Heiko Mell

Keine Ambitionen, aber sechs Monate zum Halbjahr

Wie Sie meinen beigefügten Unterlagen entnehmen können, bin ich seit fünf Jahren in einem kleinen Unternehmen (weniger als zwanzig Mitarbeiter) als Ingenieur tätig. Ihren Ausführungen zufolge ist das eine gute Zeit, die Firma zu wechseln bzw. einen Firmenwechsel vorzubereiten.

Zuallererst stellt sich für mich die Frage, ob ein Arbeitgeberwechsel bzw. zumindest ein interner Aufstieg alle fünf bis sieben Jahre auch für die Angestellten erforderlich ist, die Ihr (1) Karriereziel erreicht haben und nicht nach mehr Verantwortung streben. Oder kann ein Bleiben bei einem Arbeitgeber bzw. kein weiterer Aufstieg ein entscheidender Nachteil sein, wenn ein Arbeitsplatzwechsel zwingend wird. (2)Zum Hintergrund sei gesagt, daß mir mein jetziges, bedingt durch die Unternehmensgröße sehr vielseitiges, Aufgabengebiet gefällt und ich keine Personalverantwortung übernehmen möchte, da ich mir und andere mir dieses auch nicht zutrauen (3).

Neben den Schwierigkeiten eines höchstwahrscheinlich erforderlichen Branchenwechsels (4) auf Sachbearbeiterebene in die Bereiche Anwendungstechnik / technischer Kundendienst betrachte ich als Hauptproblem, (5) die Tatsache, daß ich meinen Arbeitsvertrag nur mit einer Frist von 6 Monaten zum 30.06. bzw. 31.12. kündigen kann.
Daraus ergeben sich für mich folgende Fragen:
A) Für Bewerbungen auf Zeitungsannoncen sehe ich ganz schlechte Chancen, da nur sehr wenige Unternehmen mehr als sechs Monate warten werden, zumal ich nicht über spezielle Fähigkeiten und Kenntnisse verfüge. Daher meine erste Frage, wie sind die Chancen von Blind- oder Initiativbewerbungen von Nichtabsolventen zu bewerten. (6)

B) Beruht die Absage meiner beiliegenden Bewerbung auf ein Stellenangebot, (7) tatsächlich überwiegend auf die lange (8) Kündigungsfrist oder sind in meiner Bewerbung noch andere erkennbare Fehler. (9)
Über eine Antwort in den VDI nachrichten wäre ich sehr dankbar (10).

Antwort:

Sie haben schon Ihre Probleme, keine Frage. Als Trost: Warten Sie einmal ab, bis ich alles gesagt habe, dann werden Sie sich vorübergehend noch problembeladener fühlen. Das klingt, ich gestehe es ein, sehr martialisch oder wie immer Sie wollen. Aber irgendwo ist eine Grenze und die ist hier überschritten.

Sie sind Deutscher, tragen einen deutschen Namen und haben hier Ihre Ausbildung und Ihr Studium absolviert. Und Sie sind ein Einser-Kandidat! Sie wissen das nicht nur, Sie schreiben das auch noch stolz in Ihre Bewerbung („Abschluß: Dipl.-Ing.; sehr gut“). Damit übernehmen Sie irgendwie auch die Verpflichtung, aufzutreten wie ein intelligenter Mensch dieser Kategorie. Das nun bezieht ausdrücklich und ausnahmslos Briefe (dies hier ist einer, der mir im Original mit Unterschrift vorliegt) in Ihrer Muttersprache mit ein. Die in Klammern gesetzten Zahlen in Ihrem Brief sind von mir eingefügt worden. Damit mache ich jeweils auf eklatante Verstöße gegen die Regeln Ihrer (und, Gott sei es geklagt, auch meiner) Muttersprache aufmerksam. Ich hoffe, daß Sie so alle diese Merkwürdigkeiten selbst korrigieren können, will aber auf zwei besondere „Schöpfungen“ hinweisen:

 

Zu 1: Die großgeschriebene Anrede „Ihr“ in einem Brief ordnet das Karriereziel dem Adressaten zu, hier also mir. Es ist aber gar nicht mein Ziel, das hier erreicht wurde, es ist das jener anderen Angestellten! Und dann ist es „ihr“ Ziel! Na und weil es mehrere sind, dann auch am besten gleich „ihre Ziele“, aber das ist ein Randaspekt.

 

Zu 8: „Beruht die Absage … tatsächlich … auf die lange Kündigungsfrist …?“ Da zieht es ja dem Leser die Schuhe aus! Das hier ist eine Veranstaltung von Akademikern (Einsendern) für Akademiker (die anderen Leser) mit mir irgendwo dazwischen. Und ich habe von allen hier die unvollkommenste Bildung überhaupt (kein Abitur, meinen Dipl.-Ing. habe ich für 300,- DM erworben, daher führe ich ihn auch normalerweise nicht). Also wenn schon mir die Hutschnur hochgeht, dann können Sie sich darauf verlassen: Leute mit fundierter (humanistischer) Bildung wenden sich mit weit mehr Grausen als ich.

Da ich mich aber dann natürlich doch irgendwann wieder beruhigen muß, hier also die Rückkehr zum „Normalgeschäft“:

I. Es geht in dieser Serie nicht um mich und meine Befindlichkeiten. Ich spiele hier nur die Rolle anderer Entscheidungsträger aus unterschiedlichen Bereichen des beruflichen Lebens. Und ich verbürge mich dafür: Viele davon reagieren auf Geschreibsel dieser Art, so wie ich es hier demonstriere mögen sie nun ranghohe Vorgesetzte sein, die sachliche Vorlagen (Entscheidungsvorschläge, Projektberichte, Beförderungsanträge u.ä.) zu bewerten haben, oder eben Bewerbungsempfänger.

Es ist also besser, Sie erleben erst einmal mich in einer Phase, in der es um „nichts“ geht (nicht einmal Ihr Name steht hier), als daß Sie später im Ernstfall an Auffälligkeiten dieser Art scheitern.

II. Kann man denn nun als „Normalsterblicher“ keinen Brief mehr an diese Karriereberatung schreiben, ohne befürchten zu müssen, in der Luft zerrissen zu werden?

Man kann „wie seit nunmehr fünfzehn Jahren! Aber bitte nicht in der Kombination von“… beruht auf die lange Frist“ mit einem „sehr guten“ Diplom, das erst ein paar Jahre alt ist. Wenn man nämlich den Verdacht hat, jemand hätte kraft seiner Begabung schon all diesen Unfug finden können, hätte er sich nur die Mühe einer abschließenden Durchsicht seines Briefes gemacht, dann fühlt man sich mißgeachtet. Was dabei herauskommt, sieht man weiter oben.

Also, liebe Leser: „Nur nicht ängstlich“, sprach der Hahn zum Regenwurm  und fraß ihn (wo immer das herstammt nach Schiller klingt es nicht, eher nach „Volk“).

Nun zum Anliegen unseres Einsenders: Also, das hatten wir gerade zur Genüge, Sie haben Schwierigkeiten mit dem Schreiben einwandfreier Briefe. Es spielt überhaupt keine Rolle, was die Ursache ist, nur auf das Resultat kommt es an. Notfalls lassen Sie eine Vertrauensperson solche Briefe noch einmal durchlesen, bevor Sie diesen Dokumenten mit Ihrer Unterschrift Ihren „Segen“ geben. Oder Sie lesen laut stets aber das Gedruckte und nicht bloß am Bildschirm.

Das bezieht sich übrigens nicht nur auf Rechtschreibung inkl. Zeichensetzung. Sie neigen auch dazu, wichtige Kernaussagen mit eher nebensächlichen Details zu verschachteln, was viele Leser irritieren wird (Beispiel: 3. Absatz: „Zum Hintergrund sei gesagt“).

Übrigens habe ich mehrere Minuten über Ihrem „Nichtabsolventen“ gebrütet. Jetzt weiß ich: Die Vorstandsvorsitzenden von VW, BMW und anderen sind nach dieser Definition „Nichtabsolventen“  – also Leute, die nicht gerade in der Situation sind, eben ihr Examen gemacht zu haben.

Ach ja, bleiben wir bei dem Absatz mit dem „Zum Hintergrund sei gesagt“: Jetzt hat man sich als Leser gerade an das Thema gewöhnt. Da ist also ein Sachbearbeiter (siehe auch folgender Absatz), der „natürlich“ keine Personalverantwortung hat und „sein freier Wille“ auch in Zukunft keine will. Und dann blättert man im beigehefteten Lebenslauf und findet die Darstellung der heutigen Position. Schade, ich hätte eine größere Summe wetten sollen (für einen guten Zweck), daß kein Leser darauf gekommen wäre, was Sie nun heute sind und selbst so beschreiben:
„Betriebsleiter“, das seit Jahren und immerhin mit einigen unterstellten Mitarbeitern. Sie machen es aber wirklich niemandem in Ihrer Umgebung besonders leicht!

Also, das verstehe alles, wer da will. Ich konzentriere mich auf zwei interessante Sachthemen:“Zwangskarriere“ gibt es nicht. Niemand muß alle paar Jahre befördert werden, niemand muß alle paar Jahre den Arbeitgeber wechseln. Auch ist es erlaubt, bis zur Pensionierung Sachbearbeiter zu bleiben (nicht jedoch, zu werden, wenn man z. B. schon Betriebsleiter war).

Aber: Bei deutlich mehr als zehn Dienstjahren pro Arbeitgeber (verstärkt, wenn die ganze Zeit über derselbe Job getan wurde) ist mit Bedenken späterer Bewerbungsempfänger zu rechnen, wenn Sie dann doch einmal den Wechsel versuchen. Damit aber ist heute stets(!) zu rechnen, auch bei allergrößten Konzernen. Bei kleinen Firmen ist die Gefahr, dazu gezwungen zu sein, noch wesentlich größer! Nach derart langer „Verweildauer“, so das „durch Erfahrung bestätigte“ Vorurteil, geht die Flexibilität verloren, fehlt die Fähigkeit, sich auf vollständig neue Gegebenheiten einzustellen (zumindest fehlt der Beweis dafür – und der Bewerber muß beweisen, was für ihn sprechen soll).

Auch verlangen wir Dynamik, Kreativität, Durchsetzungsvermögen, Mut zum Risiko (und eben Flexibilität) heute uneingeschränkt auch von Sachbearbeitern in wichtigen Funktionen. Nun aber stellen Sie sich vor, jemand schreibt: Ich bin ein kreativer, sehr dynamischer Ingenieur. Voller Ideen, voller Tatendrang. Ich liebe die Herausforderung, stelle mich gern Neuem, blicke nach vorn, ersetze gern Gutes durch Besseres.

PS: Seit vierzehn Jahren mache ich immer denselben Job in einem sehr kleinen Unternehmen mit weniger als zwanzig Mitarbeitern.

Das galt für Dienstzeiten. Mit Beförderungen ist es schon komplizierter. Als banale Aussage am Anfang: Wenn man gut ist (und wer wollte das nicht sein; und was wollte ein Einser-Kandidat bitteschön sonst sein), läßt sich die immer weitergehende Beförderung kaum verhindern. Oder jedenfalls nur schwer. Da wird man Projektverantwortlicher, Projekt- oder Teamleiter, Gruppenleiter und eines Tages hat man einen Alptraum und wacht schweißüberströmt auf, weil man sich schon als Prokuristen gesehen hat.

Am Anfang klingt das ja auch noch ganz lustig: „Ich will gar nicht.“ Aber dann steigen alle Kollegen irgendwie, irgendwann auf – und der neue eigene Chef ist halb so alt wie man selbst und hat halb so viel Fachwissen. Stellen Sie sich das nur nicht so leicht vor! Ach ja, statt Ihrer „Eins“ hat der natürlich ein „Befriedigend“ im Examen. Und keine Ahnung. So brutal spielt das Leben.

Ich glaube nicht, daß Ihr Plan in diesem kleinen Unternehmen funktioniert. In einem größeren schon eher. Dort gibt es so viele Projekte, so viele Sonderaufgaben und Beauftragte, da kann man durchaus seine individuelle Nichtaufsteiger-Rolle bewußt spielen.

Aber, so meine Empfehlung, überprüfen Sie Ihre Einstellung noch einmal. Führen im begrenzten Rahmen im starren Korsett großer Unternehmen, wo es für alles und jedes Regeln und Schulung gibt, ist gar nicht so schwer. Womit ich niemanden in Führungsaufgaben treiben will, der davor zurückschreckt. Schon um der Geführten willen nicht. Aber Angst nehmen will ich.

Aber Sie hatten doch zuerst eine berufliche Ausbildung und waren Angestellter bei einem sehr namhaften Unternehmen. Da hatten Sie doch Ihren Job ohne jede Aufstiegsgefahr. Aber Sie haben sich aufgerafft und Ihre theoretische Basis nachgeholt (besser als 2) und dann haben Sie studiert (mit dem hinreichend breitgetretenen Erfolg). Wenn Sie das, was Sie jetzt tun, bis zum 65. Lebensjahr tun, haben Sie eigentlich sehr viel in sehr wenig Resultat investiert. Was Sie ja durchaus selbst wissen. Sonst hätten Sie sich ja nicht beworben – und Absagen kassiert. Die ich auf zwei Gründe zurückführe:
Man schreibt nicht vorne in einer Bewerbung, man wolle Sachbearbeiter werden und hinten, man sei Betriebsleiter und führe immerhin einige Mitarbeiter. Das frißt kein Bewerbungsempfänger.

Ihre Kündigungsfrist von im Durchschnitt neun Monaten ist diskussionslos zu lang. Sie knebelt Sie! Niemand wartet auf einen Sachbearbeiter derart lange. Sie hätten das so nie unterschreiben dürfen. Mit Initiativbewerbungen hat das alles grundsätzlich nichts zu tun – das Prinzip gilt stets. Pauschale Lösungen gibt es jetzt nicht.

Als Tip: Bewerben Sie sich einmal testweise und behaupten Sie, Sie hätten 6 Wochen zum Quartalsende. Dann prüfen Sie einmal das Resultat. Und letztlich bleibt Ihnen ja die Hoffnung, Ihr Arbeitgeber ließe Sie im Ernstfall früher gehen.

Kurzantwort:

Frage-Nr.: 1379
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 14
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 1999-04-09

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