Stoßseufzer, fast zum Aufschrei. Ich meine also, Sie müßten raus aus dem Fach. Wenn das nach so vielen Jahren überhaupt noch geht, dann besser jetzt als später.

Auslandserfahrung ist wertvoll, ich habe es hier oft genug betont. Aber nach Rückkehr wären Sie vermutlich älter als 40, in Sachen Karrierefortschritt immer noch nicht weitergekommen und endgültig auf Ihr Fachgebiet fixiert. Denken Sie an die Regel: Auslandspraxis am Beginn des Berufsweges ist immer gut, später wachsen die Probleme.

In einem so speziellen Einzelfall weiß man vorher nie, wie die Sache ausgeht. Aber wären Sie Teil einer Gruppe von zehn Menschen mit absolut deckungsgleichen Gegebenheiten, riete ich sechs bis acht von Ihnen eher zum internen Wechsel der Tätigkeit und weiteren Karriereschritten hier im Lande.

Die externe Lösung würde bei Ihnen ein Problem besonderer Art mit sich bringen: Sie würden dann den Tätigkeitsbereich wechseln, die Firma wechseln und gleichzeitig aufsteigen wollen. Nun darf nach einer Grundregel jeder Bewerber nur ein Risiko „mitbringen“. Da jeder von außen kommende Bewerber schon als Person ein Risiko darstellt (wer weiß schon wirklich, wie er „einschlagen“ wird?), darf beim externen Wechsel kein zweites Risiko hinzukommen. Ein solches liegt aber im Sprung zu neuen Tätigkeitsgebieten – auf denen Sie sich noch nicht profiliert haben und in denen Sie keine unmittelbare Praxis vorweisen können.

Fazit: Ihr beabsichtigter Tätigkeitswechsel, der vorsichtig ausgedrückt, nicht „karriereschädlich“ sein soll, ist wohl nur konzernintern durchsetzbar. Das Ausland wäre in Ihrem Fall vermutlich keine Lösung.

Kurzantwort:

Jede Bewerbung darf für den Arbeitgeber nur ein Risiko beinhalten, entweder im fachlichen oder im persönlichen Bereich. Letzteres ist bei externen Bewerbungen „systemimmanent“ gegeben – daher müssen externe Bewerber stets Fachleute im Tätigkeitszielgebiet sein.

Frage-Nr.: 1407
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 29
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 1999-07-23

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