Heiko Mell

Wenn der Job die Studieninhalte nicht trifft

Ich bin Dipl.-Ing. (TU), 25 und arbeite seit einem Jahr in der Projektabwicklung von Großanlagen bei einem großen Konzern.

Da diese Tätigkeit weniger mit meinen Studieninhalten zu tun hat als mir dies bei der Einstellung dargestellt wurde, bin ich mit der momentanen Situation ziemlich unglücklich.

Ich stehe nun vor der Frage: Wechsle ich zu einer Firma, die mir wesentlich mehr technische Aspekte im Managementbereich bietet oder promoviere ich an der Universität?

Antwort:

Ich gehöre eigentlich absolut nicht hier hin. Ins Personalwesen, mein Startgebiet, gehörte ich auch schon nicht. In die Beratung gehöre ich ebenfalls nicht. Denn beides deckt sich nicht einmal andeutungsweise mit meinen Studieninhalten als Wirtschaftsingenieur. Und schreiben sollte ich hier auch nicht – das kommt in meiner Studienrichtung überhaupt nicht vor. Nun weiß ich nicht, als wie groß Zeitung und Leserschaft den Verlust einstufen würden, schriebe ich hier nicht.

Auch der Bundeskanzler gehört da nicht hin (das ist, weil es hier ja nicht angebracht wäre, nicht politisch gemeint). Ebenso alle Unternehmer nicht, selbständige wie angestellte. Und Tausende anderer Berufsausüber auch nicht. Sie alle arbeiten außerhalb ihrer Studieninhalte.

Ich will damit Ihren zweiten abgedruckten Satz angreifen. Das Leben ist keine Fortsetzung des Studiums mit anderen Mitteln! Die Ausbildung ist eine Eintrittskarte in eine Großveranstaltung, die „berufliche Praxis“ heißt. Nach dem Eintritt dort orientiert man sich in dieser „Veranstaltung“ ganz neu. Wer durch die Südtür kam, nimmt nicht automatisch und unabänderlich an den Südtischen Platz, er kann sich – etwas mühsam im Gedränge, aber jederzeit erlaubt – zu den Ost- und Nordtischen durcharbeiten. Nur ohne Eintrittskarte, ohne Studium, wäre er gar nicht eingelassen worden.

Was ich verhindern will, ist die Festsetzung einer Regel, die es gar nicht gibt, ja überhaupt nicht geben kann, in den Köpfen junger Leser: Die spätere Berufstätigkeit muß den Studieninhalten entsprechen. Wäre das so, gäbe es viele interessante Positionen nicht – für die nämlich keine deckungsgleichen Studien existieren. Im Grunde wehre ich mich gegen das Wort „Da“ am Satzanfang Ihres zweiten Satzes. Das wirkt so als gäbe es einen logischen Zusammenhang, eine klare Begründung für Ihre Abneigung. „Da mein Auto kein Benzin im Tank hatte, sprang der Motor nicht an“ – dort macht das „Da“ einen Sinn.

Aber wir sind ein freies Land. Und selbstverständlich können Sie ganz persönlich wollen, daß Ihre Tätigkeit sich mit Ihren Studieninhalten deckt. Dagegen ist nichts zu sagen, überhaupt nichts. Nur bedenken Sie bitte: Niemand studiert Abwicklung von Grofragezeichenanlagen (so steht es merkwürdigerweise in Ihrer Einsendung, und ich kann es nun einmal nicht lassen, das merkwürdig zu finden; im Abdruck Ihrer Frage habe ich es barmherzigerweise korrigiert). Würden also alle Ingenieure denken wie Sie, wäre spontan Schluß mit dem deutschen Großanlagenbau weltweit. Und mit allem, was davon abhängt.

Nun zum Problem an und für sich: Ihr erster Job gefällt Ihnen also nicht. Sie schwanken nun zwischen einem viel zu frühen Wechsel (also dem Weglaufen irgendwoanders hin) und einer Rückkehr in die vertraute Welt der Uni (also dem Weglaufen dorthin, wo Sie herkamen). Ich bin schon für das Promovieren – wenn es der richtige Mensch aus dem richtigen Grund zum richtigen Zeitpunkt tut. Aber fünf Jahre zum Dr.-Ing. investieren aus dem einzigen Grund, weil Ihnen Ihr erster Job nicht gefiel? Das ist keine Strategie, das ist ein Blindekuh-Spiel.

Ich bin auch für den Firmenwechsel – habe aber hier hinreichend oft ausgeführt, daß der Zeitpunkt enorm wichtig ist (sonst schleppen Sie eventuell lebenslang ein Problem mit sich herum; Sie wissen ja nicht, was alles noch kommt).

Da ich hier nun schon bei den Autobeispielen war: Es gibt Dinge, die „gehen“ einfach nicht. Punkt. Stellen Sie sich vor, Sie haben sich auf einem Autobahnkreuz verfahren und die richtige Abfahrt verpaßt. Anhalten ist nicht erlaubt, rückwärts dürfen Sie nicht fahren, das wäre lebensgefährlich und würde „teuer“. Also: Sie müssen bis zur nächsten Abfahrt draufbleiben, es geht schlicht nicht anders!

Alle Autofahrer bis auf ein paar Unbelehrbare haben sich daran gewöhnt – und leben damit. Und so ist es auch mit den Dienstzeiten im Beruf. Wenn Sie einmal drauf sind auf einer „Autobahn“, dann geht es erst wieder bei der nächsten „Abfahrt“ hinunter. Und die erreichen Sie in zwei Jahren. Ich weiß, welche Schwächen diese Empfehlung in Ihren Augen haben könnte.

Beispiel: „Wenn ich aber doch ganz genau weiß, daß ich das, was ich heute mache, nicht machen will und also ohne Not Zeit verliere, dann wäre es doch besser, ich würde den Fehler sofort korrigieren.“ Soll ich darauf einmal eine originelle Antwort versuchen? Ich soll: Gar nichts wissen Sie! Zumindest nichts über das, was Sie machen wollen (siehe Ihre diversen Alternativideen). Nun probieren Sie doch das, was Sie da tun, erst einmal in Ruhe und Gelassenheit aus. Engagieren Sie sich, knien Sie sich hinein, streben Sie Erfolge an. Ihre Idee mit der Promotion ist in diesem Zusammenhang doch auch unausgegoren: Dann können Sie ebenso gut Ihren heutigen Job zu Ende bringen, also noch mindestens ein Jahr ausüben, ihn mit Erfolg, Lob und bestem Zeugnis abschließen und dann – vielleicht – zu neuen Ufern streben. Aber eben mit einem klaren Ziel und innerhalb eines Gesamtkonzeptes.

Etwas flapsig gesagt: Sie hatten doch ohnehin kein klares Ziel. Da ist es doch nicht so schlimm, wenn Sie jetzt ein Stück in die vermeintlich „falsche“ Richtung fahren müssen. Machen Sie die Augen weit auf, genießen Sie die Eindrücke. Vielleicht gefällt Ihnen die neue Strecke ja sogar. Der Appetit kommt oft beim Essen!

Kurzantwort:

Es ist kein Wertmaßstab an und für sich, ob eine berufliche Tätigkeit mit früheren Studieninhalten übereinstimmt. Viele interessante Positionen liegen außerhalb klassischer Studieninhalte (Bundeskanzler, Großinvestor, Admiral, Präsident von Bayern München, Fabrikbesitzer, Serienautor etc.).

Frage-Nr.: 1399
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 25
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 1999-06-25

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