Heiko Mell

Ausland, Ausland über alles

Ich bin 29 Jahre alt. Meine Promotion werde ich in Kürze abschließen. Während meines Studiums, während meines bisherigen Lebens war ich nie über einen längeren Zeitraum im Ausland. Laut der meisten Karrieretips aber ist ein Auslandsaufenthalt wünschenswert, wenn nicht sogar für eine Führungslaufbahn notwendig.

1. Ist es ratsam, nach der Promotion ein beispielsweise dreimonatiges Praktikum im Ausland zu absolvieren? Oder wird das später als, wie ich schon vernommen habe, „Angst vor der Arbeitswelt“ interpretiert?

2. Alternativ dazu bietet sich für mich aus persönlichen Gründen ein Umzug in die Niederlande an. Da ich aber nur die Grundlagen der niederländischen Sprache beherrsche, befürchte ich, dort nur eine wesentlich schlechtere Arbeitsstelle als in Deutschland zu finden.

Sind meine Befürchtungen Ihrer Meinung nach berechtigt? Wenn ja, was ist für die Karriere langfristig günstiger: Keinen Auslandsaufenthalt vorweisen zu können, oder ein paar Jahre in den Niederlanden gearbeitet und dabei eine schlechte Position innegehabt zu haben?

Ansonsten, „Weiter so!“

Antwort:

Es gibt auf eine spezielle Frage dieser Art nicht „die“ Antwort. Der Werdegang eines einzelnen Menschen ist von so vielen Zufällen und/oder Besonderheiten abhängig, daß sich bei derartigen Problemen nur pauschale Hinweise geben lassen. Und die lauten:

– Auslandsbezug im Werdegang wird im Zeichen der Globalisierung immer wichtiger. Ich halte es aber auch für denkbar, daß Sie beispielsweise bei den Stadtwerken in Berlingerode als Technischer Direktor Karriere machen – und nie wirklich Auslandspraxis brauchen. Das ist die Tücke des Einzelfalles.

– Uneingeschränkt gesagt werden kann: Noch wichtiger und – fast – überall von nahezu existentieller Bedeutung sind Sprachkenntnisse. Dabei gilt: Englisch fließend ist überall und für jeden jungen Menschen unverzichtbar. Einschränkung: Englisch qualifiziert Sie nicht (mehr), „kein Englisch“ hingegen disqualifiziert Sie. Erst die zweite Fremdsprache qualifiziert Sie wieder.

– Sprachkenntnisse sind wertvoller, wenn sie von einem entsprechenden Auslandsaufenthalt „gestützt“ werden. Je nach Ausgangsvoraussetzung können drei Monate Praktikum in GB oder USA einem schwachen Englisch wirkungsvoll auf die Beine helfen, während Kenntnisse „nur“ in Niederländisch natürlich später seltener gefragt sind. Ist Ihr Englisch schon sehr gut, könnte Niederländisch eines Tages Ihre zweite Fremdsprache sein. Ich kenne mehrere internationale Unternehmensgruppen, die von den Niederlanden aus (Europa-Zentrale) und/oder von Niederländern „regiert“ werden (oder von flämischen Belgiern) – das könnte eines Tages Ihre große Chance werden, muß es aber selbstverständlich nicht.

– Für einen Schüler sind drei Monate USA die Sensation schlechthin, für einen Studenten sind sie gut und wertvoll – für einen promovierten 30jährigen sind sie nicht mehr so furchtbar viel. Er lernt dabei eigentlich wenig – außer Sprache.

– Nun will ich einprägsam formulieren und dennoch keine politischen Verwicklungen mit einem geachteten Nachbarland auslösen. Sagen wir es einmal in der gelegentlich rein privat gebrauchten Sprache meiner allerjüngsten, sonst jedoch sehr tüchtigen, Mitarbeiterin: Von Deutschland aus ist Holland (ich weiß, ich weiß, aber jeder sagt es) als Ausland nun „auch nicht der Brüller“. Eben weil es so nah, so verwandt ist. Timbuktu oder Salt Lake City sind halt „mehr anders“ und „weiter weg“.

Also die Einschränkung mit der weniger anspruchsvollen Position würde ich in den USA oder GB (beispielsweise) noch hinnehmen, bei einem so nah verwandten Nachbarland aber eher nicht.

Als Warnung: Tun Sie beruflich niemals (nie, überhaupt nicht, keinesfalls) etwas, das sich räumlich/regional „aus persönlichen Gründen anbietet“! Das geht fast immer schief – es sei denn, Sie ordnen Ihren Beruf ohnehin ganz klar dem Privaten unter. Dann aber brauchten Sie keine Karriereberatung. Könnte ich eine Regel hier in roter Farbe drucken, ich wählte diese:

Kurzantwort:

Formuliert ein Ratsuchender, er verfolge Pläne im beruflichen Bereich, weil sie sich „rein regional aus privaten Gründen“ anböten, gehen beim Karriereberater mehrere Warnlampen an.

Frage-Nr.: 1381
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 15
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 1999-04-16

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