Heiko Mell

Konzernfusion- was nun?

In den Jahren meines Studiums und während meiner ersten Berufsjahre konnte ich viel von Ihren Tips in den VDI nachrichten lernen. Danke für Ihre stets offene Art, die Fragen zu beantworten.
Ich wurde vor 2,5 Jahren von dem Konzern, bei dem ich an meiner Diplomarbeit arbeiten durfte, als Trainee übernommen. Diese 1,5 Jahre, zu denen auch ein Auslandseinsatz gehörte, haben mir sehr gut gefallen. Seit einem Jahr bin ich nun dort in meiner Wunschposition erfolgreich tätig.
Als mittelfristiges Ziel war ein mehrjähriger Auslandseinsatz angepeilt worden, als Fernziel wurde die mögliche Übernahme einer Abteilungsleitung von meinem Chef in ca. sechs Jahren genannt. Gefördert wurde diese Perspektive durch die Einstufung als „Führungsnachwuchskraft“.

Diese Hoffnungen haben sich leider zur Zeit getrübt, denn nach der Fusion unserer Konzernmutter mit der Konkurrenz wird „meine“ Konzerntochter an den Standort der (ehemaligen) Konkurrenz verlegt und dabei kräftig bluten müssen.
Leider gehört es zur kurzsichtigen (oder beabsichtigten?) Taktik der Unternehmensführung, die Mitarbeiter über konkrete Maßnahmepläne völlig im Unklaren zu lassen. Bei strengen Sozialplanmaßstäben sind meine Karten als kinderloser Doppelverdiener schlecht. Ich möchte daher ungern untätig abwarten.

Meine Zielrichtung war und ist die Projektleitung bei internationalen Projekten. Ich erwarte bei meinen Gegebenheiten prinzipiell keine großen Probleme bei der Suche nach einer neuen Stelle.

1. Wenn ich mich jetzt bewerbe, wird mir die Traineezeit von 1,5 Jahren, in der ich ununterbrochen im selben Einsatzgebiet gearbeitet habe wie heute, mitangerechnet oder sieht man sie separat und betrachtet das eine Jahr Festanstellung danach als „gescheitert“ (weil zu kurz)?

2. Inwieweit soll ich in Bewerbungen auf die Situation bei meinem Arbeitgeber eingehen oder dies einem Vorstellungsgespräch überlassen?

3. Zu welchem Zeitpunkt raten Sie mir zu einem klärenden Gespräch mit meiner Bereichsleitung? Sollte ich bei Vorliegen eines unterschriftsreifen Vertrags mit einer anderen Firma meinem Arbeitgeber noch eine Chance für ein letztes Angebot geben?

4. Mir liegt ein von einem Headhunter vermitteltes Angebot eines „passenden“ Unternehmens vor, bei dessen Annahme ich für vier Jahre an den Hauptsitz in einem industriell weniger starken europäischen Land gehen müßte. Wäre meine spätere Rückorientierung nach Deutschland in meinem Falle schwierig?

5. Was würden Sie tun?

Antwort:

Eine der Ursachen Ihres Problems ist die relativ geringe Bedeutung, die Konzernstrategen den eigenen Mitarbeitern bei solchen Fusionen o. ä. beimessen. „Was sagen die Aktionäre, was sagt die Börse, was schreibt die Wirtschaftspresse?“ – das wiegt mit Faktoren von 10 bis 100 sehr viel stärker als „Was sagen/denken/tun nun unsere Mitarbeiter?“ Unternehmen werden geschaffen, um Aktionäre zu erheitern – nicht vorrangig, um Leute zu beschäftigen. Deshalb werden auch eigene Mitarbeiter immer sehr spät informiert oder auch gar nicht. Oft reicht es ja, wenn sie es aus der Zeitung erfahren, denkt man.

Zu 1: Wenn Sie das entsprechend im Lebenslauf als eine „Beschäftigungseinheit“ deutlich machen und nicht unnötig zwischen Traineezeit und fester Beschäftigung trennen, wird beides weitgehend zusammengerechnet. Beispiel: „von … bis … internationaler Projektingenieur im Bereich … (die ersten 1,5 Jahre war ich offiziell Trainee, aber bereits voll und ausschließlich in diesem Aufgabengebiet tätig).“ Dennoch ist die Zeit insgesamt noch sehr kurz, eine gute Erklärung (siehe 2) ist angebracht.

 

Zu 2: Erklären Sie die Situation unbedingt im Anschreiben. Beispiel: „Nach Fusion unserer Konzernmutter mit der … und der Standortverlagerung meines Arbeitgebers an den Sitz des früheren Wettbewerbers herrscht große Unsicherheit über das weitere Schicksal des Unternehmens und die Entwicklung in der Zukunft. Daher …“ Das akzeptiert man! Damit ist der Tatbestand „üble Nachrede“ keinesfalls erfüllt!

 

Zu 3: Vergessen Sie das alles. Erstens sagt Ihren armen Chefs auch niemand etwas, zweitens sind die älter und machen sich viel mehr Sorgen als Sie. Drittens: Ihr Plan mit der „letzten Chance“ gilt als „Erpressung“!

 

Zu 4: „Die ersten Pflaumen sind madig“, heißt es. Wie sollte ein zufällig hereingeschneites Angebot schon Ihr Problem lösen? Gehen Sie erst einmal an den Markt und wählen Sie das beste Angebot aus. Konkret: Nach den dann dominierenden vier Berufsjahren in Finnland (als Beispiel) im Management eines rein finnischen Konzerns ohne große Tochter in Deutschland müßten Sie mit Reintegrationsproblemen rechnen.

 

Zu 5: Nur keine Panik. Betreiben Sie eine Doppelstrategie: A) Sie machen intern gute Miene zum bösen Spiel und stehen treu zur Fahne. B) Gleichzeitig bewerben Sie sich immer wieder, so daß Sie nicht eines Tages von einer Entwicklung überrascht werden. Für Sie findet sich schon eine Lösung. Freuen Sie sich, daß Sie jetzt nicht Bereichsleiter sind und 52.

Kurzantwort:

Bei strategischen Veränderungsprozessen in Unternehmen stehen die Interessen der Mitarbeiter grundsätzlich nicht im Vordergrund (nicht wegen Bosheit der Entscheidungsträger, sondern wegen der Strukturen unseres Systems).

Frage-Nr.: 1363
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 5
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 1999-02-05

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