Heiko Mell

Ein Dr.-Titel ist nicht ausschlaggebend für Ingenieure

Ihrer Antwort auf die Frage 1.342 schicken Sie voraus, Sie seien parteiisch, da Sie den Dr.-Titel nicht haben. Ich bin sozusagen die Gegenpartei, wie Sie meinem Briefkopf (Prof. Dr.-Ing., d. Autor) entnehmen können. Dennoch stimme ich Ihnen in allen Punkten Ihrer Antwort zu, möchte jedoch einen Aspekt ergänzen, den ich nach mehreren Jahren Berufserfahrung in einem Großkonzern für wesentlich halte und heute als Universitätsprofessor potentiellen Doktoranden zu vermitteln versuche.

Der Titel selbst ist für eine Karriere nicht ausschlaggebend, sondern die Person. Von Führungspersönlichkeiten erwartet man zu Recht u. a. besondere Fähigkeiten bezüglich ihres analytischen Denkvermögens, schnelles Durchdringen komplexer Sachverhalte sowie deren überzeugende und komprimierte schriftliche und mündliche Darstellung. Diese Fähigkeiten setzen Talent voraus, man muß sie jedoch auch erlernen und trainieren.

Im Rahmen einer Dissertation (= komplexes, eigenständig bearbeitetes Forschungsprojekt) werden diese Fähigkeiten ganz besonders geschult, in jedem Fall, wie kaum zu einer anderen Zeit während der Ausbildung. Natürlich muß der Doktorvater sie beim Doktoranden durch Diskussionen, Vorträge, Veröffentlichungen etc. fördern und fordern. Als junger Diplomingenieur in der Industrie bekommt man zum Erlernen dieser Fähigkeit meist kaum Gelegenheit. Das Tagesgeschäft drängt und man muß schwimmen lernen. Es ist außerordentlich gut, wenn man die Fähigkeiten dann schon besitzt.

Dieser Vorteil, den die (meisten) promovierten Ingenieure aufweisen, ist von erheblicher Bedeutung für die Karriere und sicher neben dem Punkt 3 Ihrer Antwort auf Frage 1.342 ein weiterer Grund, warum in oberen Etagen überdurchschnittlich viele Doktoren zu finden sind.

Leser B: Wie Sie meinem Briefbogen entnehmen können, bin ich Professor im Fachbereich Maschinenbau der TU … Schon längere Zeit habe ich vor, Ihnen zu schreiben und Sie zu Ihrer wöchentlichen „Karriereberatung“ in den VDI nachrichten zu beglückwünschen. Nach 38 Jahren Berufstätigkeit kann ich das Urteil vieler Leser bestätigen, daß Sie die Verhältnisse einprägsam und realistisch schildern. Durch die klare Analyse der von Ihren Lesern an Sie herangetragenen Probleme schärfen Sie das Bewußtsein vieler junger Menschen.

Mit Überzeugung empfehle ich meinen Doktoranden und Studierenden, sich an Ihren Beiträgen zu orientieren.

Sinngemäß sage ich meinen Studenten auf die Frage „Soll ich promovieren?“, daß es nicht erforderlich ist zu promovieren, wenn eine reine Management-Karriere angestrebt wird. Für jemand, der in den Bereichen „Forschung und Entwicklung“ arbeiten will, ist dagegen die Promotion sehr zu empfehlen. Jungen Menschen, die wissenschaftlich interessiert sind, sage ich auch, daß sie mit einer Promotion die Option offenhalten, sich mit Anfang vierzig um eine Professur an einer Universität oder Fachhochschule zu bewerben. Ob diese Option ausgeübt werden soll, kann ein Student bei Abschluß seines Studiums noch nicht beurteilen.

Für „kurzfristig“ betrachtet und vom eigenen Interesse (derzeitiger Mangel an Ingenieuren) diktiert halte ich die Aussage mancher Personalleute, daß eine Promotion für eine industrielle Karriere eher hinderlich sei. Wirklich gute Leute (und nur solche sollten promovieren) finden auch bei einem engen Arbeitsmarkt eine passende Stellung. Selbst in der schlechtesten Zeit (1992 – 1996) haben alle meine Doktoranden sehr gute Positionen mit Anfangsgehältern in der Größenordnung von 90.000 bis 100.000 DM p. a. gefunden.

Zur Dauer der Promotion: Ich bin sehr für kurze Promotionen bei entsprechender Leistung des Doktoranden. Ich weiß aus eigener Erfahrung den Wert eines frühen Eintritts in das Berufsleben zu schätzen (TH-Diplom mit 22, Promotion mit 26). Auch unter heutigen Bedingungen muß eine Promotion nicht „fast so lange dauern wie der 2. Weltkrieg“.

Bei guter Planung durch den betreuenden Professor und entsprechendem Einsatz des Mitarbeiters ist es durchaus möglich, innerhalb von vier Jahren zu promovieren. Mehrere meiner eigenen Doktoranden haben das geschafft (teilweise mit dem Prädikat „Mit Auszeichnung“). Dies gilt für voll bezahlte wissenschaftliche Mitarbeiter, die im Schnitt 50 % der regulären Arbeitszeit in der Lehre erbringen müssen.

Vor allem gibt es die Möglichkeit, mit einem Promotionsstipendium, das natürlich deutlich niedriger ist als die Vergütung eines wissenschaftlichen Mitarbeiters, innerhalb von drei Jahren zu promovieren. Dies geht z. B. als Doktorand in einem der zahlreichen, von der Deutschen Forschungsgemeinschaft an den Universitäten eingerichteten Graduiertenkollegs. Die Dauer des Stipendiums ist auf drei Jahre beschränkt, das Stipendium beträgt 1.660,00 DM netto.

Das wesentliche Ziel der Graduiertenkollegs ist die durch eine erfolgreich abgeschlossene Promotion dokumentierte Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses. Drei Jahre für eine ingenieurwissenschaftliche Promotion sind im internationalen Vergleich voll akzeptabel. In meinen Gesprächen mit Studenten stelle ich allerdings immer wieder fest, daß über Alternativen zur fünf Jahre dauernden Promotion große Unkenntnis herrscht.

Abschließend wünsche ich Ihnen weiterhin viel Freude und innere Befriedigung mit Ihrer Kolumne (Anmerkung d. Autors: Dieser Brief mußte etwas gekürzt werden).

Antwort:

Es ist – sehr oft – eine Freude, junge Doktoranden oder Dr.-Ingenieure im Gespräch zu haben. Sie sind in der Mehrzahl intelligent, locker, können sich sprachlich gut ausdrücken, verstehen schnell Zusammenhänge, erkennen auch einmal eine selbst gestellte „Falle“ – und zeigen in ihrer Persönlichkeit zumeist deutliches Potential für spätere Führungsaufgaben. Auch aufgefallen ist mir: Ihr gesundes Selbstbewußtsein verhilft ihnen oft zu einer gewissen gelassen-souveränen Grundhaltung; sie wissen, daß sie etwas können. Das schlägt aber erfreulicherweise nie in Arroganz um (äußerst wichtig!).

Jetzt, geehrter Einsender, müssen wir uns nur noch darüber abstimmen, wo die jungen Leute das alles herhaben. Sie sagen „Talent + Training“. Ich gehe noch einen Schritt weiter und meine „Talent, Talent, Talent + Training“.

Einig sind wir uns in der Basis: Talent ist unverzichtbar. Training (oder Schulung) ohne Talent ist wie Wasser in den heißen Wüstensand gegossen. Talent ohne Training ist hingegen wie ein ungeschliffener Diamant: noch nicht fertig, aber voller Substanz und jederzeit zu „erwecken“.

Nehmen wir einmal an, es ginge um eine Art Elite – ein Wort, das bei mir keineswegs einen schlechten Klang hat. Dann meine ich: Eine Elite ist, sie wird weniger gemacht.Im Extremfall gehe ich soweit zu sagen: Eine Eliteausbildung muß gar nicht wirklich gut sein. Es reicht, wenn sie dauerhaft(!) das Image wahren kann, eine Eliteausbildung zu sein (was ohne gut zu sein nicht einfach, aber denkbar ist). Dann zieht sie Elitepotential an und entläßt Elite – automatisch. Aber ich gebe jederzeit zu: Erst das Schleifen verleiht dem Diamant-Rohling sein Feuer – das dann auch Laien erkennen. Und bei meinem Beispiel muß ich eingestehen, daß ein schlechter Schleifer einen Diamanten auch verderben kann.

Ich will damit überhaupt nicht den Wert der professoralen Doktorandenausbildung in Frage stellen. Aber ich meine, daß ein sehr großer Teil des Effektes dieser Ausbildung schon darin liegt, daß sie ihre „Auszubildenden“ aus der Gruppe der besten Diplomanden rekrutiert (aus denen vermutlich auch ohne Dr.-Titel „etwas geworden“ wäre).

Wobei alle meine Aussagen nur den persönlichkeitsbildenden Teil umfassen – das wissenschaftlich vertiefte Fachwissen und können sowie die Fähigkeit, entsprechend zu arbeiten, die als Doktorand erworben werden, sind nicht anzuzweifeln. Obwohl es eben auch frischgebackene Doktoren gibt, die nach erfolgter Promotion z. B. als Vorstandsassistent anfangen, weiter aufsteigen und nie wieder auch nur in die Nähe ihres Dissertationsthemas kommen.

Zu Ihrem Hinweis, daß der nichtpromovierte junge Diplomingenieur in der Industrie wegen des drängenden Tagesgeschäftes kaum dazu kommt, sich so schulen zu lassen wie der Doktorand: Das ist richtig, beleuchtet aber auch das Dilemma einer Promotion. Der Promovierte hat sicher manchen Trainingsvorsprung – ist aber fünf Jahre älter. Das ist ein hoher Preis, der noch dazu in „schlechten“ Zeiten den Verzicht auf manchen Standardjob mit sich bringt, den der Nichtpromovierte noch bekommt, für den der Promovierte aber als „überqualifiziert“ abgelehnt wird.

Ich bleibe dabei: Die Promotion „rechnet“ sich nicht. Andererseits: Zu promovieren, weil es „mehr Geld bringt“, wäre ohnehin der falsche Denkansatz. Es wird – hoffentlich – auch niemand Bundeskanzler, nur weil der Job besser bezahlt wird als der eines Landes-Ministerpräsidenten.

Zu Leser B: Zunächst bedanke ich mich für das Lob.Wichtig ist Ihr Hinweis, daß so mancher Rat eines Personalfachmannes von Eigeninteressen diktiert sein kann. Wenn ein Unternehmen gerade jetzt dringend Absolventen einer bestimmten Fachrichtung braucht, dann kommt es schon in Versuchung, Fragestellern zum „Industrieeintritt jetzt“ und „Verzicht auf die Promotion“ zu raten. Die Empfehlung muß noch nicht einmal falsch sein. Mit etwas Pech promoviert einer der Kandidaten dennoch – und steht fünf Jahre später als verzweifelter Berufsanfänger (so sieht ihn die Praxis) in der größten Wirtschaftskrise seit 1945 vor der Arbeitslosigkeit. Ebenso aber mögen in der 93er Krise viele Diplomingenieure vor allem promoviert haben, um der damaligen Arbeitslosigkeit auch für Einser-Absolventen zu entgehen. Sie wurden 1998 vom Markt mit offenen Armen aufgenommen.

Gern unterstreiche ich Ihren Hinweis auf die Möglichkeiten, in deutlich weniger als den üblichen fünf Jahren zu promovieren. Das geht tatsächlich, ich habe kürzlich an der Feier nach erfolgreicher Prüfung in einem solchen Fall teilgenommen.

Ich stimme Ihnen zu: Drei Jahre wären ein insgesamt abzeptabler Aufwand. Dieser Rahmen würde es den jungen Menschen auch erlauben, eine wichtige Regel zu befolgen: Berufseintritt in die Praxis möglichst weit unter und keinesfalls über 30.

So, und wenn ich dieses Thema damit einmal für eine Weile abhaken darf, dann unter abschließendem Verweis auf die Erkenntnis: Unabhängig von Zweckmäßigkeitsüberlegungen ist man entweder der Typ für eine Promotion oder nicht. Und genau das gilt es rechtzeitig vorher herauszufinden.

Frage-Nr.: 1357
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 2
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 1999-01-14

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