Heiko Mell

Lieben Firmen ihre „Expatriierten“ nicht?

Nach Abschluß meines Maschinenbaustudiums vor fünfzehn Jahren (TH …) bin ich regelmäßiger Kunde der Karriereberatung, sowohl als Leser wie als Ratsuchender. Sie sind nicht ganz unbeteiligt am bisherigen Verlauf meiner Karriere, ein herzliches Dankeschön dafür.Der regelmäßige Karrierecheck
Ein Grundsatz ist, sich regelmäßig einem „Gesundheitscheck“ zu unterziehen, die Ergebnisse mit dem „Arzt“ zu diskutieren und „gesundheitsfördernde“ Maßnahmen einzuleiten. Der letzte Besuch bei meinem Arzt war meine Frage 1.053 Ihrer Karriereberatung. Also begebe ich mich heute wieder zu Ihnen.Die „grenzenlose Freiheit“Ich bin seit dreizehn Jahren in einem großen europäischen Konzern tätig. Nach verschiedenen Stationen inkl. eines Auslandsaufenthaltes war ich mehrere Jahre technischer Manager eines deutschen Werkes. Seit mehr als zwei Jahren bin ich nun Manager für … … … in der Leitung der gemeinsam mit einem Kollegen aufgebauten US-Niederlassung. Unsere Erfolgsbilanz kann sich sehen lassen, wir haben die uns gesetzten Ziele mehr als erfüllt.

Aufgrund der zeitlichen und räumlichen Entfernung zu unserem Boß in Europa haben wir ein für unser Unternehmen ungewöhnlich hohes Maß an Entscheidungsfreiheit. Wir sind gezwungen, wie Unternehmer im Unternehmen zu handeln und repräsentieren das Haus auf allen Ebenen bei Kunden und Zulieferern.
Unsere Ehepartner spielen eine wichtige Rolle in Networking und Socialising. Jeden Abend freue ich mich auf meinen nächsten Arbeitstag. Ich versuche mir täglich bewußt zu machen, daß eine solche Aufgabe in einer unserer traditionellen europäischen Gesellschaften nicht zu haben ist. Kurz, ich könnte mir zur Zeit keinen besseren Job vorstellen.

Die spätere Rückkehr vor Augen, waren meine Frau und ich uns seit dem ersten Tag hier darüber im klaren, daß alle uns übertragenen Verantwortungen und zur Verfügung gestellten Insignien nur von vorübergehender Natur sein würden.Gefahr der „Entwöhnung“Ich glaube, daß eine Entsendung aus beruflichen und familiären Gründen einen Zeitraum von fünf Jahren nicht überschreiten sollte (Verlust des deutschen Stallgeruchs, in Vergessenheit geraten, zu unterschiedliche Arbeitsstile, American Way of Life versus deutsche Kleinbürgerlichkeit etc.). Wir gehen übrigens davon aus, daß wir nicht mit unseren Kindern auf Dauer in den USA bleiben wollen.Verpaßte Chancen in der HeimatEine Frage, die mich seit meiner Entsendung beschäftigt: Wie wird sich der Auslandsaufenthalt auf die Karriere auswirken? Seit meinem Weggang aus Deutschland hat einer meiner ehemaligen Mitarbeiter die Nachfolge meines ehemaligen Vorgesetzten angetreten; mehrere andere Kollegen haben Positionen besetzt, die ich auch gerne angenommen hätte, wäre ich in Deutschland geblieben. Auch wenn unser Konzern ein Global Player ist: Kein Kollege oder Vorgesetzter in verantwortlicher Stellung hat je im Ausland gearbeitet, nur wenige sind jemals aus der Heimatstadt weggezogen.Zahlt sich Auslandspraxis aus?Wir Expatriierte ausländischer Unternehmen in dieser amerikanischen Großstadt haben ein Network von sozialen Kontakten aufgebaut. Ein Sprichwort hier lautet: „Es kommt nicht darauf an, was man kann/weiß, sondern wen man kennt.“

Es ist erstaunlich zu sehen, daß sich für viele Expatriierte der Auslandsaufenthalt nicht sofort oder nicht sichtbar lohnt. Als logische Konsequenz haben viele ihr Unternehmen verlassen, um einen deutlichen Karriereschritt machen zu können.

Antwort:

Zwei Anmerkungen vorab: Normalerweise sind in dieser Serie die Fragen kurz und die Antworten etwas länger. Aus vielerlei Gründen wollen wir auch dabei bleiben. Aber in Amerika ist alles größer – warum sollen nicht auch die Briefe länger sein? Nein, ganz im Ernst: Hier stecken so viele für andere Leser interessante Details in den einzelnen Ausführungen, daß ich mich entschlossen haben, diesen Brief als „Lehrstück“ für an Auslandseinsätzen Interessierte nahezu ungekürzt abzudrucken.

Die einzelnen Kapitelüberschriften habe ich in die Frage eingefügt, um die Lesbarkeit zu verbessern und eindeutige Bezugspunkte für meine Antwort zu haben.Zunächst habe ich etwas gestutzt bei dem Begriff „Expatriierung“, den Sie, geehrter Einsender, hier verwenden. Der Fremdwörterduden übersetzt das mit „Ausbürgerung, Verbannung“. So schlimm wird es denn doch nicht sein – Sie sind freiwillig gegangen und haben noch großen Spaß dabei. Sie sollten also diesen Begriff für Ihre Situation nicht verwenden. Nach meinem Gefühl befinden Sie sich auf „Auslandsentsendung“, die lt. Definition vorübergehenden Charakter hat.

Zur Gesamtsituation, die wir „kapitelweise“ durchgehen wollen:

Zu „Der regelmäßige Karrierecheck“: Ich glaube auch, daß Vergleiche mit der Medizin angebracht sind – und kann Ihnen nur zustimmen. Allzu oft kommen auch zu mir in die individuelle Karriereberatung Ratsuchende, die schon „krank“ sind. Wie beim Arzt gilt auch hier: Man kann besser helfen, wenn noch nichts „passiert“ ist.

 

Zu „Die „Grenzenlose Freiheit“ und „Gefahr der Entwöhnung“: Das, genau das, ist „Segen und Fluch“ des Auslandseinsatzes – wenn man in Ihrer organisatorischen Einbindung arbeitet und nicht einfach einem einheimischen „Chef vor Ort“ unterstellt ist. Schon daß der Vorgesetzte so weit weg ist, beflügelt manche Mitarbeiter. Wenn dann noch Aufbauarbeit, Pioniergeist und gute Teamarbeit zusammenkommen, ist ein – gefährliches – Ideal erreicht. „Gefährlich“, weil sich das nach späterer Rückkehr nicht fortsetzen läßt.

Zwei Auswege daraus gilt es: Sie bleiben – notfalls für wechselnde Arbeitgeber – immer im Ausland (wobei Sie es dann auch schlechter treffen können). Oder Sie schaffen es, diese Situation als einmalige Ausnahme zu begreifen – und später wieder die „Regel“ zu akzeptieren. So wie man nach Flitterwochen zum Ehealltag oder nach Urlaub zum Tagesgeschäft übergehen bzw. zurückkehren muß.

Manche haben diese Rückkehr zum deutschen Alltag nicht geschafft. Sie gelten als „auslandsverdorben“.

Die Erfahrung lehrt, daß die Entwöhnung vom heimischen Standard immer schwerer wird, je länger die Auslandsentsendung dauert. Ihre fünf Jahre sind sicher eine vernünftige Obergrenze.

 

Zu „Verpaßte Chancen in der Heimat“ und „Zahlt sich Auslandspraxis aus“?: Ihre Beobachtungen sind durchaus realistisch. In sehr vielen – durchaus auch sehr großen – Unternehmen gibt es keine auch nur mittelfristige Personalplanung. Als Trost: Nachdem neuerdings die Organisationsneugestaltungen, strategischen Neupositionierungen und Fusionen/Globalisierungen praktisch im Halbjahresrhythmus erfolgen, gilt nun auch die Ausrede, daß langfristige Personalplanungen gar nicht mehr machbar sind.

Überhaupt dürfen Sie nicht zu hohe Anforderungen an die Entscheidungsprozesse in Unternehmen stellen. Personalentscheidungen fallen oft (sehr oft) als „Löcherstopf-Aktionen“. Und Sie waren nicht präsent, als wieder einmal Löcher gestopft werden mußten. Mit ein bißchen Pech gilt: Wenn Sie zurückkommen (meist sind Auslandsentsendungen zeitlich befristet), gibt es gerade kein Loch zu stopfen. Dann legt man das „Stopfgarn“ erst einmal irgendwo ab.

Nicht ohne Grund sage ich immer: Auslandsentsendungen sind wertvoll für die Karriere – am wertvollsten sind sie, wenn der Bewerber danach schon wieder einige Jahre in der Heimat erfolgreich gearbeitet hat.

Was in Ihrem Fall natürlich erschwerend hinzukommt (aber keineswegs extrem selten ist): In Ihrem Konzern gibt es nur wenige Führungskräfte mit Auslandspraxis. Sie sind damit intern auch noch so etwas wie ein „weißer Elefant“ – mit allen Problemen, die ein Außenseiter so hat. Abschießend dazu: Ihre Auslandserfahrungen werden sich mittelfristig auszahlen! Und um alle Chancen nutzen zu können, ist ja auch ein Arbeitgeberwechsel eine denkbare Lösung (andere aus Ihrem Kreis haben ihn ja auch vollziehen müssen).

 

Zu „Ein schlechtes Angebot“: Ich kann Ihre Bedenken verstehen. Aber denken Sie ans „Löcherstopfen“. Man konstruiert halt keine „Löcher“, nur um vorhandenes „Stopfgarn“ sinnvoll verwenden zu können.

Generell gilt: Wer eine wichtige Zusatzqualifikation erwirbt (hier: Auslandspraxis) darf erwarten, daß diese sich fördernd auf seinen Berufs /Karriereweg auswirkt – aber nicht sofort! Planen Sie einen Zeitraum von drei bis fünf Jahren ein, in dem sich Ihre US-Erfahrungen bezahlt gemacht haben sollten. Schlimmstenfalls übernehmen Sie erst einmal im Konzern einen „stinknormalen Job“ (auf Ihrer Ebene) und planen dann auf dieser Basis ohne Zeit und sonstigen Druck in und/oder extern weiter.

Als Beruhigung: In Konzernen tun sich „ganz von allein“ immer wieder neue Löcher auf. Seien Sie nicht zu ungeduldig. Sagen wir es so: Sie können jetzt mehr als die anderen zu Hause. Aber es dauert eine Weile, bis „taube“ Menschen merken, welche Gaben einer von ihnen hat, der plötzlich „sprechen“ kann (was sicher ein bißchen hart formuliert ist, aber Ihnen bei der Orientierung helfen soll).

 

Zu „Konkrete Fragen“:

Zu 1: Fremde Unternehmen würdigen solche Erfahrungen sofort, „eigene“ oft erst später. Warum? Es ist wie mit dem Propheten, der nichts im eigenen Lande gilt. Außerdem denken die eigenen Chefs oft, sie hätten dem Mitarbeiter die Erfahrungen ja ermöglicht, nun solle der erst einmal dankbar sein(!) und Ruhe geben (siehe auch zu 3).

Zu 2 + 3: Vorgesetzte, die ein Angebot unterbreiten, sind leicht „beleidigt“, wenn man es ablehnt. Hier ist also große Behutsamkeit bei der Formulierung der Absage ratsam (Dank für Vertrauen; äußerst reizvoll, aber …; sehr interessant, jedoch suche ich noch stärker …). Es gibt Konzerne, in denen lehnt man ein Angebot ab – und dann keines mehr (weil keines mehr kommt), und es gibt Häuser, in denen darf man durchaus öfter „nein“ sagen. Vorsicht: Verlangen Sie jetzt nicht zu viel vom „Karriereschritt“ – für Ihre Chefs sind Sie oft noch der, der Sie vor der Entsendung waren (mit ein wenig Erfahrungszuwachs). Da man Sie in den letzten fünf Jahren nicht täglich gesehen hat, ist so etwas „menschlich“. Auch aus diesem Grund kann man fremden Firmen die eigene (neue) Qualifikation oft leichter vermitteln!

Zu 4: Grundsätzlich sieht es sehr gut aus. Aber auch hier zahlt sich der Auslandseinsatz oft erst mittel bis langfristig richtig aus. Schließlich muß erst einmal sicher sein, daß Ihre Reintegration in der Heimat klappt – und es ist unbewiesen, daß Sie die Auslandserfolge auch hier erzielen können.Meine Empfehlung: Nehmen Sie zunächst die Rückkehrgarantie in Anspruch – und planen Sie dann von hier aus. Selbst ein paar Monate auf einem unbedeutenden „Druckposten“ in Deutschland mindern Ihren Wert auf dem Markt nicht. Das ist eben – leider – häufig so, jeder akzeptiert das.

Kurzantwort:

Für ranghohe Entscheidungsträger ist der „Nabel der Welt“ meist dort, wo sie sind. Daher haben es an „entlegene Außenposten“ entsandte Mitarbeiter schwer, selbst Spitzenleistungen aus dieser Phase sofort bei der Rückkehr in adäquate Karriereschritte umzusetzen. Langfristig aber zahlt sich erfolgreiche Auslandspraxis aus.

Frage-Nr.: 1364
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 5
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 1999-02-12

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