Heiko Mell

Ostdeutschland – Westdeutschland

Nach etwa neun Jahren Berufspraxis glaube ich, mich in der Sackgasse zu befinden, vor der Sie oft warnen (leider lese ich Ihre Beiträge erst seit ca. einem Jahr). Was fehlt, war eine Karriereplanung.

Ich bin Thüringer, dort aufgewachsen, habe in Sachsen studiert und war stets in den neuen Bundesländern tätig. Meine Freundin lebt in einer westdeutschen Großstadt. Da es in ihrem sehr speziellen Beruf unseres Erachtens kaum möglich ist, eine vergleichbare Stelle in den neuen Ländern zu finden, waren wir uns schnell einig, daß ich zu ihr ziehe.

In den letzten Jahren habe ich mich ca. vierzigmal beworben. Vier Bewerbungen führten zu Vorstellungsgesprächen und endeten dann, wie alle anderen Bewerbungen, in einer Absage. Nun bewegt mich die Frage: Sind meine „Ostzeugnisse“ der Grund für das schwache Interesse, sind DDR-Zeugnisse irgendwie weniger wert? Verstehen Sie das bitte nicht als Jammern. Nur, wenn es so ist, will ich mich darauf einstellen.

Nicht zuletzt aufgrund Ihrer Beiträge in den VDI nachrichten mußte ich erkennen, daß meine berufliche Laufbahn kaum einen „roten Faden“ erkennen läßt. Die Erkenntnis allein, besser spät als gar nicht, hilft aber wenig.Nun erhalte ich möglicherweise die Gelegenheit, für zehn Monate ein zweites (ein Aufbau )Studium aufzunehmen. Daß die Teilnehmer eine Art Stipendium erhalten, macht es für mich attraktiv. Dieses „Projekt-Kompetenz-Studium“ wird durchgeführt von der XY-Hochschule Berlin in Zusammenarbeit mit namhaften Unternehmen (u. a. Daimler-Chrysler, Porsche) und bringt bei erfolgreichem Abschluß den Titel „Master of Business and Engineering (MBE)“. Die Unternehmen vergeben Praktika. Die Übernahme des „Fellows“ wird angestrebt, steht aber nicht von vornherein fest.

Würde ein solcher Abschluß meinen Lebenslauf und meine Qualifikation aufwerten?
Oder wäre die kurze Verweildauer beim dritten Arbeitgeber schlechter als der Zugewinn?

In meinem Briefkopf gebe ich meine Handynummer (ich habe keinen Festanschluß) und meine (AOL )Faxnummer an. Können Sie das empfehlen? (Bewerbung beigelegt).

Antwort:

Sie, geehrter Einsender, kommen mit Ihrem speziellen Problem gleich „dran“. Ich nutze aber die Gelegenheit, ein paar Ost-West-Zusammenhänge darzustellen, dadurch werden dann auch die Details besser verständlich. Nun ist dieses Thema ein ganz heißes Eisen – immer noch. Damit das auch alles richtig verstanden wird, ausnahmsweise vorab ein paar Worte zu mir (weil hier so viele „Befindlichkeiten“ berührt werden, daß es nicht nur wichtig ist, was gesagt wird, sondern auch von wem):

Ich bin – als Flüchtlingskind aus dem deutschen Osten – im Gebiet der Sowjetischen Besatzungszone und später dann der DDR aufgewachsen und habe bis in die Klasse 10 hinein eine Oberschule dort absolviert (am Ende der 12 machte man damals das Abitur). Eine sehr gute, sehr effiziente und zumindest mich sehr anregende Schule übrigens. Dann bin ich in die Bundesrepublik übergesiedelt, ganz offiziell, mit allen Möbeln und aus Gründen der Familienzusammenführung.

Es war übrigens schon 1957 nicht einfach, als „armer Junge aus der Ostzone“ (so nannte man die DDR hier damals) in der Bundesrepublik anerkannt zu werden. Das ging nur durch sofortige, weitgehende Anpassung an „westliche“ Gepflogenheiten. Wer akzeptiert werden wollte, mußte sich voll integrieren; niemand hier war an einem erkennbaren Ost-Hintergrund interessiert. Wäre ich damals „drüben“ geblieben, hätte ich 1990 als Achtundvierzigjähriger mit reiner DDR-Vergangenheit vor den Scherben meines Berufslebens gestanden – wie so viele andere. So aber war ich 1990 längst etablierter Westdeutscher, habe mich aber sicher besser als sehr viele andere in die Probleme der Menschen hineinfühlen können, eben weil ich einmal dazugehört hatte.

Aber manches habe auch ich nicht verstanden und verstehe es eigentlich immer noch nicht: Nach der Wiedervereinigung war schnell klar und mußte vor allem den Betroffenen sehr schnell klar sein, daß hier im wirtschaftlichen und damit beruflichen Bereich nicht zwei Systeme vereinigt werden, sondern daß eines davon praktisch vor der Staatspleite gestanden hatte und vom anderen, ungleich potenteren geschluckt, finanziert und dominiert werden würde.

Dieser Wissensstand war ab etwa 1991 in allen führenden westdeutschen Medien nachzulesen. Daraus wiederum folgte: Reine Ost-Erfahrung im Beruf würde noch viele Jahre lang wenig wert sein in der Marktwirtschaft. Wer damals als Ostdeutscher alt war, hatte keine Wahl. Aber wer jung war, konnte erkennen: Die Zukunft würde Arbeitskräften mit West-Erfahrung gehören!

Der beste, aber für viele natürlich auch steinigste Weg dorthin, war das Übersiedeln in die alten Länder und – meist unter Opfern – das Hineinfinden in diese ungewohnte Arbeitswelt. Notfalls mit einem Einstieg unterhalb der Ausbildungsqualifikation, um zunächst einmal das problemlose „Funktionieren“ unter den besonderen westdeutschen Bedingungen unter Beweis stellen zu können, späterer (Wieder )Aufstieg eingeschlossen.

Der zweitbeste Weg war es, in den neuen Ländern bei eindeutigen und gut „klingenden“ Töchtern namhafter westdeutscher Betriebe Arbeit zu finden. Die „Ford-Werke in Magdeburg“ (ein absolut erfundenes Beispiel, aber zwei andere Marken hatte unser Einsender schon erwähnt, hier hätte auch BMW, Audi o. ä. stehen können) vermitteln zunächst überall auf der Welt Erfahrungen im Arbeiten nach Ford-Standard und stehen dann erst in Magdeburg (beispielsweise).

Ich weiß, daß beide Möglichkeiten in der Zahl begrenzt waren (besonders die zweite) und daß wir 1993 die schlimmste Wirtschaftskrise seit 1949 hatten. Aber ich bin ja auch noch nicht fertig.

Die drittbeste Lösung – wir sind immer noch bei positiven Wegen, deren Beschreitung hilfreich gewesen wäre – hätte zumindest im sehr sorgfältigen Studium des westdeutschen Berufs und Karrieresystems bestanden. Von dem man seit 1990 hätte ahnen können und ziemlich kurz danach hätte wissen müssen, daß es in Zukunft in ganz Deutschland ausschließlich gelten würde.

Und jetzt darf ich bitte noch einmal auch von mir sprechen: Seit 1984 lief diese Karriereberatungs-Serie in dieser Zeitung. Die ersten zehn Jahrgänge wurden sogar noch als Buch einzeln herausgegeben (zu Taschenbuchpreisen). Ich verlange ja nicht, daß nun sogar alle ostdeutschen Nicht-Ingenieure Stammleser dieser Informationsbeiträge hätten werden müssen. Aber das Interesse war auch bei den hier angesprochenen Ingenieuren merkwürdig gering. So recht verstehe ich das nicht, ehrlich gesagt. Und nur keine Spekulation: Ich bekomme kein Honorar in Abhängigkeit von der Auflage dieser Zeitung.

Ich zitiere unseren Einsender. Ingenieur seit 1990(!) in der Fachrichtung Kraftfahrzeugtechnik, schreibt er 1999: „Leider lese ich Ihre Beiträge erst seit ca. einem Jahr“, also seit 1998. So ganz leuchtet das westdeutschen Entscheidungsträgern immer noch nicht ein. Bitte, ich muß ja immer mit allem rechnen: Also ich bin nicht beleidigt, wenn jemand meine Serie nicht liest. Jeder Leser darf auch davon halten, was er will, keine Frage. Aber unter diesen Umständen verwundert es schon, daß man acht Jahre verstreichen läßt, bevor man sich eingehender über das System informiert, von dem man leben will und in dem man leben muß. Leider ist unser Einsender beileibe kein Einzelfall.

Heute ist, sofern in dieser heiklen Frage Durchschnittsbetrachtungen bei so vielen Einzelschicksalen und auch herausragenden Einzelleistungen überhaupt möglich sind, etwa folgender Stand erreicht (noch einmal: Abweichungen im Einzelfall ausdrücklich zugegeben):

– Westdeutsche Firmen, die Töchter oder Niederlassungen in den neuen Bundesländern unterhalten, äußern sich über die dort rekrutierte Belegschaft auf ausführender Ebene zufrieden bis positiv und teilweise sehr anerkennend. Das war nicht immer so und ist „vor Ort“ sicher auch auf einen beiderseitigen Lernprozeß zurückzuführen.

– Viele eben dieser westdeutschen Firmen seufzen stoß, wenn die Rede auf – insbesondere höhere – östliche Führungskräfte kommt, die bei ihren ostdeutschen Töchtern oder Niederlassungen eingestellt wurden. Recht oft heißt es heute bei Personal-Beschaffungsaufträgen: „Bitte bringen Sie uns aber einen „Wessi“, zu viele der rein ostdeutsch geprägten Manager liegen noch immer nicht auf unserem Standard.“

– Die derart begehrten westdeutschen Manager lieben aber Standorte in den neuen Ländern überwiegend ganz und gar nicht – vor allem, wenn sie Familien mit schulpflichtigen Kindern haben. Also heißt als Lösung oft die Devise für westdeutsche Firmen: Bei Jobs an Standorten in den neuen Ländern geben wir westdeutschen Bewerbern zum Ausgleich Chancen, die sie an ihren Lieblingsstandorten im Westen nicht hätten; wir akzeptieren also noch sehr junge oder schon recht alte Kandidaten.

– Werden für den Einsatz an Standorten in den alten Bundesländern Positionen auf der ausführenden Ebene besetzt, reagieren westdeutsche Firmen ziemlich skeptisch auf Bewerber mit ausschließlicher langjähriger beruflicher Ostprägung – selbst wenn „sonst“ alles stimmt (das gilt nicht für Berufsanfänger/Studienabsolventen).

– Werden in klassischen westdeutschen Unternehmen Führungskräfte gesucht (eben mit Dienstsitz im Westen), reagieren diese Firmen extrem skeptisch auf Bewerber mit ausschließlicher Ostprägung.

Das alles wird sich abschleifen, verändern, besser werden. Das ist ganz sicher. Aber heute, da bin ich überzeugt, muß so etwas offen ausgesprochen werden. Und sei es, damit sich niemand herausreden kann, er hätte es nicht gewußt.

Natürlich sage ich das alles nicht, um etwa Schuld zuzusprechen oder gar zu richten. Dafür war ich viel zu nahe dran, den gleichen Weg zu gehen und ein gleiches Schicksal zu erleiden. Dennoch darf ich mich wundern. Und in einem ganz zentralen Punkt anderer Meinung sein als der Einsender!

Er sagt, er habe – spät – erkennen müssen, daß seine berufliche Laufbahn kaum einen „roten Faden“ erkennen lasse. Dann schreibt er: „Die Erkenntnis allein … hilft aber wenig.“ Das ist falsch – aber weitverbreitete Meinung, die ich nur zu oft höre: „Schreiben Sie nicht so ausführlich (oder besser überhaupt nicht), wo mein Problem herkommt und wie ich es verursacht habe. Sagen Sie mir lieber sofort, was ich jetzt tun soll, um es loszuwerden.“

Ich denke ja gar nicht daran. Erst kommt die Diagnose, dann die Therapie. Und selbst wenn die Therapie unvollkommen ist, läßt sich vermutlich eine bessere finden. Aber nur, wenn die Diagnose stimmt. Das ist so, wenn der Patient beim Arzt sitzt und ebenso, wenn er seinen Wagen (nun Kunde, nicht mehr Patient) in die Werkstatt bringt.

Nein, die richtige Diagnose ist aller Lösungen Anfang. Sie hilft ggf. anderen, die jetzt noch nicht betroffen sind (potentielle „Nachahmungstäter“) und regt viele an, über Ursachen und Wirkungen nachzudenken.

Nun zum „Rest“ der vom Einsender angesprochenen Probleme:

1. Standortpräferenzen bringen immer Probleme. Sage ich hier seit fünfzehn Jahren, jetzt sind auch Sie mein Zeuge.

2. Sie waren seit dem Studium: Technischer Controller eines Speditionsbetriebes, arbeitslos, in Weiterbildung, Sachbearbeiter einer halbstaatlichen Institution und arbeiten jetzt bei einem Autohändler. Das ist der richtig erkannte fehlende „rote Faden“, das ist ein Erfahrungsgemenge, das – von einem Ingenieur – hier niemand in dieser Form „kauft“.

3. Ihr Zeugnis der erwähnten halbstaatlichen Organisation nennt sich so, ist aber keines. Praktisch kein Wort über „Führung und Leistung“, also Bewertung. Aber – in einem Zeugnis, sechs Jahre nach der Wiedervereinigung(!) – es heißt dort schön korrekt, der Resturlaub bis zum Ausscheiden sei gewährt worden und Sie hätten monatlich fast 80,- DM vermögenswirksame Leistungen erhalten! Da sagt die westdeutsche Wirtschaft: Was will er dort bitte für uns Brauchbares gelernt haben, wenn die derartige Zeugnisse ausstellen?

4. Rein sachlich wäre, wenn Ihnen das bisher Spaß gemacht hat, eine Weiterführung exakt Ihrer heutigen Tätigkeit bei einem westdeutschen Autohändler gut denkbar.

5. Handy und Faxnummern sind – gemessen am Gesamtproblem – ohne jede Bedeutung.

6. Jenes Studium kann ich nicht beurteilen. Aber wenn es stimmt, was Sie sagen und Firmen dieses Kalibers dahinterstehen, dann sollten Sie zugreifen und einen Neuanfang versuchen. Sie hatten früher so gute Noten: Wiederholen Sie das und streben Sie an – nahezu um jeden Preis -, von einem der beteiligten Unternehmen übernommen zu werden. Eine bessere Chance bekommen Sie nicht. Verweildauern übrigens zählen nur, wenn die Tätigkeit im Sinne der Bewerbung interessant ist.

Kurzantwort:

Der Autor bittet um Verständnis, daß er dieses besondere Thema nicht in einem Satz zusammenfassen möchte. Und er bittet um Nachsicht bei allen, die er vielleicht trotz seiner Bemühungen um Zurückhaltung persönlich „getroffen“ hat.

Frage-Nr.: 1388
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 19
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 1999-05-14

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