Heiko Mell

Ab 40 bereits zu alt?

Aufgrund hinlänglicher eigener Erfahrungen möchte ich hier die Frage an Sie richten, auf welchen Staat Ihre gezielten und kommentierten Karriereberatungen für Ingenieure, die bereits das 50. Lebensjahr überschritten haben, ausgerichtete sind.

Als Dipl.-Ing. (FH) der Fachrichtung Elektrotechnik, gegenwärtig 53 Jahre, langjährige Erfahrung im Projektmanagement in Service und Kundenbetreuung auf dem EDV-Sektor und mit zusätzlicher Ausbildung zum „Netzwerk-Spezialisten“ auf NT 4.0 (MCP) bemühe ich mich seit längerem intensiv um ein neues Anstellungsverhältnis.

Dies u. a. vergeblich bei allen namhaften deutschen Großunternehmen, besonders sei hier die XY AG benannt. Sie gibt unverblümt die Aussage von sich: „Ungeachtet der Qualifikation eines Bewerbers auf dem Gebiet der Informationstechnologie geht grundsätzlich jede eingehende Bewerbung an den Einreicher zurück, wenn dieser bereits das 40. Lebensjahr überschritten hat.“

Hierfür stehen aber auch die anderen Großfirmen. Auch die mittelständische Industrie macht hiervon keine Ausnahme.

Das heißt, für jeden noch so hoch qualifizierten Bewerber, mitten im Leben stehend, der sich den marktwirtschaftlichen Gegebenheiten und damit den Anforderungen der Industrie durch ständige Aus und Weiterbildung angepaßt hat, endet der Weg schlichtweg in einer Katastrophe, nämlich in dem sogenannten Nichts. Er gilt damit als „Fossil“. Es zeigen sich deutliche Parallelen zu den USA.

Zu meiner Person stelle ich fest, daß so gut wie alle von mir angeschriebenen Firmen meine Bewerbung aufgrund meines Alters ignorieren, obwohl ich eine hohe Qualifikation vorweisen kann. Außerdem schreiben sie mir erst nach vielen Wochen und Monaten ab, wenn die ausgeschriebene Position vergeben zu sein scheint.

Aber auch absolute Skrupellosigkeit herrscht bei einigen Firmen vor, indem sie mit ihrer Absage zu verstehen geben, einen geeigneteren Bewerber gefunden zu haben und danach die vakante Position mit gleichen Inseraten erneut feilbieten.

Manch ein Betroffener erwägt bei derartiger Arbeitslosigkeit den Weg in die Selbständigkeit. Die hohen Insolvenzzahlen bei Firmengründungen zeigen unverhohlen auf, wo ein derartiger Versuch endet.

Es würde mich Ihre Meinung interessieren, insbesondere Ihre Wertung im Hinblick auf die offensichtlich vorherrschende Verlogenheit auf dem deutschen Arbeitsmarkt gegenüber einem hochqualifizierten Arbeitsuchenden.

Antwort:

Sie, geehrter Einsender, sind enttäuscht, ja verbittert. Da ist es verständlich, daß man auch einmal über das Ziel hinausschießt. Die von Ihnen als Negativ-Beispiele namentlich benannten zahlreichen Firmen habe ich daher hier herausgelassen. Dafür erkläre ich Ihnen das Prinzip, nach dem sie handeln.

Nun der Reihe nach:

1. Alle spezifischen Details können wir unberücksichtigt lassen: Fachrichtung, Branche, Weiterbildung – das ist alles nebensächlich bis unerheblich. Sie sind 53 (etwa 90 % des Problems) und arbeitslos (die restlichen 10 %), das allein zählt.

2. Sie nehmen Anstoß am Versuch der Bewerbungsempfänger, Sie „schonend“ zu behandeln – äußern sich aber auch kritisch, wenn ein solches Unternehmen Ihnen seine Haltung offen darlegt. Bitte entnehmen Sie daraus, daß man als Unternehmen gerade machen kann, was man will – der Empfänger einer Absage ärgert sich. Er ärgert sich über eine Rücksendung nach drei Tagen („unverschämt kurz, die haben das sicher gar nicht sorgfältig gelesen“) wie über eine nach drei Monaten („die haben das einfach irgendwo verschlampt, ich hatte niemals eine wirkliche Chance“). Er ärgert sich über einzelne Firmen, die offen sagen, daß sie niemanden über 40 einstellen (was die durchaus dürfen, wir sind ein freies Land – ebenso gut könnten die für ihr Geld nur Leute über 40 nehmen) und ebenso über solche, die ihn „schonen“ wollen, indem sie ihm die brutale Wahrheit nicht sagen, sondern wenigstens den Anschein erwecken, er sei ernsthaft im Rennen gewesen. Viele Unternehmen haben übrigens den Satz, sie hätten sich für einen anderen Bewerber entschieden, als Standardabsagetext im PC gespeichert. Die sich eventuell anschließende Neuveröffentlichung der Anzeige ist also „normal“.

Sie nun, geehrter Einsender, stellen sogar den Staat in Frage, in dem sich das alles abspielt. Dabei kann er kaum etwas für die Entwicklung. Es geht schlicht um ein unsere Gesellschaft betreffendes, völlig unpolitisch entstandenes Problem – das der Staat selbst dann kaum lösen könnte, wenn er es überhaupt versuchte: Wir leben in einem „jugendsüchtigen“ Umfeld!

3. Aber das alles sind „Nebenkriegsschauplätze“, der Kern meiner Aussage muß ein anderer sein. Ich umreiße ihn offen – weise aber darauf hin, daß Sie erneut schockiert sein könnten:Sie schreiben von sich als von einem „hochqualifizierten Arbeitsuchenden“. Das ist leider so nicht richtig. Im hier interessierenden Zusammenhang wird unter Qualifikation die „Eignung für eine Position“ verstanden. Eignung wiederum umfaßt die Übereinstimmung mit einem Anforderungsprofil, das Kriterien enthält wie Ausbildung, Erfahrung, Fach und Branchenkenntnisse. Und, vergessen wir das nicht: Alter.

Es gibt Eignungskriterien, die man bei Nichterfüllung überspielen kann. Andere kann man nicht, im Jargon nennt man sie „K.o.-Kriterien“. Das Einkommen ist oft ein solches, mitunter ist es eine Kündigungsfrist, nicht selten eine fachliche Fähigkeit. Und das Alter – hier ist oft darüber geschrieben worden – gehört leider unbedingt dazu (man kann auch zu jung sein!).

Zur Erinnerung: ab 45 gibt es erste Bedenken gegen Bewerber, ab 48 sind sie massiv und ab 50 beginnen sie fast unüberwindlich zu werden. Großbetriebe sind ein Kapitel für sich: Aus wohlerwogenen, durchaus überzeugenden Gründen mögen sie pauschal nicht gern ältere Seiteneinsteiger (manche fangen damit bei 30 Jahren an), sondern stellen junge Absolventen ein, dann ist Schluß.

4. Von Ihnen weiß auch ich nur, was in Ihrem zitierten Brief steht. Es ist also – dies ist eine rein sachlich gemeinte Bemerkung – durchaus möglich, daß Ihr Lebenslauf noch zusätzliche Probleme ausweist, zu denen sich dann Alter und Arbeitslosigkeit lediglich addieren.

5. Pauschal gilt der Rat: 50 ist ein Alter, das der Markt nicht mehr mit „Neuem“ verbindet. Eine, gemessen am Lebenslauf, völlig ?neue? Position, Branche oder Art der Tätigkeit, eine per Seminar gerade jetzt „neu“ hinzuerworbene Fachqualifikation – das alles bringt es nicht. Der 50jährige sollte das vermarkten, was er ?bis gestern abend? gemacht (und hoffentlich sehr erfolgreich gemacht) hat. Kurz gesagt: er kann nur bewiesenes Können und Erfahrung vermarkten, kein Potential, das bisher nicht genutzt wurde.

6. Wichtig für Sie ist, daß Sie

a) im schriftlichen und mündlichen Bereich stets einen positiv-optimistischen Eindruck machen und keine Verbitterung/Resignation anklingen lassen,

b) sich in sehr breiter Front ohne jede Rücksicht auf Regionen oder Standorte bewerben und dabei oben genannte Grundsätze berücksichtigen. Mit Ihrem Handikap müssen Sie auch zu Abstrichen bereit sein.

7. Die Zurückhaltung der Wirtschaft gegenüber älteren Bewerbern ist grundsätzlich verständlich – aber in dieser Radikalität falsch und unvernünftig (auch wegen der fatalen Wirkung auf noch beschäftigte ältere Arbeitnehmer, die so bei ihrem täglichen Tun keinerlei Risiko mehr eingehen können, was insbesondere bei Managern jedoch nicht sein darf!). Mögen Bewerber über 50 auch einen wieder sinkenden Marktwert haben, so ist dieser doch nicht Null! Wenn beide Seiten entsprechend kompromißbereit aufeinander zugehen, und auf dem Weg über geringere Einkommen, zeitliche Befristungen o. ä. nach individuellen Lösungen suchen, ist auch beiden Seiten geholfen.

Kurzantwort:

Wenn „Qualifikation“ die Eignung für eine Position im Rahmen des Anforderungsprofils bedeutet, dann ist – leider – die Bezeichnung „hochqualifiziert“ für einen 53jährigen Bewerber auf dem Markt nicht durchsetzbar.

Frage-Nr.: 1375
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 12
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 1999-03-26

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