Heiko Mell

Nebenberufliches Zusatzstudium

Wie sehen deutsche Unternehmen Weiterbildungsbestrebungen ihrer Mitarbeiter? Wie wäre es beispielsweise zu bewerten, wenn ein Angestellter nebenher ein Studium begänne, um etwa zur Ingenieurqualifikation noch einen Abschluß in Betriebswirtschaft zu erwerben?

Antwort:

Ihr erster und Ihr zweiter Satz betreffen zwei völlig verschiedene Themen, die auch unterschiedliche Antworten erfordern.

Zu den generellen „Weiterbildungsbestrebungen“ der Mitarbeiter deutscher Unternehmen: Insbesondere Bewerber aus etwas größeren Firmen legen ihren Lebensläufen oft eine detaillierte Aufstellung bisheriger Weiterbildungsbemühungen bei. Da wimmelt es dann nur so von Kursen, Fachlehrgängen und Seminaren einschließlich Fremdsprachenvermittlung. Die weitaus meisten dieser Veranstaltungen werden von den Arbeitgebern angeboten oder sonstwie gefördert.

Generell gilt dazu, wenn wir unter „Weiterbildung“ einmal zeitlich begrenzte Maßnahmen von Stunden, Tagen, höchstens Wochen Dauer fassen: Ohne ständige Weiterbildung geht es nicht, insbesondere die fachbezogenen Maßnahmen dieser Art liegen absolut auch im Interesse der Arbeitgeber, das Teilnehmen an entsprechenden Veranstaltungen wird teils zwingend verlangt, teils erwartet und teils immerhin geduldet. Voraussetzung: Das jeweilige Thema läßt einen klaren Zusammenhang zur derzeitigen betrieblichen Tätigkeit des Mitarbeiters erkennen. Dann ist auch mit Verständnis oder Entgegenkommen des Vorgesetzten beispielsweise bei Zeit-/Terminproblemen im Zusammenhang mit der Teilnahme an solchen Maßnahmen zu rechnen.

Insbesondere bei kleineren Arbeitgebern fehlt es oft an Geld, Zeit oder institutionalisierten Abläufen für eine derartige Weiterbildung. Da ist dann der Mitarbeiter selbst gefordert, sich um entsprechende Aktivitäten zu kümmern – und ggf. Geld und Zeit dafür aufzuwenden. Es bedeutet ja auch nicht direkt den Untergang des Abendlandes, wenn ein ehrgeiziger junger Akademiker einmal vierzehn Tage seines Jahresurlaubs und etwas Geld opfert, um einen Sprachintensivkurs zu absolvieren – sofern er im Rahmen seiner weiteren Karriere die entsprechenden Kenntnisse zwingend braucht (ist bei Englisch pauschal zu unterstellen).

Nun zum zweiten Teil Ihrer Frage, mit dem ein mehrere Jahre andauerndes nebenberufliches Studium angesprochen wird. An diesem Thema scheiden sich die Geister. Wie immer im Leben werden auch hier nicht alle Menschen/Vorgesetzten/Arbeitgeber absolut identisch reagieren, aber seien Sie doch gewarnt:

Vorgesetzte mögen in der Regel derartige nebenberufliche Studien ihrer Mitarbeiter nicht. Und man kann das sogar verstehen:

1. Ein solches Engagement kostet den Mitarbeiter Zeit und Energie. Es frißt über einen sehr langen Zeitraum X % seiner Kapazität. Dieser Teil steht dem Arbeitgeber nicht mehr zur Verfügung. Könnte ein nicht entsprechend engagierter Angestellter problemlos auch einmal bis 21 Uhr im Büro bleiben, samstags kommen oder schon morgens unter der Dusche kreative Überlegungen hinsichtlich seiner Tagesarbeit anstellen, so verwendet der „nebenberufliche Student“ jene Kapazität nun für Hausaufgaben, Lernbriefe u. ä. Schlimmer noch: Kommt man als Chef plötzlich an dessen Arbeitsplatz, flimmern über den PC-Bildschirm irgendwelche Lektionen oder Internet-Recherchen, die nichts mit dem Job des Mitarbeiters zu tun haben.

2. Das nebenberufliche Studium ist eine Quälerei. Menschen, die sich über Jahre gequält haben, wollen dann auch eine Belohnung dafür haben. Und so weiß jeder erfahrene Vorgesetzte: Die Tinte, mit der das neuerworbene Abendstudium-Diplom unterschrieben wurde, ist noch nicht ganz trocken, da steht der so „geadelte“ Mitarbeiter vor seinem Chef und verlangt eine Beförderung oder mindestens eine fühlbare Gehaltserhöhung. Die der Vorgesetzte zu diesem Zeitpunkt gar nicht gewähren kann – und deren Notwendigkeit er auch nicht einsehen mag: Schließlich ist das immer noch absolut derselbe Mensch wie gestern, als er klaglos seinen alten Job machte – bloß hat er jetzt ein weiteres „Diplom“. Bekommt der Mitarbeiter seinen Wunsch nicht erfüllt, kündigt er.

Also lernt der Vorgesetzte: Mitarbeiter, die neben ihrer Arbeit ein komplettes Studium absolvieren, bringen (ihm) nichts als Ärger. Entsprechend ist seine „Begeisterung“ für solche Vorhaben – was man, wie gesagt, verstehen kann.

Die Konsequenz: Wenn Sie schon so etwas planen, reden Sie nicht darüber. Und versetzen Sie sich in die Rolle Ihres Vorgesetzten, der auf dem Arbeitsmarkt 100 % Ihrer Kapazität erworben hat und nicht „100 % – x“ für y Jahre (bei 100 % des Gehalts).

Und bei der Gelegenheit: Generell angesprochen sind hier Begriffe wie Engagement, Einsatzfreude oder die Bereitschaft, die Interessen des Unternehmens auch einmal über die privaten zu stellen. All das ist äußerst begehrt und gesucht, wird von Arbeitgebern/Vorgesetzten außerordentlich geschätzt – und von Bewerbungsempfängern in Zeugnissen sehr gern gelesen.

Was, wie ich zugebe, so furchtbar banal klingt (aber von Vorgesetzten in dieser Form erwartet – jedoch noch immer von viel zu wenigen qualifizierten und ihrerseits anspruchsvollen Mitarbeitern „gebracht“ wird), geht etwa so: „Tut mir leid, Müller, aber ich brauche diese Ausarbeitung bis morgen früh.“ Antwort: „Kein Problem, Chef, sag‘ ich meinen Kegelabend eben ab – Sie haben das morgen um 7.30 Uhr auf Ihrem Tisch.“ Was dem Chef doppelt hilft: a) in der Sache und b) gegenüber seinem Vorgesetzten, der so vielleicht erkennt, wie gut er „seine Leute im Griff“ hat oder sich „auch einmal mit unbequemen Dingen durchsetzen“ kann.

Und, da schließt sich der Kreis, ein Mitarbeiter mit festen Abendkursterminen auf Jahre hinaus, bekommt hier auf Dauer Probleme, setzt vielleicht auch die falschen Prioritäten.

Kurzantwort:

Abgegrenzte Weiterbildungsmaßnahmen sind unverzichtbar und werden – sofern im Unternehmensinteresse liegend – auch von den meisten Arbeitgebern gefördert. Nur jahrelanges nebenberufliches Studieren erfreut kaum einen Chef.

Frage-Nr.: 1367
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 9
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 1999-03-05

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