Heiko Mell

Aufstieg im Inland contra Auslandspraxis

Ich bin 28jähriger Dipl.-Ing. mit mittel-hoch-prächtigen Noten im Diplomzeugnis (etwas über dem Durchschnitt, aber nichts Berauschendes). Im Anschluß an das Studium überbrückte ich ein halbes Jahr Arbeitslosigkeit mit einem Praktikum und begann vor 1,5 Jahren in einer mittelständischen Firma mein eigentliches Berufsleben. Ich bin dort als Projektingenieur für die verfahrenstechnische Planung und Abwicklung von Anlagen für die … tätig. Neben der (relativ) angemessenen Entlohnung macht mir die Arbeit auch viel Spaß, da sie sehr abwechslungsreich ist.

Bei meinen Kollegen und (ganz wichtig!) Vorgesetzten bin ich ein angesehenes Teammitglied, so daß mir von der Geschäftsleitung mittelfristig ein interner Aufstieg zum Produktmanager in Aussicht gestellt wurde. Eigentlich bin ich mit dem Erreichten zufrieden. Nun wurde mir von einem anderen Unternehmen unserer Branche eine Stelle angeboten, die sich für mich als eine große Chance darstellt, aber auch ein gewisses Risiko mit sich bringen würde.

Diese Firma mit Sitz in Deutschland sucht für ihre Tochter in einem südeuropäischen Land einen Projektingenieur, der direkt dem örtlichen Geschäftsführer unterstellt ist. Das entscheidende Argument für einen Wechsel ist die damit verbundene Auslandserfahrung (bisher noch ein weißer Fleck auf meinem Lebenslauf) in einem Land, in dem ich mich wohl fühlen könnte. Gegenargumente sind: Sprachschwierigkeiten (selbst mit intensiver Schulung wird es einige Zeit dauern, bis sich meine Grundkenntnisse in verhandlungssichere Kenntnisse umgewandelt haben); soziale Unsicherheiten (Auswirkungen auf die soziale Absicherung, Rentenansprüche etc.); meine relativ kurze Dienstzeit beim ersten Arbeitgeber (nur zwei Jahre); die neue Stelle (mehr Marketing/Vertrieb als Technik) ist nicht mein 100 %-Traumjob.

1. Kann man eine Wertung vornehmen zwischen den Varianten Produktmanager / Gruppenleiter intern und Auslandserfahrung? Wenn ja, welche Qualifikation schätzen Sie als wertvoller ein?
2. Welche Probleme hinsichtlich meines Status gegenüber den ausländischen Kollegen sind zu erwarten, wenn ich von der deutschen Mutter entsandt bin?
3. In welchem Ausmaß werden sich zwei relativ kurze Anstellungszeiten auswirken, falls ich aus irgendwelchen Gründen scheitere und innerhalb kurzer Zeit nach Deutschland zurückkehren will?
4. Könnte ich im Anschluß an eine (hoffentlich erfolgreiche) Tätigkeit im Ausland darauf bauen, eine mehr technisch geprägte Anstellung zu erlangen oder bin ich auf internationales Marketing festgelegt?

Antwort:

Es gibt eine Lücke – und manches ist anders als Sie denken. Auch gibt es nicht auf alle Fragen eine Antwort. Aber der Reihe nach. Die Lücke: Bitte, liebe Leser, seien Sie doch in Ihren Anfragen so präzise wie möglich. Da stehe ich nun mit Hinweisen auf mittel-hoch-prächtige Noten etwas über dem Durchschnitt, aber nichts Berauschendes. Eine klare Aussage wäre besser gewesen. Denn ich muß mich mit dem Problem beschäftigen, warum Sie mit Ihrem Abschluß in der zweiten Jahreshälfte 1997 ein halbes Jahr arbeitslos gewesen sind. Das muß einen Grund gehabt haben – vielleicht kam ja ein besonders langes Studium dazu? Jedenfalls hat Sie sechs lange Monate niemand haben wollen. Also sind Sie in jedem Fall gut beraten, jetzt sehr vorsichtig zu operieren, wenn Sie von Kündigung und Arbeitgeberwechsel sprechen. Eine Beförderung durch einen Arbeitgeber aber, der Sie längere Zeit kennt, würde sich im Lebenslauf ausgezeichnet machen. Bei der Gelegenheit: Jüngere Menschen (Studenten, junge Akademiker) argumentieren gern mit dem Durchschnitt. Und zwar immer dann, wenn sie bereits ausgesprochener oder befürchteter Kritik an ihren Leistungen (Studiendauer, Noten, relatives Lebensalter etc.) begegnen wollen. Vergessen Sie den Durchschnitt!

Zahlen, die dadurch zustande kommen, daß man die schlechtesten Extremwerte miteinbezieht, sind für – im positiven Sinne – ehrgeizige, an beruflichem Aufstieg interessierte Akademiker absolut inakzeptabel.

Als Richtschnur mag gelten: Versuchen Sie stets, im oberen Drittel zu landen, wenn Sie etwas tun, was Ihnen wichtig ist – oder von dem andere später sagen könnten, es hätte Ihnen wichtig sein sollen. Nun bin ich kein Statistiker, kann aber doch ein wenig logisch denken. Und so ist auch mir klar, daß eine solche Empfehlung, pauschal ausgesprochen, ihre Tücken hat: Sie ist für zwei Drittel der Menschen unerfüllbar – und die Zahl der erbitterten Gegner bis Feinde, die ich riskiere, bewegt sich etwa in gleicher Größenordnung. Das wird mich also wohl nicht direkt beliebt machen. Aber: Da ist zunächst ein großer Teil der Masse, der dies hier gar nicht liest und an der Thematik überhaupt nicht interessiert ist. Ein weiterer Teil würde schlicht zugeben, daß seine Fähigkeiten und – zum Glück – auch seine Ambitionen nicht darauf zielen, Resultate oberhalb des Durchschnitts anzustreben.

Und ich meine natürlich nicht: Jeder ambitionierte Mensch soll immer und überall, bei allem und jedem oberhalb des Durchschnitts liegen. Das ist unmöglich. Möglich hingegen ist es, zum oberen Drittel bei dem zu gehören, was ihm jeweils wichtig ist. Das ist für den einen die aufgewendete Zeit z. B. für das Studium, für den andern sind es die Noten in bestimmten Schwerpunktfächern, wieder für andere sind es eindrucksvolle Auslandspraktika, einige Semester Auslandsstudium, die Diplomarbeit beim Top-Unternehmen o. ä. m. Schlimm in diesem Sinne sind Werdegänge ohne Höhen und Tiefen, ohne jegliche Besonderheiten. Beispielsweise dokumentiert durch befriedigende Noten von oben bis unten, von Mathematik in der Schule bis zur Diplomarbeit im Studium – und sonst nichts. Argumentieren Sie also möglichst nicht mit dem Durchschnitt. Der eignet sich hier nicht als Maßstab. Durchschnittliches wird uns im globalen Wettbewerb nicht weiterbringen, gewöhnen wir uns also rechtzeitig daran. Wenn Deutschlands Industrieprodukte internationaler Durchschnitt wären, kaufte sie niemand mehr da draußen.

Zur Sache Auslandseinsatz in Ihrem Fall: Wenn ich das richtig interpretiere, sucht die juristisch selbständige Auslandstochter einen Mitarbeiter, den sie nach dem Arbeitsrecht ihres Landes einstellt; die deutsche Mutter hilft ihr nur bei der Anwerbung. Wenn Sie eines Tages kündigen oder gekündigt werden, stehen Sie in Bordeaux oder Lissabon auf dem Marktplatz und müssen selbst sehen, wie Sie wieder auf dem deutschen Arbeitsmarkt Fuß fassen. Das kann man alles machen – aber das ist dann keine Entsendung, wie Sie sie ansprechen. Diese läge vor, hätten Sie einen Basisvertrag mit der deutschen Mutter, die Sie zur Auslandstochter entsenden würde und später wieder zurücknähme.

Zum Konflikt Technik / Marketing: Sie sind heute Projektingenieur, das macht Ihnen Spaß. Sie mögen Technik pur und weniger Marketing. So weit, so gut. Aber der Ihnen intern in Aussicht gestellte Produktmanager hat, vorsichtig gesagt, eine sehr starke Marketingkomponente. In vielen Industriebereichen gehört er sogar zum Marketing / Vertriebsbereich. Demgegenüber klingt Ihr Projektingenieur im Ausland vergleichsweise ideal (entsprechend Ihren Wünschen). Also so ganz versteht man dieses Problem noch nicht nach Ihren Schilderungen.

Zu 1: So einfach läßt sich das pauschal nicht beantworten. Auslandserfahrung ist wichtig. Aber sie muß nicht um jeden Preis durchgepeitscht werden. Wenn man viel dafür aufgibt und wenn absolut nicht sicher ist, was man bekommt (wie bei Ihnen gegeben), ist Zurückhaltung angesagt. Auch wegen Ihrer langen Arbeitslosigkeit vor dieser heutigen Anstellung rate ich, der soliden Weiterführung des Berufswegs zunächst den Vorzug zu geben.

Zu 2: Wer aus dem Land und mit der Staatsangehörigkeit der Muttergesellschaft kommt, wird sicher zunächst etwas kritisch beäugt. Aber das dürfte sich geben, wenn Sie einige Monate vernünftig mit den Leuten zusammengearbeitet und sich nicht als Spion erwiesen haben. Aber: Bitte achten Sie mehr auf Ihre Vorgesetzten als auf Ihre Kollegen. Ihr ausländischer Chef dort könnte viel mißtrauischer auf den Aufpasser aus Deutschland reagieren als alle anderen! Das allein soll Sie nicht abhalten; ich will nur verhindern, daß Sie Gefahren falsch einschätzen.

Zu 3: Das wäre schon ziemlich schlimm. Ein Scheitern ist immer sehr belastend. Eines in einer speziellen Situation wird leicht interpretiert als Das kann er also nicht. Die Addition kurzer Zeiten kommt bei Ihnen dann noch hinzu – vergessen Sie die Arbeitslosigkeit vor der heutigen Tätigkeit nicht. Ohne Risikobereitschaft geht es nie, ohne Risiko gibt es auch keine Erfolge. Aber vorher muß vorgesorgt werden. Beispielswiese mit einem Werdegang, der einen Stoß verkraftet. Ihrer kann das – noch – nicht.

Zu 4: Das läßt sich so nicht beantworten, siehe auch die vorstehenden Ausführungen dazu. Stets jedoch gilt: Ein externer (also völlig fremd von draußen kommender) Bewerber verkauft sich am besten, wenn die Zielposition als logische Weiterführung des bisherigen Berufsweges erscheint. Dabei spielt die jeweils letzte (heutige) Tätigkeit eine ganz entscheidende Rolle. Gegenbeispiel: Wer heute Großserienteile aus Metall im Konsumgüterbereich verkauft, hat als Bewerber keine realistische Chance, Konstrukteur im Anlagenbau zu werden. Der taktische Tip dazu in Ihrem Fall: Wer sich aus ungekündigtem Arbeitsverhältnis bewirbt, hat noch kein Zeugnis.

Also gilt zunächst allein sein Wort, seine Formulierungskunst in Anschreiben und Lebenslauf. Die eben erwähnte Regel müßte also etwa so lauten: Ein externer Bewerber verkauft sich dann am besten, wenn sich seine letzte/heutige Tätigkeit als logisch auf die Zielposition hinführend darstellen läßt. Was ein Unterschied sein kann! Auch gilt: Internationaler Vertrieb dürfte zu den chancenreichsten Tätigkeitsbereichen überhaupt gehören – falls man den Job beherrscht und erfolgreich ist. Sie persönlich dürfen ihn nicht mögen, aber generelle Vorbehalte wären unangebracht.

Kurzantwort:

1. Besser als der Durchschnitt zu sein (bei dem ja die schlechten Extremwerte mitgewertet werden) ist in Karrierefragen keine Empfehlung, sondern selbstverständlich.
2. Risiken sind bei dem Aufbau eines erfolgreichen Berufsweges unvermeidbar, ohne sie winkt kein Erfolg. Aber eine solide Risikovorsorge kann eventuelle Rückschläge wirksam abfedern.

Frage-Nr.: 1404
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 28
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 1999-07-16

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