Einstiegsjob „zu groß“?

Ich bin 23, FH-Absolvent im Studiengang Wirtschaftsingenieurwesen (Note 2,0). Ich erhielt nun ein konkretes Jobangebot als Geschäftsstellenleiter eines gerade neu gegründeten Verbandes. Es ist ein sehr kleiner Verband aus der XY-Technik und meine Position würde z. Z. noch keine Personalverantwortung umfassen.

Meine Aufgaben sollen den Aufbau des Verbandes, Erstellung von Richtlinien und Normen, Mitgliederbetreuung/ werbung sowie die Kontaktaufnahme zu anderen nationalen Verbänden aus der Branche umfassen. Ich fühle mich der Aufgabe gewachsen, zumal sie in meinen Augen außerordentlich anspruchsvoll ist (eine hübsche, logische Begründung ist das, d. Autor).
Ich habe allerdings zwei grundlegende Bedenken:

1. Ist ein Einstiegsjob in einen Verband nachteilig bei einem späteren Arbeitgeberwechsel in die Industrie? Ist letzterer dann überhaupt noch möglich? Wie wirkt sich eine hauptberufliche Verbandstätigkeit auf meine zukünftige Karriere aus?

2. Ist ein solcher Einstiegsjob nicht „eine Nummer zu groß“ für einen Absolventen? Ich meine dies hinsichtlich eines möglicherweise späteren Arbeitgeberwechsels. Man möchte ja dabei schließlich auch etwas Gleichwertiges finden, was allerdings bei einem solchen Einstieg schwer werden dürfte.

Antwort:

Die Versuchung ist an Sie herangetreten – und Sie haben sie als solche erkannt. Und Sie haben Fragen gestellt, bevor Sie die Entscheidung treffen. Ob Sie diese Fragen sich, mir oder einer dritten Person stellen, ist dabei gar nicht so wichtig. Aber sollte ich mit dieser Serie dazu beigetragen haben, daß mehr Menschen fragen, bevor sie handeln, dann hätte ich eines meiner Ziele erreicht.

Zur Sache: Die Antwort auf Frage 1 liegt im Standardverhalten der – eher konservativ denkenden – potentiellen Arbeitgeber gegenüber externen Bewerbern. Letztere haben stets ein Problem, das sie mit sich herumtragen: Sie sind „als Mensch“ eine unbekannte Größe, ein Unsicherheitsfaktor. Das ist unabänderlich und durch noch so ausgefeilte Test oder Beurteilungssysteme allenfalls abzumildern, aber niemals auszuschließen.

Wenn das so ist, dann soll wenigstens nicht noch ein zweites – etwa fachliches – zu diesem unvermeidbaren (persönlichen) Risiko hinzukommen. Eines dieser Risiken wird pro Bewerber akzeptiert, zwei nicht. Am Rande: Deshalb läßt man in größeren Firmen interne Bewerber oft so extreme fachliche Sprünge machen – die Person ist im Hause bekannt und gilt als „planbare Größe“, dieses Risiko entfällt.

Halten wir fest: Der externe Bewerber ist als Person eine unbekannte Größe – und schöpft allein damit das erlaubte „Risikopotential“ völlig aus. Seine fachliche Seite darf dann nicht auch noch „Neuland“ sein, auf dem sich der Bewerber bisher noch nicht bewährt hat.

Das betrachten wir nun einmal unter dem Aspekt eines späteren Wechsels vom Verband in die Industrie: Sie könnten zwar eventuell zu einem Mitgliedsunternehmen des Verbandes wechseln – blieben aber für Ihren künftigen Vorgesetzten doch eine eher unbekannte Größe, was Ihre Persönlichkeit beim Arbeiten im Tagesgeschäft angeht.

Fachlich verstünden Sie als Verbandsmanager zwar etwas vom Metier – jedoch nach allgemeiner Auffassung nichts, aber auch gar nichts von dem, was das operative Geschäft eines Industrieunternehmens ausmacht. Sie hätten dann in diesem Metier nichts entwickelt, nichts produziert, nichts verkauft (dort liegen die originären Interessen eines Unternehmens). Sie hätten hingegen auf politischer Ebene Lobbyist gespielt, Gesetze interpretiert, in der Öffentlichkeit für den Gedanken dieses Metiers geworben, Mitgliedsfirmen bei Laune gehalten etc.

Sie könnten also nach etwa fünf Verbandsjahren als Bewerber bei Industrieunternehmen weder im Persönlichkeitsbereich noch auf fachlicher Ebene die Einstufung „kein Risiko“ für sich reklamieren. Außerdem hat, auch das muß man sehen, Verbandsarbeit bei vielen industriellen Entscheidungsträgern generell kein besonders gutes Image, diese bevorzugen Bewerber aus anderen Industriebetrieben.

Zu Frage 2: Ja, das sehe ich auch so – aber aus völlig anderem Blickwinkel: Grundsätzlich ist ein frischgebackener Studienabsolvent nicht qualifiziert, eine selbständige, eine für seinen Arbeitgeber erfolgsentscheidende oder gar eine leitende Aufgabe zu übernehmen! Nicht ohne Grund sehen nahezu alle größeren Unternehmen für diesen Personenkreis komplexe, längere Einführungs , Trainings oder Einarbeitungsprozesse vor. Und ebenfalls nicht ohne Grund suchen praktisch alle Arbeitgeber so verzweifelt junge Akademiker mit zweijähriger Berufspraxis: Die kann man schon weitgehend selbständig arbeiten lassen. Aber unter Fachaufsicht und noch immer nicht leitend!

Insofern ist die Geschäftsstellenleitung eines noch zu etablierenden Verbandes für einen Berufsanfänger extrem gewagt – vorsichtig gesagt. Ich meine, Sie sollten dabei weniger die spätere Suche nach adäquaten Positionen im Auge haben, sondern ein viel größeres Risiko: Sie könnten von der Aufgabe überfordert sein und darin scheitern. Und dann addieren sich die beiden Problemfelder „Verband“ und „gescheitert“ in Ihrem Lebenslauf – und Sie sehen gar nicht mehr „gut aus“.

Abschließend kann ich aber auch etwas Positives über das Ihnen vorliegende Angebot sagen: Sie steigen damit in die Laufbahn „Verband“ ein und zwar sofort recht weit oben. Wenn Sie das erfolgreich durchstehen, könnte Ihnen dann eine interessante weitere Laufbahn offenstehen – im Verbandswesen, im Lobby-Bereich. Das ist ein weites Feld, dessen Bedeutung zunehmen wird (Lobbyist in Brüssel hat beispielsweise Zukunft). Aber man muß das wollen – und man muß sich dafür eignen.

Und nun werden sich viele Praktiker unter den Lesern wünschen, ich hätte das alles kürzer gesagt. Also tue ich es: Ein Verband, der einem 23jährigen Anfänger in der Aufbauphase eine zentrale Leitungsposition gibt, muß sehr verzweifelt sein. Angebracht wäre also weniger Angst vor der „Größe“ der Position als vor der Frage, warum die sich nicht einen erfahrenen „Verbandshasen“ suchen.

Kurzantwort:

Ein Bewerber darf entweder als Person den Entscheidungsträgern unbekannt sein oder fachlich von einer völlig anderen „Schiene“ kommen – aber nicht beide Risiken zusammen verkörpern. Damit wird klar, warum man bei externen Bewerbern so sehr den fachlichen „roten Faden“ im Lebenslauf sucht.

Frage-Nr.: 1359
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 3
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 1999-01-28

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